Die Sanierung von Parkdecks, insbesondere solchen aus den 1970er und 1980er Jahren, stellt Bauherren, Immobilienverwalter und Stadtverwungen vor erhebliche Herausforderungen. Die Bausubstanz dieser Ära leidet häufig unter den Folgen unzureichender Korrosionsschutzmaßnahmen und undichter Abdichtungen. Ein exemplarisches Beispiel für eine solche umfassende Rekonstruktion ist die Sanierung des Parkdecks an der Martinistraße in Wesel, direkt am Städtischen Bühnenhaus. Dieses Projekt bietet wertvolle Einblicke in die technischen Notwendigkeiten, die Kostenstruktur und die logistische Planung bei der Instandsetzung von Betontragwerken.
Analyse der Bausubstanz und Schadensbilder
Die Notwendigkeit einer Sanierung ergibt sich meist aus einer detaillierten Bestandsaufnahme. Im Fall des Weseler Parkdecks, das 1974/1975 zusammen mit dem Rathauskomplex errichtet wurde, wurde 2017 eine Untersuchung durch ein sachkundiges Ingenieurbüro veranlasst. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen typische Schadensbilder für Bauwerke dieser Zeit.
Die Hauptschäden wurden durch Undichtigkeiten im Oberdeck verursacht. Dies ist ein klassisches Problem bei Parkdecks, bei denen die Abdichtung versagt hat. Die eindringende Feuchtigkeit führt zu einer Schädigung der Betonkonstruktion. Wasser dringt in die Poren des Betons ein und erreicht die Stahlbewehrung. In Kombination mit Sauerstoff führt dies zur Korrosion des Stahls. Das rostende Eisen dehnt sich aus und sprengt den umgebenden Beton ab (Betonriß und Abplatzungen), was die Tragfähigkeit des Bauwerks gefährdet.
Daher sind in solchen Fällen umfangreiche Betonsanierungs- und Abdichtungsarbeiten zwingend erforderlich. Ein Experteninterview mit der LAFRENTZ Baugesellschaft mbH (Source 5) unterstreicht die Dringlichkeit: Gerade bei Bauwerken aus den 1970er bis Anfang der 1990er Jahre ist der Schutz des Konstruktionsbetons oft ungenügend oder gar nicht vorhanden. Eine grundlegende Parkdecksanierung ist hier unumgänglich, wobei das Ziel eine Dauerhaftigkeit sein muss, die über die Anforderungen der VOB (Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen) hinausgeht.
Vergleich von Belagsystemen: Gussasphalt vs. Kunstharz
Ein zentraler technischer Entscheidungspunkt bei der Sanierung ist die Wahl des Belags. In Wesel wurde die Entscheidung getroffen, den vorhandenen Plattenbelag durch eine Gussasphaltdecke zu ersetzen. Diese Wahl ist technisch begründet und wird von Experten als nachhaltig bewertet.
Die Quellen (Source 5) geben einen detaillierten Vergleich der Materialien:
- Gussasphalt und Beton: Diese Materialien haben sich gegenüber Beschichtungen aus Kunstharz bewährt. Die Dauerhaftigkeit wird auf ca. 50 Jahre geschätzt. Dies ist ein entscheidender Faktor für die Wirtschaftlichkeit einer Sanierung.
- Kunstharzbeschichtungen: Hier beträgt die Lebensdauer nur ca. 10 Jahre. Bei Kunstharzbeschichtungen muss eine einzige, ca. 5 mm dicke Schicht sowohl die Abdichtung als auch die Nutzschicht übernehmen. Diese Multifunktionalität führt oft zu einem früheren Verschleiß.
