Die Kirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Charlottenburg ist mehr als nur ein Gotteshaus. Sie ist ein nationales Mahnmal, ein architektonisches Meisterwerk der Nachkriegszeit und ein eindrucksvolles Beispiel für die Verbindung von moderner Baukunst und theologischer Aussagekraft. Für Bauherren, Architekten und alle, die sich für die Schnittmenge von Denkmalschutz und zeitgemäßem Bauen interessieren, stellt dieser Bau eine faszinierende Studie dar. Insbesondere die Materialität – der Sichtbeton – und dessen langfristige Erhaltung sind Themen von großer Relevanz.
Dieser Artikel beleuchtet die Entstehungsgeschichte, die architektonische Konzeption und die spezifischen Herausforderungen im Bereich der Bauinstandhaltung, die sich aus der einzigartigen Gestaltung dieser Gedenkkirche ergeben.
Die Entstehung einer nationalen Gedenkstätte
Die Idee zu Maria Regina Martyrum entstand auf dem Deutschen Katholikentag 1952 in Berlin. Bischof Wilhelm Weskamm äußerte den Wunsch nach einer Kirche in der Nähe des Gefängnisses Plötzensee, um der Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu gedenken. Ziel war es, ein „lebendiges Denkmal“ zu schaffen, das an das Leiden unter der NS-Herrschaft erinnert.
Die offizielle Bezeichnung der Kirche lautet „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit aus den Jahren 1933-1945“. Sie wurde am 5. Mai 1963 konsekriert und stellt eine Inkunabel des modernen Kirchenbaus nach 1945 in Deutschland dar. Der Bau entstand mitten in einem neu entstehenden Wohngebiet und wurde durch den Würzburger Diözesanbaurat Hans Schädel (1910–1996) zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich Ebert geplant.
Architektonisches Konzept: Klarheit und Konsequenz
Die Architektur von Maria Regina Martyrum wird von Klarheit und Konsequenz geprägt. Die Planer umfriedeten ein Rechteck mit einer hohen Umfassungsmauer und unterteilten es der Länge nach. Im linken Teil entstand die Gemeindezentrum, im rechten, größeren Teil die Gedenkkirche.
Der Weg zum Heiligtum
Besonders bemerkenswert ist der Weg, den der Besucher zurücklegen muss. Zwei Zugänge führen zum sogenannten Feierhof. Ein Weg führt durch einen Glockenträger, der aus der Umfassungsmauer zu wachsen scheint. Der Feierhof selbst ist flach abfallend terrassiert, was den Schritt entschleunigt und Achtsamkeit einfordert. Mehr als 50 Meter liegen zwischen dem Eingang und der eigentlichen Kirche. Mit jedem Schritt gewinnt die fensterlose Wand der Kirche an Monumentalität.
Die Materialität des Feierhofs ist bewusst gewählt: Die Umfassungsmauer ist mit Platten aus dunklen Basaltkieseln verkleidet, während die Oberfläche der Kirche aus hell leuchtenden Carraramarmor-Kieseln besteht. Dies erzeugt eine Dialektik aus Licht und Dunkelheit. Der Feierhof selbst ist mit nahezu schwarzen Waschbeton ausgekleidet, was den Eindruck von Leid und Schwerlastigkeit verstärkt. Er assoziiert einen Appellhof und soll Gedanken an Leiden und Tod nahelegen.
Die Oberkirche als „Himmelsschrein“
Das eigentliche Kirchenschiff erscheint als ein scheinbar frei schwebender, lang gestreckter Kubus. Er ruht auf drei quer gestellten Betonscheiben. Diese Anordnung verstärkt den brutalistischen Charakter des Baus. Die Front der Kirche bietet einen starken Kontrast zum Feierhof: Während dieser düster und schroff wirkt, reflektieren die Carrara-Marmor-Kiesel der Kirchenfassade Helle und Sonnenlicht. Sie wirken edel und lindernd und versprechen auf dieser Ebene – dem Himmel ein Stück näher – Erlösung.
Über dem Hof stehen schmale Scheibenwände, die nahezu weiß erscheinen. Der Kastenbau schwebt wie ein Himmelsschrein über der Anlage.
Materialität und Stil: Brutalismus und Handwerkskunst
Maria Regina Martyrum ist ein herausragendes Beispiel für die Verwendung von Sichtbeton in der Nachkriegsarchitektur. Die Architekten nutzten schalungsrauen Sichtbeton, was auf den Brutalismus der späten 1950er- und 60er-Jahre verweist. Dieser Stil leitet sich von der französischen Bezeichnung „béton brut“ (roher Beton) ab und betont die Tendenz, Raumgefüge, Konstruktionen und Baustoffe durch Betonung ablesbar zu machen.
Der Brutalismus strebt nicht nach graziler Leichtigkeit, sondern nach dem Ausdruck lastender Körperlichkeit. Dieser Effekt wird durch die Materialität, die Oberflächentextur und die monumentale Anmutung der Oberkirche erreicht. Die industrielle und handwerkliche Ausführung des Baus dokumentiert eine herausragende Qualität moderner Betonbaukunst und Gebäudetechnik.
Als architektonisches Vorbild für diese Richtung gilt unter anderem das Kloster La Tourette bei Lyon, entworfen von Le Corbusier. Ähnlich wie dort ist Maria Regina Martyrum als ein hoch aufragender kubischer Baukörper ausgebildet, dessen ästhetisches Erleben maßgeblich durch das Material geprägt wird.
Kunst und Ikonographie: Eine kongeniale Einheit
Die Architektur ist nicht isoliert zu betrachten, sondern steht in enger Verbindung mit der Bildkunst. Pater Urban Rapp fungierte als künstlerischer und theologischer Berater. Das Ziel war eine überwältigende Synthese von moderner Architektur, Freiflächengestaltung und Bildkunst.
