Einleitung
Die energetische Sanierung von Gebäudehüllen ist ein zentraler Baustein zur Erreichung der Klimaziele und zur Reduzierung von Heizkosten. Eine der effektivsten Methoden zur Verbesserung der thermischen Leistungsfassaden ist die Anwendung von Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS). Insbesondere im Bestandsbau, bei Sanierungen von Altbauten oder der Beseitigung von Mängeln an älteren Dämmsystemen aus den 70er und 80er Jahren gewinnt die Planung und Ausschreibung von Sanierungsleistungen an Bedeutung. Für Bauherren, Sanierungswillige und Handwerksbetriebe ist ein strukturiertes Leistungsverzeichnis (LV) unerlässlich, um Kosten zu kalkulieren, Leistungen exakt zu definieren und die Qualität der Ausführung sicherzustellen.
Dieser Artikel beleuchtet die technischen Aspekte, die bei der Sanierung und dem Neuaufbau von Wärmedämm-Verbundsystemen gemäß den anerkannten Regeln der Technik, wie DIN 18345 (ATV WDVS) und DIN 18350 (Putz- und Stuckarbeiten), zu beachten sind. Basierend auf den vorliegenden Informationen zu Leistungsverzeichnissen und Sanierungsverfahren wird ein detaillierter Überblick über notwendige Leistungspositionen, von der Vorbereitung des Untergrunds bis hin zu brandschutztechnischen Auflagen, gegeben.
Grundlagen der WDVS-Sanierung und Ausschreibung
Die Planung von Sanierungsmaßnahmen an Fassaden erfordert eine präzise Definition der Leistungen. In der Bauausführung richten sich Putzarbeiten nach DIN 18350, während Wärmedämm-Verbundsysteme spezifisch durch DIN 18345 geregelt werden. Ein Leistungsverzeichnis für WDVS-Sanierungen muss diese Normen berücksichtigen und die Besonderheiten des Bestandsgebäudes integrieren.
Unterschiede zwischen Neubau und Sanierung
Während im Neubau oft von glatten, tragfähigen Untergründen ausgegangen werden kann, stellen Bestandsfassaden besondere Anforderungen. Hierzu zählen unebene Wände, unterschiedliche Untergründe (z. B. Mischmauerwerk) und die Notwendigkeit, alte Baustoffe zu entfernen oder zu saniert. Ein Leistungsverzeichnis für die Sanierung muss daher Positionen für Vorarbeiten enthalten, die im Neubau entfallen.
DIN-Normen und VOB/C
Die Ausführung erfolgt herstellerneutral und gemäß VOB/C. Dies gewährleistet eine vergleichbare Bewertung von Angeboten und stellt sicher, dass die Leistung den anerkannten Regeln der Technik entspricht. Die Dämmstoffe selbst müssen Anforderungen nach DIN 4108-10 erfüllen.
Detaillierte Leistungspositionen für die WDVS-Sanierung
Ein umfassendes Leistungsverzeichnis unterteilt sich in verschiedene Gewerke. Im Folgenden werden die wesentlichen Positionen für eine WDVS-Sanierung dargestellt.
1. Vorbereitende Leistungen und Untergrundvorbereitung
Die Qualität einer Dämmfassade hängt entscheidend vom Untergrund ab. Vor dem Aufbringen des WDVS muss dieser fachgerecht vorbereitet werden.
Altputz entfernen und entsorgen (Position 6.1.1)
Bestehende, nicht tragende oder schadhaft Putzschichten müssen vollständig entfernt werden. Dies geschieht mechanisch durch Abschlagen oder Abfräsen bis zum tragfähigen Untergrund. Die Entfernung alter Putzschichten ist zwingend erforderlich, um Haftungsprobleme des neuen Systems zu vermeiden. Die Entsorgung des Materials ist in dieser Position ebenfalls enthalten.
Ausgleichsputz im Bestand
Bei Sanierungen im Bestand ist der Untergrund oft nicht eben. Unebenheiten müssen durch einen Ausgleichsputz vor dem Aufbringen des WDVS nivelliert werden. Diese Leistung wird oft als Bedarfsposition (BP) oder Zulageposition im LV geführt, da der Umfang erst nach Sichtung der Fassade feststeht.
