Einleitung
Die städtebauliche Entwicklung in urbanen Zentren Deutschlands steht zunehmend im Fokus von Planern, Investoren und Anwohnern. Ein exemplarisches Beispiel für eine solche Transformation ist das Bauvorhaben in der Moltkestraße 3-19 in Darmstadt. Dieses Projekt, getragen von der bauverein AG, repräsentiert einen modernen Ansatz der städtischen Nachverdichtung, bei dem nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern die gesamte Quartiersinfrastruktur weiterentwickelt wird. Im Gegensatz zu einer reinen SanierungExisting Bestandsgebäude wurde hier der Weg eines kompletten Neubaus gewählt, um den gestiegenen Anforderungen an Energieeffizienz, Wohnqualität und soziale Infrastruktur gerecht zu werden.
Die vorliegende Analyse beleuchtet die strategischen Entscheidungen, technischen Konzepte und städtebaulichen Maßnahmen dieses Vorhabens. Basierend auf den vorliegenden Informationen aus der Pressearbeit der bauverein AG und den Projektbeschreibungen wird dargelegt, wie durch behutsame Verdichtung ein neues, lebendiges Quartier entsteht. Der Fokus liegt dabei auf den Aspekten des energieeffizienten Bauens, der Integration erneuerbarer Energien sowie der sozialen Aufwertung des Areals.
Strategische Entscheidung: Abriss versus Aufstockung
Ein zentraler Punkt in der Planung der Moltkestraße 3-19 war die Entscheidung über die Behandlung der bestehenden Bausubstanz. In den vergangenen Jahren war es in der Postsiedlung, einem in den 1950er Jahren für Postmitarbeiter erbauten Wohngebiet, gängige Praxis, Bestandsgebäude zu modernisieren und bei Eignung aufzustocken. Diese Methode der städtebaulichen Weiterentwicklung ermöglichte es, innerhalb bestehender Strukturen zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, ohne die gewachsene Nachbarschaft zu zerstören.
Für das Areal Moltkestraße 3-19 ergab sich jedoch eine andere Ausgangslage. Die Analyse der Bausubstanz ergab, dass sich die vorhandenen Gebäude im Unterschied zu anderen Gebäuden der Moltkestraße oder der Binger Straße nicht für eine Aufstockung eigneten. Diese Einschätzung führte zu der Entscheidung, fünf Bestandsgebäude zurückzubauen. Dieser Schritt, der im November des Vorjahres eingeleitet wurde, schaffte den notwendigen Raum für eine komplette Neubebauung.
Die Entscheidung für den Abriss und den Neubau anstelle einer Sanierung oder Aufstockung ist ein signifikanter Eingriff in die städtebauliche Struktur. Sie ermöglicht jedoch eine effizientere Ausnutzung der Fläche und die Umsetzung eines durchgängigen, modernen Energiekonzepts, das bei einer Mischung aus alten und neuen Bauten schwieriger zu realisieren wäre. Durch den Rückbau entstand eine Brache, die als Chance genutzt wurde, ein vollständig neues Ensemble aus sechs Mehrfamilienhäusern zu planen, das den heutigen Standards in Bezug auf Barrierefreiheit, Energieverbrauch und Wohnkomfort entspricht.
Städtebauliches Konzept und Wohnraumgeschaffung
Das Projekt Moltkestraße 3-19 ist ein Paradebeispiel für städtische Nachverdichtung. Das Ziel ist es, in einer begehrten Wohnlage zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, ohne in die Fläche zu wachsen. Durch den Neubau auf der frei gewordenen Fläche zwischen Binger-, Moltke- und Bessunger Straße verdreifacht sich die Wohnfläche im Vergleich zur vorherigen Bebauung.
Konkret plant die bauverein AG den Bau von sechs Gebäuden mit einer Gesamtwohn- und Nutzfläche von ca. 12.400 Quadratmetern. In diesen Gebäuden entstehen 131 Wohnungen. Diese Zahl unterstreicht das Ziel, den Darmstädter Wohnungsmarkt entspannen zu helfen. Besonders hervorzuheben ist die soziale Komponente der Wohnungsvergabe: 25 Prozent der Wohnungen sind öffentlich gefördert, und weitere 20 Prozent sind für Empfänger mittlerer Einkommen reserviert. Diese Quote stellt sicher, dass das Quartier auch für einkommensschwächere Haushalte und Familien zugänglich bleibt und eine soziale Durchmischung erfolgt.
