Ursachen, Diagnostik und moderne Therapieansätze bei Senkung und Vorfall der Gebärmutter und Scheide

Einleitung

Senkung und Vorfall der Gebärmutter und der Scheide, medizinisch als Uterusprolaps oder Genitalprolaps bezeichnet, stellen ein weit verbreitetes und vielschichtiges gynäkologisches Problem dar. Es betrifft Frauen unterschiedlichen Alters und kann erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität haben. Die Ursache liegt primär in einer Schwächung oder einem Riss der Bänder und des Bindegewebes des Beckenbodens, die für die Aufhängung und Stabilisierung der Beckenorgane verantwortlich sind. Die Wahl der Therapie richtet sich individuell nach dem Schweregrad der Erkrankung, dem Allgemeinzustand der Patientin und deren persönlichen Wünschen. Während konservative Maßnahmen wie Pessare oder Beckenbodentraining bei leichten Formen oft ausreichen, kann bei fortgeschrittenen oder symptomatischen Prolapsen eine operative Korrektur notwendig werden. Die moderne Chirurgie bietet hierfür eine Vielzahl an Verfahren, die von klassischen vaginalen Techniken bis hin zu minimal-invasiven, roboterunterstützten Eingriffen reichen. Dieser Artikel beleuchtet auf Basis aktueller medizinischer Informationen die Ursachen, Diagnostik und die vielfältigen operativen und konservativen Behandlungsmöglichkeiten, um Betroffenen und Fachpublikum einen fundierten Überblick zu geben.

Ursachen und Pathophysiologie des Beckenbodenprolapses

Ein Prolaps der Gebärmutter und der Scheide entsteht durch den Abriss oder die Erschlaffung der Bänder und des Bindegewebes, die die Gebärmutter in ihrer Position halten und zusätzlich weitere wichtige Strukturen wie Scheide, Harnblase und Mastdarm im Becken verankern (Quelle 1). Diese Strukturen des Beckenbodens bilden ein komplexes Stützsystem. Wenn dieses System geschwächt wird, können die Beckenorgane nicht mehr ausreichend gehalten werden und senken sich ab. In schweren Fällen kann die Gebärmutterscheide bis vor den Scheideneingang oder sogar darüber hinaus vorfallen.

Die Diagnose und Einstufung des Schweregrads erfolgt in der Medizin standardisiert, meist mittels des „Pelvic Organ Prolapse-Quantification“ (POP-Q)-Systems (Quelle 3). Dieses System ermöglicht eine präzise Dokumentation der anatomischen Verhältnisse, was für die Therapieplanung und Verlaufsbeobachtung von entscheidender Bedeutung ist.

Konservative Behandlungsmöglichkeiten: Pessare und Beckenbodentraining

Bevor eine operative Therapie in Erwägung gezogen wird, stellt die konservative Behandlung oft den ersten Schritt dar, insbesondere bei schwachen oder symptomatischen Prolapsen. Eine asymptomatische Senkung erfordert in der Regel keine Behandlung. Als gute erste Behandlungsoption für eine symptomatische Senkung gilt das Pessar (Quelle 3).

Das Pessar: Funktionsweise und Anpassung

Ein Pessar ist ein medizinisches Gerät, das in die Scheide eingeführt wird, um die sinkenden Organe mechanisch zu stützen. Die korrekte Anpassung ist dabei von elementarer Bedeutung. Pessare sollten groß genug sein, um ihre stützende Aufgabe zu erfüllen, aber gleichzeitig klein genug, um keinen unnötigen Druck zu verursachen und Diskomfort zu vermeiden. Eine geschulte Anpassung durch medizinisches Personal ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg und die Verträglichkeit (Quelle 2).

Risiken und Pflege von Pessaren

Fehler bei der Anpassung oder Vernachlässigung der Pflege können zu ernsthaften Komplikationen führen. Ein unsachgemäß sitzendes Pessar kann zu vaginalen Ulzerationen (Gewebeschäden) führen. Um Infektionen zu vermeiden, ist eine regelmässige Reinigung des Pessars notwendig; mindestens einmal monatlich sollte es entfernt, gereinigt und wieder eingesetzt werden (Quelle 3). Neben Pessaren kann auch Beckenbodentraining eingesetzt werden, wobei die Quellenlage für Uterusprolaps darauf hindeutet, dass ein symptomatischer Prolaps wahrscheinlich nicht auf Beckenbodentraining anspricht (Quelle 3).

Operative Therapie: Indikationen und Ziele

Eine operative Korrektur wird in Betracht gezogen, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen oder nicht gewünscht werden. Die Indikationen für eine OP in der Rezidivsituation (nach vorangegangenen erfolglosen OPs) umfassen unter anderem einen subjektiven Leidensdruck, frustrane (erfolglose) konservative Behandlungsmöglichkeiten, die Ungeeignetheit eines Pessars sowie den Wunsch der Patientin nach einer Operation (Quelle 2).

