Sanierung des Mineralbads Berg in Stuttgart: Eine Bestandsaufnahme eines denkmalgeschützten Bade- und Bauprojekts

Einleitung

Die Generalsanierung des Mineralbads Berg in Stuttgart stellt ein signifikantes Beispiel für die Modernisierung historischer Badeeinrichtungen dar. Als ältestes Bad der Stadt seit 1856 stand das Projekt vor einer der größten baulichen Herausforderungen der letzten Jahre. Die Maßnahme, die ursprünglich als Sanierung des Bestandsgebäudes geplant war, entwickelte sich zu einem komplexen Großprojekt, das einen kompletten Abriss und Neubau erforderte. Dieser Prozess exemplifiziert die Herausforderungen bei der Sanierung von Baudenkmalen und zeigt auf, wie denkmalpflegerische Anforderungen mit zeitgemäßen baulichen Standards vereinbart werden können. Die folgende Analyse beleuchtet die Hintergründe, die Planung, die technische Umsetzung und die Ergebnisse dieses Vorhabens auf Basis der vorliegenden Informationen.

Hintergrund und Entscheidungsfindung

Die Entscheidung zur Generalsanierung fiel im Kontext der städtischen Bäderverwaltung. Im Sommer 2016 beschlossen die Stuttgarter Bäder die Sanierung des Mineralbads Berg. Zu diesem Zeitpunkt ging die Verwaltung noch davon aus, dass das bestehende Gebäude für einen Weiterbetrieb saniert werden könnte. Diese Einschätzung erwies sich jedoch im Verlauf des Projekts als nicht haltbar.

Eine kritische Bestandsaufnahme offenbarte gravierende Mängel. Laut den vorliegenden Berichten war aufgrund "nicht behebbarer baulicher und betrieblicher Mängel" eine Sanierung nicht realisierbar, sodass das Bestandsgebäude komplett abgebrochen werden musste. Diese Erkenntnis markierte den Beginn eines umfangreichen Planungsprozesses für einen kompletten Neubau, wobei der Bäderausschuss in seiner Sitzung am 19. Juni 2015 dem Projektbeschluss zur Generalsanierung bereits zugestimmt hatte (vgl. GRDrs 287/2015).

Die Komplexität des Projekts wurde zusätzlich durch die Lage im historischen Kontext verstärkt. Aus Bürgergesprächen ging hervor, dass die Sanierung idealerweise mit der Neugestaltung und Bebauung des benachbarten Schwanenplatzes durchgeführt werden sollte. Diese städtebauliche Einbettung unterstrich die Notwendigkeit einer durchdachten Planung, die über den reinen Badbetrieb hinausging.

Finanzielle und Zeitliche Rahmenbedingungen

Kostenstruktur

Die finanzielle Dimension des Projekts war erheblich. Die Gesamtkosten des Projekts Generalsanierung Mineralbad Berg beliefen sich auf ca. 34 Millionen Euro. Diese Summe umfasste eine vollumfängliche Sanierung der beiden Gebäudeflügel sowie den Neubau des Bewegungsbades und des Außenbeckens. Die Sanierung betraf, mit Ausnahme der Außengastronomie, alle Betriebsteile des Bads.

In einem späteren Bericht wurde eine Investition von 4,5 Millionen Euro genannt, was vermutlich auf eine Teilauszeichnung oder eine spezifische Teilkostenerfassung (beispielsweise für das Gastronomiegebäude) hindeutet. Aufgrund der unterschiedlichen Nennungen in den Quellen wird festgehalten, dass die Daten aufgrund widersprüchlicher Berichte unklar sind. Die primäre Nennung von 34 Millionen Euro durch die offiziellen Bäderbetriebe stellt jedoch die maßgebliche Größenordnung dar.

Zeitplanung

Das Projekt zog sich über einen erheblichen Zeitraum. Die Sanierungsarbeiten begannen Ende September 2016. Der ursprüngliche Zeitplan sah eine Fertigstellung innerhalb weniger Jahre vor, doch die tatsächliche Bauzeit belief sich auf vier Jahre. Die Arbeiten waren erst im September 2020 abgeschlossen, und die Wiedereröffnung erfolgte am 5. Oktober 2020. Diese vierjährige Bauzeit verdeutlicht die Bedeutung realistischer Zeitplanung bei Großprojekten dieser Art, insbesondere wenn unvorhergesehene bauliche Mängel auftreten.

Architektonische und denkmalpflegerische Konzepte

Ein zentrales Ziel der Sanierung war der Erhalt des spezifischen Charakters des Mineralbads Berg. Die Vorgabe an die Planer war, den in der Stuttgarter Bäderlandschaft einmaligen und prägenden Retrocharakter der 50er-Jahre auch nach der Sanierung zu erhalten.

Erhalt historischer Substanz

Trotz des kompletten Neubaus wurde großer Wert auf den Erhalt spezifischer historischer Elemente gelegt: - Die Holzliegen um das Außenbecken sowie die Holzkabinen wurden während der Bauzeit gesichert, restauriert und wieder aufgebaut. - Die einzigartigen kippartigen Mineralwasserkaltduschen wurden in gleicher Funktion wieder in den gewohnten Bereichen installiert. - Der besondere Baumbestand des parkähnlichen Außenbereichs sowie das kleine Gerätehäuschen blieben erhalten.

Diese Maßnahmen zeigen, dass Denkmalschutz nicht nur im Erhalt von Bausubstanz, sondern auch in der Rekonstruktion charakteristischer Ausstattungselemente bestehen kann.