Die Entscheidung für Gussasphalt in Wesel ist somit eine Investition in Langlebigkeit. Die technische Ausführung des Belags ohne Wärmedämmung erfolgt nach modernen Standards: Eine Epoxydharzgrundierung sorgt für die Haftung, darauf folgt eine hitzebeständige Schweißbahn. Diese Schweißbahn dient als wirksame Feuchtigkeitssperre. Abschließend wird eine zweilagige Gussasphaltschicht aufgetragen. Dabei übernimmt die erste Lage die Funktion der Schutzschicht, während die zweite Lage die Deckschicht bildet. Diese mehrschichtige Konstruktion gewährleistet die notwendige Stabilität und den Schutz vor Witterungseinflüssen.
Kostenstruktur und Wirtschaftlichkeit
Die Finanzierung von Sanierungsmaßnahmen ist für öffentliche wie private Bauherren von großer Bedeutung. Die Sanierung des Parkdecks in Wesel zeigt, wie Kosten entstehen und sich im Verlauf des Projekts entwickeln können.
Ursprünglich war die Durchführung der Sanierung für das Jahr 2019 geplant. Der Haushalt sah zunächst Mittel in Höhe von 1.070.000 € vor. Die Auftragssumme verteilte sich wie folgt: * Ingenieurauftrag: 92.905,89 € (Ing.-Büro A & W, Wesel) * Hauptauftrag Sanierung: 729.066,71 € (Fa. Zabel GmbH, Castrop-Rauxel) * Elektroinstallation: 5.000 € (Fa. Eulektra, Wesel) * Gesamtauftragsvolumen: ca. 830.000 €.
Im Vergleich dazu nannten neuere Berichte eine ursprüngliche Kalkulation von 830.000 € (Source 2). Diese Diskrepanz in den Quellen bezüglich des ursprünglichen Budgets (1.070.000 € vs. 830.000 €) deutet auf unterschiedliche Betrachtungsweisen hin (Gesamthaushalt vs. reines Auftragsvolumen), lässt aber erkennen, dass die Summe im hohen sechsstelligen Bereich lag.
Im Laufe der Bauzeit stellte sich jedoch heraus, dass zusätzliche Kosten anfielen. Durch die Freilegung der Bausubstanz wurden "negative Überraschungen" sichtbar. Es wurde teerhaltiges Material entdeckt, dessen Beseitigung 50.000 Euro kostete. Zudem erwiesen sich die Entwässerungsleitungen als zu klein dimensioniert und mussten erneuert werden, was mit Kosten von 175.000 Euro verbunden war. Insgeslt kamen so rund 250.000 Euro zusätzliche Kosten hinzu, was die Gesamtkosten auf ca. 1,1 Millionen Euro oder mehr treiben konnte.
Dieses Beispiel verdeutlicht das Risiko von "Sichtschäden" bei Sanierungen. Für Bauherren bedeutet dies: Bei Sanierungen älterer Bauwerke sollte immer ein Puffer für unvorhergesehene, notwendige Zusatzmaßnahmen eingeplant werden.
Logistik und Bauablaufplanung
Die Organisation einer Baustelle in stark frequentierten Bereichen, wie der Innenstadt von Wesel, erfordert eine ausgeklügelte Logistik. Das Parkdeck Martinistraße ist eine zentrale Parkmöglichkeit mit 89 Stellplätzen im Oberdeck und 105 Plätzen in der Tiefgarage. Hinzu kommen 40 vorgelagerte Parkplätze. Eine vollständige Sperrung hätte zu massiven Verkehrsbehinderungen geführt.
Die Planer wählten daher eine zweiphasige Sanierung: 1. Abschnittsweise Sanierung: Eine in der Mitte des Parkdecks verlaufende Dehnungsfuge teilt die Fläche in zwei Hälften. Zuerst wird der Bereich von der Auffahrtsrampe bis zur Dehnungsfuge saniert, danach der zweite Abschnitt. 2. Aufrechterhaltung des Betriebs: Durch diese Teilung blieben jeweils ca. 40 Parkplätze nutzbar. Um die Nutzer zu entlasten, wurden in der Bauphase keine Gebühren erhoben.
