Die Sanierung von Hochhausgebäuden aus den 1960er-Jahren stellt Bauherren, Projektentwickler und Ingenieure vor immense Herausforderungen. Häufig handelt es sich um Bauten mit maroden Substanzen, unzureichender Energieeffizienz und veralteten technischen Anlagen, die jedoch aufgrund ihrer zentralen Lage oder baukulturellen Bedeutung nicht abgerissen, sondern saniert werden sollen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Komplexität ist die Grundsanierung des 1. Sammelbaus der Fakultät für Maschinenwesen der RWTH Aachen. Dieses Projekt dient als Pilotvorhaben für nachhaltiges Bauen im Landesbaubereich und bietet wertvolle Erkenntnisse für die Sanierungspraxis.
Dieser Artikel analysiert die strategischen Entscheidungen, technischen Maßnahmen und Nachhaltigkeitsaspekte dieses Projekts und leitet daraus allgemeingültige Empfehlungen für die Sanierungspraxis ab.
Analyse der Ausgangssituation und Strategiewahl
Die Sanierung eines Gebäudes beginnt stets mit einer fundierten Bestandsaufnahme und der Definition von Sanierungszielen. Im vorliegenden Fall des Hochhauses der RWTH Aachen, das 1964 errichtet wurde, zeigte eine Studie massive Mängel auf. Das Gebäude war marode, und der Platzmangel an der Fakultät für Maschinenwesen – einer der größten Maschinenbaufakultäten Europas mit 62 Instituten und Lehrstühlen – war permanent.
Eine zentrale Erkenntnis für die Praxis ist die Notwendigkeit, verschiedene Varianten zu prüfen. In Zusammenarbeit mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW) untersuchte man die Optionen Abriss, Sanierung, Erweiterung und Neubau. Dabei stand der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund, genauer gesagt der „Dreiklang aus Nutzungsqualität, Invest- und Folgekosten“.
Die Entscheidung fiel auf eine Kombination aus Kernsanierung und Neubau. Diese Variante erwies sich als wirtschaftlichste Lösung. Für Bauherren bedeutet dies: Ein reiner Abriss führt oft zum Verlust von Standortvorteilen und baukultureller Substanz, während ein reiner Bestandserhalt oft mit untragbaren Folgekosten verbunden ist. Die Variante der „Entkernung“ – also der Rückbau bis auf die tragende Stahlbetonkonstruktion – ermöglicht eine vollständige technische und funktionale Erneuerung bei Erhalt der äußeren Hülle und des Fundaments.
Die Sanierungsmethode: Entkernung und Minimalinvasiver Eingriff
Die Durchführung der Sanierung erfolgte in zwei Hauptschritten: Die Entkernung des Hochhauses und der Bau eines neuen Technikums.
Entkernung des Hochhauses
Der 1. Sammelbau wurde bis auf die Stahlbetonkonstruktion entkernt. Dieses Vorgehen ist bei Hochhäusern dieser Ära typisch. Es ermöglicht: 1. Den vollständigen Ersatz der Geschossdecken, Innenwände und Fassaden. 2. Die Installation völlig neuer Haustechnik (Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektro). 3. Die Anpassung der Raumstrukturen an moderne Anforderungen (offene Labore, Seminarräume, Büros).
Ein besonderer Fokus lag hierbei auf der Erhaltung der historischen Substanz. Wettbewerbsentwürfe (siehe Quelle [5]) lobten einen „minimal-invasiven Eingriff“, der respektvoll mit dem Denkmal umgeht. Für die Praxis bedeutet dies: Auch bei massiven Eingriffen in die Bausubstanz kann durch intelligente Planung der Denkmalcharakter gewahrt werden, beispielsweise durch die Rekonstruktion historischer Strukturen oder die behutsame Einbindung alter Fassadenelemente.
Der Neubau: Das Dienstleistungstechnikum
Parallel zur Sanierung des Hochhauses entstand ein Neubau, das sogenannte Dienstleistungstechnikum. Dieses wurde auf der Fläche eines zurückgebauten Parkhauses errichtet und unterirdisch mit dem Hochhaus verbunden. Es beherbergt Labore, Forschungsflächen und Seminarräume.
