Einleitung
Die Müllverbrennungsanlage (MVA) in Darmstadt, offiziell als Müllheizkraftwerk (MHKW) bekannt, befindet sich derzeit in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Betrieben vom Zweckverband Abfallverwertung Südhessen (ZAS) und geleitet von der ENTEGA AG, dient die Anlage der thermischen Verwertung von Restabfällen aus der Region. Mit einer jährlichen Kapazität von rund 200.000 Tonnen Abfall spielt sie eine zentrale Rolle in der regionalen Abfallwirtschaft und erzeugt dabei Strom und Fernwärme. Die vorliegenden Informationen aus verschiedenen Fachquellen beleuchten die Notwendigkeit und den Umfang der geplanten Umbaumaßnahmen, die sowohl die Sanierung bestehender Strukturen als auch den Ersatz von Anlagenteilen umfassen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Phosphorrückgewinnung und der Einhaltung strenger Umweltauflagen, die einen Rückbau bei laufendem Betrieb erfordern.
Die Notwendigkeit der Modernisierung
Das Müllheizkraftwerk Darmstadt ist ein komplexes System, das aus ursprünglich drei Verbrennungslinien (Linie 1, 2 und 3) besteht. Um die Versorgungssicherheit für die Restabfälle der Region langfristig zu gewährleisten und den aktuellen Stand der Technik zu erreichen, plant der ZAS umfangreiche Umbaumaßnahmen. Diese sind in zwei Teilprojekte unterteilt.
Das Ziel dieser Maßnahmen ist die Neustrukturierung der Abfallverbrennung. Die bestehende Anlagentechnik soll modernisiert werden, um nicht nur die Effizienz zu steigern, sondern auch um neue Anforderungen wie die Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm zu integrieren. Die Notwendigkeit ergibt sich aus dem Alter der Anlage und den gesetzlichen Vorgaben, die eine stetige Anpassung an den Stand der Technik fordern, insbesondere im Hinblick auf Emissionsgrenzwerte.
Sanierung der Infrastruktur
Ein konkreter Aspekt der Modernisierung ist die Sanierung des Müllbunkers. Der Müllbunker stellt das Herzstück der Anlage dar, da hier die angelieferten Abfälle zwischengelagert werden. Die Dachdecke des Bunkers muss intakt sein, um die Funktionalität zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die gesetzlich vorgegebenen Grenzwerte auch zukünftig weit unterschritten werden. Die Planung für die Sanierung des Müllbunkerdaches, die oberseitige Dämmung und die Abdichtung wurde an das Ingenieurbüro KREBS+KIEFER übertragen. Diese Arbeiten sind essenziell für die langfristige Betriebssicherheit.
Umbau der Verbrennungslinien: Rückbau und Neubau
Im Rahmen des Teilprojektes 1 plant der ZAS den vollständigen Rückbau der Verbrennungslinie 2. Diese soll durch eine größere, modernere Linie 4 ersetzt werden. Dieser Schritt ist notwendig, um die Kapazitäten zu bündeln und die Anlagentechnik effizienter zu gestalten.
Herausforderung: Betrieb bei laufender Anlage
Eine der größten Herausforderungen bei dieser Modernisierung ist der zeitliche Ablauf. Die Arbeiten müssen durchgeführt werden, während der Betrieb der benachbarten Linien 1 und 3 weiterhin aufrechterhalten wird. Dies erfordert höchste Präzision und Sicherheitsstandards.
Im Zuge dieser Maßnahmen wurde die Demontage der Kesselanlage, des Aufgabetrichters, der Entschlackung, der Elektrofilter, der Wäschereinheit und weiterer Anlagenteile der Linie 2 notwendig. Diese Demontage erfolgt kontrolliert bis zur Oberkante der Bodenplatte.
Schadstoffentfrachtung vor dem Rückbau
Vor dem eigentlichen Rückbau der Anlagentechnik der Linie 2 war eine systematische Schadstoffentfrachtung zwingend erforderlich. Die nicht mehr benötigte Technik musste von schädlichen Substanzen befreit werden. Dazu zählten: * Restöle * Schwermetallhaltige Stäube * Künstliche Mineralfasern (KMF-Isolierungen) * Asbest
Diese Arbeiten geschahen bei geschlossener, abgeschotteter Gebäudehülle. Um die Arbeiter und die Umgebung zu schützen, wurde ein geregelter Luftstrom durch leistungsstarke Unterdruckhaltegeräte (UHG) sichergestellt. Die Leistung dieser Geräte beträgt 100.000 m³/h, was die Komplexität und die hohen Sicherheitsanforderungen an den Rückbau bei laufendem Betrieb verdeutlicht.
