Nachhaltigkeitsklasse NH-Klasse im Bestandsgebäude: Leitfaden für Sanierung und Förderung

Die energetische Sanierung von Bestandsimmobilien ist in Deutschland ein zentraler Hebel zur Erreichung der nationalen Klimaziele. Um diesen Prozess gezielt zu unterstützen, hat die Bundesregierung mit der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) ein umfassendes Fördersystem etabliert. Neben den bekannten Effizienzhaus-Stufen, die primär auf den Energiebedarf abstellen, wurde eine zusätzliche Dimension eingeführt: die Nachhaltigkeitsklasse, kurz NH-Klasse. Diese rückt ökologische Baustoffe, ressourcenschonende Produktionsprozesse und eine wohngesunde Umgebung in den Fokus. Für Eigentümer von Bestandsgebäuden eröffnet die NH-Klasse im Zuge einer Sanierung nicht nur den Weg zu einem nachhaltigeren Gebäudebestand, sondern auch zu signifikant höheren Förderkonditionen. Dieser Artikel beleuchtet die Anforderungen, den Zertifizierungsweg und die finanziellen Vorteile der NH-Klasse in der Sanierung.

Die Nachhaltigkeitsklasse im Kontext der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG)

Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) stellt das Dachprogramm für die energetische Gebäude-sanierung und den klimafreundlichen Neubau dar. Ziel der Förderung ist es, den Energieverbrauch im Gebäude-sektor deutlich zu senken. Die NH-Klasse ist ein integraler Bestandteil dieser Förderlandschaft und ergänzt die rein energetischen Kriterien der Effizienzhaus-Stufen. Sie ist in den Programmen der BEG „Wohngebäude“ (BEG WG) und „Klimafreundlicher Neubau“ (BEG Neubau) verankert.

Während die Effizienzhaus-Klassen (z. B. Effizienzhaus 55) den Primärenergiebedarf und den Transmissions-wärmeverlust in den Vordergrund stellen, zielt die NH-Klasse darauf ab, auch durch nachhaltige Baustoffe und ressourcenschonende Produktionsprozesse CO₂-Emissionen zu reduzieren. Die NH-Klasse ist demnach ein anerkannter Nachhaltigkeitsstandard, der eine ganzheitliche Betrachtung des Gebäudes verlangt.

Relevant ist die NH-Klasse für Bauherren und Sanierer, die nicht nur eine energetische Aufwertung, sondern eine Zertifizierung nachhaltiger Gebäude anstreben. Die Erfüllung der Anforderungen führt zu einem Nachhaltigkeitszertifikat, welches die Grundlage für die höheren Fördersätze bildet. Es ist wichtig zu beachten, dass die Kombination der NH-Klasse mit der Erneuerbare-Energien-Klasse (EE-Klasse) nicht möglich ist. Ein Gebäude kann also entweder die Kriterien der EE-Klasse oder die der NH-Klasse erfüllen, um den jeweiligen Bonus zu erhalten.

Fördervorteile und finanzielle Anreize für Sanierer

Der Hauptmotivator für den Weg zur NH-Klasse sind die deutlich verbesserten Förderkonditionen im Vergleich zu einer Standard-Sanierung. Die BEG sieht für Gebäude, die die Anforderungen der NH-Klasse erfüllen, bis zu 150.000 Euro Kredit pro Wohneinheit vor. Zusätzlich sind höhere Tilgungszuschüsse möglich: Bei Sanierungen beträgt der Bonus fünf Prozentpunkte, bei Neubauten 2,5 Prozentpunkte.

Diese Tilgungszuschüsse werden auf die förderfähigen Kosten aufgeschlagen. Für Bestandsgebäude sieht der Fördertisch der BEG WG ursprünglich Basisförder-sätze vor, die durch die NH-Klasse signifikant erhöht werden. Beispielsweise beträgt der Fördersatz für eine Sanierung zum Effizienzhaus 40 standardmäßig 45 Prozent. Mit der NH-Klasse erhöht sich dieser Satz auf 50 Prozent. Auch bei höheren Effizienzhaus-Stufen (z. B. Effizienzhaus 55 oder 70) addieren sich die fünf Prozentpunkte des NH-Bonus zu den Basiswerten.

Ein weiterer Vorteil betrifft die Förderfähigkeit der Berater- und Planungskosten. Beim nachhaltigen Bauen und Sanieren entstehen zusätzliche Aufwendungen für Planung, Baubegleitung und Zertifizierung. Um diese Hürden zu senken, fördert der Staat diese Kosten ebenfalls. Im Sanierungskontext (BEG WG) können Tilgungszuschüsse in Höhe von maximal 50 Prozent der Beraterkosten gewährt werden. Die Kosten der Nachhaltigkeits-Zertifizierung können parallel zu den Baubegleitungsleistungen in voller Höhe angesetzt werden. Wichtig ist hierbei die Abgrenzung: In der BEG Neubau entfällt das ergänzende Förderangebot für Beraterkosten, dafür lassen sich die Kosten mit dem zinsverbilligten Kredit abdecken.

