Wiederaufbau der Kirche St. Martha in Nürnberg: Moderne Holzbauweise trifft auf historische Bausubstanz

Einleitung

Der Wiederaufbau der Kirche St. Martha in Nürnberg stellt ein herausragendes Beispiel für die Sanierung und den Denkmalschutz in Bayern dar. Nach einem verheerenden Brand im Juni 2014, der die Kirche bis auf die Grundmauern zerstörte, entstand unter der Leitung der Münchner Architekten Florian Nagler Architekten ein Projekt, das historische Substanz mit zeitgenössischer Architektur verbindet. Die Kirche, ursprünglich zwischen 1365 und 1385 als Pilgerspitalkirche errichtet, war ein bedeutendes Bauwerk der Nürnberger Meistersingertradition.

Das Kernziel der Baumaßnahme war es, die noch vorhandene historische Bausubstanz weitestgehend zu erhalten und gleichzeitig eine moderne, funktionale Nutzung sicherzustellen. Der Brand hatte massive Schäden verursacht: Der gesamte Dachstuhl des Langhauses, die Langhausdecken, Holzeinbauten, eine wertvolle Orgel sowie die Innenraumschale auf einer Fläche von ca. 2.500 m² wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Besonders die starke Hitze führte zu massiven Oberflächenabplatzungen an den Sandsteinbögen und der westlichen Giebelwand, wobei die gesamte Raumschale mit Rußschichten bedeckt war.

Der folgende Artikel beleuchtet die technischen und gestalterischen Aspekte dieses komplexen Sanierungsvorhabens, wobei der Fokus auf der innovativen Holzbauweise, der Akustikgestaltung und der Integration moderner Technologien liegt.

Historischer Kontext und Ausgangslage

Die Kirche St. Martha ist ein Zeugnis gotischer Architektur und wurde im Laufe der Jahrhunderte zahlreichen Umbauten unterzogen. Im 19. Jahrhundert wurde das Hauptschiff um flach gedeckte Seitenschiffe erweitert. Trotz dieser Veränderungen blieb der gotische Chor erhalten. Als einzige Kirche in Nürnberg überstand St. Martha zwei Weltkriege unversehrt, was den Verlust durch das Feuer 2014 umso tragischer machte.

Die naturwissenschaftliche Grundlagenermittlung nach dem Brand ergab, dass die verbliebene historische Bausubstanz multipel geschädigt war. Neben den sichtbaren Schäden an der Innenraumschale und den Sandsteinflächen musste die Tragfähigkeit der verbliebenen Strukturen genau analysiert werden. Ziel war es, die äußere Kontur des Gebäudes originalgetreu wiederherzustellen, während der Innenraum einer zeitgenössischen Neuinterpretation unterzogen wurde.

Architektonisches Konzept: Die Verbindung von Alt und Neu

Das Architekturbüro Florian Nagler Architekten entwickelte einen Entwurf, der den Charakter der früheren Kirche aufgreift und neu interpretiert. Ein zentrales Element des Konzepts ist die sogenannte "Facettendecke" aus Holz im Mittelschiff, die höher ist als das historische Tonnengewölbe. Diese moderne Deckenkonstruktion steht in einem spannungsvollen Dialog mit den sichtbaren Sandsteinwänden und den historischen Ziegeln am Boden.

Die Jury, die für die Vergabe des Architektenauftrags zuständig war, würdigte den Entwurf als subtil, feinfühlig und angemessen. Besonders die Idee eines Tores vor dem Chorraum aus Glas und Holz wurde als innovatives Gestaltungselement hervorgehoben. Die Architektur zielt darauf ab, eine elegante Verbindung von Stein und Holz zu schaffen, die in handwerklicher Präzision und mit feiner Detaillierung kunstvoll miteinander verwoben ist.

Die neue Dachkonstruktion und Tragstruktur

Ein entscheidender Baustein des Wiederaufbaus war die neue Dachkonstruktion. Im Unterschied zu vielen modernen Bauweisen wurden hier ausschließlich unverleimte Vollhölzer verwendet. Diese Entscheidung war nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch motiviert. Die Holzkonstruktion übernimmt zwei wesentliche Funktionen: Sie dient als Tragwerk und erfüllt gleichzeitig anspruchsvolle akustische Aufgaben.

