Die Modernisierung und der Neubau von Bildungseinrichtungen stellen für Kommunen eine der größten Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Bauwirtschaft dar. Dies gilt insbesondere dann, wenn bestehende Gebäude historisch verwurzelt sind, aber gleichzeitig die pädagogischen und technischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts erfüllen müssen. Ein prägnantes Beispiel für diese komplexe Aufgabenstellung ist das Schulzentrum an der Lottenstraße in Monheim am Rhein. Der Prozess der Entscheidungsfindung, Analyse und letztendlichen Umsetzung eines Neubaus für die Lottenschule und die Astrid-Lindgren-Schule bietet tiefgehende Einblicke in moderne Kommunalplanung, Bauökonomie und Denkmalbewertung.
Dieser Artikel beleuchtet die fachliche Entwicklung des Projekts, basierend auf den verfügbaren Informationen. Er analysiert die denkmalrechtliche Bewertung des Bestandsgebäudes, die architektonische Konzeption des Neubaus und die wirtschaftlichen sowie technischen Notwendigkeiten, die einen kompletten Abriss und Neubau rechtfertigten.
Der Ausgangszustand: Historische Bausubstanz auf dem Prüfstand
Die Lottenschule, benannt nach der Straße, in der sie liegt, ist eine katholische Grundschule in Monheim am Rhein, die seit über 85 Jahren an diesem Standort beheimatet ist (Quelle 3). Trotz dieser langen Tradition und der emotionalen Bindung der Bevölkerung sah sich die Stadt Monheim mit einer physikalischen und funktionalen Realität konfrontiert, die eine Sanierung ausschließen ließ.
Bauliche Defizite und Raumnot
Die Analyse der bestehenden Gebäude zeigte gravierende Mängel auf, die im Laufe der Zeit durch zahlreiche Anbauten und Zumauerungen entstanden waren. Ein Expertengutachten, das im Rahmen der Planung in Auftrag gegeben wurde, kam zu dem Schluss, dass die Schule nie so fertiggestellt wurde, wie es der ursprüngliche Architekt vorgesehen hatte. Gründe hierfür waren historische Budgetknappheiten, die zu schnellen und kostengünstigen Lösungen führten, um möglichst viel Schulraum zu schaffen.
Was in den 1930er Jahren als ausreichend galt, genügt heutigen Standards nicht mehr. Die Anforderungen an Schulgebäude haben sich fundamental gewandelt. Es existieren heute Ansprüche an Offene Ganztagsangebote, Schulpsychologen, Inklusionsräume, moderne Lehrerzimmer, großzügige Mensabereiche und Computerräume, die in den alten Baustrukturen nicht unterzubringen sind. Hinzu kamen technische Defizite: Die Turnhalle der Lottenschule war nur halb so groß wie die aktuellen Vorschriften für einen Schulneubau fordern. Insgesamt musste der benötigte Schulraum etwa um das Anderthalbfache vergrößert werden, um den Anforderungen der Astrid-Lindgren-Schule und der Lottenschule gerecht zu werden (Quelle 1).
Die denkmalrechtliche Überprüfung
Ein zentraler Konfliktpunkt in der Planung war die Frage nach dem Denkmalwert des Lottenschulgebäudes. Ein Ratsmitglied hatte den denkmalrechtlichen Schutz des Gebäudes befürwortet, was eine Überprüfung durch das LVR-Amt für Denkmalpflege zur Folge hatte.
Die Bewertung fiel eindeutig aus. Ein Professor der Technischen Hochschule Köln erstellte ein Gutachten, das die bauliche und historische Signifikanz des Gebäudes infrage stellte. Die klare Empfehlung lautete: „Nicht unter Schutz stellen.“ Als Begründung wurden die vielen Anbauten und Zumauerungen genannt, die das ursprüngliche Erscheinungsbild so stark verändert hatten, dass von einer authentischen historischen Substanz nicht mehr gesprochen werden konnte. Das Gutachten klassifizierte den Bau eher als einen heute veralteten Zweckbau (Quelle 1). Diese fachliche Einschätzung war entscheidend für den weiteren Verlauf des Projekts.
