Sanierung einer architektonischen Ikone: Die umfassende Fassadensanierung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Einleitung

Die Sanierung von Baudenkmälern stellt die Bauindustrie und Auftraggeber vor besondere Herausforderungen. Dies gilt insbesondere für Gebäude aus der Nachkriegszeit, deren innovative Baustoffe und Konstruktionen nach Jahrzehnten oft eine dringende Instandsetzung erfordern. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Maßnahme ist die umfassende Sanierung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Das Gebäude, das zwischen 1970 und 1973 als erste Musikhochschule der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland errichtet wurde, unterzieht sich einer umfangreichen Fassadensanierung, die nicht nur den Erhalt des Denkmals sichert, sondern auch modernste bautechnische Lösungen integriert.

Die Bedeutung dieser Sanierung geht über den reinen Denkmalschutz hinaus. Es handelt sich um ein Projekt, das die Notwendigkeit von Investitionen in die öffentliche Infrastruktur unterstreicht und gleichzeitig innovative Materialien zur Anwendung bringt. Für Bauherren, Immobilienbesitzer und Fachleute im Bauwesen bietet die Sanierung der HMTMH wertvolle Einblicke in die Sanierung von Betonfassaden, die Anwendung von Leichtbeton sowie die Finanzierung großer Bauprojekte durch staatliche Mittel.

Das Bauwerk: Architektonische und historische Bedeutung

Die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ist mehr als nur ein Funktionsbau; sie ist ein architektonisches Meisterwerk der Moderne. Entworfen von den Architekten Rolf-Dieter Ramcke und Max Widiger, die im Hochbauamt der Landeshauptstadt Hannover tätig waren, entstand zwischen 1970 und 1973 ein Gebäude von besonderer Gestaltung.

Die Form und Struktur

Das Bauwerk ist bekannt für seine einzigartige Grundrissform, die erstaunlich an die Anatomie des menschlichen Ohres erinnert. Dieser plastische, organisch anmutende Massivbau umschließt einen nach Norden zum Stadtwald geöffneten Innenhof. Der drei- bis viergeschossige Baukörper ist durch die Stapelung einzelner Raumvolumen nach außen und ein terrassenartiges Abtreppen zum Innenhof hin charakterisiert. Diese Bauweise schafft eine ausgewogene Maßstäblichkeit und zahlreiche Kommunikations- und Begegnungsflächen, die trotz der monumentalen Form eine angenehme, bergende Atmosphäre vermitteln.

Materialität und Denkmalschutz

Die Fassadengestaltung ist ein zentrales Merkmal des Gebäudes. Sie besteht aus einer Kombination von schalungsrau hergestelltem Sichtbeton und Kalksandstein. Diese komplexe Farb- und Materialgestaltung ist an allen Innenräumen und Außenfassaden vorzufinden und blieb über die Jahrzehnte erhalten. Aufgrund seiner architektonischen Bedeutung und Authentizität steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Die Erhaltung dieser originalen Bausubstanz, insbesondere der charakteristischen Sichtbetonflächen, ist ein Kernanliegen der Sanierung.

Der Sanierungsbedarf: Schäden an der Betonfassade

Nach über 40 Jahren im Einsatz zeigte das Gebäude deutliche Zeichen von Alterung und Witterungsschäden. Die Sanierung war unausweichlich geworden, um die Bausubstanz zu erhalten und die Funktionalität des Gebäudes zu gewährleisten.

Ursachen der Erosion

Die primären Schäden traten an der Sichtbetonfassade auf. Im Laufe der Jahrzehnte war die Oberfläche stark erodiert. Die Datenlage zeigt, dass der Sichtbeton im Bereich der Außenfassade witterungsbedingt geschädigt wurde. Insbesondere im Bereich des Sichtbetons wurde die Fassade stellenweise porös. Diese Porosität führte dazu, dass Feuchtigkeit in das Betongefüge eindringen konnte, was den Zerstörungsprozess beschleunigt und die Statik des Gebäudes langfristig gefährden kann.

Die Notwendigkeit der Sanierung

Die Hochschule selbst beschrieb den Zustand als "dringend sanierungsbedürftig". Die Schäden waren so fortgeschritten, dass eine bloße Oberflächenbehandlung nicht mehr ausreichte. Eine umfassende Instandsetzung der Fassade war notwendig, um das denkmalgeschützte Haupthaus zu erhalten. Die Sanierung dient dazu, die Hülle des Gebäudes wieder dauerhaft witterungsbeständig zu machen und den Erhalt des historischen Erscheinungsbildes zu sichern.

Die Finanzierung: Staatliche Investitionen in die Bildungsinfrastruktur

Großprojekte wie die Sanierung der HMTMH erfordern erhebliche finanzielle Mittel. Die Quellenlage zeigt deutlich, wie solche Maßnahmen durch staatliche Förderprogramme ermöglicht werden.

