Die Generalsanierung des historischen Parlamentsgebäudes in Wien stellt ein herausragendes Beispiel für die Sanierung von denkmalgeschützten Immobilien unter besonderer Berücksichtigung von Energieeffizienz, Barrierefreiheit und moderner Nutzungsdarstellung dar. Der Prozess umfasste eine komplexe Phase der Vorbereitung, eine EU-weite Ausschreibung sowie eine mehrjährige Bauausführung, die im Jänner 2023 abgeschlossen wurde. Die folgende Analyse beleuchtet die strategische Planung, das Vergabeverfahren und die technischen Aspekte dieses Projekts, welches als Leuchtturmprojekt für nachhaltiges Bauen in Österreich gilt.
Einleitung: Der Ausgangszustand und die Notwendigkeit der Sanierung
Das unter Denkmalschutz stehende Parlamentsgebäude in Wien wies erhebliche Sanierungsbedürftigkeit auf, die eine umfassende Instandsetzung erforderlich machte. Die Basis für die Sanierung bildete ein im Jahr 2010 ausgearbeitetes Gesamtkonzept. Dieses Konzept zielte darauf ab, alle vorhandenen Schäden und Mängel zu beheben und gleichzeitig die Gebäudenutzung zu verbessern.
Ein wesentlicher strategischer Schritt war die Integration des als Teilsanierungsprojekt geplanten Nationalratssitzungssaals in die Gesamtplanung. Ursprünglich waren getrennte Zuständigkeiten für die Gesamtsanierung und die Sanierung des Sitzungssaals vorgesehen. Analysen zeigten jedoch, dass eine solche Trennung gravierende Schnittstellenprobleme mit hohen Qualitäts- und Kostenrisiken nach sich ziehen würde. Zudem erwies sich eine Umsetzung des Siegerprojektes eines Wettbewerbs aus dem Jahr 2008 im Hinblick auf den Anspruch einer effizienten Gesamtsanierung als nicht vereinbar.
Strategische Vorbereitung und die Kommission der Generalplaner
Im Oktober 2012 wurde ein entscheidender Schritt zur Sanierung eingeleitet: die Einsetzung einer Kommission zur Auswahl eines Generalplaners. Ziel dieses Gremiums war es, ein transparentes und professionelles Verfahren zu gewährleisten. Die Besetzung der Kommission war sowohl national als auch international renommiert.
Die Jury bestand aus sieben Fachpreisrichtern, darunter den Architekten Walter Angonese, Ernst Beneder, Boris Podrecca, Jan Søndergaard und Martin Treberspurg sowie Univ.-Prof. Detlef Heck. Als Vorsitzende der Jury wurde Architektin Marta Schreieck, Präsidentin der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs, nominiert. Diese vier Experten (Beneder, Heck, Treberspurg und Schreieck) hatten bereits die Verfahrensvorbereitung der Ausschreibung in den vergangenen Monaten unterstützt. Auf parlamentarischer Seite waren die Nationalratspräsidentin, der Bundesratspräsident, der Zweite Nationalratspräsident und der Parlamentsdirektor vertreten. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer betonte die Bedeutung der Expertise von Boris Podrecca, der sie bereits in der Vergangenheit beraten hatte.
Das Ausschreibungsverfahren: EU-weiter Wettbewerb
Die Vergabe der Planungs- und Sanierungsleistungen erfolgte über ein spezielles Verfahren. Geplant war ein EU-weites, zweistufiges Verhandlungsverfahren mit wettbewerbsähnlichem Charakter. Die ursprüngliche Planung sah vor, die Ausschreibung Ende 2012 zu publizieren.
