Die Transformation der Industriekulisse des Ruhrgebiets stellt Bauherren, Investoren und Planer vor besondere Herausforderungen. Die Sanierung und Umnutzung von denkmalgeschützten Zechengebäuden verbindet historische Bausubstanz mit modernen Anforderungen an Wohnen, Arbeiten und Energieeffizienz. Dieser Artikel beleuchtet den Prozess der Revitalisierung am Beispiel der Standorte Zeche Ewald in Herten und Zeche Westerholt in Gelsenkirchen/Herten. Er basiert ausschließlich auf den vorliegenden Informationen zu den Projekten.
Einleitung
Die Stilllegung von Steinkohlebergwerken im Ruhrgebiet hinterließ riesige Industrieflächen, deren Neunutzung essenziell für die regionale Entwicklung ist. Die vorliegenden Daten zeigen exemplarisch, wie durch die Zusammenarbeit von öffentlichen Hand, privaten Investoren und spezialisierten Planern aus Brachflächen wieder Lebens- und Arbeitsräume entstehen. Der Fokus liegt dabei auf der denkmalgerechten Sanierung bestehender Bausubstanz sowie dem Neubau zukunftsweisender Projekte.
Die Bedeutung der Denkmalpflege bei der Revitalisierung
Die Bewertung der vorhandenen Bausubstanz ist der erste Schritt jeder Umnutzung. Im Falle der Zeche Ewald wurde diese Aufgabe von einem spezialisierten Büro übernommen, welches im Auftrag der Projektgemeinschaft Ewald (bestehend aus RAG Montan Immobilien und der Stadt Herten) tätig war.
Gebäudebewertung und Entscheidungsfindung
Bereits vor der endgültigen Stilllegung der Zeche Ewald im Jahr 2000 wurde die Projektgemeinschaft Ewald gegründet, um die freiwerdenden Flächen neu zu vermarkten. Eine zentrale Aufgabe war die Erstellung einer umfassenden Gebäudebewertung im Jahr 2002. Ziel war es, Entscheidungen darüber zu treffen, welche Gebäude erhalten bleiben sollten und welche abgebrochen werden können.
Die Bewertungskriterien umfassten: * Den Zustand der Gebäude. * Die Umnutzbarkeit (Flexibilität der Grundrisse und Tragwerke). * Die Bedeutung der Gebäude für das Stadtbild.
Nach der Entscheidung über Erhalt und Abbruch erfolgte die detaillierte Gebäudebewertung für den verbleibenden Bestand. Hierzu gehörten die Erstellung digitaler Bestandszeichnungen, die Untersuchung von Schäden an tragenden Bauteilen sowie die Ermittlung von Flächen und Rauminhalten nach DIN 277. Diese Daten dienten als Grundlage für die Entwicklung struktureller Umnutzungsvorschläge.
Erhaltenswerte Bausubstanz auf dem Areal Ewald
Auf dem Areal der Zeche Ewald haben sich bedeutende Zeugnisse der Industriearchitektur erhalten. Zu den denkmalgeschützten Gebäuden zählen: * Die 120 Meter lange Rasenhängebank mit Doppelbockanlage (Schacht 7). * Mehrere Maschinengebäude. * Schwarz- und Weisskaue. * Die Lampen- und Lohnhalle. * Ein weiterer Förderturm (Schacht 2). * Der Malakowturm aus dem Jahr 1872.
Diese Strukturen prägen das Erscheinungsbild des Areals und bieten durch ihre robuste Bauweise oft hervorragende Voraussetzungen für gewerbliche oder kulturelle Nutzungen.
Konzeptionelle Ansätze: Vom Trennzeichen zur Verbindung
Ein zentraler Aspekt der Sanierung von Zechenstandorten ist die veränderte Funktion der Gebäude in ihrer städtebaulichen Umgebung.
Das Beispiel der Torhäuser Zeche Westerholt
Ein symbolträchtiges Beispiel für diese Entwicklung ist die Sanierung der Torhäuser der ehemaligen Zeche Westerholt. Diese Gebäude befinden sich im Zentrum der Gartenstadt und markieren die Schnittstelle zwischen dem Wohngebiet und dem ehemaligen Zechengelände.
Bisher fungierten die Torhäuser als Abschluss und trennten das Zechengelände von der Umgebung ab. Im Zuge der Sanierung, die unter der Projektleitung der RAG Montan Immobilien (Projektleiter Bernd Lohse) steht, ändert sich diese Funktion grundlegend. Ziel ist es, die Gebäude als Verbindungselemente zwischen der "Neuen Zeche Westerholt" und den angrenzenden Stadtteilen zu öffnen.
Architekt Martin Halfmann aus Köln plant daher die Öffnung der Gebäude durch mehrere Eingänge zu beiden Seiten. Die Nutzungskonzepte umfassen: * Große Besprechungsräume für Initiativen aus den Stadtteilen. * Büroräume für das Projektentwicklungsbüro. * Ein Infobüro des EnergieLabors Ruhr. * Ein gemeinsames Stadtteilbüro der Städte Gelsenkirchen und Herten.
Dieser Ansatz verdeutlicht, wie historische Bauten neue Funktionen als Kommunikations- und Begegnungszentren übernehmen können.
Neubauprojekte im Kontext der Industriegeschichte
Neben der Sanierung alter Bausubstanz entstehen auf den riesigen Zechenflächen auch moderne Neubauten, die den Standort für den zukünftigen Bedarf attraktiv machen.
