Die Immobilien- und Einzelhandelsbranche befindet sich im Wandel. Traditionelle Einkaufszentren müssen sich zunehmend neuen Herausforderungen stellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein Paradebeispiel für eine solche Transformation ist das Einkaufszentrum Nova Eventis in Günthersdorf, das in den vergangenen Monaten und Jahren eine tiefgreifende Sanierung und Neuausrichtung erfahren hat. Mit einer Investitionssumme von 40 Millionen Euro hat der Betreiber ECE (ECE Projektmanagement) nicht nur die Bausubstanz erneuert, sondern das gesamte Konzept des Standorts grundlegend überarbeitet. Dieser Artikel beleuchtet die technischen und strategischen Aspekte dieser Modernisierung und bietet Einblicke in die Bauphysik, Architektur und Facility-Management-Strategien, die hinter einer solchen Megarenovation stecken.
Die Ausgangslage: Eine Bauliche Herausforderung
Das Einkaufszentrum Nova Eventis, gelegen zwischen den Metropolen Halle und Leipzig, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Ursprünglich in den frühen 1990er Jahren als Fertigteilkonstruktion errichtet, präsentierte sich das Center über Jahre als ein klassischer Konsumtempel. Die Struktur war geprägt von einer circa 24 Meter breiten, offenen Mall. Im Laufe der Jahre erfolgten erste Umbaumaßnahmen, bei denen zwei interne Malls eingebaut wurden, die durch eine große elliptische Eventmall und zwei kleinere Malls mit Rotunden verbunden sind.
Doch die Anforderungen an moderne Einkaufs- und Erlebniszentren haben sich gewandelt. Die reine Warenpräsentation reicht heute nicht mehr aus. Besucher fordern Erlebnisse, Aufenthaltsqualität und Funktionalität. Hinzu kamen bauliche Notwendigkeiten: Ursprünglich verfügte das Center über etwa 6000 ebenerdige Stellplätze. Diese Zahl entsprach nicht mehr den aktuellen Nutzungsanforderungen eines Einkaufszentrums dieser Größenordnung. Die Parkplatzsuche wurde zu einem kritischen Faktor in der Kundenbindung. Diese defizitäre Infrastruktur stellte die Planer vor die Aufgabe, Lösungen zu finden, die den Standort ohne massive Flächenversiegelung erweitern.
Die Sanierungsstrategie: Infrastruktur und Erweiterung
Eine der zentralen baulichen Herausforderungen war die Verkehrsinfrastruktur. Um den Parkdruck zu nehmen und die Kapazitäten zu erhöhen, wurde nicht nur auf bestehende Flächen zurückgegriffen, sondern ein massiver Ausbau der Stellplatzkapazitäten realisiert. Ein entscheidender Schritt war der Neubau eines Parkhauses mit fünf Geschossen. Dieser Bau stellt eine signifikante Erweiterung der Nutzfläche dar und erforderte komplexe statische und verkehrstechnische Konzepte.
Die Integration dieses Parkhauses in das bestehende Center ist architektonisch und konstruktiv bemerkenswert. Es erfolgt über drei Stahl-Glas-Brücken. Eine dieser Brücken weist dabei einen geschwungenen Grundriss auf, was die konstruktive Umsetzung erschwerte, da hier die Kräfteverläufe komplexer sind als bei geradlinigen Konstruktionen. Diese Brücken verbinden das Parkhaus direkt mit dem Einkaufsbereich, was den Komfort für die Besucher maximiert, da sie trockenen Fußes vom Auto in den Shopping-Bereich gelangen.
Am Ende des Parkhauses entstand zudem ein Servicegebäude mit einer Grundfläche von circa 64 x 64 Metern. Dieses Gebäude ist zweigeschossig ausgeführt. Im Erdgeschoss (EG) dient es Verkaufszwecken, während sich im Obergeschoss Deutschlands größter Indoor-Kletterwald befindet. Diese Nutzungsmischung – Retail und Freizeit unter einem Dach – war ein früher Vorläufer der heutigen Strategie, den Standort zu einem Themenpark weiterzuentwickeln.
Als optischer Abschluss des gesamten Komplexes wurde eine Kulissenfassade errichtet. Diese Art der Fassadengestaltung verleiht dem Gebäude eine architektonische Tiefe und einen visuellen Rahmen, der weit über die reine Funktion eines Einkaufshauses hinausgeht.