Integration der Phosphorrückgewinnung
Ein zentraler Bestandteil der Modernisierung ist die Etablierung der Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm. Ab dem Jahr 2029 soll die Anlage jährlich rund 55.000 Tonnen Klärschlamm verbrannt können. Diese Menge stammt aus Kläranlagen der Stadt Darmstadt, des Landkreises Darmstadt-Dieburg sowie der Kreise Groß-Gerau und Bergstraße.
Verfahrenstechnik
Das Verfahren zur Phosphorgewinnung ist technisch anspruchsvoll. Der kommunale Klärschlamm wird an zwei eingehausten Abkippstellen mit geschlossenen Lastwagen angeliefert und in zwei Silos zwischengelagert. Anschließend wird er in einem Drehrohrofen getrocknet, pyrolysiert und verbrannt. Dieser Ofen wird mit Heißgas aus dem neuen Müllverbrennungskessel befeuert. Die entstehende Asche enthält nach Angaben der Betreiber 90 Prozent des im Klärschlamm enthaltenen Phosphors. Diese Asche wird zu granulierter phosphorhaltiger Asche verarbeitet, die als Düngemittel für Landwirte in der Region Südhessen wiederverwendet werden kann. Alternativ können daraus rund 1.000 Tonnen Phosphat gewonnen werden.
Betriebliche Integration
Die komplette Verbrennungsluft des Drehrohrofens wird in den neuen Müllkessel zurückgeleitet und dort ebenfalls verbrannt. Die Rauchgasreinigung des Müllheizkraftwerks filtert die Schwermetalle aus, deren Siedepunkt vorher durch die Zugabe von Additiven herabgesetzt wurde. Laut Betreiber sollen Geruchsbelästigungen durch die eingehausten Abkippstellen und geschlossenen Transporte nicht auftreten. Der Betrieb der Phosphorreinigungsanlage soll „rein kostendeckend und ohne Gewinnerzielungsabsicht“ erfolgen.
Genehmigungen und Planung
Für die durchgreifenden Umbaumaßnahmen, die eine Neustrukturierung der Abfallverbrennung und die Integration der Phosphorrückgewinnung umfassen, sind behördliche Genehmigungen erforderlich. Das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt hat den Umbau des Müllheizkraftwerks genehmigt. Die Übergabe des entsprechenden Bescheids an Vertreter des ZAS und der ENTEGA AG markiert den Startschuss für die Modernisierung, da der Weg für die Umsetzung nun frei ist.
Planung der Rauchgasreinigung
Für die Planung der Rauchgasreinigung der neuen Linie 4 ist das Unternehmen ete.a innerhalb der „ARGE Hutter Frei Power + FP“ zuständig. Dies unterstreicht die Notwendigkeit spezialisierter Ingenieursdienstleistungen bei der Umsetzung solcher Großprojekte.
Sicherheitsaspekte und Umweltstandards
Die Sanierung und der Rückbau der Anlage werden unter höchsten Sicherheits- und Umweltstandards durchgeführt. Die Notwendigkeit, Schadstoffe wie Asbest und KMF systematisch zu entfernen, bevor die eigentliche Demontage beginnt, zeigt das Risikopotenzial alter Industrieanlagen. Der Einsatz von Unterdruckhaltegeräten mit einer Leistung von 100.000 m³/h ist ein technisches Mittel, um eine Ausbreitung von Schadstoffen während der Arbeiten zu verhindern. Dieses Vorgehen wird von spezialisierten Teams durchgeführt, die auf komplexe Projekte im Anlagenrückbau spezialisiert sind.
Fazit
Die Müllverbrennungsanlage in Darmstadt steht vor einer umfassenden Transformation. Die Maßnahmen umfassen nicht nur die Sanierung bestehender Infrastruktur wie des Müllbunkerdaches, sondern auch den radikalen Ersatz von Anlageteilen, um den Anforderungen der modernen Abfallwirtschaft gerecht zu werden. Die Integration der Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm stellt dabei einen bedeutenden Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft dar. Die Herausforderung besteht darin, diese umfangreichen Umbauten bei laufendem Betrieb der restlichen Anlagenteile durchzuführen, was eine hohe technische Kompetenz und strikte Einhaltung von Sicherheitsstandards erfordert. Die erteilte Genehmigung durch das Regierungspräsidium Darmstadt ebnet den Weg für die Umsetzung dieser notwendigen Modernisierung, die die Anlage für die Zukunft rüstet.
Quellen
- KREBS+KIEFER - Müllheizkraftwerk statt Schreibtisch
- ZAS Darmstadt - Umbaumaßnahmen Modernisierung
- Landwehr - Schadstoffsanierung und Rückbau
- ZAS Darmstadt - Das Müllheizkraftwerk
- ete.a - ZAS MKHW Darmstadt
- EUWID - RP genehmigt Umbau des Darmstädter Müllheizkraftwerks
- FR.de - Darmstadt: Wasserstoff aus Abfall