Revitalisierung des BMW-Parkhauses in München: Ein Haus-in-Haus-Konzept unter Denkmalschutz

Einleitung

Die Generalsanierung des historischen BMW-Parkhauses am Münchner Unternehmensstandort stellt ein herausragendes Beispiel für die modernen Herausforderungen des Bauwesens dar: die Verbindung von Denkmalschutz, technischer Notwendigkeit und architektonischer Innovation. Das zwischen 1969 und 1971 von Architekt Karl Schwanzer erbaute siebengeschossige Parkhaus ist ein integraler Bestandteil des weltbekannten Ensembles der BMW Group-Werke in München, zu dem auch der als „Vierzylinder“ bekannte Verwaltungsbau und das BMW-Museum gehören. Seit 1999 steht das Gebäude unter Denkmalschutz, doch jahrelange Vernachlässigung und das natürliche Alter der Bausubstanz führten zu einer Situation, in der eine Sanierung unumgänglich wurde.

Die Herausforderung bestand darin, dass die Tragkonstruktion des Gebäudes derart stark beschädigt war, dass eine bloße Instandsetzung nicht mehr ausreichte. Gleichzeitig forderte der Denkmalschutz die Bewahrung des charakteristischen Erscheinungsbildes des Ensembles. Die Lösung, die von einer Arbeitsgemeinschaft der Planungsbüros SAA Schweger Architekten und pbr Planungsbüro Rohling entwickelt wurde, ist ein sogenanntes Haus-in-Haus-Konzept. Dieser Ansatz ermöglichte es, die historische Betonfassade zu erhalten und gleichzeitig einen komplett neuen, modernen Parkhausbau im Inneren zu errichten. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen Hintergründe, die Planungsstrategien und die Umsetzung dieser komplexen Baumaßnahme, die im Jahr 2024 abgeschlossen wurde.

Die Ausgangslage: Ein Denkmal in Not

Das Parkhaus der BMW Group ist mehr als nur eine Parkanlage; es ist ein Zeugnis der Baukultur der späten 1960er Jahre. Seine architektonische Gestaltung, geprägt von der Brutalistischen Architektur mit sichtbaren Betonfertigteilen, fällt bewusst aus dem Rahmen üblicher Hochgaragenarchitektur. Architekt Karl Schwanzer selbst beschrieb das Bauwerk als Teil einer städtebaulichen Neuordnung, bei der vertikale, horizontale und gewölbte Fassadenformen in einer einzigartigen Gruppierung zusammentreffen.

Trotz dieses hohen architektonischen Wertes war der Zustand des Gebäudes kritisch. Nach Jahrzehnten des Betriebs und mangelnder Instandhaltung war die Bausubstanz stark geschädigt. Die primäre Tragkonstruktion, also das Gerüst, das die Parkdecks und das Dach trägt, war so stark beschädigt, dass ein Erhalt nicht mehr möglich war. Die Quellenlage ist hier eindeutig: Die Schäden an der Tragkonstruktion waren so massiv, dass das Gebäude nur noch zurückgebaut werden konnte. Dieser Zustand machte eine umfassende Sanierung oder einen teilweisen Neubau zwingend erforderlich.

Zusätzlich zu den strukturellen Problemen kamen Anforderungen aus dem Brandschutz hinzu. Als offenes Parkhaus muss eine natürliche Belüftung gewährleistet sein, um im Brandfall die Abführung von Rauch und Hitze sicherzustellen. Die ursprüngliche Bausubstanz und die Art der damaligen Planung erfüllten diese modernen Anforderungen nicht mehr. Eine direkte Sanierung der alten Tragstruktur wäre zudem mit erheblichen Risiken verbunden gewesen und hätte die gewünschte Sicherheit nicht ausreichend gewährleistet.

Strategische Planung: Das Haus-in-Haus-Konzept

Angesichts der widersprüchlichen Anforderungen – Erhalt des denkmalgeschützten Erscheinungsbildes bei gleichzeitigem Austausch der Tragstruktur – entwickelten die Planer das Konzept des „Hauses im Haus“. Dieser Ansatz ist in der Denkmalsanierung und im modernen Bauwesen eine anerkannte Methode, um historische Hülle und moderne Funktion zu vereinen.

Das Prinzip der Entkoppelung

Das Kernstück des Konzepts ist die Entkoppelung der neuen Tragstruktur von der alten Fassade. Die historische Fassade aus Betonfertigteilen bleibt als eigenständige, äußere Hülle stehen. Sie wird gesichert und saniert, verliert aber ihre statische Funktion für den inneren Baukörper. Der neue Parkhausbau wird als vollständig neues Stahlverbundtragwerk im Inneren dieser Hülle errichtet.

