Die Sanierung und der Ausbau von Schulgebäuden stellen komplexe Herausforderungen für Architekten, Bauingenieure und die Bauausführung dar. Besonders wenn die Maßnahmen bei laufendem Schulbetrieb durchgeführt werden müssen, ergeben sich spezifische Anforderungen an die Organisation, Logistik und die Wahl der Bautechniken. Am Lessing-Gymnasium in Braunschweig wird aktuell ein solches Großprojekt realisiert, das nicht nur die Modernisierung des Bestandsgebäudes, sondern auch den Ausbau zur Ganztagsschule und die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten umfasst. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses Vorhabens, basierend auf den verfügbaren Informationen, und analysiert die angewandten Methoden im Kontext moderner Baupraxis.
Analyse der Ausgangssituation und Gesamtkonzept
Das Lessing-Gymnasium im Norden von Braunschweig ist ein typischer Vertreter einer Schule aus den 1970er Jahren. Gebäude dieser Ära weisen oft spezifische bauliche Mängel auf, die sich aus den damals vorherrschenden Baustilen, Materialien und Normen ergeben. Quelle [1] beschreibt das Gebäude als Schulgebäude mit "allen Problemen der Gebäude dieser Zeit und 40 Jahren Abnutzung". Eine Sanierung war daher überfällig, um die Bausubstanz zu sichern und die Nutzungsqualität zu verbessern.
Ein zentrales Ziel des Projekts war der Ausbau der Schule zu einer Ganztagsschule. Dies erfordert nicht nur die Erneuerung der technischen Infrastruktur, sondern auch die Schaffung von Aufenthaltsbereichen und unterschiedlichen Lernlandschaften, die über den klassischen Unterricht hinausgehen. Die Herausforderung bestand darin, diese umfangreichen Modernisierungs- und Erweiterungsarbeiten in mehreren Bauabschnitten durchzuführen, während der Schulbetrieb aufrechterhalten werden musste. Zudem waren die finanziellen Mittel, wie in Quelle [1] erwähnt, "äußerst knapp bemessen", was eine besonders effiziente Planung und Ausführung notwendig machte.
Das Gesamtkonzept umfasste sowohl die Sanierung des bestehenden Gebäudes als auch den Neubau von Erweiterungsbauten. Die Koordination dieser Arbeiten stellt eine erhebliche logistische Leistung dar, die in den folgenden Abschnitten detailliert betrachtet wird.
Architektonisches und Farbkonzept für die Modernisierung
Die Modernisierung eines Schulgebäudes aus den 70er Jahren erfordert nicht nur technische, sondern auch ästhetische Überlegungen. Ein besonderer Aspekt am Lessing-Gymnasium war die Entwicklung eines Fassaden- und Farbkonzepts, das die historische Bauweise aufgreift und gleichzeitig eine moderne, lebendige Schulatmosphäre schafft. Wie in Quelle [1] dargelegt, musste dieses Konzept von den damaligen Architekten freigegeben werden, was auf ein sensibles Vorgehen bei der Veränderung der Bausubstanz hindeutet.
Die Wahl der Leitfarben Orange und Grün ist eine direkte "Reminiszenz an die 70er". Dieses Vorgehen ist aus architektonischer Sicht interessant, da es die Identität des Gebäudes bewahrt, anstatt sie zu tilgen. Es zeigt einen respektvollen Umgang mit der Architekturgeschichte. In der Praxis bedeutet dies, dass die Gestaltung der Fassaden und Innenräume an diese Farbgebung geknüpft ist, was eine konsistente visuelle Identität über die verschiedenen Bauabschnitte hinweg schafft.
Dieses Konzept wurde vor den eigentlichen Sanierungsarbeiten entwickelt und diente als Leitlinie für die Innenraumgestaltung. Die Schaffung von "Lern- und Verweilqualität" (Quelle [1]) ist das übergeordnete Ziel, das durch die räumliche und farbliche Gestaltung unterstützt werden soll.