Die Entscheidung: Neubau als einzige zukunftsfähige Lösung
Am 28. September 2016 fasste der Rat der Stadt Monheim am Rhein mit großer Mehrheit (36:2 Stimmen) den Beschluss zur Umstrukturierung des Schulgeländes. Die Entscheidung für einen Neubau war keine Option unter vielen, sondern die logische Konsequenz aus den vorliegenden Analysen.
Ökonomische und pädagogische Notwendigkeit
Die Prognose über den weiteren Anstieg der Schülerzahlen in Monheim am Rhein sorgte für zusätzlichen Handlungsdruck. Der Rat erkannte, dass der benötigte Schulraum am Standort Krischerstraße/Lottenstraße nur bereitgestellt werden könne, wenn die vorhandenen Gebäude abgerissen würden. Eine Sanierung oder Erweiterung des Bestands hätte die erforderliche Raumvergrößerung nicht wirtschaftlich ermöglicht.
Bürgermeister Daniel Zimmermann betonte damals die Bedeutung der zentralen Lage: „Kurze Beine, kurze Wege. Das gilt bis heute ungebrochen.“ Diese Logik bewog den Rat dazu, den optimalen Standort zu erhalten und ihn durch einen Neubau zukunftsfähig zu gestalten, anstatt durch einen Umzug in periphere Lagen Mehrkosten und längere Schulwege zu provozieren (Quelle 1).
Finanzierung und Umsetzung
Das Projekt war mit einem Volumen von rund 26 Millionen Euro veranschlagt. Für die Umsetzung des Baus wurde der Zeitraum von 2017 bis 2021 (mit der Turnhalle bis 2022) geplant (Quelle 5). Die Stadt Monheim musste hierfür eine komplexe Finanzierungsstruktur auflegen, die auch die Integration von Mitteln aus dem Konjunkturpaket II beinhaltete. In diesem Zusammenhang wurden auch andere Bauvorhaben im Schulbereich koordiniert, wie etwa der Ausbau von Kindertagesstätten und die Installation moderner Warnanlagen, die auf die Erfahrungen aus dem Amoklauf von Winnenden zurückgingen (Quelle 4).
Architektonisches Konzept: Identität durch Materialität und Cluster-Prinzip
Der Neubau des Schulzentrums, realisiert durch die Planungsgemeinschaft PASD (Quelle 5), setzt auf ein Konzept, das sowohl die Zusammenführung zweier Schulen als auch die Wahrung ihrer individuellen Identitäten gewährleistet.
Gestaltung der Fassaden und des Verbindungstrakts
Ein wesentliches Gestaltungselement ist die Materialität. Während die Lottenschule von einer roten Klinkerfassade geprägt wird, präsentiert sich die Astrid-Lindgren-Schule mit einer hellgrauen Backsteinfassade (Quelle 2). Diese Farbgebung ist nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional: Sie ermöglicht es Schülern, Eltern und Besuchern, die unterschiedlichen Schulbereiche visuell klar zu unterscheiden.
Das verbindende Bauteil zwischen den beiden Schulen wird als weitgehend transparenter Pfosten-Riegel-Fassaden-Trakt umgesetzt. Dieser Bereich, der Foyer, Aula und Mensa beherbergt, ist durch großzügige Fenster- und Glasdachflächen geöffnet. Das Ziel ist, ein Maximum an Tageslicht zu schaffen und eine offene Atmosphäre zu schaffen, die zum Verweilen einlädt. Eine Sitztreppe, die in das Untergeschoss führt, unterstreicht diesen Anspruch und schafft eine flexible Aufenthaltsqualität (Quelle 5).
Pädagogische Raumkonzepte: Das Cluster-Prinzip
Modernes Schulbauverständnis zeigt sich nicht nur in der Fassade, sondern vor allem in der inneren Strukturierung. Um die Schulräume in überschaubare Bereiche zu gliedern, kommt im Neubau das Prinzip der Cluster zum Tragen. Dabei bilden eine bestimmte Anzahl von Klassenräumen und Gruppenräumen einen räumlichen Verbund (Quelle 5).