Ewald HOCH 3: Wohnen und Arbeiten
Ein signifikantes Neubauprojekt ist "Ewald HOCH 3". Geplant vom Investor Jörn Exner, entsteht ab Sommer/Herbst 2026 auf einer Grundstücksfläche von rund 12.000 Quadratmetern östlich des alten Fördermaschinenhauses entlang der Ewaldstraße ein neuer Quartiersbereich.
Das Projekt vereint verschiedene Nutzungen: * Wohnen: Bau von 46 hochwertigen Wohnungen in zwei Mehrfamilienhäusern. * Gewerbe: Ein nördlich gelegener Handwerkerpark bietet flexible Gewerbeflächen.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Nachhaltigkeit und der Qualität der Wohnungen. Das Projekt wird als Klimafreundliches Effizienzhaus Stufe 55 geplant. Zur technischen Ausstattung gehören unter anderem Fußbodenheizung, elektrische Rollläden und ein Glasfaseranschluss in jeder Wohnung.
Energieversorgung und Infrastruktur
Ein entscheidender Faktor bei der Umnutzung von Zechenflächen ist die Energieversorgung. Bei "Ewald HOCH 3" ist die Nutzung von "Grüner Fernwärme aus Grubengas" vorgesehen. Dies nutzt die Tatsache, dass auf vielen ehemaligen Bergwerksflächen Grubengas entweicht, und wandelt dies in eine nachhaltige Energiequelle um.
Zudem wird die Infrastruktur durch folgende Maßnahmen ergänzt: * 44 Garagen mit Anbau sowie 30 weitere Stellplätze. * Abschließbare Fahrradunterstände. * Videoüberwachung des Geländes (24/7). * Hausflur-Reinigung und Winterdienst als Serviceleistungen.
Historischer Hintergrund als Standortfaktor
Das Wissen um die Geschichte des Standorts spielt für die Vermarktung und Identifikation eine wichtige Rolle.
Die Anfänge der Zeche Ewald
Die Zeche Ewald wurde 1871 von 21 Anteilseignern (Gewerken) gegründet. Namensgeber war der Essener Unternehmer Ewald Hilger. Die Anfänge waren schwierig; Probleme wie Absatzschwierigkeiten nach der Rezession von 1873, Gebirgsstörungen und Wassereinbrüche führten dazu, dass die Zeche im Volksmund bald "Zeche Elend" genannt wurde.
Trotz des mühsamen Starts entwickelte sich Ewald nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der produktivsten Zechen des Ruhrgebiets mit zeitweise 4.000 Beschäftigten. In den 1920er Jahren bestand das Bergwerk aus zwei Doppelschächten (I/II und III/IV). Schacht I/II verfügte bereits seit 1907 über eine eigene elektrische Zentrale mit einem Turbogenerator von 2400 PS Leistung.
Technische Entwicklung und Unfallgeschichte
Die technische Entwicklung auf der Zeche Ewald war dynamisch. 1928 wurde der Förderschacht II umgebaut, wodurch der Wetterschacht V im Katzenbusch kurzzeitig zum Förderschacht wurde, was seinen Gleisanschluss erklärt. Historisch zu vermerken ist auch ein schwerer Unfall am 16. Oktober (Jahr nicht explizit genannt, aber im Kontext der 20er Jahre erwähnt) auf der Schachtanlage I/II durch einen Seilriss, der drei Todesopfer forderte.
Standortentwicklung und heutige Nutzung
Der Wandel vom Bergwerk zum Zukunftsstandort zeigt sich heute vor allem in der Vielfalt der genutzten Flächen.
Zeche Ewald als Teil der Route Industriekultur
Die Zeche Ewald ist heute fest in das touristische und kulturelle Netzwerk des Ruhrgebiets eingebunden. Sie ist ein Ankerpunkt der Route Industriekultur und liegt eingebettet in den Landschaftspark Hoheward mit der größten Haldenlandschaft Europas.
Der Standort verbindet bewusst Tradition und Zukunft. Während die markante Zechenarchitektur (mit Beteiligung des Zollverein-Architekten Fritz Schupp) erhalten bleibt, ist der Standort heute Sitz des Wasserstoff-Kompetenzzentrums. Dies zeigt die Neuorientierung hin auf Zukunftstechnologien auf historischem Boden.
Fazit
Die Sanierung und Umnutzung der Zechenstandorte Ewald und Westerholt demonstriert strategisches Vorgehen in der modernen Stadtentwicklung. Entscheidend für den Erfolg sind: 1. Frühzeitige Bewertung: Eine detaillierte Gebäudebewertung nach DIN 277 und die Prüfung auf Denkmalschutzrelevanz bilden die Basis für Investitionsentscheidungen. 2. Flexible Nutzungskonzepte: Historische Gebäude wie die Torhäuser von Westerholt werden durch neue Zugänge und Nutzungen (Büros, Besprechungsräume) von Abschluss- zu Verbindungselementen. 3. Integration moderner Technologien: Neubauprojekte wie "Ewald HOCH 3" setzen auf Effizienzhaus-Standards und nutzen lokale Energiequellen wie Grubengas-Fernwärme. 4. Wertschätzung der Industriekultur: Der Erhalt von markanten Bauten (Rasenhängebank, Malakowturm) stärkt die Identität des Standorts und dient als Qualitätsmerkmal für neue Nutzer.
Für Bauherren und Investoren bedeutet dies, dass die Revitalisierung von Industriebrachen nicht nur den Erhalt von Bausubstanz, sondern vor allem die Erschließung neuer Potenziale durch innovative Nutzungs- und Energiesysteme erfordert.