Sanierung des Bestandsgebäudes in mehreren Abschnitten
Die Sanierung des bestehenden Schulgebäudes erfolgte in drei klar definierten Bauabschnitten. Diese schrittweise Vorgehensweise war notwendig, um den laufenden Schulbetrieb nicht zu gefährden. Jeder Abschnitt konzentrierte sich auf spezifische Bereiche und Baugewerke.
1. Bauabschnitt: Erneuerung der WC-Anlagen
Der erste Bauabschnitt konzentrierte sich auf die Erneuerung der WC-Anlagen. Sanitäre Einrichtungen sind in Schulen ein kritischer Bereich, dessen Zustand stark von der Akzeptanz und der Hygiene geprägt ist. Die Erneuerung war ein wichtiger erster Schritt, um die Basisqualität der Infrastruktur zu verbessern, noch bevor größere bauliche Eingriffe folgten.
2. Bauabschnitt: Sanierung der Obergeschosse
Im zweiten Bauabschnitt wurden die beiden Obergeschosse saniert. Die Maßnahmen umfassten hier laut Quelle [1]: * Austausch der Fassaden: Dies deutet auf einen vollständigen Ersatz der äußeren Hülle hin, was die thermische Hülle und das Erscheinungsbild grundlegend verbessert. * Dämmung und Erneuerung der Dachflächen: Die Dämmung der Dachflächen ist ein zentraler Hebel zur Verbesserung der Energieeffizienz. Da Wärme nach oben entweicht, ist eine gut gedämmte Dachhaut essenziell für den Klimaschutz und die Reduzierung der Heizkosten. * Interne Umzüge: Die Sanierung der Räume ging mit internen Umzügen einher. Dies impliziert eine Umstrukturierung der Raumfunktionen, vermutlich im Zuge der Umwandlung zur Ganztagsschule. * Erneuerung der Haustechnik: Die Haustechnik (HLK, Elektro, Sanitär) wurde erneuert. Moderne Haustechnik ist entscheidend für den Komfort, die Energieeffizienz und die Zuverlässigkeit des Betriebs.
3. Bauabschnitt: Sanierung des Erdgeschosses
Der dritte Bauabschnitt umfasste die Erneuerung des Erdgeschosses. Auch hier wurden die Fassaden ausgetauscht, was eine konsistente Modernisierung der gesamten Gebäudehülle sicherstellt. Darüber hinaus wurden zwei wichtige soziale Räume geschaffen: * Einrichtung der Mensa: Die Mensa ist das Herzstück einer Ganztagsschule. Ihre Einrichtung war ein zentraler Bestandteil des Ausbaus. * Gestaltung der Eingangshalle: Die Eingangshalle wurde als Aufenthaltszone hergerichtet. Dies unterstreicht das Konzept, Schulen nicht nur als Lernort, sondern auch als Begegnungsstätte zu verstehen.
Innenraumkonzept: Neue Lernlandschaften
Parallel zu den baulichen Maßnahmen wurde ein Innenraumkonzept entwickelt, das die didaktischen und sozialen Anforderungen einer modernen Schule adressiert. In enger Zusammenarbeit mit der Schule wurde eine Gestaltung beschlossen, die auf die Bedürfnisse der Schüler und Lehrer eingeht. Die Aufteilung erfolgt nach Geschossen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Quelle [1]):
- Erdgeschoss (EG): Hier entsteht eine "Rückzugs- und individuelle Lernlandschaft". Dieser Bereich ist für ruhiges Arbeiten oder den Aufenthalt in kleinen Gruppen gedacht. Die Notwendigkeit von Schließfächern wird als "Gliederung" erwähnt. Schließfächer sind in Schulen essenziell, da sie den Schülern persönlichen Stauraum bieten und helfen, die Klassenzimmer von privaten Gegenständen freizuhalten.
