Die Übernahme des Automobilherstellers Opel durch den französischen Konzern PSA (Groupe PSA) im August 2017 markierte einen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte des Unternehmens. Im Jahr 2018 wurde die Umsetzung eines ambitionierten Sanierungsplans vorangetrieben, der unter dem Namen „PACE“ bekannt wurde. Ziel dieser Maßnahmen war es, den langjährigen Verlustbringer Opel schnellstmöglich wieder profitabel zu machen und in die gewinnbringende Struktur des PSA-Konzerns zu integrieren. Dieser Artikel beleuchtet die zentralen Aspekte der Sanierung im Jahr 2018, basierend auf den verfügbaren Informationen aus der Berichterstattung dieser Zeit.
Der Sanierungsplan „PACE“ und strategische Neuausrichtung
Die strategische Ausrichtung von Opel unter der Führung von PSA-Chef Carlos Tavares war von Anbeginn auf eine schnelle und konsequente Umsetzung von Sparzielen ausgelegt. Experten des Instituts für Automobilwirtschaft (ifa) in Geislingen prognostizierten im Jahr 2018, dass PSA sehr zügig vorgehen würde, um Opel bis 2020 wieder in die Gewinnzone zu führen. Die Absicht war, eine sogenannte „schwarze Null“ zu erreichen, was eine Nettogewinnschwelle bedeutet.
Der Sanierungsplan sah vor, Opel in ein enges Korsett innerhalb des bereits seit 2014 laufenden PSA-Sanierungsplans einzubinden. Das Management von Opel, angeführt durch Geschäftsführer Michael Lohscheller, stellte diesen Plan im November 2017 vor. Ein Kernbestandteil war die Integration von Opel in die Konzernstrukturen, was klare Direktiven aus Paris und den Einsatz französischer Manager bei Opel beinhaltete. Ein Branchenexperte merkte an, dass ein solches Vorgehen bei früheren Übernahmen, wie der des Daimler-Konzerns bei Chrysler, zwar schmerzhaft, jedoch effektiv war.
Ein wesentlicher strategischer Punkt war die Neuausrichtung der Modellpalette. Es wurde berichtet, dass die Opel-Modelle sukzessive auf PSA-Plattformen umgestellt werden sollten. Dies bedeutet einen Wechsel von den bisherigen technischen Grundlagen hin zu Plattformen, die bereits in Modellen von Peugeot, Citroën und DS verwendet werden. Diese Standardisierung dient der Kosteneinsparung in der Entwicklung und Produktion.
Kritik an der Umsetzungsgeschwindigkeit und Management-Strategie
PSA-Chef Carlos Tavares selbst äußerte sich im Jahr 2018 auf dem Pariser Autosalon dahingehend, dass die Sanierung von Opel gut ein Jahr nach der Übernahme bereits zu einem Drittel geschafft sei. Gleichzeitig übte er Kritik an den Regeln der Mitbestimmung in Deutschland, was darauf hindeutet, dass die Umsetzung der Pläne auf Widerstände stieß.
Arbeitsplatzsicherung und Tarifverhandlungen
Ein zentraler Konfliktpunkt im Jahr 2018 war die Sicherung der Arbeitsplätze in den deutschen Werken. Die Unsicherheit unter den Beschäftigten war groß, da die Geschäftsführung zunächst keine Entscheidung darüber traf, welche Autos zukünftig in den deutschen Werken hergestellt werden sollten.
Stellenabbau und Sparmaßnahmen
Die Diskussionen um den Stellenabbau waren intensiv. Laut einem Bericht aus dem April 2018 erwog das Management einen Abbau von bis zu 3.700 der insgesamt 19.000 deutschen Arbeitsplätze. In Eisenach, wo rund 1.800 Mitarbeiter beschäftigt waren, wurde ein Angebot zurückgewiesen, das den Abbau von 700 bis 1.000 Stellen für ein einziges Fahrzeug vorsah. Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug bezeichnete diesen Vorschlag als „nicht zukunftsfähig“.
Zusätzlich zu den Kündigungen verlangte das Management Verzichtleistungen von den Mitarbeitern. Gefordert wurde der Verzicht auf die tariflich vereinbarte Lohnerhöhung von 4,3 Prozent sowie auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, um die Sparziele zu erreichen.
Der Zukunftstarifvertrag
Trotz der angespannten Lage kam es im weiteren Verlauf des Jahres 2018 zu einer Einigung. Die Opel-Beschäftigten stimmten einem Tarifvertrag zur Sanierung zu. Dieser „Zukunftstarifvertrag“ sah wesentliche Kompromisse vor: * Kündigungsschutz: Es wurde ein Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bis zum 31. Juli 2023 vereinbart. * Vorruhestand: Die Zahl der Vorruhestandsregelungen wurde auf 3.700 Beschäftigte begrenzt. * Investitionen: Im Gegenzug für Lohnzugeständnisse (Verschiebung von Lohnerhöhungen aus dem Flächentarifvertrag) wurden Investitionen in Milliardenhöhe für alle deutschen Standorte (Rüsselsheim, Eisenach, Kaiserslautern) zugesagt.
