Die Stadt Neukirchen-Vluyn steht an einem Wendepunkt ihrer Stadtentwicklung. Mit einem strategischen Fokus auf die südlichen Stadtteile initiiert die Kommune umfassende Sanierungs- und Entwicklungsvorhaben, die sowohl die Beseitigung städtebaulicher Mängel als auch die Schaffung neuer, nachhaltiger Wohnquartiere zum Ziel haben. Diese Maßnahmen sind eingebettet in eine langfristige Strategie, die auf die Beantragung von Städtebaufördermitteln und die Kooperation mit Landesinitiativen setzt. Im Zentrum stehen die Sanierung von Problemimmobilien, die energetische Aufwertung von Gebäudebeständen und die Entwicklung neuer Flächen für den Wohnungsbau.
Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Situation, die geplanten Maßnahmen und die finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen der städtebaulichen Erneuerung in Neukirchen-Vluyn, basierend auf den verfügbaren Planungsdokumenten und öffentlichen Mitteilungen.
Analyse der städtebaulichen Situation und Sanierungsbedarf
Die Grundlage für die aktuellen Sanierungsbestrebungen bildet eine detaillierte Analyse der städtebaulichen Situation. Eine vorbereitende Untersuchung hat den Untersuchungsbereich, der sich grob über den südlichen Teil der Stadt erstreckt, auf Mängel und Potenziale hin untersucht.
Fokussierte Sanierungsgebiete
Die Untersuchung ergab eine ausgeprägte Heterogenität im Gebiet. Es existieren sowohl intakte Einfamilienhausbestände und funktionierende Infrastrukturangebote als auch „Problemimmobilien“. Letztere umfassen vor allem Geschosswohnbauten mit erheblichem Leerstand und Sanierungsbedarf, der bis hin zur Unbewohnbarkeit reicht. Auf Basis dieser Erkenntnisse wurde die Empfehlung ausgesprochen, ein fokussiertes Sanierungsgebiet innerhalb eines weiter gefassten Stadterneuerungsgebietes abzugrenzen. Diese gezielte Abgrenzung ermöglicht es, Ressourcen auf die Flächen mit den größten Defiziten zu konzentrieren.
Die Untersuchung dient als strategisches Instrument. Sie wurde so konzipiert, dass sie als integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (ISEK) qualifiziert ist, was die Voraussetzung für die Antragsstellung von Städtebaufördermitteln bildet. Im September 2022 hat der Rat der Stadt Neukirchen-Vluyn auf Grundlage dieser Untersuchung eine Sanierungssatzung erlassen, die den rechtlichen Rahmen für die geplanten Eingriffe schafft.
Handlungsbedarf im Süden (Neukirchen-Süd)
Ein spezifischer Fokus liegt auf dem Bereich „Neukirchen-Süd“. Hier identifizieren Stadtplaner einen besonderen Handlungsbedarf in mehreren Bereichen: * Energetische Sanierung: Sowohl private als auch öffentliche Gebäude bedürfen dringend energetischer Aufwertungen. * Umgestaltung öffentlicher Räume: Die Aufwertung von Straßen, Plätzen und Grünflächen ist notwendig, um die Aufenthaltsqualität zu steigern. * Erhalt denkmalgeschützter Objekte: Besondere Aufmerksamkeit verdienen die historischen Fördertürme, die als technische Denkmäler erhalten werden sollen.
Die städtebaulichen Mängel in diesem Bereich sollen durch ein Integriertes Stadtteilentwicklungskonzept (ISEK) systematisch behoben werden.
Das Integrierte Stadtteilentwicklungskonzept (ISEK) Neukirchen-Süd
Das ISEK Neukirchen-Süd ist das zentrale Planungsinstrument der Stadt für die kommenden Jahre. Es verfolgt das vorrangige Ziel, die nachhaltige Erneuerung stadtbildprägender und identifikationsfördernder Orte zu gewährleisten.
Vernetzung von Standorten
Ein Kernaspekt des Konzepts ist die Vernetzung von drei zentralen Potentialstandorten: dem Nordring, Niederberg und Klingerhuf. Diese Standorte sollen durch eine durchdachte Platz-, Grün- und Mobilitätsstruktur miteinander verbunden werden. Ziel ist es, eine funktionale Einheit zu schaffen, die die Lebensqualität im Stadtteil erhöht. Zu den begleitenden Maßnahmen gehören unter anderem Planungen für die Ernst-Moritz-Arndt-Straße.
Die Erstellung des ISEK erfolgte aufbauend auf dem gesamtstädtischen Stadtentwicklungskonzept „SEK NV 2040“, das zwischen 2019 und 2021 unter breiter Bürgerbeteiligung erarbeitet wurde. Dieses Konzept liefert das räumliche Leitbild und Handlungsempfehlungen für fünf zentrale Themenfelder.
Entwicklung neuer Wohnquartiere: Das Projekt am Neukirchener Ring
Parallel zur Sanierung bestehender Substanz arbeitet die Stadt an der Schaffung neuem Wohnraums. Das Projekt am Neukirchener Ring stellt hierbei ein Vorzeigebeispiel für integrierte Baulandentwicklung dar.
Kooperative Baulandentwicklung mit NRW.URBAN
Die Stadt kooperiert eng mit der NRW.URBAN GmbH, einer Landesgesellschaft zur Förderung der Stadtentwicklung. Das Areal am Neukirchener Ring umfasst rund 3,5 Hektar und zählt zu den letzten größeren zusammenhängenden Flächen für eine Wohnbaulandentwicklung im Ortszentrum von Neukirchen.
