Einleitung
Die Infrastruktur maritimer Anlegestellen stellt einen kritischen Faktor für die Anbindung von Inseln dar. Im Falle der schleswig-holsteinischen Insel Pellworm ist der sogenannte Tiefwasseranleger ein zentrales Element für den Fährverkehr und damit für die Versorgung sowie den Tourismus. Quellenlage und Fachanalysen zeigen jedoch einen erheblichen Sanierungs- oder Neubaubedarf auf, der durch Umweltbedingungen, Alterung und technische Anforderungen bedingt ist.
Die vorliegende Analyse beleuchtet den Zustand der bestehenden Infrastruktur, die Herausforderungen im Planungsprozess sowie die ökologischen und wirtschaftlichen Aspekte eines möglichen Neubaus. Basierend auf den vorliegenden Informationen aus behördlichen Dokumenten, Fachberichten und regionalen Medien wird der aktuelle Stand der Entwicklung dargestellt.
Zustand und Defizite der bestehenden Infrastruktur
Der aktuell genutzte Tiefwasseranleger, der weit in die Nordsee hinausragt, ermöglicht das Anlegen von Fähren auch bei Ebbe. Dies ist eine essentielle Voraussetzung für einen unabhängigen Betrieb. Die Struktur ist jedoch durch die extremen Umweltbedingungen der Nordsee belastet.
Bauliche Schäden durch Korrosion
Eine entscheidende Schädigung des Bauwerks resultiert aus der Chlorid-belasteten Umgebung. Wie in den zur Verfügung gestellten Informationen dargelegt, zeigt sich unter den Betonplatten des Anlegers ein gravierendes Korrosionsproblem. Der Stahl im Beton wird durch Chlorid zersetzt, was zu sogenanntem "Betonfraß" führt. Dieser Prozess äußert sich in einer Aufblähung des Betons, was letztlich zum Ablösen der Betonoberflächen führt und den Stahl freilegt. Die Folge ist starker Rost, der die statische Integrität des Bauwerks gefährdet.
Die Sanierung dieser Schäden wäre mit enormen Kosten verbunden. Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten für eine umfassende Sanierung des bestehenden Anlegers auf rund 35 Millionen Euro. Um die Notwendigkeit und den zeitlichen Horizont einer Sanierung oder eines Ersatzes zu bewerten, wurden bereits zwei Gutachten erstellt. Ein weiteres Gutachten ist in der Planung, um die Resthaltbarkeit des Bauwerks exakt zu bestimmen.
Alternativszenario: Der alte Hafen
Sollte der bestehende Tiefwasseranleger vor einem endgültigen Zusammenbruch stehen oder eine Sanierung nicht wirtschaftlich sein, käme theoretisch der alte Hafen wieder ins Spiel. Dieser wird derzeit von Fischer- und Privatbooten genutzt. Für den Fährverkehr wäre dies jedoch ein Rückschritt, da dieser Hafen ausschließlich bei Flut angelaufen werden kann. Eine solche Abhängigkeit von Ebbe und Flut würde die regelmäßige Verbindung zum Festland massiv einschränken und sowohl die Versorgung als auch den Tourismus auf Pellworm negativ beeinflussen.
Neben dem Tiefwasseranleger besteht auch am alten Hafen Sanierungsbedarf. Zudem gibt es infrastrukturelle Defizite an anderen Punkten der Fährverbindung, wie beispielsweise in Strucklahnungshörn. Die dortige Treppe über den Deich wird als nicht behindertengerecht beschrieben. Der Austausch der alten Holztreppe würde laut Kostenschätzung der Gemeinde eine Million Euro kosten.
Der Neubau als strategische Antwort
Angesichts des schlechten Zustands des bestehenden Anlegers und der hohen Sanierungskosten konzentrieren sich die Planungen auf einen vollständigen Neubau. Ein neuer Tiefwasseranleger soll die Verbindung zur Insel langfristig absichern.
Vergabe und Wirtschaftlichkeit
Ein zentraler Aspekt des Neubauprojekts ist die Generalplanung. Die Hafenverwaltung Pellworm hat die Planungsleistungen für den neuen Anleger ausgeschrieben. Hier zeichnet sich ein bemerkenswertes wirtschaftliches Ergebnis ab.
Bei der Auswahl des Auftragnehmers spielte der Preis zwar nicht das alleinige Kriterium, dennoch wurde der Auftrag erheblich günstiger vergeben als ursprünglich kalkuliert. Aus fünf eingegangenen Angeboten wurde am 22. März 2023 die grbv Ingenieure im Bauwesen GmbH & Co. KG aus Hannover ausgewählt. Der Zuschlag wurde für 924.350,13 Euro erteilt. Die ursprüngliche Veranschlagung durch den Auftraggeber belief sich auf 1.893.550,52 Euro. Der Auftrag wurde also um sage und schreibe 51 % günstiger realisiert.