Die Kredithöhe bei einer Sanierung ist an die anrechenbaren Kosten der Immobilie gekoppelt. Für Ein- und Zweifamilienhäuser sind die Kosten auf 10.000 Euro pro Vorhaben begrenzt. Bei Mehrfamilien-häusern gelten 4.000 Euro pro Wohneinheit, maximal jedoch 40.000 Euro pro Vorhaben.

Anforderungen und Zertifizierung der NH-Klasse im Sanierungskontext

Um die Fördervorteile der NH-Klasse zu erhalten, ist der Nachweis einer anerkannten Nachhaltigkeitszertifizierung zwingend erforderlich. Dieser Nachweis wird durch eine akkreditierte Zertifizierungsstelle erbracht. Als etablierter Standard für die NH-Klasse im Bestandsgebäude hat sich die Zertifizierung nach dem System des Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) etabliert, die die Einhaltung des Qualitätssiegels Nachhaltiges Gebäude (QNG) bestätigt.

Der Zertifizierungsprozess für eine Sanierung folgt einem strukturierten Ablauf, der frühzeitig beginnt.

Zieldefinition und Projektstart

Zu Beginn des Projekts steht die Definition der individuellen Ziele. Das Projektteam, bestehend aus Bauherr, Planern und Auditoren, klärt, welche NH-Klasse angestrebt wird und welche spezifischen Anforderungen seitens der Fördergeber erfüllt werden müssen. Die Entscheidung, die DGNB-Zertifizierung als Bewertungsgrundlage zu nutzen, bildet die Basis. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die NH-Klasse im Bestandsgebäude an spezifische Kriterien geknüpft ist, die im Vergleich zum Neubau angepasst werden müssen.

Nachhaltige Planung und Integration der Förderkriterien

Auf der Grundlage der DGNB-Anforderungen werden alle relevanten Nachhaltigkeitsaspekte in die Planung und Umsetzung integriert. Dies umfasst ökologische, ökonomische, soziale und technische Kriterien. Im Kontext der Sanierung bedeutet dies beispielsweise eine Bewertung der verwendeten Baumaterialien hinsichtlich ihrer Herkunft, ihrer Umweltbilanz (Lebenszyklusanalyse) und ihrer Schadstoffbelastung. Auch die Gesundheit der Nutzer, die durch ein gutes Raumklima und schadstoffarme Materialien gefördert wird, ist ein wesentlicher Bestandteil der NH-Klasse. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Planern, Bauherren und Auditor wird sichergestellt, dass die gesetzten Ziele während der gesamten Bauphase erreicht werden.

Dokumentation und Nachweisführung

Ein entscheidender Teil des Zertifizierungsprozesses ist die umfangreiche Dokumentation. Während der Planung und Bauphase müssen Nachweise gesammelt werden, die die Einhaltung der Kriterien belegen. Dazu gehören unter anderem: * Lebenszyklusanalysen (LCA) der Hauptbaustoffe. * Detaillierte Materialdaten zur Herkunft und Zusammensetzung. * Bewertungen des Raumklimas (z. B. Innenraumluftqualität, Tageslicht). * Technische Prüfberichte der installierten Anlagentechnik.

Diese Dokumente werden in das DGNB-System eingepflegt und für die spätere Prüfung aufbereitet. Eine transparente und vollständige Dokumentation ist entscheidend für eine erfolgreiche Einstufung. Die Nachweise müssen den Anforderungen der Zertifizierungsstelle standhalten, um die NH-Klasse zu erhalten.

Bewertung und Zertifikatsvergabe

Nach Abschluss aller Sanierungsarbeiten und Vorlage aller Nachweise prüft die Zertifizierungsstelle (z. B. DGNB) die Unterlagen. Auf Basis der Bewertungsergebnisse wird die erreichte NH-Klasse bestimmt und im Zertifikat dokumentiert. Erst dieses Zertifikat berechtigt den Eigentümer, die höheren Fördersätze der BEG zu beantragen.

Kombinationsmöglichkeiten und spezielle Aspekte der Sanierung

Besonders interessant für Sanierer ist die Kombination der NH-Klasse mit anderen Förderbausteinen. Die Quellenlage bestätigt, dass der SerSan-Bonus (Bonus für die serielle Sanierung) mit der NH-Klasse kombinierbar ist. Die serielle Sanierung, bei der vorgefertigte Bauelemente für Dach oder Fassade zum Einsatz kommen, ist ein modernes Sanierungskonzept, das durch den Staat gefördert wird. Die Kombination ermöglicht eine maximale Förderung, wobei jedoch die Obergrenze von 20 Prozent der förderfähigen Kosten für die Kombination mit dem WP-Bonus (Wärmepumpen-Bonus) zu beachten ist.