Der Neubau dient als Ergänzung, um die Kapazitätsengpässe zu lösen. Besonders relevant ist hier die Bauweise: Das Technikum verfügt über eine Betonkernaktivierung in den Geschossdecken. Dies ist eine hocheffiziente Heizungs- und Kühlungstechnik, die direkt in die Betondecke integriert ist und Raumtemperaturen über die Deckenfläche reguliert. Sie arbeitet mit niedrigen Vorlauftemperaturen und eignet sich ideal für den Anschluss an Wärmepumpen oder Nahwärme.
Energieeffizienz und Technische Gebäudeausrüstung (TGA)
Ein Kernziel der Sanierung war die Klimaneutralität und die Erreichung des BNB-Silber-Standards (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen). Die Quellen zeigen eindrücklich, wie stark die Technische Gebäudeausrüstung (TGA) modernisiert wurde.
Klimatisierung und Lüftung
Im alten Gebäude (Baujahr 1964) gab es keine Klimatisierung. In einem Lehrsaal auf der Südseite konnten Temperaturen von über 40 Grad entstehen. Die Sanierung löst dieses Problem durch eine neue Lüftungsanlage. Moderne Lüftungssysteme sorgen nicht nur für Frischluft, sondern übernehmen auch die Kühlung und Wärmerückgewinnung.
Die Wichtigkeit eines funktionierenden Managements der TGA wird durch die Aussage des Dekans Professor Feldhusen unterstrichen: Die grüne LED an der Lüftungsanlage signalisiert Betriebssicherheit. Für Bauherren ist dies ein entscheidender Hinweis: Eine Sanierung ohne massive Aufrüstung der Haustechnik (Einbau von Lüftungsanlagen, Wärmepumpen, etc.) wird heutige Anforderungen an Energieeffizienz und Nutzerkomfort nicht erfüllen.
Fenster und Fassade
Die alten Fenster wurden durch moderne Isolierfenster ersetzt. Dies reduziert den Energieverlust drastisch und verbessert das thermische Komfortgefühl (keine kalten Strahlungen im Winter, keine Überhitzung durch direkte Sonneneinstrahlung im Sommer). Die Fassade des neuen Technikums wurde zudem mit dunklen Faserzementplatten ausgeführt – ein Material, das Langlebigkeit und Wartungsarmut verspricht.
Nachhaltigkeit und Zertifizierung: Der BNB-Silber-Standard
Das Projekt ist eines von drei Pilotprojekten des BLB NRW zur Anwendung des BNB-Systems. Das Ziel war die Zertifizierung im Silber-Standard. Dieser Standard legt strengen Wert auf: * Ressourceneffizienz: Wiederverwendung von Materialien, Einsatz von Rezyklaten. * Energieeffizienz: Niedriger Primärenergiebedarf. * Gesundheit und Komfort: Gute Innenraumluqualität und Arbeitsbedingungen.
Die Planer (HPP, Kempen Krause Hartmann, DSTR, Greengineers) legten Wert auf Kreislauffähigkeit und die Wiederherstellung historischer Strukturen. Das Motto „Das Denkmal der Zukunft! Vom RWTH-Gründungsbau (1870) zur Klimaikone“ zeigt die Ambition, Vorbildfunktion für vergleichbare Sanierungen zu übernehmen.
Für die Praxis bedeutet eine Zertifizierung nach BNB oft einen höheren Planungsaufwand, aber auch eine nachweislich bessere Qualität und geringere Folgekosten. Die Anwendung des „Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen“ wird explizit als Erfolg gewertet.
Kosten und Wirtschaftlichkeit
Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf 316 Millionen Euro. Dies ist eine enorme Summe, die jedoch im Kontext der Gesamtfläche von 16.200 m² Bruttogeschossfläche und der komplexen Sanierung eines Hochhauses gesehen werden muss.
Die Wirtschaftlichkeit wurde durch Variantenuntersuchungen gesichert. Die Entscheidung für die Kernsanierung in Kombination mit dem Neubau des Technikums stellte sich als wirtschaftlichste Lösung heraus. Hätte man nur saniert, wären die Kosten für die Anpassung der alten Struktur an moderne Labore wahrscheinlich exorbitant hoch gewesen. Hätte man abgerissen und neu gebaut, wären die Kosten für die Entsorgung und den Neubau in gleicher Größe noch höher ausgefallen sowie die Nutzungsunterbrechung länger gewesen.
Ein wichtiger Aspekt der Wirtschaftlichkeit ist auch die Dauer der Maßnahme. Ein Dekan der Fakultät äußerte sich überrascht, das fertige Gebäude noch in seiner aktiven Zeit zu erleben. Dies deutet auf eine gute Projektsteuerung und eine zeitlich effiziente Umsetzung hin, was die „Folgekosten“ (Nutzerausfall, Bauleitung) senkt.