Neubau und Integration

Das Bewegungsbad wurde als Neubau architektonisch in den Ostflügel integriert. Diese Integration war notwendig, da der Abriss des Bewegungsbades sowie des Technik- und Personalgebäudes beschlossen worden war. Die Generalsanierung sah die Entkernung und Generalsanierung der Bestandsgebäude vor. Um den Altbestand für die Nachwelt zu erhalten, wurde zudem eine Fotodokumentation angefertigt.

Technische und Bauphysikalische Aspekte

Sanierung der Wasserquellen

Während der Baumaßnahme wurden Schäden an der West- und Südquelle festgestellt. Diese Schäden stellten eine erhebliche Gefährdung der Betriebsfähigkeit dar, da das Mineralbad Berg auf die spezifische Heilwasserqualität angewiesen ist. Zum Schutz der Heilwasserquellen mussten die Schäden umgehend mittels einer Komplettsanierung der Westquelle und im Fall der Südquelle durch eine Neubohrung beseitigt werden. Diese Eingriffe in die Hydrogeologie des Standorts waren essenziell für den Erhalt der Badequalität.

Barrierefreiheit und Funktionalität

Ein wesentlicher Aspekt der Modernisierung war die Verbesserung der Zugänglichkeit. Durch Rampen im Eingangsbereich sowie drei Aufzugsanlagen können alle Bereiche des Mineralbads barrierefrei erreicht werden. Diese Maßnahmen entsprechen den aktuellen Normen zur Barrierefreiheit und erweitern den Nutzerkreis des Bads erheblich.

Saunaanlage und Gastronomie

Die Saunaanlage im Obergeschoss wird wie bisher geschlechtergetrennt betrieben. Es stehen je zwei Schwitzkabinen sowie Ruhe- und Aufenthaltsflächen zur Verfügung. Das Foyer im Erdgeschoss wurde umgestaltet, und es wurde eine attraktive Nass- und Trockengastronomie geschaffen. Die Außengastronomie wurde von der Sanierung ausgenommen, was auf eine bestehende, separate Struktur hindeutet.

Das Außenbecken

Das große Außenbecken ist ein Alleinstellungsmerkmal des Mineralbads Berg. Es ist mit einem Bergsee vergleichbar und enthält ausschließlich naturbelassenes, stark kohlensäurehaltiges Heilwasser. Diese spezifische Wasserqualität, die als "wie Champagner" auf der Haut prickelnd beschrieben wird, ist ein zentraler Bestandteil des Badeerlebnisses und der Identität des Bads.

Betriebliche und Soziale Aspekte

Die "Bergianer"-Identität

Die Sanierung hat die soziale Identität des Bads nicht verändert. Oberbürgermeister Fritz Kuhn beschrieb die Philosophie der Besucher als "Bergianer zu sein". Im Gegensatz zu wildem Toben und Planschen steht hier das gediegene Schwimmen und das Genießen des Wassers im Vordergrund. Diese spezifische Kultur des Bads wurde durch die Sanierung bewahrt und Bestandteil der neuen Betriebskonzeption.

Die Stadt als Mineralwasserstadt

Das Projekt unterstrich den Status Stuttgarts als "Mineralwasserstadt". Laut Oberbürgermeister Kuhn sprudeln täglich 44 Millionen Liter aus dem Boden, und es gibt 19 Mineralquellen. Das Mineralbad Berg als ältestes Bad der Stadt profitiert von dieser geologischen Ausstattung.

Bewertung und Auszeichnung

Das Projekt wurde als erfolgreich eingestuft und erhielt die Anerkennung durch den Staatspreis Baukultur 2024. Diese Auszeichnung bestätigt die erfolgreiche Projektumsetzung und setzt Standards für zukünftige Baudenkmal-Sanierungen. Die Investition von 4,5 Millionen Euro (oder 34 Millionen Euro Gesamtkosten) rechtfertigt sich durch den Erhalt eines wichtigen Baudenkmals und die Schaffung moderner Infrastruktur.

Fazit

Die Generalsanierung des Mineralbads Berg in Stuttgart ist ein Paradebeispiel für die Herausforderungen und Möglichkeiten bei der Modernisierung historischer Bäder. Der Weg von der ursprünglich geplanten Sanierung zum kompletten Neubau zeigt die Komplexität von Baudenkmal-Projekten und die Notwendigkeit flexibler Planungsansätze.

Das Projekt demonstriert, wie moderne bauliche Standards mit denkmalschützerischen Anforderungen vereinbart werden können. Die Integration des neuen Bewegungsbades in den historischen Kontext, der Erhalt charakteristischer Elemente wie der Holzliegen und kippartigen Duschen sowie die Schaffung zeitgemäßer Funktionalität unterstreichen den Erfolg des Projekts. Besonders hervorzuheben sind die umgehenden Sanierungsarbeiten an den Heilwasserquellen, die den Fortbestand der spezifischen Badequalität sicherten.

Die vierjährige Bauzeit, die erheblich über den ursprünglichen Planungen lag, verdeutlicht die Bedeutung realistischer Zeitplanung bei derartigen Großprojekten. Die Anerkennung durch den Staatspreis Baukultur 2024 bestätigt die gelungene Umsetzung. Das Mineralbad Berg bleibt als älteste Badeanstalt Stuttgarts ein kulturell bedeutsames Baudenkmal und erfüllt weiterhin seine Funktion als Heil- und Gesundheitsbad für die Bevölkerung, wobei die barrierefreie Erreichbarkeit eine wichtige Modernisierung darstellt.

Quellen

  1. Sanierung des Mineralbads Berg ist abgeschlossen
  2. Mineralbad Berg - Generalsanierung
  3. Mineralbad Berg Stuttgart – Großprojekt der Baudenkmal-Sanierung von der Abrissentscheidung zum preisgekrönten Neubau

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