Plastische Deckung von Dekubitus: Operative Sanierung und Versorgung chronischer Wunden

Chronische Wunden, insbesondere Dekubiti (Druckgeschwüre), stellen ein komplexes medizinisches und pflegerisches Problem dar, das weit über die reine Wundversorgung hinausgeht. Sie entstehen durch langanhörenden Druck auf Gewebe, häufig bei immobilen oder geriatrischen Patienten, und erfordern ein interdisziplinäres Behandlungskonzept. Die operative Sanierung und plastische Deckung solcher Defekte ist dabei ein entscheidender Schritt, um die Wundheilung zu erreichen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dieser Artikel beleuchtet auf Basis medizinischer Fachliteratur die Notwendigkeit, die operativen Verfahren und die postoperative Versorgung im Kontext der gesamten Therapie.

Definition und Entstehung von Dekubiti

Ein Dekubitus ist eine lokalisierte Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes, meist über knöchernen Prominenzen, verursacht durch Druck oder Druck in Kombination mit Scherkräften. Die Entstehung ist multifaktoriell. Neben dem reinen Druck und der Einwirkzeit spielen, wie in der Fachliteratur beschrieben, äußere Risikofaktoren eine Rolle. Dazu gehören auftretende Scherkräfte, beispielsweise beim Umlagern des Patienten, sowie unphysiologische Temperaturen. Ebenso begünstigt eine feuchte, mazerierte Haut die Entstehung von Dekubiti, während eine trockene Haut mit Rhagadenbildung (Rissbildung) das Risiko erhöht. Diese Faktoren begünstigen nicht nur die primäre Entstehung, sondern auch das Rezidiv nach einer bereits erfolgten plastischen Deckung.

Grundsätzlich können sich Hautläsionen an allen Körperstellen entwickeln, die nicht durch Muskeln oder Fettgewebe vor erhöhtem Auflagedruck geschützt sind. Die Prädilektionsstellen sind abhängig von der vorherrschenden Lagerung. Bei vorwiegend auf dem Rücken gelagerten Patienten tritt das Dekubitalulkus am häufigsten im Sakralbereich (Steißbein) auf. Weitere typische Lokalisationen bei Rückenlage sind Fersen und Ellenbogen. Bei Seitenlage sind vor allem der Bereich über dem Trochanter major des Femurs (großer Rollhügel) sowie der Bereich über dem Malleolus lateralis (lateraler Knöchel) gefährdet.

Therapiekonzept: Ein ganzheitlicher Ansatz

Die Behandlung eines Dekubitus erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Eine rein operative Deckung ohne Behandlung der Ursachen ist zum Scheitern verurteilt. Die Plastisch-Chirurgische Rekonstruktion stellt dabei nur ein Teilelement eines umfassenden Konzepts dar, das sich an etablierten Standards orientiert.

Konservative Vorbereitung und Druckentlastung

Das Basler Dekubituskonzept basiert auf mehreren Säulen. Eine der wichtigsten ist die konsequente Druckentlastung mittels spezieller Druckentlastungsbetten. Ohne diese Maßnahme kann keine Wundheilung stattfinden. Parallel zur Druckentlastung erfolgt eine Optimierung der Allgemeinparameter des Patienten. Dies umfasst die Beseitigung einer eventuell vorliegenden Mangelernährung (Korrektur bestehender Mangelernährungszustände), da eine ausreichende Nährstoffversorgung essentiell für die Wundheilung und die Voraussetzungen für eine operative Therapie ist. Ebenso werden begleitende Risikoerkrankungen behandelt und die orthopädietechnische Versorgung mit druckentlastenden Sitzkissen und Betten optimiert. Auch die Lagerungstherapie muss standardisiert und optimiert werden.

Operative Indikationen und Notwendigkeit

Die Entscheidung zur operativen Reinigung (Débridement) und letztendlich zur plastischen Deckung erfolgt auf Basis klarer medizinischer Indikationen. Relative Gründe für einen operativen Eingriff sind die Pflegeerleichterung nach erfolgreicher Therapie und die Infektionsprophylaxe. Absolute OP-Indikationen liegen vor, wenn eine Gelenkbeteiligung oder eine Osteomyelitis (Knochenentzündung) vorliegt. Eine vitale Bedrohung des Patienten, beispielsweise durch Arrosionsblutungen großer Gefäße in der Wunde oder eine Sepsis (Blutvergiftung), stellt eine Notfallindikation dar.