Neben dem reinen Wohnraum ist die Infrastruktur ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Die Gebäude beherbergen Angebote der Kinderbetreuung. Konkret entsteht eine Kindertagesstätte (Kita) mit fünf Gruppen sowie eine Schulbetreuung für die Heinrich-Heine-Schule. Diese Integration von Betreuungseinrichtungen direkt in den Wohnhäusern ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität im Quartier und die Entlastung von Familien.
Ein weiterer städtebaulicher Qualitätsmerkmal ist die Gestaltung der Freiflächen. Zwischen den sechs Gebäuden sind große Innenhöfe und grüne Begegnungsflächen geplant. Diese sollen nicht nur als Durchgangsraum dienen, sondern als Treffpunkt der Nachbarschaft fungieren und so den sozialen Zusammenhalt stärken. Zudem wird das hohe Maß an Bebauungsdichte durch ein hochwertiges Außenanlagenkonzept und großflächige Fassadenbegrünung aufgefangen, was zur Aufwertung des Mikroklimas beiträgt.
Energiekonzept: Quartiersansatz und Effizienz
Ein Kernstück des Projekts ist das hocheffiziente Energiekonzept, das über die Anforderungen an einzelne Gebäude hinausgeht. Die Moltkestraße 3-19 ist Teil des Forschungsprojekts „SWIVT“ (Stadtumbau mit integrierten Verkehrskonzepten und Themen), bei dem ein ganzheitlicher Quartiersansatz verfolgt wird. Ziel des Projekts, das in Zusammenarbeit der bauverein AG mit der TU Darmstadt entsteht, ist die Verbesserung des energetischen Profils und der Energiebilanz des gesamten Quartiers um mindestens 30 Prozent.
Für die Umsetzung dieses Ziels wird in der Energiezentrale des neuen Ensembles eine Kombination verschiedener Technologien eingesetzt. Das System basiert auf der Zusammenarbeit von Blockheizkraftwerken (BHKW), Wärmepumpen und Gaskesseln.
- Blockheizkraftwerke (BHKW): Diese Anlagen erzeugen gleichzeitig Strom und Wärme (Kraft-Wärme-Kopplung). Sie zeichnen sich durch einen hohen Wirkungsgrad aus und tragen zur Reduzierung des Primärenergiebedarfs bei.
- Wärmepumpen: Ein entscheidender Bestandteil ist die Nutzung von Geothermie. Die Wärmepumpen entnehmen Wärme dem Erdreich. Diese Nutzung von Umweltwärme ist eine äußerst effiziente Methode der Wärmeerzeugung, die den Einsatz fossiler Brennstoffe reduziert.
- Gaskessel: Diese dienen als Spitzenlastabdeckung und sorgen für die Versorgungssicherheit, wenn die anderen Quellen nicht ausreichen.
Durch diese intelligente Vernetzung der Energiesysteme auf Quartiersebene kann die Effizienz der Energieerzeugung und -verteilung deutlich gesteigert werden, verglichen mit einer dezentralen Versorgung einzelner Gebäude.
Verkehrsinfrastruktur und Stellplatzkonzept
Die ausreichende Versorgung mit Parkplätzen ist in dicht besiedelten Wohngebieten ein kritischer Faktor. Die Postsiedlung ist ein Gebiet, in dem der Parkraum bereits heute knapp ist. Dem Rechnung tragend, plant das Projekt unter dem Gebäudeensemble eine großzügige Tiefgarage.