Die besondere Konstruktionsweise prägt den Raum und steht in Wechselwirkung mit der historischen Natursteinkonstruktion. Der Einsatz von Vollhölzern ist ein Verweis auf traditionelles Handwerk, wird hier aber in einer modernen Formensprache umgesetzt. Der Wiederaufbau des Dachstuhls und der Langhausdecken war notwendig, da diese vollständig verloren gegangen waren. Die Planung umfasste detaillierte CAD-Werkpläne, basierend auf exakten Bestandsaufmaßen, die die Komplexität der schrägen Giebel, fallenden Traufen und schrägen Grundrisse berücksichtigten.

Akustikgestaltung durch Holz

Die akustischen Anforderungen an einen Kirchenraum sind hoch. Der ursprüngliche Kirchenraum von St. Martha verfügte über spezifische Nachhallzeiten, die für die Liturgie und Musik entscheidend sind. Durch den Verlust der historischen Holzelemente und der Innenraumschale musste die Akustik neu konzipiert werden.

Die neue Holzdeckenkonstruktion ist so gestaltet, dass sie die akustischen Anforderungen erfüllt. Das unverleimte Vollholz trägt maßgeblich zur Diffusion und Absorption des Schalls bei. Diese multifunktionale Nutzung des Materials – Tragwerk und Akustikelement – ist ein Kernbestandteil der nachhaltigen Bauplanung. Die Holzstruktur ist dabei nicht nur funktional, sondern bildet auch das visuelle Zentrum des Innenraums.

Materialien und Oberflächen: Sanierung der Bausubstanz

Die Sanierung der historischen Bausubstanz erforderte eine differenzierte Herangehensweise. Die stark geschädigten Sandsteinflächen, insbesondere die Bögen und die westliche Giebelwand, wurden sorgfältig behandelt. Die Westgiebelwand, die durch die Orgel und die größte Hitzeentwicklung besonders stark beschädigt wurde, erhielt ein neues Maßwerkfenster als Ersatz.

Die Innenraumschale mit ihren steinsichtigen Sandsteinquadermauerwerken sowie gefassten Putz- und Sandsteinoberflächen wurden von den Rußschichten befreit und saniert. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Erhaltung der historischen Buntglasfenster im Chor, die zum Zeitpunkt des Brandes geborgen werden konnten und an ihrem ursprünglichen Standort wieder eingebaut wurden.

Der Boden wurde mit diffusionsoffenem Stampflehm auf den historischen Bodenbelag aufgebracht. Dieses Material ist diffusionsoffen und trägt zur Regulierung des Raumklimas bei. Zudem wurden im Boden eine Fußbodenheizung und eine induktive Höranlage integriert, um den Komfort und die Funktionstüchtigkeit des Raumes zu modernisieren.

Lichtkonzept und Integration von Leuchten

Das Lichtkonzept der Kirche St. Martha basiert auf der Idee einer gleichmäßigen Architekturbeleuchtung ohne akzentuierende Spotlights. Ziel war es, den Innenraum als gesamtleuchtende Kubatur – gleich einem Gefäß – in Szene zu setzen.

Die projektspezifischen Sonderleuchten wurden vollständig in die Holzstruktur der Architekten integriert und so positioniert, dass sie für den Besucher kaum wahrnehmbar sind. Dies ermöglicht es, das abwandelbare atmosphärische Raumlicht als Hauptakteur wirken zu lassen. Die Lichtplanung wurde von der Firma Candela Lichtplanung (Kühnlein & Partner) durchgeführt, was auf eine professionelle und spezialisierte Planung hindeutet.

Technische Integration: Heizung und Höranlage

Moderne Anforderungen an einen Kirchenbau umfassen oft die Integration von Heizungstechnik und Beschallungssystemen. Bei St. Martha wurde eine Fußbodenheizung in den Stampflehm integriert. Dies ist eine sanfte Art der Wärmeversorgung, die die Raumästhetik nicht stört.

Ebenfalls im Bodenbereich wurde eine induktive Höranlage installiert. Diese Technologie ermöglicht eine barrierefreie Beschallung, beispielsweise für Menschen mit Hörgeräten oder für audiogestützte Führungen, ohne dass sichtbare Lautsprecher die Ästhetik des Raumes beeinträchtigen.

Die neue Orgel

Die Orgel von St. Martha war ein wertvolles Instrument und ging im Brand vollständig verloren. Der Einbau einer neuen Orgel erfolgte zeitversetzt. Ein wichtiger Faktor hierbei war das Erreichen eines stabilen Raumklimas. Holzbaukonstruktionen benötigen Zeit, um ihre Feuchtigkeit an die Umgebung anzupassen. Erst wenn ein stabiles Klima herrscht, kann eine Orgel ohne Schäden eingebaut und akustisch optimal eingestellt werden. Dies zeigt die Rücksichtnahme auf das Zusammenspiel der verschiedenen Handwerkskünste im Kirchenbau.