Die Grundsanierung: 40 Millionen Euro Investition
Nach einem Eigentümerwechsel im Jahr 2017 wurde der Beschluss gefasst, das Center einer tiefgreifenden Modernisierung zu unterziehen. Die Investitionssumme beläuft sich auf 40 Millionen Euro. Ziel dieser Sanierung war es, die Aufenthaltsqualität signifikant zu steigern und auf aktuelle Kundenbedürfnisse zu reagieren.
Die Sanierung umfasst dabei weit mehr als nur kosmetische Fassadenarbeiten. Der Fokus liegt auf der Optimierung der Innenarchitektur und der technischen Ausstattung. Ein zentraler Bereich ist die Umgestaltung des Atriums und des Food Courts. Hier werden moderne Sitzbereiche und sogenannte Relax-Lounges mit neuen Möbeln installiert. Auch die Beleuchtung wird optimiert, was nicht nur die Ästhetik verbessert, sondern auch Energieeffizienzpotenziale erschließt.
Die Eingänge des Centers optisch aufzufrischen und eine neue Beschilderung sowie eine optimierte Kundeninformation zu installieren, sind Maßnahmen, die der Orientierung und der Wahrnehmung der Marke dienen. Diese Arbeiten wurden in vier Bauabschnitten bei laufendem Betrieb durchgeführt. Eine solche Durchführung erfordert ein hohes Maß an Koordination zwischen Bauunternehmen, Facility Management und Mietern, um Betriebsunterbrechungen zu minimieren und die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten.
Der Strategiewechsel: Von "Nova Eventis" zu "Nova"
Ein wesentlicher Teil der Modernisierung ist die Neupositionierung der Marke. Das Einkaufszentrum heißt nun nicht mehr "Nova Eventis", sondern kurzerhand "Nova". Dieser Schritt ist symbolisch für eine inhaltliche Transformation. Der neue Werbeslogan lautet "Shop, Eat, Play" (Einkaufen, Essen, Spielen). Damit rückt der Faktor "Play" – das Spielen und Erleben – in den Mittelpunkt.
Die Strategie des Betreibers ECE zielt darauf ab, den Standort zur Destination für Familien und Freizeitgäste zu machen. Der Center-Manager Peter Lehnhardt betonte, dass das Ziel sei, für die Menschen zur Destination zu werden, damit sie den teils weiten Weg auf sich nehmen. Dies erfordert ein Angebot, das über den klassischen Einzelhandel hinausgeht. Der Fokus liegt darauf, Besucher zu begeistern, ähnlich wie in Freizeitparks.
Entertainment als neues Kernelement
Ein Kernstück der Modernisierung ist die Installation von Entertainment-Angeboten, die massiv in die Bausubstanz eingreifen. Ein prominentes Beispiel ist der Einbau zweier riesiger Rutschen im Innenbereich. Diese Rutschen verbinden offenbar verschiedene Ebenen des Centers miteinander. Nach Angaben des Center-Managers soll es eine Wahlmöglichkeit geben, aus 26 beziehungsweise zwölf Metern Höhe in die Tiefe zu rutschen. Die Eröffnung dieser Attraktion war für den 14. Dezember geplant.
Diese Rutschen sind technisch anspruchsvolle Konstruktionen. Sie müssen Brandschutzanforderungen erfüllen, Schallpegel kontrollieren und Sicherheitsstandards für die Nutzer einhalten. Ihr Einbau in einen laufenden Betrieb zeigt, wie stark die Sanierung in die Substanz eingreift.
Zusätzlich entstehen größere Spielgeräte für Kinder. Der Indoor-Kletterwald im Servicegebäude des Parkhauses bleibt bestehen und wird durch weitere Angebote ergänzt. Es finden Gespräche mit internationalen Betreibern für zusätzliche Entertainment-Angebote im und am Center. Ziel ist es, den Komplex zu einem Themenpark für Freizeit und Sport für die ganze Familie weiterzuentwickeln. Bereits heute existieren Einrichtungen wie ein Kino, ein Skatepark sowie In- und Outdoorspielplätze. Auch das weltweit erste Schlümpfe-Spieleland und eine neue Eislaufbahn sind bereits vorhanden und werden von den Kunden gut angenommen.
Die Gastronomie und der Außenbereich
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Sanierung ist die Aufwertung der Gastronomie. Der Food Court erhält ein modernes Design und eine größere Fläche. Die bereits existierende kulinarische Vielfalt wird durch weitere Highlights ergänzt. Ein neues Café im Zentrum des Food Courts mit direkter Verbindung vom Obergeschoss zum Erdgeschoss soll die Atmosphäre aufwerten.