- Obergeschosse: In den Obergeschossen liegen die Schwerpunkte auf "Aufenthaltsflächen mit Sitzmöglichkeiten in der Mittelzone". Dies fördert den sozialen Austausch in den Pausen oder bei freien Arbeitsphasen. Zudem wird eine "Präsentationswand vor den Kunsträumen für Exponate" genannt. Dies ist ein didaktisches Element, das die Sichtbarkeit von künstlerischen Arbeiten erhöht und die Wertschätzung der kreativen Fächer steigert.
Dieses Konzept zeigt eine durchdachte Raumaufteilung, die verschiedene Nutzungsformen – von der Rückzugszone bis zur Präsentationsfläche – ermöglicht und damit den Anforderungen einer Ganztagsschule gerecht wird.
Erweiterungsbau: Temporärer Holzmodulbau
Neben der Sanierung des Bestands war die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten notwendig, um den steigenden Schülerzahlen und dem Wechsel von G8 zu G9 Rechnung zu tragen. Dies wurde durch einen temporären Erweiterungsbau in Holzbauweise realisiert. Quelle [2] liefert hierzu detaillierte Informationen.
Konstruktion und Bauweise
Der Erweiterungsbau ist ein dreigeschossiges Gebäude, das als temporärer Schulbau konzipiert ist. Er bietet 12 Klassenzimmer für ca. 330 Schüler und 12 Lehrkräfte. Die Bauweise ist entscheidend für die Geschwindigkeit und Flexibilität: * Modulare Holzrahmenkonstruktion: Das Gebäude wurde in einer modularen Holzrahmenkonstruktion realisiert. Diese Bauweise ermöglicht eine schnelle Montage und Demontage. * Vorgefertigte Holztafelbauelemente: Die Verwendung werkseitig vorgefertigter Elemente war der Schlüssel zur schnellen Realisierung. Das Gebäude konnte innerhalb weniger Monate vor Ort montiert werden.
Nachhaltigkeit und Flexibilität
Die Wahl der Holzbauweise hat mehrere Vorteile, die in Quelle [2] hervorgehoben werden: * Nachhaltigkeitsgedanke: Die bauliche Flexibilität und die Wiederverwendung der Module spiegeln den Nachhaltigkeitsgedanken wider. Holz als nachwachsender Rohstoff trägt ebenfalls dazu bei. * Unbefristete Nutzungszeit: Trotz des temporären Charakters bietet das Gebäude eine unbefristete Nutzungszeit. Es ist nicht auf einen kurzfristigen Einsatz beschränkt. * Zukünftige Flexibilität: Das Gebäude kann bei Bedarf innerhalb weniger Wochen an einen anderen Standort versetzt oder umgenutzt werden. Dies ist ein großer Vorteil für die Stadtverwaltung, da sie auf veränderte Bedarfssituationen reagieren kann, ohne auf teure Baumaßnahmen warten zu müssen.
Detailierte Konstruktion
Ein besonderes Merkmal der Konstruktion ist die klebstofffreie Bautechnik. Wie in Quelle [2] beschrieben, werden die Wand- und Deckenelemente durch Holzdollen zusammengehalten. Dies hat praktische Vorteile: * Instandhaltung und Rückbau: Durch den Verzicht auf Klebstoffe wird der spätere Rückbau oder die Demontage der Module stark vereinfacht. Die Teile können getrennt und wiederverwendet oder recycelt werden. * Praktikabilität: Diese Methode macht die Instandhaltung nachhaltiger und einfacher, da einzelne Elemente bei Beschädigung gezielt ausgetauscht werden können.
Dieser Holzmodulbau ist ein Beispiel für moderne, flexible und nachhaltige Baulösungen, die speziell für den Bildungsbau entwickelt wurden.
Logistische Herausforderungen und Organisation
Die Durchführung von Baumaßnahmen an einer aktiven Schule erfordert eine exzellente Organisation. Quelle [4] liefert Hinweise auf die logistischen Maßnahmen, die im Rahmen des Projekts ergriffen wurden. Die Anlieferung der Baustelle erfolgt über einen Feldweg, der zu einer Baustraße ertüchtigt wurde. Dies geschah explizit, um den Schulweg der Schüler nicht unnötig zu gefährden. Ein solches Vorgehen zeigt die Priorisierung der Sicherheit und der Minimierung von Störungen für den Schulalltag.