Die Ziele einer operativen Therapie sind vielschichtig: Neben der Linderung von Symptomen oder dem Erreichen von Symptomfreiheit und der Wiederherstellung der natürlichen Anatomie steht die Verbesserung der Lebensqualität (QoL) im Vordergrund. In der Rezidivsituation handelt es sich meist um rekonstruktive Eingriffe am Beckenboden, die eine gezielte Korrektur der anatomischen Defekte des jeweiligen Kompartiments (vordere, hintere oder obere Scheidenwand) anstreben (Quelle 2). Vor einer Operation müssen eventuell vorhandene Ulzera (Geschwüre) verheilt sein (Quelle 3).

Operative Verfahren: Ein Überblick

Die Wahl des operativen Verfahrens hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Erfahrung des Chirurgen, die Präferenz der Patientin, der Schweregrad des Prolapses, das Alter der Patientin und ob es sich um einen Erst- oder Rezidiveingriff handelt. Grundsätzlich wird zwischen vaginalem und abdominalem (durch den Bauchraum) Zugangsweg unterschieden.

Vaginale Operationsverfahren

Der vaginale Zugangsweg ist oft die erste Wahl, insbesondere bei älteren, betagten Frauen. Eine schnelle und sichere Option ist hier ideal, da das erhöhte Morbiditätsrisiko einer abdominalen Operation bei älteren Patientinnen vermieden werden sollte (Quelle 4). Auch für gesunde Frauen tolerieren vaginale Verfahren gleichermaßen (Quelle 4).

Zu den vaginale Techniken gehören: * Kolporrhaphie: Eine chirurgische Reparatur der Stützstrukturen des Beckens. Hierbei wird überschüssiges Scheidengewebe entfernt und das Gewebe gestrafft, um die Scheidenwand zu stützen. * Fixation des oberen Teils der Vagina (Apikale Fixation): Der obere Teil der Vagina wird an eine stabile Struktur in der Nähe vernäht, um einen erneuten Abstieg zu verhindern. Eine hierfür genannte Methode ist die vaginale sakrospinale Fixation (SSF), bei der der Scheidenapex am Sakrospinalband (einem starken Band im Becken) fixiert wird (Quelle 2). Diese Methode wird als „native tissue repair“ (Reparatur mit körpereigenem Gewebe) bezeichnet. * Hysterektomie: Die Entfernung der Gebärmutter kann in Kombination mit einer Reparatur der Stützstrukturen erfolgen. Die Entscheidung, ob die Gebärmutter entfernt wird, hängt von der individuellen Situation ab. * Kolpokleisis: Bei dieser Methode wird die Scheide vernäht. Sie wird vor allem bei Frauen angeboten, die keine zukünftigen vaginalen Verkehr mehr planen und aufgrund von schwerwiegenden Begleiterkrankungen keine längere Operation vertragen. Die Kolpokleisis zeichnet sich durch eine kurze Operationsdauer, ein geringes Risiko der perioperativen Morbidität und ein sehr geringes Risiko eines Prolaps-Rezidivs aus (Quelle 3). Das Le Fort Verfahren ist eine Form der Kolpokleisis, bei der die Gebärmutter belassen oder entfernt werden kann (Quelle 3).

Abdominale und endoskopische Verfahren

Für jüngere oder gesunde Patientinnen können auch abdominal oder endoskopisch (durch Bauchspiegelung) durchgeführte Verfahren in Betracht kommen. Die Literatur zeigt hier bessere Langzeitergebnisse bei abdominaler Korrektur (Quelle 4).

Ein Goldstandard, insbesondere in der Rezidivsituation bei Vorliegen eines apikalen (die obere Scheidenwand betreffenden) und/oder Multikompartiment-Prolapses, ist die Sakrokolpopexie. Dieses Verfahren kann abdominal, laparoskopisch oder robotisch durchgeführt werden und weist hohe subjektive und objektive Langzeiterfolgsraten sowie eine geringe Rezidivrate von 3–8 % auf (Quelle 2). Hierbei wird die Vaginaspitze mit einem Netz an das Kreuzbein (Sakrum) fixiert.

Ein weiteres abdominales Verfahren ist die unilaterale pectineale Suspension (Bolovis, Brucker), für die eine Sanierungswahrscheinlichkeit von 80–90 % und ein Risiko von < 5 % angegeben werden (Quelle 4).