Verwendung von Spezialdübeln
Alte Gebäude verfügen häufig über Hohlmauerwerk oder unterschiedliche Mauerwerksarten. Für eine sichere Befestigung des WDVS sind hier Spezialdübel erforderlich, die im Leistungsverzeichnis explizit ausgeschrieben werden müssen.
2. Aufbau des Wärmedämm-Verbundsystems
Der Kern der Sanierung ist das System selbst. Dieses besteht aus Kleber, Dämmplatten, Armierung und Oberputz.
Dämmplatten und Klebung
Die Dämmplatten (z. B. EPS oder PUR) werden auf den vorbereiteten Untergrund geklebt und/oder gedübelt. Die DIN 18345 regelt die Mindestanforderungen an die Verarbeitung. In einem Leistungsverzeichnis ist die Einheit m² üblich.
Armierungsgewebe einbetten (Position 1.1.1 oder ähnlich)
Um Spannungsrisse im Putz zu vermeiden, wird ein Armierungsgewebe in den Grundputz eingebettet. Dies ist besonders wichtig bei Sanierungen oder im Mischmauerwerk. Das Gewebe muss eine Überlappung von mindestens 10 cm aufweisen. Es wird im Grundputz verlegt, bevor der Oberputz aufgetragen wird.
Oberputz
Der abschließende Oberputz (Feinputz) verleiht der Fassade nicht nur das optische Erscheinungsbild, sondern schützt auch das System vor Witterung. Je nach Anforderung kann dies ein feinkörniger Putz sein (ca. 5 mm Stärke nach einem Grundputz von ca. 15 mm).
3. Brandschutzmaßnahmen im WDVS
Bei mehrgeschossigen Gebäuden ist der Brandschutz von höchster Priorität. WDVS mit Dämmstoffen der Brennbarkeitsklasse E (z. B. EPS, PUR) erfordern brandschutztechnische Maßnahmen.
Brandriegel aus Mineralwolle (Zulageposition 3.1.5)
Ein Brandriegel verhindert den vertikalen Brandüberschlag an der Fassade. Gemäß Brandschutzvorschrift wird ein horizontaler Streifen aus nichtbrennbarer Mineralwolle (Baustoffklasse A) umlaufend über den definierten Geschossebenen angebracht. * Höhe: mind. 20 cm * Dicke: entsprechend der übrigen Dämmung * Ausführung: Lückenlos, integriert in das WDVS, Abschluss mit Armierungsgewebe. Die Anordnung erfolgt typisch über jedem zweiten Geschoss oder gemäß den Vorgaben der jeweiligen Bauordnung.
4. Sanierung alter WDVS-Systeme (Bestandssanierung)
Besonders relevant ist die Sanierung von Fassaden aus den 1970er- und 80er-Jahren. Diese Systeme leiden oft unter Rissbildung, Algenbewuchs und Dauerfeuchte, was die Dämmleistung massiv einschränkt und zu Mauerwerksschäden führen kann.
Das Retec-Verfahren
Eine Alternative zum kompletten Rückbau ist das patentierte "weber.therm retec"-Verfahren (Sanierungsverfahren). Dieses Verfahren zielt darauf ab, die Leistungsfähigkeit alter Kunstharzputzsysteme wiederherzustellen. Der Ablauf umfasst: 1. Untersuchung und Reinigung: Die alte Fassade wird mit einem Dampfstrahlgerät gereinigt. 2. Schlitzen der Dämmschicht: Die Dämmschicht wird rasterförmig geschlitzt, um Feuchtigkeit schneller abzuführen und das Austrocknen zu ermöglichen. 3. Auftrag eines mineralischen Klebe- und Armierungsmörtels: Dieser Mörtel muss speziell für das Verfahren geeignet sein (gutes Fließverhalten, hohe Haftung auf Kunstharzputzen). 4. Diffusionsoffene Armierung: Entscheidend ist, dass der Armierungsmörtel hoch diffusionsoffen ist, um das dauerhafte Austrocknen des Systems zu gewährleisten. 5. Verdübelung und Edelputz: Nach der Armierungsschicht wird ein Gewebe verdübelt und mit einem Edelputz beschichtet.