Ein zentraler Aspekt, der in der Praxis oft Fragen aufwirft, ist die Unterscheidung zwischen der NH-Klasse und der EE-Klasse. Wie eingangs erwähnt, ist eine parallele Zertifizierung nicht möglich. Sanierer müssen sich also vorab entscheiden, welchen Weg sie gehen. Während die EE-Klasse auf einen hohen Anteil erneuerbarer Energien (mindestens 55 %) bei der Wärme- und Kälteversorgung abzielt, stellt die NH-Klasse eine breitere ökologische Betrachtung an. Für Gebäude, bei denen eine hohe Integration von Photovoltaik und Wärmepumpen technisch oder wirtschaftlich schwierig ist, kann die NH-Klasse über die Materialauswahl und Planung dennoch zu einer hohen Förderung führen.

Die Rolle des individuellen Sanierungsfahrplans (iSFP)

Ein weiterer wichtiger Hebel für die Förderung ist der individuelle Sanierungsfahrplan (iSFP). Wird eine Sanierungsmaßnahme, die im iSFP als Ziel definiert ist (z. B. Erreichen des Effizienzhaus 55 Standards), innerhalb von 15 Jahren umgesetzt, erhöht sich der Fördersatz um zusätzliche fünf Prozentpunkte (iSFP-Bonus). Dieser Bonus ist auch in Kombination mit der NH-Klasse möglich. Das bedeutet für Sanierer: Wer eine NH-Klasse anstrebt und gleichzeitig die im iSFP definierte Stufe erreicht, kann die maximale Förderdichte nutzen. Allerdings ist zu beachten, dass auch hier die Kombination von Boni gedeckelt sein kann, wie es beim WP-Bonus und SerSan-Bonus der Fall ist.

Zusammenfassung der Fördersätze (Auszug aus den Quellen)

Um die finanziellen Anreize konkret zu veranschaulichen, basierend auf den vorliegenden Informationen, die sich aus den BEG-Richtlinien ergeben, lassen sich folgende Förderhöhen für die Sanierung unterscheiden (ohne iSFP-Bonus, da dieser zusätzlich gewährt wird):

Effizienzhaus-Stufe Basis-Fördersatz (Sanierung) NH-Bonus (Sanierung) Gesamtfördersatz mit NH-Klasse
Effizienzhaus 40 45 % + 5 % 50 %
Effizienzhaus 55 40 % + 5 % 45 %
Effizienzhaus 70 35 % + 5 % 40 %
Effizienzhaus 85 30 % + 5 % 35 %
Effizienzhaus 100 27,5 % + 5 % 32,5 %
Effizienzhaus Denkmal 25 % + 5 % 30 %

Hinweis: Die Tabellenwerte basieren auf der BEG-Fassung, die in den Quellen dargestellt ist. Die genauen Prozentwerte können sich je nach aktueller Fassung der Richtlinien ändern. Die Tabelle verdeutlicht jedoch den Mechanismus des NH-Bonus.

Zusätzlich zum Tilgungszuschuss auf die Baumaßnahmen besteht die Möglichkeit, die Beraterkosten gefördert zu bekommen (bis zu 50 % in der Sanierung). Dies ist ein entscheidender Faktor, da die Zertifizierungskosten und Planungsaufwände für die NH-Klasse höher sind als bei einer Standard-sanierung. Die Förderung dieser Kosten senkt die Hürde für den Einstieg in die Nachhaltigkeitszertifizierung.

Fazit

Die Nachhaltigkeitsklasse (NH-Klasse) stellt für Eigentümer von Bestandsimmobilien eine attraktive Möglichkeit dar, die energetische Sanierung nicht nur energetisch, sondern auch ökologisch auf ein höheres Niveau zu heben. Der Weg zur NH-Klasse erfordert eine sorgfältige Planung, die Integration nachhaltiger Baustoffe und eine umfangreiche Dokumentation, die in einer Zertifizierung nach DGNB-Standard (QNG) mündet.

Der finanzielle Anreiz durch die BEG ist erheblich: Mit einem Bonus von fünf Prozentpunkten auf die Tilgungszuschüsse und der Möglichkeit, Beraterkosten gefördert zu bekommen, rentiert sich der Mehraufwand für die Zertifizierung oft schnell. Zudem ermöglicht die Kombination mit anderen Förderinstrumenten wie dem SerSan-Bonus oder dem iSFP-Bonus eine maximale Förderdichte. Für Bauherren, die Wert auf eine langfristig wertsteigernde, gesunde und umweltfreundliche Immobilie legen, ist die NH-Klasse im Sanierungskontext ein Instrument, das sowohl ökologischen als auch ökonomischen Ansprüchen gerecht wird. Voraussetzung ist die enge Begleitung durch Fachplaner und Zertifizierer, um die komplexen Anforderungen der Nachhaltigkeitskriterien erfolgreich umzusetzen.

Quellen

  1. Hoinka - Nachhaltigkeitsklasse NH-Klasse
  2. Energie-Experten - Effizienzhaus-Klassen ab 2021
  3. Heizung.de - Nachhaltigkeits-Klasse der BEG-Förderung
  4. Energie-Experten - Effizienzhaus 40
  5. Reving - DGNB NH-Klasse

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