Die Integration moderner Architektur in historische Bausubstanz stellt eine der anspruchsvollsten Aufgaben im modernen Bauwesen dar. Insbesondere bei der Sanierung von Denkmälern für neue Nutzungen, wie etwa Museen, treffen historische Erhaltenswerte auf zeitgemäße Anforderungen an Funktionalität, Energieeffizienz und Nutzungsflexibilität. Die vorliegenden Informationen aus verschiedenen Quellen beleuchten exemplarisch Projekte, die diesen Spagat meistern, und geben Aufschluss über Planungsstrategien, Finanzierungsmodelle und architektonische Leitbilder.
Die Verbindung von Alt und Neu am Beispiel der Kasseler Torwache
Ein prominentes Beispiel für die Verschmelzung von Denkmalpflege und zeitgenössischem Neubau ist das Projekt zur Erweiterung des Museumsquartiers in Kassel. Der Wettbewerb im Jahr 2017 zielte auf die Planung eines neuen Bausteins für die weltweit einzigartige Tapetensammlung am Brüder-Grimm-Platz. Kern der Aufgabe war die Einbindung der denkmalgeschützten „Torwache“, die zwischen 1814 und 1822 Wohnsitz der Gebrüder Grimm war, in die neue Museumsfläche. Zusätzlich mussten Räume für Museumspädagogik, Verwaltung und Depot geschaffen werden.
Die architektonische Lösung sah einen Neubau vor, der als Vermittler zwischen der städtebaulichen Kante zum Platz und der orthogonalen Stadtstruktur Kassels fungiert. Das Gebäude soll eine klare Platzkante entlang der vorgegebenen Baulinie bilden, wobei die Eigenständigkeit der Torwache als Kopfbau an der Wilhelmshöher Allee gewahrt bleibt. Die Verbindung zwischen Alt und Neu erfolgt über eine Überformung des Dachaufbaus des erhaltenen Treppenhauses. Dieses gestalterische Mittel verschränkt zwei formal und inhaltlich eigenständige Gebäude zu einem Gesamtkunstwerk. Das Projekt setzt auf eine formsprachlich einfache Lösung, die das sensible Zwischenbauwerk aus den 50er Jahren mit integriert. Der Neubauteil erhält eine monolithische Hülle, bei der sich Teile der Fassade konkav nach innen wölben.
Sanierung und Rekonstruktion im Hamburger Museum der Arbeit
Im Hamburger Museum der Arbeit, untergebracht in den historischen Gebäuden des ehemaligen Fabrikgeländes der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH), entsteht im Torhaus ein neuer, attraktiver Museumsbereich. Das Projekt ist Teil eines laufenden Modernisierungsprozesses, der 25 Jahre nach der Eröffnung des Museums notwendig geworden ist.
Das Ziel der Sanierung ist die Wiederherstellung der ehemaligen Kubatur des Torhauses, um den historischen Kontext im Gebäudeensemble deutlich zu machen. Durch die Rekonstruktion des historischen Dachbereiches entsteht ein neues Obergeschoss, das für spezielle pädagogische Vermittlungsformate genutzt werden soll. Eine wichtige bauliche Maßnahme ist die Schaffung einer direkten, verglasten Verbindung von den Ausstellungsräumen des Hauptgebäudes zum Torhaus, was die Erreichbarkeit und die Erschließung des Ensembles verbessert.
Die geplanten Nutzungen im Torhaus sind vielfältig: Im Erdgeschoss ist neben einer Gastronomie das „Forum Zukunft gestalten“ vorgesehen. Hier sollen Themeninseln mit Objekten aus der Sammlung, Innovatives aus der Arbeitswelt und digitale Medienstationen regelmäßig wechseln. Die Nähe zur Gastronomie soll das Haus öffnen und für Veranstaltungen wie Workshops oder „After Work Clubs“ nutzen. Das neue Obergeschoss wird als Kompetenzwerkstätten ausgebaut, in denen Besucher die Zukunft der Arbeit aktiv ausprobieren können. Finanziert werden die Umbaumaßnahmen durch Mittel der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (3,82 Mio. Euro), der Freien und Hansestadt Hamburg (2,85 Mio. Euro) sowie einen Investitionsfonds der Stadt (250.000 Euro). Die Umsetzung erfolgt durch die Sprinkenhof GmbH im Rahmen des Hamburger Mieter-Vermieter-Modells (MVM).