Hohe Millionenbeträge

Die Sanierung der Fassade und der ehemaligen Tanzsäle am Hauptgebäude Emmichplatz wurde durch einen beträchtlichen Finanzierungstopf ermöglicht. Konkret wurden 21,7 Millionen Euro bereitgestellt. Diese Mittel wurden für die dringend benötigte Sanierung der Betonfassade und der ehemaligen Tanzsäle im Hauptgebäude bereitgestellt.

Herkunft der Mittel

Die Finanzierung erfolgte durch das Land Niedersachsen. Konkret handelte es sich um das am 9. Juni 2017 bekanntgegebene „Sondervermögen zur Nachholung von Investitionen bei den Hochschulen in staatlicher Verantwortung“. Diese Maßnahme war Teil eines breiteren Programms zur Modernisierung der Hochschulinfrastruktur. Auch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur stellte mit dem Programm HP-INVEST zusätzliches Geld für Sanierungen an niedersächsischen Hochschulen zur Verfügung, was die Bedeutung der Sanierung der HMTMH in den Kontext landesweiter Investitionen stellt.

Die damalige Präsidentin der Hochschule, Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann, betonte die Wichtigkeit dieser Mittel. Sie stellte fest, dass eine international glänzend aufgestellte Institution wie die HMTMH eine Infrastruktur verdient, die dies widerspiegelt. Die Bereitstellung der Mittel legte den Grundstein für den Erhalt des Haupthauses.

Technische Durchführung: Sanierung und Neugestaltung

Die Sanierung umfasste zwei Hauptbereiche: die Instandsetzung der Außenfassade und die Umnutzung der ehemaligen Tanzsäle. Beide Bereiche erforderten spezifische technische Lösungen.

Instandsetzung der Betonfassade

Im Fokus der Sanierungsarbeiten stand die Wiederherstellung der witterungsbeständigen Hülle. Da der Sichtbeton porös war und Feuchtigkeit aufnahm, musste die Fassade fachgerecht saniert werden. Die Sanierung zielte darauf ab, die strukturelle Integrität des Betons wiederherzustellen und das Eindringen von Wasser zu verhindern.

Innovative Materialien: Leichtbeton für die Denkmalpflege

Ein besonders interessanter Aspekt der Sanierung war die Verwendung moderner Materialien im Einklang mit denkmalpflegerischen Ansprüchen. An der Südecke des Innenhofs wurde eine neue Fassade aus Liapor-Leichtbeton installiert. Liapor ist ein Leichtzuschlagskorn aus gebranntem Ton, das in Kombination mit Zement einen leichten, wärmedämmenden Beton ergibt.

Diese Entscheidung brachte mehrere Vorteile: 1. Leichtigkeit: Leichtbeton hat ein geringeres Gewicht als Normalbeton, was die Traglast des bestehenden Bauwerks entlastet. 2. Wärmedämmung: Der Leichtbeton bietet bessere thermische Eigenschaften als herkömmlicher Beton, was zur Energieeffizienz des Gebäudes beiträgt. 3. Optische Anpassung: Die neue Fassade wurde so gestaltet, dass sie sich in das Erscheinungsbild des Gebäudes einfügt. Die Sichtbetonfassade im Innenhof des denkmalgeschützten Bauwerks wurde in Teilen originalgetreu saniert, wobei die neue Leichtbetonfassade die Optik des schalungsrauen Sichtbetons imitiert oder sinnvoll ergänzt.

Diese Anwendung zeigt, wie modernste Baustofftechnologie genutzt werden kann, um historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig die energetischen Anforderungen an Gebäude zu erfüllen.

Umnutzung der ehemaligen Tanzsäle

Ein weiterer wichtiger Baustein der Sanierung war die Optimierung der Räumlichkeiten. Die ehemaligen Tanzsäle, die seit 2001 nicht mehr benötigt wurden, wurden mit den bereitgestellten Landesmitteln umgebaut. Der Umbau diente dazu, diese Flächen für musikalische Proben- und Konzertnutzung zu optimieren. Dies ist ein Beispiel für eine sinnvolle Raumnutzung, die bestehende Gebäude wieder für aktuelle Bedürfnisse nutzbar macht und somit Ressourcen schont.

Ausschreibungen und Vergabepraxis

Für die Umsetzung eines Projekts dieser Größenordnung ist eine professionelle Ausschreibungspraxis unerlässlich. Die Vergabe der Bauarbeiten erfolgte über einen offenen Prozess, der Transparenz und Wettbewerb sicherstellte.

Das Verfahren

Die Sanierung der Fassade und die damit verbundenen Metallbauarbeiten wurden unter der Kennung 24E40220 ausgeschrieben. Als Auftraggeber fungierte das Land Niedersachsen, vertreten durch das Staatliche Baumanagement Niedersachsen. Es handelte sich um ein offenes Verfahren, bei dem qualifizierte Unternehmen die Möglichkeit hatten, Angebote abzugeben.

Anforderungen an die Unternehmen

Besonderer Wert wurde auf die Präqualifikation der Bauunternehmen gelegt. Die Ausschreibung sah vor, dass präqualifizierte Unternehmen den Nachweis der Eignung durch den Eintrag in die Liste des Vereins für die Präqualifizierung von Bauunternehmen e.V. führen. Dies dient der Sicherstellung, dass nur fachlich und finanziell leistungsfähige Unternehmen mit der Sanierung beauftragt werden, was bei komplexen Denkmalssanierungen von entscheidender Bedeutung ist.