Beteiligte Fachplaner und Handwerker

Der Wiederaufbau eines denkmalgeschützten Kirchenbaus erfordert die Zusammenarbeit zahlreicher Spezialisten. Laut den vorliegenden Informationen waren folgende Fachplaner und Handwerker beteiligt:

  • Bauleitung: Zeiser, Nürnberg
  • Tragwerksplanung / Ingenieure: mbi Mittnacht Beratende Ingenieure
  • Holzbauplanung: Müller-Blaustein Holzbau (laut Referenzliste, Quelle 2, da in Source [1] als Holzbauerwähnung im Kontext der Planung genannt, explizit genannt in Source [2] für Aufmaß und Holzbauplanung)
  • Bauaufmaß und Holzbauplanung: IB Wolfgang Sorge, Nürnberg (laut Source [1] und [4])
  • Denkmalpflege: ProDenkmal
  • Lichtplanung: Candela Lichtplanung, Kühnlein & Partner
  • Architektur: Florian Nagler Architekten

Diese Aufteilung der Planungsphasen nach HOAI (Leistungsphasen 1-8) zeigt die Professionalität des Vorhabens. Besonders die Holzbauplanung unter Berücksichtigung der schrägen Geometrien erforderte hohe Präzision.

Auszeichnung: Deutscher Holzbaupreis 2021

Die Qualität des Wiederaufbaus wurde durch die Verleihung des "Preis - Deutscher Holzbaupreis 2021" gewürdigt. Diese Auszeichnung unterstreicht die innovative Kraft des Projekts, insbesondere im Hinblick auf den Einsatz von Holz als Hauptbaumaterial für die neue Dach- und Deckenkonstruktion. Der Preis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen im deutschen Holzbau und bestätigt, dass der Einsatz von unverleimtem Vollholz in diesem Kontext als vorbildlich angesehen wird.

Zusammenfassung der Baumaßnahmen

Die Sanierung von St. Martha kann in mehrere Kernbereiche unterteilt werden:

  1. Statik und Tragwerk: Sicherstellung der Stabilität der verbliebenen Sandsteinmauern und Neubau einer Holztragstruktur für Dach und Decke.
  2. Dachbau: Neuer Dachstuhl aus unverleimtem Vollholz.
  3. Innenausbau: Holzverkleidung der Seitenwände, Facettendecke, Einbau von Buntglasfenstern.
  4. Bodentechnik: Stampflehm-Boden mit integrierter Fußbodenheizung und induktiver Höranlage.
  5. Technische Ausstattung: Neubau der Orgel (zeitversetzt), Lichtkonzept.
  6. Fassadensanierung: Maßwerkfenster (Westgiebel), Reinigung und Sanierung von Sandsteinflächen.

Fazit

Der Wiederaufbau der Kirche St. Martha in Nürnberg ist ein Musterbeispiel für die moderne Denkmalpflege und Sanierung. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie historische Bausubstanz durch innovative Handwerkskunst und moderne Materialien ergänzt werden kann, ohne den historischen Charakter zu zerstören. Die Verwendung von unverleimtem Vollholz für die neue Dachkonstruktion und Decke bildet das Herzstück des Entwurfs, das sowohl statische als auch akustische Funktionen übernimmt.

Durch die Integration moderner Technologien wie Fußbodenheizung und induktiver Höranlage bleibt das Bauwerk zukunftsfähig, während die sensiblen Eingriffe in die historische Substanz die Wertschätzung für das Denkmal widerspiegeln. Die Auszeichnung mit dem Deutschen Holzbaupreis 2021 bestätigt den Erfolg dieses anspruchsvolles Sanierungsvorhabens, das als Referenzprojekt für zukünftige Kirchen- und Denkmalsanierungen dienen kann.

Quellen

  1. Holzbauatlas - Wiederaufbau der Kirche St. Martha
  2. Müller-Blaustein - Referenzen Wiederaufbau St. Martha
  3. Candela - Projekte Kultur St. Martha Nürnberg
  4. IB Sorge - Projekte Kirchen Wiederaufbau St. Martha
  5. St. Martha - Informationen zum Wiederaufbau
  6. ProDenkmal - Kirche St. Martha Nürnberg

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