Architektonische Prinzipien beim Neubau im Denkmal
Grundsätzlich eröffnet der Neubau im Bestand dem Planer ein breites Spektrum an Möglichkeiten, während eine reine Restaurierung die architektonische Kunst oft weniger zur Geltung kommen lässt. Die Material- und Formenwahl im Neubau dient dazu, eine bewusste Abgrenzung zum historischen Bestand zu bieten und das Weiterbauen zu signalisieren. Ein Beispiel für eine solch gelungene Integration ist der Erweiterungsbau des Museums Küppersmühle in Duisburg durch das Büro Herzog & de Meuron, der sich nahtlos in die bestehenden Hafenspeicher einfügt und den Eindruck erweckt, als stünde er schon immer dort.
Andere Projekte zeigen die Bandbreite architektonischer Lösungen: Ieoh Ming Pei verlieh dem Hofbereich des ehemaligen Zeughauses in Berlin mit einem Glasdach und einem Neubau für Sonderausstellungen eine elegante Note, die rasch Akzeptanz fand. David Chipperfield plante für die Museumsinsel Berlin die neue Garderobe und war am Wiederaufbau des Neuen Museums beteiligt, wobei das Motto „Erhalten, sanieren und behutsam ergänzen“ im Vordergrund stand.
Nicht jede Lösung stößt jedoch auf uneingeschränkte Zustimmung. Das geplante Museum des 20. Jahrhunderts im Berliner Kulturforum von Herzog & de Meuron wird kritisch gesehen, da es den Ansprüchen der Symbiose mit dem Bestand weniger gerecht wird und das städtebauliche Konglomerat eher konterkariert. Auch der geplante Westflügel des Pergamonmuseums durch O. M. Ungers (Beton und Glas) zeigt, dass die Erweiterung von historischen Flügelanlagen zu vierflügeligen Baukörpern eine Herausforderung darstellt.
Nachhaltigkeit und Energieeffizienz in Museumsbauten
Museumsbauten gehören zu den größten innerstädtischen Energieverbrauchern. Eine nachhaltige Planung und Sanierung ist daher essenziell. Experten empfehlen, bereits in der Planungsphase auf ökologische Gesichtspunkte zu achten und auch das zukünftige Ressourcenmanagement für Neuerwerbungen zu bedenken.
Zentrale Handlungsempfehlungen für nachhaltiges Bauen und Sanieren im Museum umfassen: * Energieversorgung: Die Wahl einer Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen ist entscheidend. Zudem sollte gewährleistet sein, dass im Falle eines Blackouts eine autonome Energiebereitstellung möglich ist. * Passive Maßnahmen: Passiven baulichen und organisatorischen Maßnahmen sollte Vorrang vor technischen Lösungen gegeben werden. Langfristig soll die Museumsklimatisierung möglichst durch passive Mittel und die Nutzung natürlicher Prozesse erreicht werden. * Ressourcenschonung: Die Berücksichtigung der „grauen Energie“ (die für die Herstellung der verbauten Materialien aufgewendete Energie) gewinnt im Denkmalbereich zunehmend an Bedeutung.
Finanzierung und Trägerschaft
Die Realisierung von Sanierungs- und Erweiterungsprojekten im Denkmal ist oft nur durch komplexe Finanzierungsmodelle möglich. Wie am Beispiel des Torhauses in Hamburg gezeigt, sind häufig Bund, Land und Kommunen beteiligt. Spezielle Fonds, wie der Investitionsfond der Freien und Hansestadt Hamburg, können zusätzliche Mittel für konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung bereitstellen.
Auch Trägermodelle wie das Hamburger Mieter-Vermieter-Modell (MVM) spielen eine Rolle. Dabei fungiert eine Realisierungsträgerin (hier die Sprinkenhof GmbH) als Umsetzerin der Baumaßnahmen, was eine effiziente Durchführung ermöglicht. Zeitlich gesehen sind solche Projekte langfristig geplant. Die Sanierungsarbeiten am Torhaus begannen nach Bereitstellung der Mittel durch den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages im Jahr 2014 und sollen 2025 abgeschlossen sein.