Die IG Metall meldete eine Zustimmungsrate von 96 Prozent der Teilnehmer. Betriebsratschef Schäfer-Klug lobte den deutlichen Rückhalt und bezeichnete den Tarifvertrag als guten Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen über die Zukunft der Standorte.
Vertriebsstrategie und Händlernetz
Ein weiterer wichtiger Hebel im Sanierungsplan war die Optimierung der Vertriebsstruktur. Im April 2018 kündigte Opel alle Händler- und Serviceverträge mit den rund 1.600 Werkstätten in Europa, davon 385 in Deutschland, zum 30. April 2020. Diese Maßnahme war Teil des Plans „PACE“.
Ziel der Ausdünnung des Händlernetzes war es, die Vertriebsstruktur profitabler zu gestalten. Die Berichterstattung wies darauf hin, dass ein Rückgang der Opel-Zulassungen wahrscheinlich sei, da PSA plante, wenig ertragbringende Absatzkanäle zurückzufahren. Dazu gehörten Fahrzeuge, die auf Hersteller, Händler oder Autovermieter zugelassen wurden und anschließend mit hohen Abschlägen als Gebrauchtwagen vermarktet wurden. Solche „Tageszulassungen“ und „Mietrückläufer“ drückten die Margen.
Der Verband der Opel-Händler Deutschlands appellierte an Opel, bei den neuen Verträgen ab 2020 die Freiheit der Händler nicht zu sehr einzuschränken. Der Sprecher des Verbandes, Peter Müller, betonte, dass sich der Handel nicht in die Produktion einmischen werde, erwartete im Gegenzug aber auch Freiräume für den Vertrieb.
Technologische Neuausrichtung und Entwicklungszentrum
Ein strategisch bedeutender Aspekt der Sanierung betraf die technologische Zukunft von Opel, insbesondere im Bereich der Elektromobilität. Schon vor der Übernahme hatte der Ex-Chef Karl Thomas Neumann Opel als zukünftige Elektroauto-Marke vorgesehen. Unter PSA wurde diese Vision konkretisiert, jedoch in die Konzernstrategie integriert.
Rüsselsheim als Kompetenzzentrum
Das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim sollte laut Planung zum konzernweiten Kompetenzzentrum für elektrifizierte und voll elektrisch angetriebene Autos werden. Dies war notwendig, da der PSA-Konzern selbst dringend alternative Antriebe benötigte. Citroën und DS waren damals mit Modellen wie dem DS7 Plug-in-Hybrid und den älteren Modellen C-Zero und Peugeot iOn (Lizenzbau von Mitsubishi) am Markt vertreten, jedoch bestand die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von Mitsubishi zu beenden, da Mitsubishi nun mit Nissan zur Allianz mit dem PSA-Erzrivalen Renault gehörte.
Modellpolitik
Im Zuge der Integration und der Fokussierung auf Kernmodelle wurde auch über das Schicksal bestimmter Opel-Modelle spekuliert. Es wurde berichtet, dass der Lifestyle-Kleinwagen Opel Adam wohl nicht neben dem DS3 bestehen dürfte und das Cabrio Opel Cascada im Jahr 2018 „in seinen letzten Sommer fahren“ würde. Diese Maßnahmen dienten der Vermeidung von internem Wettbewerb innerhalb des Konzerns.
Herausforderungen beim Entwicklungszentrum
Trotz der strategischen Bedeutung gab es auch hier Spannungen. PSA prüfte, für einen großen Teil des Opel-Entwicklungszentrums einen strategischen Partner zu suchen. Der Gesamtbetriebsrat forderte im Gegenzug, dass ein neues Unternehmen zu mindestens 50 Prozent Opel gehören müsse, um die Kontrolle über die eigenen Entwicklungsressourcen zu behalten.
Fazit
Die Sanierung von Opel im Jahr 2018 war ein komplexes Unterfangen, das tiefgreifende Veränderungen in den Bereichen Produktion, Vertrieb, Arbeitsbedingungen und Technologie mit sich brachte. Der Übernahme durch PSA folgten harte, aber zielgerichtete Maßnahmen, um den Unternehmen wieder zu Profitabilität zu verhelfen. Der im April 2018 geschlossene Zukunftstarifvertrag bot den Beschäftigten langfristige Sicherheit durch einen Kündigungsschutz bis 2023, während das Management durch Rationalisierungen im Händlernetz und die Umstellung auf PSA-Plattformen Kosteneffizienz erzielte. Die Ausrichtung auf die Elektromobilität mit Rüsselsheim als potentiellem Kompetenzzentrum zeigte den strategischen Weitblick des Konzerns, sich auf zukünftige Antriebstechnologien vorzubereiten. Die Kritik an der Geschwindigkeit der Umsetzung und den Regeln der deutschen Mitbestimmung unterstrichen jedoch die Herausforderungen, die mit einer solchen tiefgreifenden Restrukturierung verbunden sind.