Einführung
Die Neugestaltung des Bahnhofsareals in Memmingen stellt ein komplexes Projekt dar, das die Dynamik zwischen städtischer Planung, Investorwahl und Bürgerengagement verdeutlicht. Ein etwa 7.700 m² großes Areal im Bahnhofsumfeld befindet sich aktuell in einem Umnutzungsprozess. Die Bedeutung des Projekts für die Stadtentwicklung unterstreicht die Tatsache, dass der Stadtrat den Bebauungsplan für dieses städtebaulich bedeutende Projekt zunächst einstimmig absegnete, bevor ein Bürgerentscheid im Mai 2019 die bisherigen Pläne stoppte.
Dieser Artikel beleuchtet den chronologischen Ablauf der Planungen, die Kriterien der Investorwahl, die darauffolgenden Anpassungen der Bebauung sowie die Ursachen und Folgen des Bürgerbegehrens. Er fasst die verfügbaren Informationen aus den zur Verfügung gestellten Quellen zusammen, die den Stand der Planung bis zum Frühjahr 2019 widerspiegeln.
Ausgangslage und Vorgeschichte der Planungen
Das Areal liegt zwischen Bahnhofstraße, Heidengasse, Kalchstraße und Maximilianstraße und liegt seit vielen Jahren brach. Die Vorbereitungen für eine Sanierung und Neunutzung zogen sich über einen langen Zeitraum hin. Ein zentraler Kritikpunkt, der im Nachhinein von Bürgerinitiativen angeführt wurde, betraf den Mangel an frühzeitiger Bürgerbeteiligung im frühen Planungsstadium. Im Sommer 2017 stellte die Memminger FDP fest, dass kein Außenstehender den Sachstand der Planungen kannte und die Bürger nicht gehört worden waren. Erst im Frühjahr 2018 wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, was baulich konkret auf dem Bahnhofsareal vorgesehen war.
Der Investorenwettbewerb
Bereits im Oktober 2014 beschloss der Stadtrat einstimmig, einen Investorenwettbewerb durchzuführen. Diesem gingen Workshops mit Gewerbetreibenden und Hauseigentümern sowie eine Bürgerinformation in der Stadthalle voraus. Ende 2014 wurde der Wettbewerb ausgelobt, woraufhin acht Angebote eingingen. Nach einer Bewertung verblieben zwei Investoren: die Firma Aktiv und Ten Brinke.
Die Entscheidung fiel letztendlich zugunsten des niederländischen Anbieters Ten Brinke aus. Die Stadtverwaltung schlug Ten Brinke aufgrund besserer Bewertungsnoten vor, da das Angebot der Firma Aktiv in fast allen Punkten unterlegen war. Ten Brinke wurde favorisiert, da sein städtebauliches Gesamtkonzept die Struktur und das Gefüge des Ensembles stimmig ergänzte. Auch das Wegenetz wurde als sinnvoll bewertet, da es einen zentralen Platzbereich mit hoher Aufenthaltsqualität schaffen soll.
Städtebauliche Konzepte und Bebauungsplan
Der ursprüngliche Entwurf von Ten Brinke sah eine Bebauung mit einer zunächst geplanten geringen Anzahl an Wohneinheiten vor, was von fast allen Fraktionen des Stadtrates bemängelt wurde. In der Folge kam es zu Verhandlungen und Überarbeitungen. In einer jüngsten Plenumssitzung segnete der Stadtrat den Bebauungsplan ab, wobei wesentliche Änderungen im Vergleich zum ursprünglichen Entwurf implementiert wurden.
Detailanpassungen und Optimierungen
Die Überarbeitungen zielten darauf ab, den Entwurf optisch und funktional zu verbessern. Zentrale Änderungen umfassten:
- Erhöhung der Wohnbebauung: Die Anzahl der Wohneinheiten wurde von neun auf 28 bis 39 Einheiten erhöht. Dies bedeutet eine Vergrößerung der Wohnbaufläche von ursprünglich 960 auf 3.300 Quadratmeter.
- Fassadengestaltung: Das lange Gebäude entlang der Bahnhofstraße wurde optisch stark verändert. Dies geschah durch Herausarbeiten des Sockelgeschosses, eine wechselnde Anordnung der Fenster und Gauben sowie die Umarbeitung des Hoteleingangs.
- Turmartiger Erschließungsanbau: Dieser wurde nach innen verlegt.
- Giebelfassade: Auf die ursprüngliche Strukturierung der nördlichen Giebelfassade wurde verzichtet. Der wuchtige nördliche Giebel beim Gebäude Maximilianstraße/Heidengasse wurde durch einen Doppelgiebel ersetzt, was laut Uwe Weißfloch vom Stadtplanungsamt kaum Auswirkungen auf die Größe der Wohnfläche habe.
- Rosengasse: Die Rosengasse wurde um einen Meter in der Breite erweitert, um einen freundlicheren Anblick zu erzielen.
Trotz dieser Anpassungen blieb Kritik an der städtebaulichen Konzeption bestehen. Kritiker bemängelten insbesondere die geplante, zur Bahnhofstraße hin gelegene geschlossene Front. Diese soll großenteils aus Einfahrten zur Tiefgarage und Toren für den LKW-Zulieferverkehr bestehen. Zudem wurde die Erschließung des Geländes über die Bahnhofstraße als problematisch eingeschätzt, da sich der Verkehr dort regelmäßig bereits vor der Umgestaltung von der Maximilianstraße zurück bis zur Kalchstraße staut.