Dieses Konzept ermöglicht flexible Unterrichtsformen, fördert das Team-Teaching und schafft soziale Treffpunkte innerhalb der Schule, die über den klassischen Klassenverband hinausgehen. Es ist eine direkte Antwort auf die pädagogischen Anforderungen der Gegenwart, die in den alten Gebäudestrukturen der Lottenschule nicht umsetzbar waren.
Die Transformation: Vom Abriss zum Neubau
Der Übergang von der alten zur neuen Schule war ein sichtbarer Prozess in der Stadt Monheim. Während auf der Baustelle Bagger und Lkw rollten, um die neue Infrastruktur zu schaffen, investierte die Stadt parallel 300.000 Euro in die Umgestaltung des Pausenhofs. Geplant waren eine Kletterlandschaft, Wasserspielgeräte und eine Sprunggrube, um den Kindern bereits während der Bauphase und danach hochwertige Freizeitmöglichkeiten zu bieten (Quelle 4).
Umgang mit dem Erbe
Eine Frage, die bei solchen Projekten oft emotional diskutiert wird, ist der Umgang mit dem historischen Erbe. Da das Gebäude nicht unter Denkmalschutz stand und ein Abriss notwendig war, suchte die Verwaltung nach Wegen, die Wurzeln der Schule dennoch zu bewahren.
Die Lösung fand man in einem partizipativen Ansatz. Im offenen Ganztag der Schule haben aktuelle und ehemalige Schülerinnen und Schüler sowie Lehrer seit 2018 ein LEGO-Modell des alten Schulgebäudes angefertigt. Dieses Modell wurde im September 2021 im Foyer des Neubaus aufgestellt. Laut der Stadt Monheim verdeutlicht und würdigt dieses Modell den Bezug zum alten Gebäude und integriert es gleichzeitig als spielerisches Element in die neue Architektur (Quelle 6). Dieser Ansatz zeigt, wie Denkmalschutz in modernen Kontexten durch kulturelle und partizipative Maßnahmen ersetzt werden kann, wenn die Bausubstanz selbst keinen Schutz mehr genießt.
Zeitplan und Fertigstellung
Das Projekt wurde erfolgreich umgesetzt. Die Planung sah die Fertigstellung des Schulzentrums für Juni 2021 vor (Quelle 2). Der Neubau ermöglichte es, zwei Grundschulen für insgesamt rund 600 Schulkinder an einem optimal gelegenen Standort unterzubringen, wobei die Materialität der neuen Gebäude einen Bezug zum historischen Kontext der Umgebung herstellt (Quelle 5).
Fazit
Die Transformation des Schulzentrums an der Lottenstraße in Monheim am Rhein ist ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit, öffentliche Gebäudebauten kritisch und vorausschauend zu bewerten. Die Entscheidung für einen Neubau wurde nicht leichtfertig getroffen, sondern basierte auf einem fundierten Gutachten, das den Denkmalwert der alten Bausubstanz verneinte, und einer schonungslosen Analyse der baulichen und pädagogischen Defizite.
Die Umsetzung des Projekts zeigt, wie moderner Schulbau aussehen kann: transparent, flexibel durch Cluster-Prinzipien und architektonisch differenziert, um die Identität zweier Schulen zu wahren. Gleichzeitig wurde ein sensibler Umgang mit der Geschichte gefunden, indem die Erinnerung durch ein partizipatives Kunstwerk in Form eines LEGO-Modells im Neubau bewahrt wurde. Für Bauherren und Planer bleibt die Lehre aus Monheim: Eine ehrliche Bestandsaufnahme und die Bereitschaft, Weichen für die Zukunft zu stellen, sind der Schlüssel zu nachhaltigen und wirtschaftlichen Bauprojekten.
Quellen
- Monheim.de - Gutachten belegt: Die Lottenschule ist kein schützenswertes Gebäude
- Daelken.de - Neubau Grundschulzentrum Monheim
- Lottenschule Monheim - Startseite
- WZ.de - Sanierung am Schulzentrum Lottenstraße
- PASD.de - Neubau Schulzentrum Monheim
- Deinmonheim.de - Alte Lottenschule: Endgültiges Aus für Erinnerungsmodell