Diese räumliche Trennung hat mehrere Vorteile: 1. Denkmalschutz: Das charakteristische äußere Erscheinungsbild des Ensembles bleibt vollständig erhalten. 2. Technische Modernisierung: Der Neubau kann nach aktuellen technischen Standards (Stahlverbundbauweise) ausgeführt werden, was eine hohe Stabilität und Langlebigkeit gewährleistet. 3. Brandschutz: Durch das Abrücken der Bestandsfassade vom eigentlichen Parkhausneubau wird die geforderte Belüftungsfläche geschaffen. Die Fuge zwischen dem neuen Baukörper und der alten Fassade dient als Belüftungskanal und erfüllt so die brandschutztechnischen Vorgaben für eine natürliche Be- und Entlüftung.

Die Herausforderung der Entkoppelung

Eine solche Bauweise ist technisch anspruchsvoll. Die Quellen erwähnen, dass vor dem eigentlichen Abtrennen der Fassade vom alten Tragwerk eine aufwändige temporäre Stahlkonstruktion aufgebaut werden musste. Diese diente dazu, die historische Fassade zu sichern, sobald die Verbindung zum alten Tragwerk gelöst wurde. Dieser Schritt war notwendig, um ein Einsturzrisiko auszuschließen und die Fassade während der Bauarbeiten am Neubau zu stabilisieren. Der Prozess des Abtrennens erfolgte mittels Sägeschnitt, ein präzises Verfahren, um die Fassadenelemente vom alten Tragwerk zu lösen.

Technische Umsetzung und Neubau

Der neue Parkhausbau wurde als Splitlevel-Gebäude konzipiert. Splitlevel-Bauweise bedeutet, dass die einzelnen Geschosse nicht als vollständige Ebenen übereinander liegen, sondern in halben Stockwerken versetzt sind. Dies ermöglicht eine effizientere Stellplatzanordnung und eine optimierte Verkehrsführung im Inneren des Gebäudes.

Kapazitäten und Bauweise

Der Neubau bietet deutlich mehr Stellplätze als das ursprüngliche Gebäude. Während die Angaben in den Quellen zwischen 1.480 und 1.600 Stellplätzen schwanken, liegt die Zahl in den aktuelleren oder detaillierteren Quellen bei 1.600 Plätzen. Diese Erhöhung der Kapazität war ein wesentliches Ziel der Maßnahme, da der Bedarf an Parkflächen am Standort München gestiegen ist.

Die Tragstruktur des Neubaus besteht aus einem Stahlverbundtragwerk. Bei diesem Bauweise werden Stahlträger und Betondecken fest miteinander verbunden, um die Vorteile beider Materialien zu nutzen: die hohe Zugfestigkeit von Stahl und die Druckfestigkeit von Beton. Dies ermöglicht große Spannweiten und offene, lichte Räume, wie sie für Parkhäuser erforderlich sind.

Die Fassadengestaltung des Neubaus

Ein interessanter gestalterischer Aspekt, der in den Quellen genannt wird, betrifft die neue Fassade des Parkhauses. Da der Neubau mehr Parkfläche bieten musste als das Original, ragt seine Fassade über die denkmalgeschützte Außenwand hinaus. Diese neue Fassade ist vom Bestand abgesetzt und besteht aus einer geschwungenen Lochblechkonstruktion. Dieser Entwurf unterstreicht die Lesbarkeit des Neubaus als modernes Implantat in der historischen Hülle. Er zeigt, dass es sich um einen neuen Körper handelt, der sich bewusst von der alten Hülle absetzt, aber im Gesamtbild des Ensembles funktioniert.

Wiederverwendung von Materialien

Ein nachhaltiger Aspekt der Sanierung war die Teildemontage und Wiederverwendung von Brüstungselementen. Einige der alten Betonelemente wurden demontiert und nach einer Überarbeitung an der Süd- und Westfassade des neuen Gebäudes wiederverwendet. Dies reduziert nicht nur den Bedarf an neuen Rohstoffen, sondern bewahrt auch authentische Originalteile des Baudenkmals im Erscheinungsbild des neuen Bauwerks.

Denkmalschutz und Architektur

Die Sanierung des BMW-Parkhauses ist ein Lehrbuchbeispiel für die Zusammenarbeit zwischen Denkmalschutzbehörden und moderner Architektur. Das Ziel war nicht, das Gebäude in einen Museumszustand zu versetzen, sondern es für die heutigen Anforderungen fit zu machen, ohne seine historische Identität zu zerstören.

Die Entscheidung, die Fassade auf der Südseite vollständig und auf Teilen der Ost- und Westseite zu erhalten, war ein Kompromiss aus Erhalt und Notwendigkeit. Die Nordfassade wurde vermutlich nicht in gleichem Maße erhalten, da hier die Anforderungen an den Neubau oder die Standsicherheit anders waren. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das von außen seinen historischen Charakter bewahrt, während im Inneren eine vollständig moderne, funktionale Infrastruktur installiert ist.