Das Verfahren gliederte sich in zwei Stufen: 1. Erste Stufe: Auswahl der zehn bestgeeigneten Bewerber. Die Kriterien für die Auswahl umfassten nachweisliche Erfahrungen in den Bereichen Generalplanung, Bestandssanierung, Architektur, Haustechnik und Statik. 2. Zweite Stufe: Bewertung der Gesamtlösungsansätze zur Generalsanierung. Hierfür wurden Planskizzen, Projektbeschreibungen und Projektstudien herangezogen. Dieser zweite Teil des Verfahrens war mit einer Dauer von rund einem Jahr veranschlagt.
Ein konkretes Beispiel für die spätere Ausführung der Bauarbeiten zeigt eine Ausschreibung aus dem Bereich der örtlichen Bauaufsicht (vermutlich im Zeitraum 2013/2014). Diese Ausschreibung listete eine Vielzahl von Gewerken auf, die für die Sanierung notwendig waren. Dazu gehörten: * Baumeisterarbeiten * Elektroinstallationsarbeiten * Metallbauarbeiten (Schlosser) * Installationstechnik (Gas, Wasser, Heizung) * Tischlerarbeiten * Lüftungsinstallationen * Trockenbauarbeiten * Planung Hochbau * Bauspenglerarbeiten * Klimainstallationen
Diese detaillierte Aufschlüsselung der Gewerke unterstreicht die Komplexität der anstehenden Sanierung, die weit über reine Fassadenarbeiten hinausging.
Umsetzung und technische Maßnahmen
Die tatsächlichen Sanierungsarbeiten begannen in den Folgejahren und wurden zwischen 2018 und 2022 durchgeführt. Die Fertigstellung erfolgte schließlich im Jänner 2023. Während dieser Zeit wurde der laufende Betrieb in Interimslokationen ausgelagert.
Die technischen Maßnahmen waren umfassend und respektierten den Denkmalschutz, während sie gleichzeitig moderne Standards etablierten.
Tragwerksplanung und Substanzsicherung
Eine der größten Herausforderungen war die statische Sicherung des Gebäudes. Das Tragwerk musste massiv verbessert werden. Besonders relevant war die Arbeit unterhalb der historischen Säulenhalle: Zwei Drittel der gemauerten Pfeiler mussten abgebrochen werden. Die Last der Säulenhalle wurde durch eine neu errichtete Stahlkonstruktion und Beton abgesichert. Auch die 1910 eingebauten Stahlstiegen wurden durch neue Stiegen aus Stahlbeton ersetzt. Die Decken unter dem Nationalratssitzungssaal und dem Bundesversammlungssaal wurden als Ortbetonplatten ausgeführt.
Denkmalpflegerische Restaurierung
Im Zuge der Sanierung wurden umfangreiche Restaurierungsarbeiten an historischen Bauteilen durchgeführt. Konkret wurden 740 Fenster, 600 Türen und 500 historische Leuchten restauriert. Diese Zahlen belegen den hohen Aufwand an handwerklicher Präzision, der in das Projekt investiert wurde.
Erweiterung der Nutzung und Barrierefreiheit
Ein wesentlicher Bestandteil der Sanierung war die Erweiterung der Nutzfläche um rund 10.000 m². Dies wurde durch den Ausbau des Dachgeschosses erreicht. Dort befinden sich nun ein Restaurant und das Besucherzentrum „Demokratikum“ unterhalb der Säulenhalle. Ein architektonisches Highlight ist die neue, großflächige Glaskuppel über dem Nationalratssaal, die zusätzlich als integrierter Besucherinnen-Rundgang dient. Die barrierefreie Umgestaltung des Nationalratssaals war ein explizites Ziel des Projekts.
Nachhaltigkeitsaspekte und Energieeffizienz
Die Generalsanierung des Parlamentsgebäudes wurde als Vorreiterprojekt in Sachen Klimafreundlichkeit ausgezeichnet. Als erstes historisches Gebäude in Österreich erhielt es das „klimaaktiv Gold“-Zertifikat. Dieses Zertifikat ist ein anerkannter Standard für nachhaltiges Bauen in Österreich.
Ein konkreter Wert für den Einsatz von Recyclingmaterialien ist der erreichte Recyclingbetonanteil von 19 %.