Operative Sanierung und Wundreinigung

Vor der endgültigen plastischen Deckung muss die Wunde chirurgisch saniert werden. Dies beinhaltet die frühzeitige operative Säuberung der Wunde, um abgestorbenes Gewebe (Nekrosen) und Infektionen zu entfernen. Das chirurgische Debridement ist das Verfahren der Wahl bei Dekubitus Stadium 2 bis 4, um effektiv abgestorbenes Gewebe zu entfernen. Ein Nachteil dieses Verfahrens ist jedoch, dass es häufige Wiederholungen erfordert, um die Wunde rein zu halten.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Infektbehandlung. Ist eine Osteomyelitis oder eine Gelenkbeteiligung gegeben, ist dies eine absolute OP-Indikation. In solchen Fällen ist oft die vorübergehende Anlage eines Anus präter (künstlicher Darmausgang) notwendig, um die Wundregion vor Fäkalien zu schützen und eine Keimverschleppung zu verhindern, insbesondere wenn im Verlauf eine plastische Deckung angestrebt wird.

Plastisch-chirurgische Deckungsverfahren

Nach der Säuberung und Stabilisierung der Wundverhältnisse erfolgt die definitive plastisch-chirurgische Deckung der chronischen Wunde. Die Wahl des Verfahrens hängt von der Lokalisation, der Größe und der Tiefe des Defekts sowie dem Allgemeinzustand des Patienten ab.

Lappenplastiken

Lappenplastiken sind die Methode der Wahl bei großen, tiefen Defekten, da sie eine gute Durchblutung und Gewebeabdeckung bieten. Sie ermöglichen eine stabile Weichteilrekonstruktion.

Lokale Lappenplastik: Bei diesem Verfahren wird Gewebe aus der anatomischen Nachbarschaft des Dekubitus genutzt. Im Bereich des Gesässes und des Steissbeins können Defekte zum Beispiel durch Verschieben von Gewebe (Haut, Unterhautfett, Muskelfaszie) gedeckt werden. Dabei kann Gewebe, welches anatomisch in der Nachbarschaft liegt, zum Beispiel vom Gesäß, Oberschenkel oder vom Rücken, in den Defekt vorgeschoben oder rotiert werden. Ein spezielles Verfahren ist der Rotationslappen, bei dem Gewebe aus benachbarten Regionen zur Deckung genutzt wird. Die Vorteile liegen in der guten Passform und Durchblutung, da die Blutversorgung meist erhalten bleibt. Nachteile sind Wundheilungsstörungen und das Risiko eines erneuten Dekubitus an der Spenderstelle oder im Operationsgebiet.

Ferne / Freie Lappenplastik: Wenn ein Gewebevorschub von der anatomischen Nachbarschaft nicht möglich ist, werden freie Lappenplastiken benötigt. Dabei werden Gewebevorschübe vom Körperstamm oder von den Extremitäten gehoben, die weiter vom Dekubitus entfernt sind. Es kommen Hautfaszienlappen, Muskellappen oder Hautmuskellappen zum Einsatz. Entscheidend ist hier die mikrochirurgische Gefäßanastomose: Die Gefässe (Venen und Arterien) des Transplantats werden mittels Mikrochirurgie an die Empfängergefässe in der Nähe des Defektes angeschlossen. Dieses Verfahren ermöglicht die optimale Weichteilrekonstruktion bei ausgedehnten Gewebedefekten. Nachteile sind die lange OP-Zeit und eine erhöhte Komplikationsrate im Vergleich zu lokalen Lappen.

Myokutane Lappen: Dies sind Kombinationen aus Haut und Muskelgewebe. Ein wesentlicher Vorteil ist die bessere Durchblutung durch den Muskelanteil. Früher wurde angenommen, dass Muskellappen Vorteile hinsichtlich früher Komplikationsraten bieten, doch neuere Erkenntnisse legen nahe, dass die Wahl der Lappenqualität (fasziokutaner versus myokutaner Lappen) keine Rolle für das Ergebnis spielt. Beide Lappenarten bieten keine signifikanten Vorteile hinsichtlich der Komplikationsraten.

Spalthauttransplantation

Die Spalthauttransplantation beinhaltet den Einsatz von oberflächlichem Hautgewebe zur Deckung kleiner Defekte. Sie wird jedoch selten bei Dekubiti angewendet, da eine ausreichende Polsterung fehlt und die Haut nur geringe mechanische Belastbarkeit aufweist. Die Vorteile sind die schnelle Heilung und der weniger invasive Charakter. Der Nachteil ist die geringere Stabilität, weshalb sie nur für oberflächliche Defektdeckungen geeignet ist.

Sekundäre Wundheilung

In manchen Fällen, besonders bei kleineren Wunden mit geringer Belastung, kann auch auf eine direkte Deckung verzichtet und die sekundäre Wundheilung abgewartet werden. Dies ist jedoch bei tieferen Dekubiti die Ausnahme.

Postoperative Nachsorge und Komplikationsmanagement

Der operative Eingriff ist nur ein Schritt. Die postoperative Phase ist entscheidend für den Langzeiterfolg.