Das Bau- und Liegenschaftsbetriebsmanagement (BLB)
Die Rolle des BLB NRW war zentral. Das Bau- und Liegenschaftsmanagement übernimmt nicht nur die Abwicklung von Baumaßnahmen, sondern auch das Flächenmanagement. In den Quellen wird deutlich, dass die RWTH eine Abteilung 10.2 (Baumanagement) und 10.24 (Flächenmanagement) unterhält, die für die effektive Nutzung der Flächen zuständig sind.
Im Zuge der Sanierung musste der Lehrstuhl für Wärme- und Stoffübertragung (WSA) in das neue Technikum umziehen. Solche interner Umzüge und Flächenneuordnungen sind logistische Herausforderungen, die im Vorfeld genau geplant werden müssen. Das Flächenmanagement erstellt hierfür Belegungspläne und Bilanzen.
Für private Bauherren oder Projektentwickler ist die Struktur des BLB ein Vorbild für professionelles Facility Management. Die Kombination aus Instandhaltung (Sachgebiet 10.22), handwerklichen Reparaturen (Sachgebiet 10.23) und strategischem Flächenmanagement (Sachgebiet 10.24) stellt sicher, dass Gebäude nicht nur einmalig saniert, sondern dauerhaft wertgeschätzt werden.
Praktische Ableitungen für Sanierungen im Bestand
Das Projekt an der RWTH Aachen lässt sich auf allgemeine Sanierungsprojekte übertragen. Folgende Leitlinien lassen sich ableiten:
- Frühzeitige Variantenprüfung: Bevor Entscheidungen getroffen werden, müssen Abriss, Kernsanierung und reine Instandsetzung wirtschaftlich und funktional verglichen werden. Die Methode der „Variantenuntersuchung“ ist essenziell.
- Fokus auf die Hülle und die Technik: Altbauten der 60er Jahre leiden meist unter zwei Hauptproblemen: Wärmebrücken (keine Dämmung) und fehlende Klimatisierung. Eine Sanierung muss hier ansetzen (neue Fenster, Dämmung, Einbau von Lüftungsanlagen).
- Energiekonzept: Der Einsatz von Betonkernaktivierung und Wärmepumpen (implizit durch niedrige Vorlauftemperaturen) ist moderner Standard. Alte Heizkörper allein reichen nicht aus.
- Nachhaltigkeitszertifizierung: Die Anwendung von Standards wie BNB hilft, die Qualität zu sichern und langfristig Kosten zu sparen. Aspekte wie Materialkreisläufe und Rezyklate müssen bedacht werden.
- Denkmalschutz und Minimalinvasivität: Wo möglich, sollte die historische Substanz erhalten bleiben. Das schafft Identität und kann den Wert der Immobilie steigern.
Fazit
Die Sanierung des 1. Sammelbaus der Fakultät für Maschinenwesen der RWTH Aachen ist ein Musterbeispiel für gelungene Stadtsanierung und nachhaltiges Bauen. Durch die intelligente Kombination aus der Entkernung eines Hochhauses und dem Neubau eines modernen Technikums konnten die spezifischen Anforderungen einer großen Fakultät erfüllt und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit gesichert werden.
Das Projekt beweist, dass selbst marode Gebäude aus den 1960er-Jahren durch eine konsequente Modernisierung der Technischen Gebäudeausrüstung und eine sorgfältige energetische Sanierung zu zukunftsfähigen und klimaneutralen Gebäuden werden können. Die Erreichung des BNB-Silber-Standards unterstreicht die Qualität der Planung und Ausführung. Für die Bauwirtschaft bietet dieses Pilotprojekt wichtige Antworten auf die Frage, wie baukulturelles Erbe unter modernen ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten erhalten und weiterentwickelt werden kann.
Quellen
- Competitionline - Grundsanierung 1. Sammelbau der Fakultät für Maschinenwesen der RWTH Aachen
- BLB NRW - Sanierung Sammelbau Maschinenwesen
- SSP AG - Referenzen Fakultät Maschinenwesen RWTH Aachen
- RWTH Aachen - Abteilung 10-2 Baumanagement
- HPP - Zweiten Preis im Wettbewerb um die klimagerechte Sanierung des denkmalgeschützten Hauptgebäudes