Serielle Sanierung: Industrielle Vorfertigung für energetische Gebäudemodernisierung bei der GWW Wiesbaden

Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden stellt eine der zentralen Aufgaben der deutschen Bauwirtschaft dar, um Klimaziele zu erreichen und den Wohnungsbestand zukunftssicher zu gestalten. Insbesondere Wohnungsbaugesellschaften stehen hier vor der Herausforderung, große Gebäudekomplexe effizient, kostengünstig und mit geringer Belastung für die Mieter zu modernisieren. Die GWW Wiesbadener Wohnbaugesellschaft mbH, eine städtische Tochtergesellschaft der Landeshauptstadt Wiesbaden, setzt hierbei auf ein innovatives Verfahren: die serielle Sanierung. In Kooperation mit dem Berliner Bauunternehmen ecoworks werden Pilotprojekte realisiert, die zeigen, wie industrielle Vorfertigung und digitale Planung die Sanierungsbranche revolutionieren können. Dieser Artikel beleuchtet die Technologie, die konkreten Maßnahmen und die Ergebnisse der Projekte in Wiesbaden, basierend auf den vorliegenden Informationen.

Das Prinzip der Seriellen Sanierung

Serielle Sanierung bezeichnet einen Sanierungsansatz, bei dem Bauteile in industrieller Fertigung vorgefertigt und anschließend als modularisierte Elemente auf das bestehende Gebäude montiert werden. Anstatt eines klassischen, handwerklich geprägten Sanierungsprozesses vor Ort, der oft lange Bauzeiten und hohe Störungen bedeutet, findet der Großteil der Arbeiten kontrolliert in einer Werkhalle statt.

Digitale Erfassung und Vorfertigung

Der Prozess beginnt mit der exakten digitalen Erfassung des Bestandsgebäudes. Wie in den Quellen für das Projekt in der Röntgenstraße beschrieben, wurde im November und Dezember 2023 ein digitaler Zwilling des Gebäudes mittels Laserscan erstellt. Dieser digitale Zwilling dient als Grundlage für die präzise Planung und Fertigung der Sanierungselemente.

In der Fabrik werden daraufhin die neue Gebäudehülle inklusive Fenster, Dämmung und integrierter Energietechnik (z. B. Wärmepumpen) als geschlossene Module gefertigt. Diese Fertigung unter kontrollierten Bedingungen gewährleistet eine hohe Qualität und minimiert Ausschuss.

Montage vor Ort

Die vorgefertigten Elemente werden zur Baustelle geliefert und in wenigen Arbeitsschritten auf das alte Gebäude aufgesetzt. Im Falle der GWW-Projekte handelt es sich oft um eine "Trockenmontage", die Witterungseinflüsse weitgehend ausschließt. Dies ermöglicht Sanierungen auch in den Wintermonaten und verkürzt die Aufenthaltsdauer der Handwerker im Gebäude massiv.

Projektbeispiel: Röntgenstraße – Effizienzhaus 55 EE

Ein herausragendes Beispiel für die Anwendung dieser Technologie ist das Wohngebäude in der Röntgenstraße 22 in Wiesbaden-Biebrich.

Ausgangslage

Das Gebäude wurde im Jahr 1972 errichtet und umfasst vier Geschosse mit 32 Mietwohnungen und einer Mietraumfläche von über 2.000 Quadratmetern. Vor der Sanierung wies das Gebäude eine deutliche Energieeffizienzlücke auf. Ziel der GWW war es, das Gebäude auf die Effizienzhaus-Stufe 55 EE zu heben.

Durchführung und Technische Maßnahmen

Im Februar 2025 wurde der Baufortschritt vorgestellt. Die Sanierung umfasst eine umfassende Erneuerung der Gebäudehülle und der Haustechnik. Konkrete Maßnahmen nach den vorliegenden Informationen sind:

  • Fassadenelemente: Einsatz von innovativen, vorgefertigten Fassadenelementen, in denen die Fenster bereits vollständig integriert sind. Zudem sind außenliegende Rollläden Teil der Module.
  • Dachsysteme und Photovoltaik: Einbau neuer Dachsysteme, die eine Installation von Photovoltaik ermöglichen und unterstützen.
  • Heizungstechnik: Austausch der bestehenden Gas-Zentralheizung durch eine moderne Luft-Wasser-Wärmepumpe. Diese dient sowohl der Beheizung als auch der Warmwasseraufbereitung.
  • Zusätzliche Dämmung: Maßnahmen zur Kellerdeckendämmung wurden durchgeführt, um den Energieverlust nach unten zu minimieren.
  • Sommerlicher Wärmeschutz: Spezielle Fenster und Dämmkonstruktionen sorgen für einen effektiven Schutz vor Überhitzung im Sommer.
  • Balkonanbau: Zur Aufwertung der Wohnqualität wurden neue, aufgeständerte Aluminium-Balkone angebaut.
  • Monitoringsysteme: Die Integration von Monitoring-Systemen dient der Überwachung des Energieverbrauchs und des Gebäudezustands.

Ergebnisse und Effizienzsteigerung

Durch diese umfassende Maßnahmenkette, so die Aussage des GWW-Geschäftsführers Thomas Keller, wird der Energiebedarf des Gebäudes um drei Viertel (75 %) reduziert. Das Ziel, einen Betrieb nach EH 55 Standard und die Energieeffizienzklasse A+ zu erreichen, wird damit realisiert.