Auch für den Außenbereich sind größere Veränderungen geplant. Zusätzliche Anbieter für Außengastronomie sollen das Angebot ergänzen. Dies verbindet das Innere des Centers mit der Außenwelt und nutzt die Sommermonate besser aus. Die Optimierung des gesamten Bereichs dient der Steigerung der Aufenthaltsdauer der Besucher.
Die Bedeutung für den Einzelhandelsimmobilienmarkt
Die Modernisierung von Nova Eventis ist ein Indikator für die Entwicklung im Segment der großen Einkaufszentren. Mit einer Verkaufsfläche von 76.000 Quadratmetern, 200 Fachgeschäften und nun über 7000 Parkplätzen gehört Nova Eventis zu den größten Einkaufszentren Deutschlands. Das Einzugsgebiet umfasst mehr als 2,5 Millionen Einwohner.
Die Investition von 40 Millionen Euro in eine bestehende Immobilie zeigt, dass der Betreiber an den Standort glaubt. Es geht nicht mehr nur um den Verkauf von Waren, sondern um das Erlebnis. Die Sanierung ist eine Antwort auf den Online-Handel. Stationärer Handel muss Erlebnisse bieten, die digital nicht möglich sind. Das Konzept "Shop, Eat, Play" ist dabei die Antwort auf diese Herausforderung.
Die Sanierung bei laufendem Betrieb ist eine Meisterleistung im Projektmanagement. Die Unterteilung in vier Bauabschnitte ermöglichte es, Teile des Centers immer wieder für den Verkehr freizugeben. Dies minimiert Umsatzverluste für die Mieter und erhalten die Kundenbindung.
Technische Aspekte der Baumaßnahmen
Für Bauinteressierte und Fachleute lohnt ein Blick auf die Details der technischen Umsetzung. Die Erweiterung des Parkhauses um fünf Geschosse stellt eine massive Auflast dar. Die statische Berechnung der Fundamente und der Tragwerke des bestehenden Centers musste auf die neuen Lasten angepasst werden. Die Verbindung über Stahl-Glas-Brücken erfordert präzise Toleranzen, um die Bewegungen der Bauwerke (durch Temperatur, Lasten) sicher aufzufangen, ohne dass die Brücken beschädigt werden oder die Glasfassaden brechen.
Die Integration der Rutschen in die Mall erfordert die Öffnung von Decken und die Sicherung der Tragfähigkeit der restlichen Konstruktion. Brandschutztechnisch müssen diese offenen Schächte durch Brandschutzabschlüsse gesichert werden, um eine Ausbreitung von Feuer oder Rauch zwischen den Etagen zu verhindern. Die Belüftung der Rutschenschächte ist ebenfalls ein wichtiges Planungsdetail, um den Komfort der Nutzer zu gewährleisten.
Die Neugestaltung des Food Courts beinhaltet nicht nur optische Änderungen, sondern auch technische Installationen. Die Absaugung von Grill- und Kochdünsten, die Kühlung und die Stromversorgung für die neuen Gastronomiebetriebe müssen den erhöhten Anforderungen angepasst werden.
Fazit
Die Transformation des "Nova Eventis" zum "Nova" in Günthersdorf ist ein Paradebeispiel für die Revitalisierung von Immobilien im 21. Jahrhundert. Es handelt sich nicht um eine bloße Fassadenrenovierung, sondern um eine strategische Neuausrichtung, die tief in die Bausubstanz und das Nutzerkonzept eingreift.
Die Investition von 40 Millionen Euro unterstreicht das Engagement des Betreibers, den Standort langfristig zu sichern. Durch den Ausbau der Parkhaus-Kapazitäten auf über 7000 Plätze und die technische Verbindung über Stahl-Glas-Brücken wurden die verkehrstechnischen Weichen gestellt. Die architektonische Aufwertung durch eine Kulissenfassade und die massive Erweiterung des Freizeit- und Entertainment-Angebots – angefangen bei den Rutschen über den Kletterwald bis hin zu Spielplätzen und Eisbahn – machen den Standort zu einer echten Destination.
Für die Baubranche zeigt das Projekt zudem, dass Sanierungen dieser Größenordnung auch bei laufendem Betrieb möglich sind, wenn sie in klaren Abschnitten geplant und umgesetzt werden. Die Fokussierung auf "Erlebnis" statt nur "Konsum" spiegelt den Wandel im Einzelhandel wider und bietet Anregungen für ähnliche Projekte. Das "Nova" ist somit nicht nur ein modernisiertes Einkaufszentrum, sondern ein Konzept für die Zukunft der stationären Wirtschaft.