Relevanz für die Bauwirtschaft und Immobilienbesitzer

Die Sanierung der HMTMH ist nicht nur für die Musikhochschule relevant, sondern bietet auch allgemeine Lehren für die Bauwirtschaft und Eigentümer von Immobilien, insbesondere solchen aus der Nachkriegsmoderne.

Langlebigkeit von Betonfassaden

Das Projekt verdeutlicht die Lebensdauer von Sichtbetonfassaden aus den 1970er Jahren. Obwohl diese Fassaden oft als extrem langlebig galten, zeigen die Schäden an der HMTMH, dass auch Beton einer regelmäßigen Wartung und Pflege bedarf. Die Porosität und Feuchtigkeitsaufnahme sind typische Alterungserscheinungen, die bei der Planung neuer Gebäude berücksichtigt werden müssen und bei Bestandsgebäuden frühzeitig erkannt werden sollten.

Sanierung vs. Neubau

Die Diskussion um einen möglichen Neubau der Musikhochschule, die in Teilen der Presse geführt wurde (Stichwort "Neubau für die Zukunft"), steht im Kontrast zu der nun umgesetzten Sanierung. Die Entscheidung, Millionen in die Sanierung des bestehenden denkmalgeschützten Gebäudes zu investieren, unterstreicht den Wert der Erhaltung von Bausubstanz. Für Immobilienbesitzer bedeutet dies, dass die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes oft die wirtschaftlichere und kulturell wertvollere Alternative zum Abriss und Neubau sein kann, sofern die Finanzierung gesichert ist.

Innovative Sanierungstechniken

Der Einsatz von Liapor-Leichtbeton ist ein Praxisbeispiel für die Modernisierung von Bestandsgebäuden. Für Bauherren, die ältere Gebäude sanieren wollen, bietet die Verwendung von Leichtmörteln oder Leichtbetonen eine Möglichkeit, die Traglast zu reduzieren und gleichzeitig die Wärmedämmung zu verbessern, ohne das Erscheinungsbild eines Massivbaus zu verlieren.

Zusammenfassung der Bauphase und Ergebnisse

Die Sanierung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ist ein Paradebeispiel für eine gemanagte Bauleistung im öffentlichen Bereich. Die Maßnahme umfasste: 1. Die Sicherung der Finanzierung: Durch das Sondervermögen des Landes Niedersachsen. 2. Die technische Planung: Instandsetzung des Sichtbetons und Integration von Leichtbeton-Elementen. 3. Die Ausschreibung: Ein offenes Verfahren mit hohen Qualitätsanforderungen an die Unternehmer. 4. Die Umsetzung: Sanierung der Fassade und Umbau der Probesäle.

Das Ergebnis ist ein erhaltenes Denkmal der Nachkriegsmoderne, das für den künstlerischen und akademischen Betrieb optimiert wurde und durch moderne Baustoffe energetisch aufgewertet wurde.

Fazit

Die Sanierung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ist ein bedeutendes Projekt, das die Bedeutung von Denkmalschutz, staatlicher Infrastrukturpolitik und technischer Innovation im Bauwesen hervorhebt. Die Investition von 21,7 Millionen Euro in die Instandsetzung der Betonfassade und die Umnutzung der Räume bewahrt nicht nur ein architektonisches Juwel der Nachkriegszeit, sondern sichert auch die Funktionalität einer der wichtigsten Musikhochschulen Deutschlands.

Für die Bauwirtschaft zeigt das Projekt, dass die Sanierung von Betonfassaden ein komplexer Prozess ist, der spezialisierte Kenntnisse erfordert – von der Erkennung von Feuchtigkeitsschäden bis hin zur Anwendung von Leichtbeton im Denkmalschutz. Die Vorgehensweise, von der Bereitstellung öffentlicher Mittel über die präzise Ausschreibung bis zur materialgerechten Ausführung, dient als Leitfaden für ähnliche Projekte. Der Erhalt des Gebäudes, das durch seine Formgebung an das menschliche Ohr erinnert, ist ein Gewinn für die Stadt Hannover und ein Zeichen dafür, dass auch moderne Baudenkmäler einer langfristigen Pflege bedürfen, um ihre Substanz für zukünftige Generationen zu erhalten.

Quellen

  1. Hannover.de - Millionenbetrag für Gebäudesanierung
  2. Hannoversche Allgemeine Zeitung - Musikhochschule Hannover fordert Neubau
  3. HMTM Hannover - Knapp 22 Millionen für Gebäudesanierung
  4. Liapor - Neue Leichtbetonfassade für das "Ohr"
  5. Ressource Kulturerbe - Best Practice Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
  6. Ausschreibungen Deutschland - Sanierung der Fassade
  7. Hannover.de - Sanierungen: Fast 22 Millionen Euro zusätzlich

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