Ein weiteres messbares Ergebnis der Sanierung ist die Reduktion des Heizenergiebedarfs pro Quadratmeter. Diese Maßnahme leistet einen wesentlichen Beitrag zur langfristigen Senkung der Betriebskosten und zur Erreichung der Klimaziele.
Kostenentwicklung und Projektcontrolling
Die Finanzierung und Kostenkontrolle waren zentrale Themen während des gesamten Projektverlaufs. Nach Abschluss der Sanierung beliefen sich die Gesamtkosten für das Projekt „Sanierung Parlament“ (inklusive der Teilprojekte Sanierung des Gebäudes sowie Interimslokation und Übersiedlung) auf voraussichtlich 517,52 Millionen Euro inklusive Umsatzsteuer.
Im Vergleich zu einer ursprünglichen Schätzung vom November 2015 lagen die Kosten am Ende 19 Prozent höher. Dies entspricht einer absoluten Überschreitung von 83,12 Millionen Euro.
Der Rechnungshof hat die Kosten- und Budgetentwicklung in den Jahren 2015 bis 2022 geprüft. Die Prüfer stellten Schwächen bei der Ausführungsterminplanung fest, sahen aber das Mängelmanagement positiv. Um die steigenden Kosten abzufangen, musste das Parlamentsgebäudesanierungsgesetz angepasst werden: Der sogenannte Kostendeckel wurde im Bereich der Sanierungskosten um 20 % erhöht.
Auch das Projektmanagement wies in der Phase der Ausschreibungen und Vergaben Besonderheiten auf. Laut Daten aus dem Jahr 2020 waren zum Stichtag 31.12.2020 bereits 99 % der Bauleistungen vergeben. Der Zielerreichungsgrad des Meilensteins „Auftragsvergabe“ wurde als „zur Gänze“ bewertet, auch wenn diverse Nebenleistungen noch über Basisvereinbarungen (BBG) abgedeckt werden mussten. Hinsichtlich des Projektfortschritts (Fertigstellung der Gesamtleistung) wurde zum selben Zeitpunkt ein Wert von 53 % erreicht. Hier wurde vermerkt, dass der Baufortschritt technisch planmäßig verlief, die Terminschiene jedoch kritisch bewertet wurde.
Fazit
Die Generalsanierung des Parlamentsgebäudes in Wien demonstriert, wie ein komplexes Bauvorhaben unter Denkmalschutz durch strategische Planung, ein rigoroses Vergabeverfahren und den Einsatz modernster Technologien erfolgreich umgesetzt werden kann. Von der frühzeitigen Einsetzung einer hochkarätigen Planer-Kommission über die EU-weite Ausschreibung bis hin zur finalen Umsetzung zwischen 2018 und 2022 wurde jeder Schritt auf Transparenz und Qualität ausgelegt.
Die technischen Ergebnisse sind beeindruckend: Die statische Sicherung durch Stahlkonstruktionen, die Restaurierung von über 1.000 historischen Elementen und der Ausbau um 10.000 m² Nutzfläche verbinden Tradition mit moderner Nutzung. Gleichzeitig setzt das Gebäude Maßstäbe in der Nachhaltigkeit, belegt durch das „klimaaktiv Gold“-Zertifikat und einen Recyclingbetonanteil von 19 %. Trotz einer Kostensteigerung von 19 % im Vergleich zur ursprünglichen Planung zeigt das Projekt, dass bei öffentlichen Bauherren durch geeignete Controlling-Instrumente und Gesetzesanpassungen (Kostendeckel-Erhöhung) auch Großprojekte beherrschbar bleiben. Für die Bauwirtschaft bietet die Sanierung des Parlaments wertvolle Erkenntnisse zur Sanierung von denkmalgeschützten Großbauten, insbesondere im Hinblick auf Schnittstellenmanagement und die Integration von Barrierefreiheit.