Die Instandhaltung und Modernisierung von öffentlichen Gebäudekomplexen stellt Kommunen und Betreiber vor komplexe logistische, technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Ein exemplarisches Beispiel für eine solche Großbaustelle ist die Sanierung des Milchwerks in Radolfzell. Dieser Veranstaltungskomplex durchläuft aktuell mehrere Bauabschnitte, die von Dachsanierungen über die Umrüstung der Beleuchtungstechnik bis hin zu umfangreichen Wasserschadensanierungen reichen. Für Bauinteressierte, Hausverwaltungen und Handwerksbetriebe liefert der Ablauf dieser Maßnahmen wertvolle Einblicke in die Planung und Ausführung von Renovierungsprojekten in der gewerblichen Immobilienwirtschaft.
Ausgangslage und Sanierungsbedarf
Das Milchwerk in Radolfzell ist ein zentraler Veranstaltungsort, der ein breites Spektrum an kulturellen und gewerblichen Nutzungen abdeckt, darunter Musicals, Konzerte, Kleidermärkte und Tagungen. Im Laufe der Jahre haben sich, wie bei vielen Gebäuden dieser Art, diverse Modernisierungsstauungen ergeben, die eine umfassende Sanierung unvermeidlich machten. Laut einer Presseinformation des Wochenblatts waren einige Teile des Veranstaltungshauses sanierungsbedürftig geworden, weshalb gezielt in die Erneuerung investiert wurde.
Ein dringendes Problem stellte das Norddach des Komplexes dar. Es erstreckt sich sowohl über das eigentliche Milchwerk als auch über das Gebäude, in dem die Musikschule und die Tanzschule untergebracht sind. Eine Analyse der Bausubstanz ergab, dass das Dach nicht mehr dicht war und in der Vergangenheit bereits mit Flickarbeiten überbrückt werden musste. Diese Maßnahmen stellten nur eine kurzfristige Lösung dar und konnten den fortgeschrittenen Verfall der Bausubstanz nicht langfristig aufhalten.
Zusätzlich zum Dach war auch die Technik im Inneren des Gebäudes veraltet. Insbesondere die Bühnentechnik und die Beleuchtung im Großen Saal entsprachen nicht mehr dem aktuellen Standard. Das bisherige Leuchtmittel stammte aus dem Jahr 1992 und war technisch nicht mehr wartbar. Diese technische Veraltung beeinträchtigte nicht nur den Betrieb, sondern führte auch zu erhöhtem Energieverbrauch und Sicherheitsrisiken.
Die Sanierung des Norddachs: Asbest und Dämmung
Eine der ersten und dringendsten Maßnahmen war die Sanierung des rund 800 Quadratmeter großen Norddachs. Die Arbeiten begannen unmittelbar nach einem Abschiedskonzert des Krankenhaus-Fördervereins. Die Sanierung umfasst das vollständige Abdichten und die Wärmedämmung des Flachdachs.
Ein besonderes Augenmerk musste hierbei auf die Entsorgung von Sonderabfällen gelegt werden. Die Untersuchung der Bausubstanz ergab, dass Teile des Dachs Asbest enthielten. Der Umgang mit diesem Material erfordert höchste Sorgfalt und die Einhaltung strenger gesetzlicher Vorgaben. Der Abbruch und die Entsorgung wurden daher nicht durch den Hausmeister oder eine Standard-Firma durchgeführt, sondern von einer speziell qualifizierten Firma übernommen, die über die notwendigen Sicherheitsauflagen und Zertifizierungen verfügt.
Um die Arbeiten effizient zu koordinieren, arbeitete die Bauleitung der ausführenden Firmen in enger Abstimmung mit der Stadt Radolfzell als Eigentümer. Ziel war es, die Sanierung so schnell wie möglich abzuwickeln, da das Gebäude während der Sanierungsarbeiten im Foyer und im kleinen Saal weiterhin genutzt werden konnte. Die Arbeiten am Dach, die voraussichtlich bis Ende Juli 2024 andauerten, sollten laut Stadtverwaltung nicht zu größeren Belastungen durch Lärm führen, was für den laufenden Betrieb essenziell war.
Modernisierung der Haustechnik: LED-Umrüstung und Photovoltaik
Parallel zu den Dacharbeiten wurden auch umfangreiche Maßnahmen im Bereich der Haustechnik und der Energieversorgung umgesetzt.