Besonders hervorzuheben ist die Rücksichtnahme auf die Tiefgarage. Die Stellplätze im Untergeschoss waren durch die Maßnahme grundsätzlich nicht betroffen, lediglich im Bereich der Dehnungsfugen gab es partielle, tageweise Sperrungen.
Um die Bauzeit zu verkürzen, wurden die Arbeiten in den Wintermonaten unter einem Zelt (Winterbaustelle) fortgesetzt. Dies ermöglichte eine Weiterarbeit bei Wind und Wetter und verhinderte Verzögerungen durch Witterungseinflüsse. Ursprünglich war eine Bauzeit von 16 Wochen geplant. Obwohl es durch das Corona-Virus und die oben genannten ungeplanten Fundamentschäden zu Verzögerungen kam, wurde die Sanierung schließlich in zwei Hälften nahtlos angeschlossen.
Auch bei kleineren Wartungsarbeiten, wie der Reinigung der Entwässerungsrinnen (Source 4), wurde auf Vollsperrungen zurückgegriffen. Als Alternative wurde den Nutzern das kostenfreie Parken auf dem Schulhof der Ida-Noddack Gesamtschule angeboten. Solche Ausweichparkplätze sind essenziell, um die Akzeptanz bei Anwohnern und Kunden zu sichern.
Technische Durchführung im Detail
Die Sanierung umfasste mehrere Arbeitsschritte, die ineinandergreifen müssen:
- Abbruch und Vorbereitung: Der alte Plattenbelag wurde entfernt. Anschließend musste der Beton untersucht und saniert werden. Risse wurden verpresst, abgeplatzter Beton entfernt und die Bewehrung freigelegt, gereinigt und geschützt.
- Abdichtung: Die neue, hitzebeständige Schweißbahn ist das Herzstück der Abdichtung. Sie verhindert, dass in Zukunft wieder Feuchtigkeit in die Konstruktion eindringt.
- Belag: Die Verlegung der zweilagigen Gussasphaltschicht. Gussasphalt wird heiß verarbeitet und ergibt eine dichte, wasserdichte Oberfläche. Er ist widerstandsfähig gegen Streusalze und mechanische Belastungen.
- Markierungen: Nach Fertigstellung des Belags wurden neue weiße Markierungen aufgebracht. Dies dient nicht nur der Optik, sondern auch der Sicherheit und Ordnung auf dem Parkdeck.
Fazit
Die Sanierung des Parkdecks in Wesel ist ein Musterbeispiel für die Notwendigkeit und Durchführung von Rekonstruktionsmaßnahmen an alternder Infrastruktur. Die Analyse der Schäden zeigte Undichtigkeiten und Betonkorrosion als Hauptursachen. Die Entscheidung für Gussasphalt als Belagsmaterial, ergänzt durch eine moderne Epoxydharzgrundierung und Schweißbahn, stellt eine nachhaltige Lösung dar, deren Wirtschaftlichkeit durch eine zu erwartende Lebensdauer von rund 50 Jahren begründet ist.
Das Projekt verdeutlicht jedoch auch die Risiken: Ungeplante Zusatzkosten in Höhe von rund 250.000 Euro durch teerhaltiges Material und defekte Entwässerungssysteme zeigen, dass eine detaillierte Voruntersuchung zwar wichtig ist, aber nicht alle Eventualitäten vorhersagen kann. Dennoch ermöglichte eine kluge Abschnittsplanung den Betrieb des Parkhauses während der Sanierung und minimierte die Beeinträchtigungen für die Nutzer. Für Bauherren und Planer bleibt die Lehre: Investitionen in eine hochwertige Abdichtung und Belagssysteme (wie Gussasphalt) amortisieren sich durch geringere Folgekosten und längere Nutzungsdauern im Vergleich zu kostengünstigeren Systemen wie Kunstharzbeschichtungen.