Die Finanzkrise eines etablierten österreichischen Unternehmens wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, vor denen auch traditionsreiche Betriebe in der heutigen Wirtschaftslage stehen. Der Wiener Modeschmuckhersteller Pierre Lang, bekannt für seinen Direktvertrieb durch tausende selbstständige Stylistinnen, befindet sich in einem schwierigen Sanierungsprozess. Die vorliegenden Informationen beleuchten den Ablauf des Insolvenzverfahrens, die finanzielle Situation sowie die Bemühungen um eine Rettung des Unternehmens.
Hintergrund und Auslöser der Insolvenz
Die Marke Pierre Lang wurde im Jahr 1984 von der Wiener Familie Andersen ins Leben gerufen. Über Jahrzehnte entwickelte sich das Unternehmen zu einem der größten Modeschmuckhersteller Europas. Neben dem österreichischen Heimatmarkt war die Firma in Deutschland, der Schweiz, Italien, England, Luxemburg, Frankreich, Polen und Tschechien vertreten. Der Vertrieb erfolgt ausschließlich im Direktvertrieb an europäische Endverbraucher durch eine Armee von rund 6.000 selbstständigen Schmuckberaterinnen (auch Stylistinnen genannt).
Trotz dieser breiten Aufstellung und eines etablierten Vertriebsnetzes geriet die Unternehmensgruppe in finanzielle Bedrängnis. Als direkter Auslöser für die Insolvenzanträge wurden Umsatzeinbrüche in den üblicherweise starken Monaten Oktober und November 2018 genannt. Diese Entwicklungen führten schließlich zur Zahlungsunfähigkeit, die im Januar 2019 offiziell wurde.
Das Sanierungsverfahren: Akteure und Zeitplan
Im Zuge der finanziellen Schwierigkeiten beantragten zwei Kerngesellschaften der Gruppe ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beim Handelsgericht Wien. Es handelte sich hierbei um die Pierre Lang Europa Handelsgesellschaft (Vertrieb) und deren Gesellschafterin, die Hans Andersen Ges.m.b.H. (Produktion).
Die beteiligten Institutionen
Für die Begleitung des Verfahrens wurden spezialisierte Institutionen hinzugezogen. Der AKV (Allgemeiner Kreditoren- und Schuldnerschutzverband) und der KSV1870 (Kreditschutzverband von 1870) agierten als Insolvenzverwalter bzw. als beteiligte Gläubigerschutzverbände. Konkret wurden folgende Insolvenzverwalter bestellt: * Bei der Pierre Lang Europe Handelsgesellschaft m.b.H.: Rechtsanwältin Susi Pariasek. * Bei der Hans Andersen Ges.m.b.H.: Rechtsanwalt Norbert Abel.
Finanzielle Dimensionen
Die finanzielle Größenordnung des Sanierungsverfahrens war erheblich. Laut Angaben des Gläubigerschutzverbandes Creditreform betrugen die im Sanierungsverfahren zu berücksichtigenden Passiva insgesamt 15,4 Millionen Euro. In späteren, detaillierteren Schätzungen des KSV1870 wurden die Verbindlichkeiten etwas differenzierter beziffert: * Bei der Pierre Lang Europe Handelsgesellschaft m.b.H. wurden Verbindlichkeiten in Höhe von ca. 8,3 Millionen Euro erwartet. * Bei der Hans Andersen Ges.m.b.H. (Produktion) lagen die geschätzten Verbindlichkeiten bei 13,8 Millionen Euro.
Betroffen von der Insolvenz waren 246 Dienstnehmer und rund 350 Gläubiger.
Der Sanierungsplan
Im Rahmen des Verfahrens wurde den Gläubigern ein Sanierungsplan vorgelegt. Dieser sah vor, eine gesetzliche Mindestquote von 20 Prozent anzubieten, die im Laufe von zwei Jahren ausbezahlt werden sollte. Experten von Creditreform äußerten sich jedoch kritisch zu diesem Angebot. Stephan Mazal, Insolvenzexperte bei Creditreform, forderte, dass den Gläubigern eine Barquote bezahlt werden müsse und die Angemessenheit der 20-Prozent-Quote überprüft werden müsse. Die Abstimmung über diesen Sanierungsplan war ursprünglich für den 14. Mai 2019 geplant.
Eskalation der Krise: Holding-Gesellschaft und Schließungen
Während die Sanierung der operativen Töchter (Produktion und Vertrieb) angestrebt wurde, weitete sich die Krise auf die übergeordnete Struktur aus. Die Pierre Lang Beteiligungsholding GmbH, erst im vergangenen Jahr im Zuge einer Umstrukturierung gegründet, beantragte ebenfalls ein Konkursverfahren.
Diese Holding hatte primär Buchhaltungs-, Controlling- und Managementaufgaben für die Töchter übernommen. Da die insolventen Töchter jedoch nicht mehr für die Dienstleistungen der Mutter zahlen konnten, fehlte der Holding die Liquidität. Eine Fortführung der Holding wurde nicht angestrebt; sie sollte geschlossen und liquidiert werden.
Zudem zeigten sich bereits erste Auswirkungen auf den operativen Betrieb. Bei der Pierre Lang Europe wurden Teilbereichsschließungen im Marketing und Controlling vollzogen – also in wesentlichen Geschäftsbereichen des Unternehmens. Dies unterstrich den Druck, unter dem das Unternehmen stand.
Rettungsversuche und das Scheitern der Sanierung
Trotz intensiver Bemühungen gestaltete sich die Suche nach Investoren schwierig. Anfangs herrschte noch Hoffnung, dass ein Investor einsteigen könnte. Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Wie der KSV1870 berichtete, scheiterten die Verhandlungen mit mehreren Interessenten. Es fand sich kein Käufer für die Pierre Lang Europe GmbH und die Muttergesellschaft Hans Andersen Ges.m.b.H.