Die Beleuchtung im Großen Saal
Die Umrüstung der Beleuchtung im Großen Saal war technisch zwingend notwendig, da die alten Leuchtmittel aus dem Jahr 1992 nicht mehr ersetzt werden konnten. Die Entscheidung fiel auf eine vollständige Umrüstung auf LED-Technik. Diese Modernisierung bietet mehrere Vorteile: * Energieeffizienz: Deutliche Reduzierung des Stromverbrauchs. * Wartungsfreundlichkeit: Längere Lebensdauer der Komponenten. * Flexibilität: Moderne LED-Systeme bieten bessere Dimmbarkeit und Farbsteuerung, was für Veranstaltungen wichtig ist.
Die Arbeiten an der Beleuchtung und der Bühnentechnik wurden bis Mitte Juli 2024 durchgeführt, sodass zur Sommerakademie bereits neues Licht zur Verfügung stand.
Installation einer Photovoltaik-Anlage
Im Zuge der Dachsanierung wurde auch eine Photovoltaik-Anlage installiert. Diese Maßnahme ist ein wesentlicher Schritt zur Nachhaltigkeit des Gebäudes und zur Reduzierung der Betriebskosten. Durch die Nutzung von Solarenergie kann ein Teil des Strombedarfs des Milchwerks selbst gedeckt werden.
Sanierung des Großen Saals und der Bühne
Neben der Beleuchtung erhielt auch die Bühne einen neuen Boden, und die Bühnentechnik wurde auf den neuesten technischen Stand gebracht. Diese Arbeiten fielen in einen Zeitraum von Mitte Mai bis Mitte Juli 2024. Die Projektleiterin Olesja Hepting betonte, dass es trotz des anspruchsvollen Zeitplans gelang, die Sanierungen bis auf kleine Restarbeiten abzuschließen. Die Arbeiten mussten bei laufendem Betrieb durchgeführt werden, was eine extrem enge Planung und Koordination der Handwerksbetriebe erforderte.
Die große Schließung 2026: Wasserschaden und Hygiene
Während die Sanierungsarbeiten im Jahr 2024 noch bei laufendem Betrieb durchgeführt werden konnten, sah sich die Verwaltung des Milchwerks im Jahr 2026 mit einer Situation konfrontiert, die eine vollständige Schließung des Gebäudes erzwang. Der Grund hierfür war ein gravierender Wasserschaden.
Ursachen und Ausmaß des Schadens
Der Schaden entstand durch Arbeiten einer Fremdfirma im Erdgeschoss und im Foyer. Über viele Stunden hinweg trat Wasser aus und drang tief in den Boden und die Wände ein. Versuche, den Schaden durch Trocknungsmaßnahmen zu beherrschen, scheiterten. Die Situation war so ernst, dass das Wasser im Boden stand und sich in den Wänden ausbreitete.
Eine Analyse der Schadensursache und der Folgen ergab, dass eine einfache Trocknung nicht ausreichte. Der gesamte Boden musste abgetragen und neu aufgebaut werden. Dies ist eine umfangreiche Bauarbeit, die viel Lärm und Dreck verursacht und den laufenden Betrieb unmöglich macht.
Geplante Schließung und Koordinierung mit anderen Maßnahmen
Die Verantwortlichen, darunter Bürgermeisterin Monika Laule, Milchwerk-Leiterin Melanie Riedmann und Margit Klauza von der Abteilung Hochbau, entschieden sich für eine Schließung des gesamten Veranstaltungszentrums zwischen Ende März und Ende September 2026. Dieser Zeitraum wurde bewusst gewählt, da er sich mit einer ohnehin geplanten Maßnahme zur Wasserhygiene überschneidet. Diese Koordinierung ist ein klassisches Beispiel für effizientes Ressourcenmanagement in der öffentlichen Verwaltung: Man nutzt die Zwangspause durch den Wasserschaden, um weitere notwendige, aber ursprünglich separat geplante Sanierungsarbeiten durchzuführen.
Erst nach Abschluss der Sanierungsarbeiten und der vollständigen Trocknung lässt sich die exakte Dauer der Trocknungsphase verlässlich einschätzen. Die Schließungsdauer von sechs Monaten ist eine konservative Schätzung, die eventuelle Verzögerungen einkalkuliert.
Auswirkungen auf den Betrieb und das wirtschaftliche Ergebnis
Eine Schließung von sechs Monaten hat erhebliche Auswirkungen auf den Betrieb und die Wirtschaftlichkeit des Milchwerks. Bereits die kürzeren Sanierungsarbeiten im Jahr 2024 führten zu spürbaren Einschränkungen. Die Schließung des Großen Saals während der Bauarbeiten beeinflusste die wirtschaftliche Bilanz des Jahres 2024 negativ, wie die Vorstellung der Zahlen durch Milchwerk-Leiterin Tanja Adamski im Ausschuss für Kultur, Bildung und Soziales bestätigte.