Dieses Vorgehen unterscheidet sich von einem reinen Denkmalerhalt, bei dem nur die Fassade saniert und der Innenraum leer geräumt wird. Hier wurde die Fassade als Schale genutzt, um einen vollständigen Funktionsneubau zu ermöglichen. Dieses Konzept ist besonders für Bauten geeignet, deren Substanz im Inneren stark geschädigt ist, deren äußeres Erscheinungsbild aber unersetzbar für das Stadtbild ist.

Der Sanierungsprozess und die Fertigstellung

Die Sanierungsarbeiten begannen im November 2015. Der Zeitplan war langfristig angelegt, da die Komplexität der Bauarbeiten hoch war. Die Arbeiten wurden federführend von den Planungsbüros PBR Planungsbüro Rohling AG und SAA Schweger Architekten geleitet.

Der Prozess lässt sich in mehrere Phasen unterteilen: 1. Sicherung: Aufbau einer temporären Stahlkonstruktion zur Sicherung der Fassade. 2. Rückbau: Abtrag der alten Tragkonstruktion und der Parkdecks, wobei die Fassade intakt blieb. 3. Neubau: Errichtung des neuen Stahlverbundtragwerks im Inneren der alten Fassade. 4. Integration: Einbau der Splitlevel-Decken und der Verkehrsführung. 5. Fassadensanierung: Restaurierung der historischen Betonelemente und Anbringung der neuen Lochblechfassade.

Im Jahr 2024 wurden die Sanierungsmaßnahmen abgeschlossen und das Parkhaus vollständig in Betrieb genommen. Die Fertigstellung markiert das Ende einer mehrjährigen Bauphase, in der das Parkhaus für die Öffentlichkeit gesperrt war. Die Wiederverwendung des Gebäudes stellt sicher, dass das Ensemble der BMW Group-Werke in seiner Gesamtheit erhalten bleibt und funktional genutzt werden kann.

Zusammenfassung der technischen Daten

Um die Komplexität der Maßnahme zu veranschaulichen, hier eine Übersicht der in den Quellen genannten Daten:

Merkmal Beschreibung / Wert
Architekt (Original) Karl Schwanzer
Baujahr (Original) 1969–1971
Sanierungszeitraum Begann November 2015, Abgeschlossen 2024
Planer (Sanierung) SAA Schweger Architekten / pbr Planungsbüro Rohling (Arbeitsgemeinschaft)
Bauweise (Neubau) Stahlverbundtragwerk
Bauweise (Geschosse) Splitlevel-Bauweise (Halbebenen)
Stellplatzanzahl 1.600 (laut Quelle 1 & 2, Quelle 3 nennt 1.480)
Geschosse 7
Konzept Haus-in-Haus-Konzept
Fassadenerhalt Südseite vollständig, Ost- und Westseite teilweise
Neue Fassade Geschwungene Lochblechkonstruktion (vorspringend)
Brandschutz Natürliche Belüftung durch Fuge zur Bestandsfassade

Fazit

Die Revitalisierung des BMW-Parkhauses in München ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Verbindung von Denkmalschutz und moderner Bauwirtschaft. Die Entscheidung für das Haus-in-Haus-Konzept war der Schlüssel zur Lösung des Dilemmas zwischen Erhalt der historischen Bausubstanz und der Notwendigkeit eines kompletten Neubaus der Tragkonstruktion.

Für Bauherren und Planer zeigt dieses Projekt eindrücklich, dass Denkmalschutz kein Hindernis für Modernisierung sein muss, sondern eine architektonische Herausforderung darstellt, die zu innovativen Lösungen führt. Die Entkopplung von Fassade und Tragwerk, die Wiederverwendung von Originalmaterialien und die klare gestalterische Ablesbarkeit des Neubaukörpers innerhalb der alten Hülle sind Ansätze, die auch bei kleineren Projekten – etwa der Sanierung von historischen Wohnhäusern oder Gewerbeimmobilien – Inspiration bieten können.

Das Projekt beweist, dass selbst bei extremen Schäden an der Tragkonstruktion eine Substanzschonung möglich ist, solange der Wille und die Planungskompetenz vorhanden sind, um die technischen Anforderungen (wie Brandschutz und Standsicherheit) mit den gestalterischen Ansprüchen (Denkmalschutz) in Einklang zu bringen. Das Ergebnis ist ein Parkhaus, das sowohl funktional als auch architektonisch auf hohem Niveau steht und die historische Identität des BMW-Standorts respektiert.

Quellen

  1. Industriebau Online
  2. Arcguide
  3. Bundesbaublatt
  4. DBZ
  5. Property Magazine
  6. Baumeister
  7. Schweger Architects

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