Bürgerbeteiligung und Bürgerbegehren
Die Debatte um das Projekt spitzte sich durch die Bildung einer Bürgerinitiative namens „Zukunft Bf/4“ zu. Diese übergab im Rathaus 2.756 Unterschriften für das Bürgerbegehren „Zukunftsfähiges Bahnhofsareal“ an Oberbürgermeister Manfred Schilder und Zweite Bürgermeisterin Margareta Böckh.
Das Ziel des Begehrens
Das Begehren beantragte einen Bürgerentscheid zur Frage: „Sind Sie dafür, das laufende Verfahren für die Neugestaltung des Memminger Bahnhofsareals nicht weiter zu verfolgen, um ein neues Verfahren mit Beteiligungsprozess für die Bürgerinnen und Bürger und unter Begleitung eines unabhängigen Fachgremiums zu ermöglichen?“
Die Bürgerinitiative kritisierte, dass den Bürgern erst im Frühjahr 2018 die konkreten Baupläne bekannt geworden seien, nachdem der Investorenwettbewerb bereits entschieden und der Bebauungsplan vom Stadtrat beschlossen war. Für die Prüfung der Zulässigkeit des Bürgerbegehrens hatte die Stadt einen Monat Zeit.
Reaktion der Stadtverwaltung
Der Stadtrat reagierte auf den Druck der Bürgerinitiative und die bevorstehende Abstimmung. In seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause stimmte der Stadtrat einstimmig für die Aufhebung des Aufstellungsbeschlusses zum vorhabenbezogenen Bebauungsplan. Dies war notwendig, da durch das Bürgerbegehren im Mai die Planungen neu gestartet werden mussten. Erst wenn ein neues städtebauliches Konzept vorliegt, kann ein neues Bebauungsplanverfahren eingeleitet werden.
Uwe Weißfloch, Leiter des Stadtplanungsamts, erläuterte die weitere Vorgehensweise: Die Mitgestaltung durch die Öffentlichkeit soll durch mehrere Veranstaltungen und eine Arbeitsgruppe gewährleistet werden, die aus interessierten Bürgerinnen und Bürgern bestehen soll. Die erste große Diskussionsrunde war für November geplant. Die weitere Planung wird in die zurzeit laufende Vorbereitende Untersuchung (VU) Altstadt integriert, die aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) 2018 hervorgegangen ist. Das Planungsbüro Haines & Leger, begleitet durch die cima (ein Büro für Bürgerbeteiligung), wird die Maßnahme federführend moderieren. Der Prozess soll durch Impulsvorträge externer Referenten ergänzt und transparent kommuniziert werden.
Zeitplan und Verzögerungen
Ein zentraler Aspekt der Diskussion war die Frage, ob eine Verzögerung des Projekts vertretbar ist. Befürworter einer Neuplanung argumentieren, dass das Areal schon seit vielen Jahren brachliegt und ein schnelles Vorankommen wichtig sei. Andererseits wird angeführt, dass das, was jetzt geplant und gebaut wird, die Situation im Quartier über Jahrzehnte bestimmen wird.
Als Beispiel für negative langfristige Folgen unschlüssiger Planungen wird oft das Maxx-Forum (früher „Maxi-Center“) genannt, das seit vielen Jahren mit Problemen kämpft. Um solche Fehler zu vermeiden, lohnt sich laut Befürwortern eine überschaubare Verzögerung des Planungsfortschritts. Die Stadtverwaltung wies zudem darauf hin, dass der bisherige Vorbereitungsprozess auch deshalb so lange dauerte, weil die Grundstücke durch die Memminger Wohnungsbau eG und die Stadt Memmingen erworben werden mussten. Als positives Beispiel für zügige Realisierung von Großprojekten wurden die Umgestaltung des Schrannenplatzes und des Elsbethenareals genannt.
Fazit
Die Entwicklung des Bahnhofsareals in Memmingen ist ein Paradebeispiel für die Herausforderungen moderner Stadtentwicklung. Nach einer Phase, die von Experten als mangelhaft in der Bürgerkommunikation bewertet wurde, und der Wahl eines Investors auf Basis eines städtebaulichen Gesamtkonzepts, kam es zu einer erheblichen Korrektur der Planung im Hinblick auf die Wohnbebauung und Fassadengestaltung.
Der entscheidende Wendepunkt war das Bürgerbegehren der Initiative „Zukunft Bf/4“, das den Prozess stoppte und einen Neustart mit breiter Bürgerbeteiligung erzwang. Die einstimmige Aufhebung des Bebauungsplans durch den Stadtrat signalisiert das Bemühen um einen Konsens. Aktuell befindet sich das Projekt in einer Übergangsphase: Der vorhabenbezogene Bebauungsplan ist aufgehoben, und unter Federführung des Planungsbüros Haines & Leger wird nun ein partizipativer Prozess vorbereitet, der eine breite Öffentlichkeit und eine Arbeitsgruppe integrieren soll.
Für Bauinteressenten und Anwohner bleibt abzuwarten, wie sich das städtebauliche Konzept in den kommenden Monaten weiterentwickelt. Sicher ist, dass die künftige Bebauung nicht nur die Lücke im Stadtbild schließen, sondern auch in Bezug auf Verkehrsentlastung und Aufenthaltsqualität überzeugen muss.
Quellen
- Fragen und Antworten zum Bahnhofsareal Memmingen
- CIMA: Memmingen Bürgerbeteiligung Bahnhofsareal
- Kurierverlag: Plenum segnet Bebauungsplan Bahnhofsareal ab
- Memmingen.de: Die nächsten Schritte für das Bahnhofsareal
- Kurierverlag: Bahnhofsareal Memmingen - Stadtrat beschließt weitere Verhandlungen
- Memmingen.de: Bürgerbegehren zum Bahnhofsareal