In der Folge stellte der KSV1870 fest, dass die Sanierung gescheitert war. Der Insolvenzverwalter leitete nun für beide Gesellschaften (Produktion und Vertrieb) den Liquidationsprozess ein. Dies bedeutet die konkursmäßige Abwicklung des Unternehmens. Das Handelsgericht Wien sollte die Schließung der für die Liquidation nicht mehr benötigten Unternehmensteilbereiche verfügen.
Die Übernahme durch Luna Trade: Ein Hoffnungsschimmer?
In einem bemerkenswerten Wendung wurde jedoch zeitgleich berichtet, dass ein Käufer für die Marke gefunden wurde. Die Firma Luna Trade, ebenfalls im Party- und Direktvertrieb von Schmuck tätig, gab die Übernahme von Pierre Lang bekannt.
Laut Angaben von Luna Trade-CEO Berlinger sei eine vollständige Sanierung und Umstrukturierung notwendig, um das Unternehmen wirtschaftlich wieder auf die Beine zu stellen. Ein zentrales Versprechen war der Erhalt aller Arbeitsplätze (ca. 250 Mitarbeiter) sowie der Marke Pierre Lang. Der Vertrieb über die rund 6.000 selbstständigen Schmuckberaterinnen sollte ebenfalls erhalten bleiben.
Luna Trade selbst ist ein Player in der Branche: Mit 300.000 Kunden, über 900.000 verkauften Schmuckstücken und einem Umsatz von 17 Millionen Euro im Jahr 2017 (laut eigener Angaben) bringt das Unternehmen Erfahrung mit. Der KSV1870 erwartete, dass durch den Verkauf an Luna Trade die Quotenaussichten für die Gläubiger verbessert würden. Es wurde eine Erwerbergesellschaft gegründet, die das insolvente Gesamtunternehmen übernehmen soll (Asset Deal). Die gerichtliche Genehmigung stand jedoch noch aus.
Bewertung der Quoten und Ausblick für Gläubiger
Für die Gläubiger der insolventen Gesellschaften zeichnet sich ein ernstes Bild ab. Der KSV1870 geht davon aus, dass die Gläubiger in beiden Verfahren vermutlich nur eine geringe Quote im einstelligen Prozentbereich erhalten werden. Die Prüfungstagsatzungen fanden am 2. April am Handelsgericht Wien statt.
Die Markenrechte und das geistige Eigentum von Pierre Lang sind wertvolle Assets. Der Erhalt der Marke unter einem neuen Eigentümer (Luna Trade) ist für die Branche und die betroffenen Stylistinnen ein entscheidender Faktor. Sollte der Verkauf an Luna Trade vollzogen werden, könnte ein Teil der Wertschöpfung erhalten bleiben, auch wenn die alten Gläubiger der insolventen Gesellschaften ihre Forderungen nur zum Teil oder kaum beglichen bekommen.
Zusammenfassung des Sanierungsverlaufs
Der Fall Pierre Lang zeigt, wie schnell etablierte Unternehmen durch konjunkturelle Schwankungen und Umsatzeinbrüche in existenzielle Krisen geraten können. Der Prozess beinhaltete folgende Stationen:
- Insolvenzantrag: Im Januar 2019 wegen Zahlungsunfähigkeit (Auslöser: Umsatzeinbrüche 2018).
- Sanierungsverfahren: Ohne Eigenverwaltung, Ziel war eine 20%-Quote über 2 Jahre.
- Ausweitung: Konkursantrag der Mutterholding (Pierre Lang Beteiligungsholding GmbH).
- Scheitern der Sanierung: Kein Investor für die operativen Gesellschaften gefunden, Liquidation eingeleitet.
- Übernahme: Verkauf der Marke und operativen Einheiten an Luna Trade (unter Vorbehalt der gerichtlichen Genehmigung).
Die Zukunft des Unternehmens hängt nun von der erfolgreichen Integration durch Luna Trade und der Umstrukturierung des Betriebs ab. Für die ehemaligen Gläubiger der Andersen- und Pierre-Lang-Gesellschaften bleibt jedoch nur die Hoffnung auf eine geringe Quote.
Fazit
Die Insolvenz des Modeschmuckherstellers Pierre Lang ist ein komplexes Ereignis, das eine Unternehmensgruppe mit langer Tradition und europaweitem Netzwerk betrifft. Trotz massiver finanzieller Probleme mit Verbindlichkeiten im zweistelligen Millionenbereich und dem Scheitern des klassischen Sanierungsplans zeichnet sich durch den Verkauf an Luna Trade ein Rettungsansatz ab. Dieser sichert den Fortbestand der Marke und Arbeitsplätze, während die Gläubiger der insolventen Gesellschaften lediglich mit geringen Rückzahlungen rechnen können. Der Fall verdeutlicht die Bedeutung von Liquiditätsmanagement und der Anpassungsfähigkeit an Marktveränderungen, selbst für etablierte Marken.
Quellen
- Schmuckhersteller Pierre Lang erneut insolvent - Sanierung angestrebt
- Wiener Schmuckhersteller Pierre Lang insolvent: Sanierungverfahren gestartet
- Von der Insolvenz des Schmuckherstellers Pierre Lang sind 246 Dienstnehmer und rund 350 Gläubiger betroffen
- Sanierungsverfahren beim Wiener Schmuckhersteller Pierre Lang könnte wieder eingestellt werden
- Sanierung der Wiener Schmuckfirma Pierre Lang gescheitert
- Luna Trade kauft Schmuckfirma Pierre Lang
- Die bei Insolvenzeröffnung im Jänner angestrebte Sanierung zweier Wiener Schmuckfirmen ist gescheitert