Später, am 4. Juni 2024, erfolgte die offizielle Auswahl des Gewinners durch den Kur- und Tourismusservice Pellworm, der als Auftraggeber fungiert und eine Einrichtung des öffentlichen Rechts ist. Der Vertragsabschluss datiert auf den 27. Juni 2024. Die Vergabe erfolgte im Rahmen einer Dienstleistungsausschreibung für "Planungsleistungen - Technische Ausrüstung".
Der Planungsprozess und seine Verzögerungen
Trotz der erfolgten Vergabe der Planungsleistungen ist der Bau des neuen Anlegers noch nicht gesichert. Medienberichten zufolge zieht sich das Planungsverfahren hin. Auch wenn der Tiefwasseranleger als wichtige Verbindung gilt und Wind und Meer über 30 Jahre an ihm genagt haben, ist die Finanzierung des Neubaus zum aktuellen Zeitpunkt noch offen. Dies führt zu Ungewissheit bezüglich des genauen Baubeginns und der Realisierung.
Ökologische Herausforderungen im Nationalpark
Ein wesentlicher Faktor, der die Planung eines Neubaus im Wattenmeer komplex gestaltet, sind die strengen Umweltschutzauflagen. Das Bauvorhaben liegt im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, einem UNESCO-Weltnaturerbe.
Einfluss von Umweltschutzauflagen
Eine Masterarbeit von Annika Maasch, die im Zusammenhang mit dem Projekt erwähnt wird, beleuchtet detailliert, welchen Einfluss Umweltschutzanforderungen auf Bauvorhaben in diesem sensiblen Ökosystem haben. Die Arbeit betrachtet den Tiefwasseranleger Pellworm als Fallbeispiel.
Die Herausforderung besteht darin, dass Bauwerke nicht nur technischen Standards und Wirtschaftlichkeitskriterien genügen müssen. In Schutzgebieten kommen umfangreiche Forderungen aus dem Umwelt- und Naturschutz hinzu. Die Masterarbeit untersucht verschiedene Konstruktionsvarianten des Anlegers und bewertet sie unter technischen und umweltplanerischen Aspekten. Ziel ist es, eine Vorzugsvariante zu identifizieren, die diese Anforderungen in Einklang bringt.
Notwendigkeit der frühzeitigen Berücksichtigung
Experten betonen, dass eine frühzeitige Berücksichtigung der Umweltschutzauflagen in der Planung helfen kann, Konflikte und Verzögerungen zu vermeiden. Besonders relevant ist dies im Kontext von Deichbaumaßnahmen, die im Zuge des Projekts anfallen könnten. Es gibt Überlegungen, den neuen Anleger um einen Materialumschlagplatz zu erweitern. Ein solcher Zusatznutzen muss ebenfalls in die umweltplanerische Bewertung einfließen.
Fazit
Die Situation des Tiefwasseranlegers auf Pellworm verdeutlicht die typischen Herausforderungen des maritimen Bauwesens in Nordsee-Nähe. Der bestehende Anleger, der durch Chlorid-bedingte Korrosion massiv geschädigt ist, steht vor einem ungewissen Schicksal. Während Schätzungen für eine Sanierung Kosten in Höhe von 35 Millionen Euro nennen, ist der Ersatzneubau die strategisch favorisierte Lösung.
Die Planungen für einen neuen Anleger sind weit fortgeschritten. Die Vergabe der Generalplanung an ein Ingenieurbüro aus Hannover erfolgte mit einem erheblichen Kostenvorteil von über 50 % gegenüber der ursprünglichen Veranschlagung, was die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens grundsätzlich positiv beeinflusst.
Dennoch bestehen weiterhin Hindernisse. Die Finanzierung des Neubaus ist noch nicht gesichert, und das Planungsverfahren gestaltet sich komplex. Insbesondere die strengen Auflagen des Nationalparks Wattenmeer erfordern eine sorgfältige Abwägung zwischen technischer Notwendigkeit, Wirtschaftlichkeit und Naturschutz. Die Erkenntnisse aus der Masterarbeit zur Umweltverträglichkeit unterstreichen, dass die ökologische Integration des Bauwerks ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Für die Inselbewohner und den Tourismus bleibt abzuwarten, ob der neue Anleger rechtzeitig und finanzierbar realisiert werden kann, um die lebenswichtige Verbindung zum Festland dauerhaft abzusichern.
Quellen
- NDR: Häfen in SH: Sanierungsbedürftig über eine Milliarde Kosten
- Pressedienst Öffentliches Beschaffungswesen: Auftrag über Generalplanungsleistungen für Neubau eines Tiefwasseranlegers auf der Insel Pellworm
- SHZ: Fähre nach Pellworm - Der Anleger muss erneuert werden
- Ausschreibungen Deutschland: Dienstleistungen von Architektur-, Konstruktions- und Ingenieurbüros und 2024 Pellworm
- GRBV: Tiefwasseranleger Pellworm
- SHZ: Tiefwasseranleger - Wie geht es mit dem geplanten Neubau weiter?