- Die Apokalyptische Frau: Über dem gläsernen Eingang der Kirche befindet sich eine vergoldete Bronzeplastik von Fritz Koenig. Sie zeigt die „Apokalyptische Frau“ und steht im Kontrast zur hellen Fassade.
- Kreuzweg und Skulpturen: Im Feierhof befindet sich eine lebensgroße Bronzeskulptur des Kreuzweges von Otto Herbert Hajek. Sie zieht sich an der rechten Innenwand des Hofes bis zum freistehenden Altar hin und verdichtet den Eindruck von Leid und Tod. Im rückwärtigen Bereich des Hofes befindet sich zudem eine Darstellung der Flucht nach Ägypten von Johannes Dumanski.
- Schriftliche Zeugnisse: Am Eingangsbereich finden sich zwei in Beton gearbeitete Zitate von Papst Pius XII. und Julius Kardinal Döpfner, die als schriftliche Zeugen der Entstehungsgeschichte dienen.
Diese Kombination aus Architektur und Kunst schafft eine ikonographische Einheit, die den Raum sowohl ästhetisch als auch theologisch auflädt.
Die Herausforderung der Denkmalpflege: Restaurierung von Sichtbeton
Für die Denkmalpflege stellt Maria Regina Martyrum eine besondere Aufgabe dar. Die Erhaltung dieses besonderen Kirchen-Denkmals erfordert spezifische Maßnahmen, insbesondere im Hinblick auf die Sichtbeton-Oberflächen.
Die Notwendigkeit der Instandhaltung
Sichtbeton ist ein Material, das im Laufe der Zeit Witterungseinflüssen ausgesetzt ist. Bei historischen Bauten wie Maria Regina Martyrum kommt erschwerend hinzu, dass die ursprüngliche Rezeptur und die Ausführung des Betons aus den frühen 1960er Jahren vorliegen. Die Restaurierung der Sichtbeton-Oberflächen wird in der Quellenlage explizit als eine „besondere Herausforderung“ bezeichnet.
Im Kontext der Denkmalpflege geht es darum, die originale Substanz zu erhalten, ohne den Charakter des Baus zu verfälschen. Eine einfache Abdeckung oder Verkleidung scheidet aus, da die Oberfläche aus Carraramarmor-Kieseln und der schalungsraue Beton wesentliche Bestandteile des architektonischen Konzepts sind.
Technische Aspekte der Sanierung
Obwohl die Quellen keine detaillierten technischen Sanierungsprotokolle liefern, lassen sich aus der Beschreibung des Baus Rückschlüsse auf die Anforderungen ziehen:
- Materialkompatibilität: Jede Reparatur muss materialtechnisch mit dem Originalbeton kompatibel sein. Die Verwendung von Carrara-Marmor-Kieseln in der Fassade erfordert eine spezielle Behandlung, um die Reflektivität und die optische Wirkung beizubehalten.
- Erhalt der Oberflächenstruktur: Der Brutalismus lebt von der „rohen“ Struktur des Betons. Eine Sanierung darf diese nicht glätten oder verdecken. Die Herausforderung liegt darin, Schäden zu beheben, ohne die handwerkliche Qualität der originalen Betonbaukunst zu zerstören.
- Schutz der Metall- und Kunststoffelemente: Auch die vergoldete Bronzeplastik, die Bronzeskulpturen und die Scheibenwände über dem Hof benötigen Pflege und Restaurierung, um den Kontrast zwischen Hell und Dunkel, zwischen Massivität und Leichtigkeit zu wahren.
Die Kirchengemeinde ruft regelmäßig zu Spenden für diese denkmalpflegerischen Maßnahmen auf, was die Bedeutung und den finanziellen Aufwand unterstreicht.
Vergleich: Evangelisches Gegenstück
Um die Bedeutung von Maria Regina Martyrum einzuordnen, lohnt ein Blick auf das nahegelegene evangelische Gemeindezentrum in Charlottenburg-Nord, das 1970 eingeweiht wurde. Während die katholische Kirche einen monumental-dunklen Eingangsbereich nutzt, um in die lichte Erlösung überzuleiten, setzt die evangelische Kirche auf eine andere Form des Gedenkens. Sie beherbergt einen Bilderzyklus von Alfred Hrdlicka (Totentanz), der ebenfalls direkt Bezug auf Plötzensee nimmt. Beide Bauten zeigen, wie unterschiedlich architektonisch auf das Thema Martyrium und NS-Unrecht reagiert wurde – die katholische Kirche durch eine abstrakte, symbolische Architektur, die evangelische durch figurative Kunst im Raum.
Fazit
Maria Regina Martyrum ist ein architektonisches Meisterwerk, das als „Inkunabel des modernen Kirchenbaus“ gilt. Die Architekten Hans Schädel und Friedrich Ebert schufen eine streng geometrische Anlage, die durch den konsequenten Einsatz von Materialien – von dunklem Basalt bis zu hellem Carrara-Marmor – und die Formensprache des Brutalismus eine enorme Wirkung entfaltet.
Der Bau ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Architektur Geschichte erzählen kann. Er verbindet die Erinnerung an das Martyrium mit dem christlichen Hoffnungsbild der Erlösung. Für die Bauwelt bleibt er jedoch auch eine dauerhafte Aufgabe: Die Erhaltung der komplexen Sichtbeton-Oberflächen und der integrierten Kunstwerke erfordert Expertise, Sensibilität und finanzielle Mittel. Die Kirche steht als Mahnung und als Beispiel für die Verantwortung, die wir gegenüber historischer Bausubstanz und deren einzigartiger Gestaltung haben.