Aufdoppelung der Dämmung
Oft sind die alten Dämmstärken (z. B. 2-4 cm) heute nicht mehr ausreichend. Nach der Sanierung via Retec-Verfahren kann eine zusätzliche Dämmschicht aufgebracht werden, um heutige Anforderungen an den Wärmeschutz (z. B. GEG) zu erfüllen.
5. Anschluss- und Ergänzungsleistungen
Eine Fassade besteht nicht nur aus großen Flächen, sondern auch aus Anschlüssen und Durchdringungen, die dauerhaft dicht sein müssen.
Elastische Anschlussfugen (Position 5.1.5)
Anschlussfugen zwischen dem WDVS und Fenstern, Türen oder anderen Bauteilen müssen dauerelastisch ausgeführt werden. * Vorbereitung: Reinigung des Fugenraums, Hinterfüllung mit Rundschnur. * Ausführung: Ausspritzen mit elastischem Dichtstoff (Acryl für innen, Silikon/Fassadendichtmasse für außen). Der Dichtstoff muss UV- und witterungsbeständig sein. * Ziel: Verhindern von Feuchtigkeitseindring und Gewährleistung der Bewegungsaufnahme.
Zusatzmaßnahmen im Bestand (Zulageposition 3.1.6)
Sanierungen erfordern oft unvorhergesehene Leistungen. Dazu gehören: * Entfernen und Wiederanbringen von Attikaabdeckungen. * Demontage und Montage von Fallrohren. * Auswechseln oder Anpassen von Fensterbänken. Diese Leistungen sind oft als Bedarfspositionen (BP) oder Zulagen (Z) auszuweisen, da der genaue Umfang erst während der Bauausführung feststeht.
Spezifische Anforderungen und Besonderheiten
Denkmalschutz
In Leistungsverzeichnissen für Gebäude unter Denkmalschutz sind besondere Anforderungen zu berücksichtigen. Hier müssen die historische Bausubstanz und das Erscheinungsbild geschützt werden. Oft sind spezielle Putzsysteme oder eine sorgfältige Planung der Anschlüsse erforderlich.
Oberflächenqualität
Die Qualität der Oberfläche wird durch den Oberputz definiert. In der Ausschreibung muss klar spezifiziert werden, ob eine Standardqualität oder eine hohe Oberflächenqualität (z. B. Sichtputz) gefordert wird.
Dämmstoffe
Gemäß DIN 4108-10 müssen Dämmstoffe anwendungsbezogene Anforderungen erfüllen. Im Leistungsverzeichnis wird oft herstellerneutral auf die Anforderungen an den Dämmstoff verwiesen, sodass der Bieter geeignete Materialien (z. B. EPS, Mineralwolle) anbieten kann, sofern sie die erforderlichen technischen Daten erfüllen.
Fazit
Die Sanierung von Fassaden mittels Wärmedämm-Verbundsystemen ist eine komplexe Aufgabe, die weit über das bloße Aufkleben von Dämmplatten hinausgeht. Ein detailliertes und normgerechtes Leistungsverzeichnis bildet die Grundlage für eine erfolgreiche Sanierung. Es definiert nicht nur die sichtbaren Arbeiten, sondern adressiert auch kritische Punkte wie die Vorbereitung des oft unebenen Untergrunds im Bestandsbau, den Einbau von Brandriegeln zur Erfüllung der Brandschutzanforderungen und die dauerhafte Abdichtung von Anschlussfugen.
Besonders hervorzuheben sind moderne Sanierungsverfahren, wie das Retec-Verfahren, die eine kostengünstige und umweltfreundliche Alternative zum kompletten Rückbau alter Fassaden darstellen. Diese ermöglichen es, die Feuchtigkeit aus alten Systemen zu entfernen und die Dämmleistung wiederherzustellen, bevor eine Aufdoppelung der Dämmung die energetischen Anforderungen der Gegenwart erfüllt. Für Bauherren und Planer bedeutet dies: Eine exakte Ausschreibung nach DIN VOB ist der Schlüssel zu einer langlebigen, energetisch effizienten und sicheren Fassade.