Konzeptionelle Entwicklung und Nutzungsflexibilität
Ein wesentlicher Aspekt moderner Museumsplanung ist die Flexibilität der Nutzung. Das „Forum Zukunft gestalten“ im Torhaus des Museums der Arbeit ist ein Beispiel für einen offenen, zukunftsorientierten Raum. Die thematische Ausrichtung umfasst Ökonomie, Gerechtigkeit, Ökologie, Nachhaltigkeit, Diversität, Teilhabe sowie Digitalität und Technik.
Bereits vor Baubeginn wurden Konzepte in Form der Veranstaltungsreihe „Startup Torhaus“ (August bis November 2021) getestet. Ziel war es, ein Netzwerk aufzubauen und neue Formate wie Diskussionsrunden und Kreativ-Werkstätten zu etablieren. Während der Sanierungsphase wird dieser Prozess mit der Reihe „Torhaus goes…“ fortgeführt, bei der das Museum mit seinem Programm an wechselnde Orte in Hamburg zieht. Dies unterstreicht, dass Sanierung nicht nur ein baulicher, sondern auch ein konzeptioneller Prozess ist, der die Öffnung des Hauses nach außen fördert.
Bauliche Integration und städtebauliche Wirkung
Die städtebauliche Wirkung eines Erweiterungsbaus im Denkmal ist ein kritischer Erfolgsfaktor. Das Projekt in Kassel verdeutlicht dies: Der Neubau fungiert als städtebauliche Kante und vermittelt zwischen unterschiedlichen Strukturen. Die Torwache bleibt als eigenständiges historisches Zeichen lesbar, während der Neubau über eine Überformung des Treppenhauses eine inhaltliche und formale Verbindung eingeht. Die Integration des Zwischenbauwerks aus den 50er Jahren zeigt, dass auch jüngere Bausubstanz in die Gesamtkonzeption einbezogen werden kann.
Die monolithische Hülle des Neubauteils in Kassel und die konkave Wölbung der Fassade deuten auf eine klare, moderne Formsprache, die sich bewusst vom Historischen abgrenzt, ohne es zu überformen. Im Gegensatz dazu steht die „gläserne Spirale“ von Ieoh Ming Pei in Berlin, die als Imponierarchitektur und Glanzstück moderner Architektur wahrgenommen wird und den Raum des ehemaligen Zeughauses neu definiert. Solche Eingriffe verändern den Denkmalcharakter nachhaltig und müssen sich in ihrer Wirkung messen lassen.
Herausforderungen und kritische Betrachtung
Nicht alle Projekte verlaufen ohne Kritik. Die architektonische Misere am Museum Küppersmühle mit dem unfertig abgebrochenen Leuchtkubus aus dem Jahr 2005 zeigt, dass fehlgeleitete Planungen zu erheblichen Ressourcenverschwendung führen können. Die danach entstandene Lösung von Herzog & de Meuron gilt als Beispiel für eine gelungene „Symbiose“.
Auch das Pergamonmuseum steht vor der Herausforderung, eine fehlende Flügelwand durch einen Neubau zu ersetzen. Der Entwurf von O. M. Ungers (Beton und Glas) soll die Dreiflügelanlage zu einem vierflügeligen Baukörper erweitern. Ob dieser Eingriff als Bereicherung empfunden wird, ist Gegenstand aktueller Diskussionen und oft erst rückblickend zu beurteilen.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung von Denkmalen für museale Zwecke erfordert einen sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz und eine zukunftsweisende Planung. Die Beispiele aus Kassel und Hamburg belegen, dass die Wiederherstellung historischer Kubaturen und die Schaffung neuer Nutzungen (Gastronomie, Forumsräume, Werkstätten) Hand in Hand gehen können. Finanziert werden diese Vorhaben durch komplexe Fördermodelle aus Bundes- und Landesmitteln. Architektonisch wird eine Abgrenzung zum Bestand gesucht, die dennoch eine harmonische Verbindung ermöglicht, sei es durch Überformungen, Glasdächer oder den nahtlosen Übergang in moderne Erweiterungsbauten. Zentrale Leitthemen sind dabei Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und die Öffnung des Hauses für neue gesellschaftliche Diskurse.