Herausforderungen bei der Kundenbindung
Die Schließung 2026 stellt eine enorme Herausforderung für das Veranstaltungsteam dar. Viele Veranstaltungen sind für diesen Zeitraum bereits gebucht oder zugesagt. Die Verantwortlichen haben sich zum Ziel gesetzt, ihre Kunden gut zu beraten und Lösungen zu finden, um die Buchungen zu halten.
Erste Gespräche mit Veranstaltern verliefen positiv. Von den Kunden wurde großes Verständnis gezeigt. Einige reagierten mit dem Satz: „Oh Gott, ihr Armen, was ihr jetzt alles machen müsst“. Bisher hat niemand abgesagt; viele zeigen sich flexibel. Manche Veranstalter akzeptieren den Verlust von Infrastrukturelementen wie einer Tribüne, um den Termin im Milchwerk zu halten. Dies unterstreicht die Wertschätzung, die das Gebäude in der Region genießt.
Alternativen und Logistik
Um den Veranstaltungsbetrieb aufrechtzuerhalten, werden Alternativen geprüft. Ein Teil der Veranstaltungen soll in andere Hallen der Umgebung verlegt werden, beispielsweise nach Markelfingen oder Böhringen. Kleinere Formate wie Vereinsmitgliederversammlungen könnten, je nach Baufortschritt, im Obergeschoss oder in den Tagungsräumen stattfinden, die eventuell früher wieder zur Verfügung stehen als der Hauptsaal.
Das Team des Milchwerks knüpft bei der Bewältigung der Schließung an die Erfahrungen an, die während der Corona-Lockdowns gesammelt wurden. Damals gelang es im gegenseitigen Einvernehmen, fast alle Termine umzusetzen oder zu verschieben. Diese Erfahrungswerte fließen nun in die Planung für 2026 ein.
Fazit: Lehren aus der Sanierung des Milchwerks
Die Sanierung des Milchwerks Radolfzell ist ein Musterbeispiel für die Komplexität von Renovierungsprojekten in öffentlichen Gebäudekomplexen. Die durchgeführten Maßnahmen zeigen die typischen Phasen einer Gebäudesanierung auf: von der Erkennung des Sanierungsbedarfs (undichtes Dach, veraltete Technik) über die Planung und Durchführung von Teilmaßnahmen (Dachsanierung, LED-Umrüstung, PV-Installation) bis hin zur Reaktion auf unvorhergesehene Ereignisse (Wasserschaden).
Für Bauherren und Immobilienverwalter ergeben sich daraus mehrere zentrale Erkenntnisse:
- Priorisierung von Maßnahmen: Dringende Probleme wie Wasserschäden oder asbesthaltige Materialien erfordern sofortiges Handeln und die Einbindung spezialisierter Fachfirmen.
- Koordinierung von Sanierungen: Es ist wirtschaftlich sinnvoll, anstehende Sanierungen (wie die Hygiene-Maßnahme) mit notwendigen Reparaturen (Wasserschaden) zu kombinieren, um Stillstandzeiten zu optimieren.
- Betreiberbetreuung: Eine vollständige Schließung eines Veranstaltungsortes hat gravierende wirtschaftliche Folgen. Eine proaktive Kommunikation mit Kunden und die Suche nach Alternativen sind überlebenswichtig.
- Technische Aufrüstung: Sanierungen bieten die Chance, die Technik auf einen modernen, energieeffizienten Stand zu bringen (LED, Photovoltaik), was langfristig Kosten spart und den Wert der Immobilie erhöht.
Die Ereignisse in Radolfzell verdeutlichen, dass Sanierungen nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine logistische und kommunikative Aufgabe sind. Die Fähigkeit, bei laufendem Betrieb zu arbeiten und Krisen wie den Wasserschaden 2026 zu bewältigen, entscheidet über den langfristigen Erfolg einer Gebäudeinstandhaltung.
Quellen
- Wochenblatt: Dachsanierung am Milchwerk gestartet
- Wochenblatt: Radolfzell investierte rund 25 Millionen in Erneuerung des Milchwerks
- Wochenblatt: Das Milchwerk muss für ein halbes Jahr schließen
- Südkurier: Das Milchwerk muss saniert werden, doch das wird viel teurer als gedacht
- Südkurier: Die Tücken der Sanierung, Milchwerk verdient weniger Geld