Zudem erwähnt Quelle [4], dass für den Interimsbau der Neuen Oberschule ebenfalls Modulbauten errichtet wurden. Dies deutet darauf hin, dass die Stadt Braunschweig eine Strategie verfolgt, temporäre Kapazitäten durch flexible Modulbauten zu schaffen, um die Umstrukturierungen im Schulsystem (G8 zu G9, Ganztagsschule) zeitnah umsetzen zu können.
Einordnung in den städtischen Kontext
Das Projekt am Lessing-Gymnasium ist kein Einzelfall, sondern Teil eines umfassenden Investitionsprogramms der Stadt Braunschweig. Quelle [5] betont, dass die Stadt massiv in die Bildungsinfrastruktur investiert. Bis 2027 werden über 230 Millionen Euro für den Neubau und die Sanierung von Schulen und Kitas bereitgestellt. Ziel ist es, moderne und nachhaltige Lernorte zu schaffen, die mehr Schulplätze und eine bessere Infrastruktur bieten.
In diesem Kontext stehen auch weitere Projekte, die in Quelle [4] und [5] genannt werden: * Wilhelm-Gymnasium: Brandschutzsanierung, für die ein Ausweichquartier mit sechs Unterrichtsräumen auf dem Schulhof errichtet wurde. * Grundschule Bültenweg: Einbau eines Ganztagsbetriebs durch einen Neubau. * Integrierte Gesamtschule Wendenring: Neubau einer IGS für 1.370 Schüler.
Das Lessing-Gymnasium profitiert von dieser strategischen Ausrichtung, ist aber auch ein Pilotprojekt für die spezifischen Methoden der Sanierung bei laufendem Betrieb und den Einsatz von Holzmodulbauten.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung des Lessing-Gymnasiums in Braunschweig ist ein Musterbeispiel für die Herausforderungen und Lösungsansätze im modernen Schulbau. Das Projekt demonstriert, wie durch eine schrittweise Sanierung in mehreren Abschnitten bei laufendem Betrieb die Bausubstanz eines Gebäudes aus den 1970er Jahren nachhaltig erneuert und an zeitgemäße Anforderungen angepasst werden kann.
Die Integration eines architektonischen Farbkonzepts, das die historische Identität bewahrt, zeigt einen sensiblen Umgang mit der bestehenden Bausubstanz. Die Erneuerung der Fassaden, Dämmung der Dachflächen und die Modernisierung der Haustechnik sind die technischen Kernpunkte, die zu einer gesteigerten Energieeffizienz und Nutzungsqualität führen.
Die Schaffung neuer Lernlandschaften im Innenbereich, die auf Rückzug, sozialen Austausch und Präsentation ausgerichtet sind, unterstreicht den didaktischen Wandel hin zur Ganztagsschule. Besonders hervorzuheben ist der temporäre Erweiterungsbau in Holzmodulbauweise. Dieser Ansatz bietet eine schnelle, flexible und nachhaltige Lösung für Kapazitätsengpässe. Die klebstofffreie Konstruktion mit Holzdollen ist ein technisches Detail, das die Langlebigkeit und Kreislauffähigkeit der Module maximiert.
Logistische Maßnahmen, wie die Ertüchtigung von Anlieferwegen zur Sicherung des Schulwegs, zeigen die Komplexität der Koordination. Das Projekt am Lessing-Gymnasium ist somit nicht nur eine Baustelle, sondern ein Labor für zukunftsweisende Baupraxis im Bestand. Es liefert wertvolle Erkenntnisse für die Sanierung vergleichbarer Gebäude und beweist, dass Modernisierung, Nachhaltigkeit und der Erhalt des Schulbetriebs in Einklang gebracht werden können. Die Investitionen der Stadt Braunschweig in diese und ähnliche Projekte schaffen die Basis für eine moderne und zukunftsfähige Bildungslandschaft.