Zeit- und Kosteneffizienz

Ein entscheidender Vorteil der seriellen Sanierung ist die enorme Zeitersparnis. Bei einem konventionellen Sanierungsverfahren würde eine Sanierung dieser Größenordnung laut GWW-Angaben etwa 12 Monate in Anspruch nehmen. Durch das serielle Verfahren wird die Bauzeit auf nur sechs Monate verkürzt.

Diese Verdopplung der Geschwindigkeit hat mehrere Vorteile: 1. Geringere Belastung für Mieter: Die Bewohner sind deutlich kürzer von Baustellenlärm und -staub betroffen. 2. Schnellere Amortisation: Die energetischen Einsparungen setzen früher ein. 3. Planungssicherheit: Industrielle Fertigung reduziert das Risiko von Verzögerungen durch Witterung oder lokale Handwerkerengpässe.

Zwar liegen für das spezifische Projekt in der Röntgenstraße keine detaillierten Kostenangaben vor, jedoch zeigen andere Projekte, dass solche Sanierungen Investitionen in Millionenhöhe erfordern, sich aber über die Mieteinnahmen und staatliche Förderungen amortisieren.

Das Projekt Wiesbaden-Prießnitzstraße: Skalierung des Konzepts

Ein weiteres Projekt der GWW und ecoworks befindet sich in der Prießnitzstraße. Hier wird das Konzept auf einen größeren Wohnkomplex mit 90 Wohneinheiten ausgeweitet. Dieses Projekt gilt als das erste Folgeprojekt von ecoworks und dient als Nachweis der Skalierbarkeit des Verfahrens.

Besondere Herausforderungen

Der Komplex besteht aus mehreren Häusern mit unterschiedlicher Bauweise (Häuser 1–3 mit vier Obergeschossen, Häuser 5–11 mit sieben Obergeschossen) und weist eine komplexe Architektur mit über das Dach ragenden Aufzugüberfahrten und Treppentürmen auf. Diese spezielle geometrische Struktur stellt eine hohe Anforderung an die Anpassungsfähigkeit des seriellen Sanierungskonzepts. Ziel ist auch hier die Erreichung der Energieeffizienzklasse A+.

Weitere Projekte der GWW: Niederwaldstraße (Aufstockung)

Neben der reinen energetischen Sanierung nutzt die GWW Wiesbaden auch die Möglichkeit der Nachverdichtung, um den Wohnungsbestand zu erhöhen und die Siedlungsstruktur zu optimieren. Ein Beispiel hierfür ist die Sanierung und Aufstockung an der Niederwaldstraße 46–48, abgeschlossen im Jahr 2019.

Technische Umsetzung

Bei diesem Projekt wurde der bestehende Dachstuhl abgetragen und das Haus um ein Vollgeschoss in Holzbauweise ergänzt. Dadurch entstanden vier zusätzliche Wohneinheiten als Wohneigentum mit großzügigen Grundrissen. Die architektonische Gestaltung der Aufstockung – beschrieben als "vier aufgesetzte Guckkästen" durch die Rahmung der Terrassen – verleiht dem Gebäude ein neues Erscheinungsbild.

Wirtschaftlichkeit und Auszeichnungen

Das Projekt umfasste 42 Wohneinheiten (Bestand) plus 4 neue Einheiten, eine Bruttogröße von 3.608 m² und Baukosten von 5,36 Mio. Euro. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet (BIGSEE Awards 2023, UDAD Awards 2023, Heinze ArchitekturAWARD 2022), was die hohe bauliche und nachhaltige Qualität belegt.

Förderung und Netzwerke

Die Umsetzung innovativer Sanierungsverfahren wird durch staatliche Unterstützung gefördert. Die Quellen erwähnen, dass das hessische Wirtschaftsministerium die LEA LandesEnergieAgentur Hessen (LEA Hessen) beauftragt hat, ein Netzwerk einzurichten und Wohnungsbaugesellschaften zu beraten. Zudem können Förderungen über die WI Bank in Zusammenhang mit KfW-Förderungen beantragt werden, auch für energieeffiziente Neubauten im Bestand (Aufstockung).

Fazit

Die GWW Wiesbadener Wohnbaugesellschaft mbH beweist mit ihren Projekten in der Röntgenstraße und Prießnitzstraße, dass die serielle Sanierung ein zukunftsfähiges Verfahren für die energetische Gebäudetranistion ist. Durch den Einsatz von digitaler Planung (Laserscan, digitaler Zwilling) und industrieller Vorfertigung können Bestandsgebäude in Rekordzeit von Energieverbrauchsklassen der 70er Jahre auf modernste Standards wie Effizienzhaus 55 EE gehoben werden. Die Reduzierung des Energiebedarfs um 75 % und die Integration erneuerbarer Energien sind hierbei kein Zukunftsvision, sondern realisierte Projekte. Gleichzeitig zeigt die Aufstockung an der Niederwaldstraße, dass die Modernisierung auch genutzt werden kann, um durch Holzbauweise und Nachverdichtung den Wohnungsbestand effizient zu erweitern. Für Bauherren und Wohnungsgesellschaften ist dies ein klarer Weg zu wirtschaftlichem, nachhaltigem und mieterfreundlichem Bauen.

Quellen

  1. ecoworks.tech - Projekt Wiesbaden-Prießnitzstraße
  2. lea-hessen.de - Best Practice Serielle Sanierung
  3. fr.de - Serielle Sanierung in Wiesbaden
  4. gs-architektur.de - Aufstockung und Sanierung Niederwaldstrasse Wiesbaden
  5. vermieter-ratgeber.de - Serielle Sanierung dauert nur sechs statt 12 Monate
  6. gww-wiesbaden.de - GWW Wiesbadener Wohnbaugesellschaft

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