Roboterunterstützte Chirurgie und Netzeinlagen

Die roboterunterstützte Chirurgie gewinnt zunehmend an Bedeutung und wird immer häufiger für urogynäkologische Eingriffe angeboten (Quelle 4). Sie ermöglicht präzise Eingriffe in minimal-invasiver Technik.

Ein kontroverses Thema sind Netzeinlagen (Mesh-Implantate). Einige Jahre lang wurden Netze zur Unterstützung der Gebärmutter oder zur Stabilisierung der Scheidenwand eingesetzt, da sie eine bessere Haltbarkeit versprachen. Tatsächlich halten die Netze auch, doch die Komplikationen waren gewaltig. Es kam zu einem hohen Anteil an Schmerzen bei den Patientinnen, insbesondere beim Geschlechtsverkehr (bis zu 60 %), zu Einheilungsschwierigkeiten und der Gefahr, dass das Netz an Blase oder Rektum scheuert. Aufgrund dieser Probleme haben Hauptfirmen ihre Produkte vom Markt genommen, und es gibt eine Vielzahl von Gerichtsklagen. Heute werden nur noch wenige Netzanbieter genannt, und der Einsatz ist mit großem Vorbehalt zu sehen (Quelle 5).

Therapie in Abhängigkeit vom Alter und Gesundheitszustand

Die Wahl der Therapie muss den individuellen Gegebenheiten der Patientin angepasst werden. Das Alter der Patientin spielt in der modernen Prolapschirurgie zwar eine untergeordnete Rolle, der Fokus liegt vielmehr auf Erwartungen und Lebensqualitätsaspekten (Quelle 2). Dennoch ist der Gesundheitszustand entscheidend.

  • Junge oder gesunde Patientinnen: Hier kann der Fokus auf eine kompartimentspezifische Rekonstruktion liegen. Sowohl vaginale als auch abdominal/endoskopische Verfahren werden gleichermaßen toleriert. Die Literatur deutet auf bessere Langzeitergebnisse bei abdominalen Korrekturen hin (Quelle 4).
  • Betagte oder vorerkrankte Patientinnen: Hier sollte eine schnelle und sichere Option gewählt werden, weshalb der vaginale Zugangsweg oft ideal ist (Quelle 4). Moderne uteruserhaltende Operationen können dabei eine kurze OP-Zeit von nur 30–40 Minuten aufweisen. In Ausnahmefällen kann auch die Kolpokleisis angewandt werden.

Rezidiveingriffe: Eine besondere Herausforderung

Operative Eingriffe in der Rezidivsituation, also wenn ein vorheriger Eingriff nicht den gewünschten langfristigen Erfolg gebracht hat, stellen eine besondere chirurgische Herausforderung dar. Eine präzise Diagnostik und eine individuelle Therapieplanung sind hier unerlässlich, um die Stabilität und Funktion des Beckenbodens nachhaltig zu verbessern und ein erneutes Versagen zu verhindern (Quelle 2).

Die Ziele sind klar definiert: keine Rezidive oder möglichst lange keine Rezidive zu erreichen. Eine defekt- und patientinnenorientierte Prolapschirurgie sollte evidenzbasierte Medizin mit individuellen Faktoren kombinieren (Quelle 2). Die Sakrokolpopexie wird hier explizit als Goldstandard genannt, da sie die höchsten Erfolgsraten bei apikalen und Multikompartiment-Prolapsen in dieser komplexen Situation aufweist (Quelle 2).

Fazit

Senkung und Vorfall der Gebärmutter und Scheide sind behandelbare Erkrankungen, deren Therapie stark von der individuellen Lebenssituation, dem Schweregrad und den Wünschen der Patientin abhängt. Während konservative Methoden wie Pessare eine wichtige Rolle in der initialen Behandlung spielen, bieten operative Verfahren eine hohe Erfolgsquote zur Wiederherstellung der Anatomie und zur Steigerung der Lebensqualität. Die moderne Chirurgie hat sich von risikoreichen Netzimplantaten hin zu anatomisch sinnvollen, defektorientierten Rekonstruktionen entwickelt. Minimal-invasive und roboterunterstützte Verfahren sowie eine klare Indikationsstellung für vaginale oder abdominale Zugangswege ermöglichen eine maßgeschneiderte Therapie. Eine sorgfältige Diagnostik und eine offene Diskussion der Optionen zwischen Arzt und Patientin sind der Schlüssel zu einem langfristig erfolgreichen Behandlungsergebnis.

Quellen

  1. Marien Hospital - Ursache Prolaps
  2. Universimed - Rezidiveingriffe Prolapschirurgie
  3. MSD Manual - Uterus- und Apikalprolaps
  4. Der Privatarzt - Moderne OP-Methoden beim Genitalprolaps
  5. Das Leben in Bewegung - Organsenkung, Totalprolaps, Prognose und Operation

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