Im Rahmen der „Kooperativen Baulandentwicklung“ unterstützt NRW.URBAN die Stadt personell und finanziell. Ziel ist die Schaffung eines durchdachten, nachhaltig ausgerichteten Wohnquartiers. Geplant sind insgesamt 140 neue Wohnungen. Besonderer Wert wird auf einen hohen Grünanteil und eine hohe Lebensqualität gelegt.
Multifunktionale Quartiersgaragen
Ein entscheidendes Gestaltungsmerkmal des neuen Quartiers ist die Verkehrsplanung. Um das Quartiersbild nicht von parkenden Autos prägen zu lassen, ist die Unterbringung des ruhenden Verkehrs in multifunktionalen Quartiersgaragen vorgesehen. Dieser Ansatz dient der Aufwertung der oberirdischen Freiflächen für die Bewohner und Besucher.
Die Entwicklung des Areals Niederberg 1/2/5
Ein weiterer zentraler Baustein der Stadtentwicklung ist die Transformation des ehemaligen Bergbaugeländes Niederberg. Das Projekt „Niederberg 1/2/5“ versteht sich als Brücke zwischen den Stadteilen Neukirchen und Vluyn.
Klimaresilientes Wohnquartier
Das Ziel ist die Schaffung eines jungen, klimaresilienten Wohnquartiers. Eine Entwicklungsvereinbarung zwischen dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt bildet die Basis für die weitere Nutzungsanreicherung. Die Landesinitiative „Bau.Land.Leben“ unterstützt diesen Prozess.
Konkret geht es um die Wiedernutzung von Flächen, auf denen teilweise noch historische Bausubstanz und denkmalgeschützte Fördertürme (im Eigentum der RAG Montan Immobilien) vorhanden sind. Die Entwicklung umfasst die Bereiche: * Das leerstehende Hochhaus am Vluyner Nordring. * Die Fläche Niederberg-Südost. * Die Brachfläche Klingerhuf.
Finanzierung und Instrumente der Städtebauförderung
Die Umsetzung derart umfangreicher Vorhaben erfordert erhebliche finanzielle Mittel. Neukirchen-Vluyn nutzt hierfür gezielt die Möglichkeiten der Städtebauförderung und die Unterstützung durch das Land Nordrhein-Westfalen.
Unterstützung durch das Ministerium
Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes NRW hat Instrumente geschaffen, um städtebauliche Flächenpotenziale zu erschließen, auch wenn die Vornutzung (in diesem Fall Bergbau) große wirtschaftliche Fragen aufwirft.
Für die Untersuchung der Flächen im Bereich Niederberg übernimmt das Ministerium 90 % der Gutachtenkosten. Diese Gutachten umfassen: * Artenschutzgutachten * Baugrundgutachten * Bodengutachten * Verkehrs- und Schallgutachten * Untersuchungen zu Instandhaltungs- und Herrichtungskosten
Diese Vorleistung der öffentlichen Hand senkt das wirtschaftliche Risiko und schafft Planungssicherheit. Die Hürde der Gebietsentwicklung wird durch ein notarielles Kaufangebot der Eigentümerin (RAG) an die Stadt und einen städtebaulichen Vertrag genommen. Die Amortisierung der Vorleistung erfolgt rückwirkend durch die Wertsteigerung bei der Gebietsentwicklung.
Vorbereitende Untersuchung als Fördergrundlage
Wie eingangs erwähnt, ist die bereits durchgeführte Vorbereitende Untersuchung (VU) die entscheidende Grundlage für die Beantragung von Städtebaufördermitteln. Sie identifiziert nicht nur Mängel, sondern beschreibt auch Sanierungsziele und mögliche Sanierungsmaßnahmen. Die Sanierungssatzung, die auf dieser VU basiert, ermöglicht es der Stadt, Eigentümer zu Sanierungsmaßnahmen zu verpflichten und Zuschüsse zu gewähren.
Fazit
Die Stadt Neukirchen-Vluyn befindet sich in einer Phase der tiefgreifenden städtebaulichen Erneuerung. Durch die strategische Verknüpfung von Sanierungsmaßnahmen in bestehenden Gebieten und der Entwicklung neuer Wohnquartiere wird ein umfassender Ansatz verfolgt.
Zentrale Erfolgsfaktoren sind: 1. Wissenschaftlich fundierte Planung: Auf Basis detaillierter Untersuchungen (ISEK, VU) werden Defizite erkannt und Maßnahmen abgeleitet. 2. Starkes Partnerschaften: Die Kooperation mit NRW.URBAN und das Engagement des Landes NRW sichern die notwendige Expertise und Finanzierung. 3. Nachhaltigkeit: Sowohl bei der energetischen Sanierung als auch bei der Neuplanung (Quartiersgaragen, Klimaresilienz) stehen ökologische Aspekte im Vordergrund. 4. Denkmalschutz: Der Erhalt der industriehistorischen Bausubstanz, insbesondere der Fördertürme, wird als identitätsstiftendes Element in die Entwicklung integriert.
Für Bauinteressenten, Eigentümer und Investoren bietet die Kommune somit klare Perspektiven: Eine Stadt, die aktiv an ihrer Zukunft arbeitet und dabei auf moderne, nachhaltige und gut vernetzte Stadtquartiere setzt.
Quellen
- Vorbereitende Untersuchung für den Bereich Vluyner Nordring, Humboldtstrasse, Leibnizstrasse in Neukirchen-Vluyn
- Zukunftsquartier Niederberg Süd: Neukirchen-Vluyn unterzeichnet Entwicklungsvereinbarung der Landesinitiative Bau.Land.Leben
- Neukirchen-Vluyn: Stadt nimmt den südlichen Bereich in den Fokus
- Neukirchen-Vluyn: Nachhaltiges Wohnen am Neukirchener Ring