Das Konzept für die Tiefgarage geht über die reine Bedarfsdeckung für die neuen Bewohner hinaus: * Kapazität: In der Tiefgarage sind über 120 Stellplätze vorgesehen. Die Bauarbeiten für die Tiefgarage sollen bis März 2021 abgeschlossen sein. * Nutzungskonzept: Es wurden mehr Stellplätze eingeplant, als für die Bewohner der 131 Wohnungen notwendig sind. Der Überschuss soll an Nachbarn vermietet werden können. * Strategische Maßnahme: Durch die Möglichkeit der Anmietung für Anwohner der Umgebung sollen oberirdische Parkflächen langfristig für das Quartier nutzbar gemacht werden. Dies fördert eine verkehrsberuhigte Gestaltung der Oberfläche. * Fahrradinfrastruktur: Neben PKW-Stellplätzen sieht die Tiefgarage explizit Abstellflächen für Fahrräder vor. Zusätzlich entstehen überdachte und abschließbare Abstellmöglichkeiten in den Innenhöfen, was die Akzeptanz des Fahrrads als Fortbewegungsmittel erhöht.
Zeitplanung und Projektmanagement
Das Bauvorhaben ist in klare Phasen unterteilt, die eine strukturierte Umsetzung gewährleisten. Die Bauarbeiten für die Neubauten haben Mitte September begonnen. Der erste Bauabschnitt umfasst die Errichtung der Tiefgarage, die bis März 2021 fertiggestellt werden soll. Im direkten Anschluss beginnt der Bau der sechs mehrstöckigen Häuser.
Die Fertigstellung des gesamten Projekts ist für Anfang 2022 geplant. Ein Teil der Wohnungen (die ersten Gebäude) sollen bereits Ende 2021 bezugsfertig sein, um den Bedarf schnellstmöglich zu decken. Dieser Zeitplan zeigt die Ambition des Investors, die Bauzeit so kurz wie möglich zu halten, was durch die Wahl des Neubaus und die Vorfertigung von Bauteilen unterstützt werden kann.
Zusammenarbeit und Gesellschaftliche Einbettung
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Projekts ist die enge Zusammenarbeit mit dem Verein „Zusammen in der Postsiedlung e.V.“. Dieser Verein vertritt die Interessen der Anwohner und hat maßgeblichen Einfluss auf die Planung genommen. Die Integration einer neuen, größeren Räumlichkeit für die Schulkinder-Betreuung und einer Postsiedlungs-Kita geht auf die Bedürfnisse des Vereins zurück und wird als „großer Fortschritt für die soziale Infrastruktur im Quartier“ gewertet.
Die bauverein AG betont, dass die Postsiedlung durch die behutsame Modernisierung und die neuen Projekte zu einem lebendigen urbanen Stadtteil mit hohem Wohnwert und engagierter Nachbarschaft geworden ist. Das Projekt Moltkestraße 3-19 ist somit kein isoliertes Bauprojekt, sondern ein Baustein einer langfristigen Quartiersentwicklung, die 2008 begann.
Fazit
Das Bauvorhaben Moltkestraße 3-19 in Darmstadt ist ein zukunftsweisendes Beispiel für städtische Neubauten im dichten urbanen Gefüge. Es demonstriert, wie durch den Abriss von fünf ungenügenden Bestandsgebäuden und den Neubau von sechs effizienten Mehrfamilienhäusern eine Verdreifachung der Wohnfläche erreicht werden kann. Das Projekt integriert dabei alle Aspekte moderner Stadtentwicklung: Es schafft bezahlbaren Wohnraum für verschiedene Einkommensgruppen, baut soziale Infrastruktur wie Kitas direkt in die Wohnhäuser ein und gestaltet Begegnungsräume im Innenhof.
Technologisch setzt das Projekt Maßstäbe durch den Quartiersansatz im Energiebereich. Die Kombination aus Geothermie, Blockheizkraftwerken und Wärmepumpen im Rahmen des Forschungsprojekts SWIVT zielt auf eine Energieeinsparung von über 30 Prozent. Gleichzeitig löst das Konzept der Tiefgarage mit der Einbindung der Nachbarschaft das Problem des Parkraummangels und fördert eine verkehrsarme Oberfläche.
Für Bauherren, Investoren und Planer zeigt dieses Projekt, dass eine Kombination aus wirtschaftlichem Denken, sozialem Verantwortungsbewusstsein und technologischer Innovation der Schlüssel für eine erfolgreiche und nachhaltige Stadterneuerung ist. Die Fertigstellung für Anfang 2022 wird die Postsiedlung um ein modernes, lebendiges und zukunftsfähiges Quartier erweitern.