Konsequente Entlastung

Nach einer Lappenplastik muss das Operationsgebiet konsequent entlastet werden. Dies bedeutet, dass man nicht auf das rekonstruierte Areal sitzen oder liegen darf. Körperpositionen, welche zur Entlastung des Areals führen (z.B. Seitenlage oder Bauchlage), müssen strikt eingehalten werden, damit sich das verschobene Gewebe gut in den Defekt integrieren kann. Die Entlastungsdauer beträgt in der Regel 3 bis 6 Wochen. Eine zusätzliche Entlastung des Operationsgebietes durch Lagerungstechniken und Spezialmatratzen ist unerlässlich, um neue Geschwüre zu vermeiden.

Kontrolle der Lappendurchblutung

Bei freien Lappenplastiken ist die Überwachung der Durchblutung überlebenswichtig. Mittels Handultraschall kontrolliert der Arzt den Lappen stündlich bis mehrstündlich für 5 Tage nach der Operation. Eine schlechte Durchblutung oder fehlende Durchblutung des Lappens sind seltene, aber ernste Komplikationen, die eine erneute Deckung nötig machen können.

Wundmanagement und Infektionsprophylaxe

Regelmäßige Wundkontrolle und Verbandwechsel sind notwendig, um Infektionen zu vermeiden. Die Exsudatmenge (Wundsekret) muss beobachtet werden. Kann diese mit normalen PU-Schäumen nicht ausreichend absorbiert werden, sollte auf Superabsorber mit höherer Aufnahmekapazität zurückgegriffen werden. Ein schneller Granulationsrasen (neues, gefäßreiches Bindegewebe) in der Wunde schafft gute Voraussetzungen für die weitere Behandlung.

Ergänzende Therapien

Die Nachsorge umfasst physiotherapeutische Maßnahmen zur Mobilisation und Verbesserung der Durchblutung sowie die Ernährungsoptimierung mit hohem Protein- und Kaloriengehalt zur Förderung der Wundheilung. Auch nach erfolgreicher plastischer Defektrekonstruktion sind nutritives Management und Hautpflege kritisch, um ein Rezidiv zu verhindern.

Vergleich der Operationsmethoden

Um die unterschiedlichen Verfahren einzuordnen, hilft folgende Übersicht:

Verfahren Indikation Vorteile Nachteile
Chirurgisches Debridement Stadium 2–4, Nekrosen Effektive Entfernung von abgestorbenem Gewebe Erfordert häufige Wiederholung
Lappenplastik (lokal) Große, tiefe Defekte, benachbartes Gewebe verfügbar Gute Durchblutung, Gewebeabdeckung, einfacher als freie Lappen Komplexer Eingriff, OP-Risiken, Wundheilungsstörungen möglich
Spalthauttransplantation Kleine bis mittelgroße Defekte Schnelle Heilung, weniger invasiv Geringere Stabilität, nur oberflächliche Defektdeckung, fehlende Polsterung
Freie Lappenplastik Ausgedehnte Gewebedefekte, keine lokalen Lappen möglich Optimale Weichteilrekonstruktion Lange OP-Zeit, erhöhte Komplikationsrate, mikrochirurgische Expertise nötig

Fazit

Die operative Therapie des Dekubitus ist ein hochkomplexer Eingriff, der in ein umfassendes, interdisziplinäres Behandlungskonzept integriert sein muss. Erfolgreiche Therapieansätze, wie das Basler Dekubituskonzept, kombinieren konsequente Druckentlastung, Behandlung von Mangelernährung und Infektionen mit der chirurgischen Sanierung und plastischen Deckung. Die Wahl des operativen Verfahrens – von der einfachen Spalthauttransplantation über lokale Lappenplastiken bis hin zur freien, mikrochirurgischen Lappenplastik – richtet sich individuell nach der Wundsituation.

Wichtig ist zu verstehen, dass der chirurgische Eingriff allein nicht ausreicht. Nur durch die konsequente postoperative Nachsorge, bestehend aus strikter Druckentlastung, regelmäßiger Kontrolle der Durchblutung, Wundmanagement und Optimierung der Ernährung, kann ein dauerhafter Erfolg erzielt und ein Wiederauftreten des Dekubitus verhindert werden. Die Plastische Chirurgie übernimmt hierbei die Verantwortung für die strukturelle Wiederherstellung der Haut und des Weichgewebes, was die Grundlage für eine verbesserte Mobilität und Lebensqualität der Patienten bildet.

Quellen

  1. Riegler Plastische Chirurgie - Chronische Wunden / Dekubitus
  2. Link Springer - Wahl der Lappenqualität
  3. B. Braun - Therapie chronischer Wunden / Dekubitus
  4. Universitätsspital Zürich - Dekubitus operative Behandlung
  5. Charité Plastische Chirurgie - Chronische Wunden / Dekubitus
  6. Gesundheits-Lexikon - Operative Therapie Dekubitus

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