Einleitung
Die Infrastruktur für den Radverkehr in Schleswig-Holstein steht vor erheblichen Herausforderungen. Angaben des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr (LBV.SH) zufolge sind 15 Prozent des Radwegenetzes im nördlichsten Bundesland sanierungsbedürftig. Dieser Zustand betrifft nicht nur die Sicherheit und Qualität für Radfahrer, sondern stellt auch eine komplexe Aufgabe für die Bauverwaltung und die zuständigen Ministerien dar. Der Erhalt der Verkehrswege ist in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein existenziell, wobei die finanziellen und personellen Ressourcen begrenzt sind.
Das Land Schleswig-Holstein reagiert auf diesen Bedarf mit umfangreichen Investitionsprogrammen. Im Jahr 2024 werden Millionenbeträge in die Sanierung von Landesstraßen und separaten Radwegen investiert. Ziel ist es, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten und die Mobilitätswende zu unterstützen, ohne die unterschiedlichen Verkehrsmittel gegeneinander auszuspielen. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Zustand des Radwegenetzes, die geplanten Baumaßnahmen, die finanziellen Rahmenbedingungen und die strukturellen Herausforderungen bei der Umsetzung.
Zustand des Radwegenetzes
Die Qualität der Radwege in Schleswig-Holstein zeigt ein differenziertes Bild. Der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr hat festgestellt, dass ein signifikanter Anteil des Netzes Sanierungsbedarf aufweist. Mit 15 Prozent sanierungsbedürftiger Radwege ist die Herausforderung substantiell. Besonders problematisch ist, dass sich der Zustand der einzelnen Radstrecken oftmals sehr unterscheidet.
Ursachen für Schäden
Anders als bei den Fahrbahnen auf Straßen sind für den Zustand der Radwege überwiegend äußere Einflüsse verantwortlich. Zu diesen Einflüssen zählen unter anderem Wurzelerhebungen, Setzungen des Untergrunds und Witterungseinflüsse. Obwohl Wurzelerhebungen statistisch gesehen oft nur wenige Quadratmeter eines Abschnitts betreffen und somit statistisch kaum ins Gewicht fallen, können sie lokale Gefahrenstellen darstellen.
Besonders geschädigte Radwegabschnitte befinden sich beispielsweise an der Landesstraße 116 bei Schloss Breitenburg im Kreis Pinneberg. Hier ist der Weg laut LBV.SH um mehrere Dezimeter abgesackt. Ein weiteres Beispiel ist der Abschnitt zwischen Jevenstedt und Brammer an der L 328. Beide Strecken sind Teil des bei Touristen sehr beliebten „Ochsenweges“, der sich über eine Länge von rund 80 Kilometern von Wedel bei Hamburg bis zur dänischen Grenze erstreckt.
Dichte des Netzes
Schleswig-Holstein verfügt über das dichteste Fahrradnetz bundesweit. Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) gab an, dass 79 Prozent der Bundesstraßen, 64 Prozent der Landesstraßen und 44 Prozent der Kreisstraßen über Radwege verfügen. Diese hohe Abdeckung stellt jedoch gleichzeitig eine große Herausforderung für die Instandhaltung dar, da die finanziellen und personellen Ressourcen begrenzt sind. Die Priorität liegt daher aktuell auf der Sanierung bestehender Infrastruktur.
Finanzielle Rahmenbedingungen und Investitionen
Die Landesregierung von Schleswig-Holstein hat signifikante Mittel für den Erhalt und die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur bereitgestellt. Diese Investitionen gliedern sich in verschiedene Programme, die sowohl den Straßen- als auch den Radverkehr betreffen.
Gesamtinvestitionen 2024
Im Jahr 2024 investiert das Land insgesamt 88 Millionen Euro in Straßen, Radwege und Brücken. Diese Mittel wurden vom Verkehrsminister Claus-Ruhe Madsen und dem Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV) vorgestellt. Ein Großteil dieser Summe fließt in Maßnahmen zur Instandhaltung und zum Ausbau.
Sanierung von Landesstraßen und Radwegen
Allein für die Sanierung von Landesstraßen in Schleswig-Holstein sind in diesem Jahr rund 80 Millionen Euro veranschlagt. Zusätzlich wurden neun Millionen Euro für separate Radwege bereitgestellt. Hinzu kommen rund 116 Millionen Euro für Investitionen in Bundes- und Kreisstraßen. Minister Madsen betonte angesichts dieser Sanierungsvorhaben: „Der Erhalt der Infrastruktur gerade in einem Flächenland ist existenziell.“
Regionale Verteilung der Mittel
Die Investitionen werden regional fokussiert eingesetzt, um gezielte Verbesserungen zu erzielen.
Südliches Schleswig-Holstein: Im südöstlichen Schleswig-Holstein plant der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV.SH) Investitionen in Höhe von rund 55 Millionen Euro. Mit diesem Budget sollen rund 64 Kilometer Straßen, über 22 Kilometer reine Radwege und zwölf Bauwerke erneuert oder ausgebaut werden. Zu den wichtigsten Bauprojekten in dieser Region zählen: * Die Sanierung der K 48 zwischen Oldenburg i.H. und Dannau. * Die Fahbahnerneuerung der Landesstraße 83 zwischen Oldesloe und Sühlen. * Der Ersatzneubau der B-207-Brücke über die Steinau bei Schwarzenbek.
Im Kreis Stormarn, der ebenfalls zum südöstlichen Teil gehört, sollen unter anderem Radwege an der B75 in Reinfeld und zwischen Bad Oldesloe und Pölitz ausgebaut werden. Ebenso stehen Sanierungen von Radwegen zwischen Mollhagen und Sprenge sowie die Sanierung der L225 zwischen Timmerhorn und Bargteheide an.
Kreise Ostholstein und Herzogtum Lauenburg: In den Kreisen Ostholstein und Herzogtum Lauenburg investiert der LBV.SH knapp 25 Millionen Euro. Mit diesem Budget sollen rund 34 Kilometer Straßen und vier Brücken saniert sowie 14 Kilometer reine Radwege erneuert oder neu gebaut werden. Wichtige Vorhaben hier sind: * Die Erneuerung des L-142-Radwegs zwischen Marne und St. * Die Ortsdurchfahrt in Barkau (Kreis Ostholstein). * Die Ortsumgehung Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) auf der Bundesstraße 5.
In diesen Kreisen werden laut LBV mehr als 50 Kilometer Straßen und 30 Kilometer Radwege erneuert und ausgebaut.
Mittel für das Jahr 2025
Für das Jahr 2025 plant der Landesbetrieb bereits weitere Finanzierungen. Dem Landesbetrieb stehen demnach 15 Millionen Euro für separate Sanierung und Lückenschlüsse von Radwegen an Landesstraßen zur Verfügung. Diese Mittel sind speziell für die Verbesserung des Radwegenetzes vorgesehen.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Trotz der bereitgestellten finanziellen Mittel sehen sich die zuständigen Behörden erheblichen Hindernissen gegenüber, die den Ausbau und die Sanierung verzögern können.
Fachkräftemangel
Das größte Hemmnis für den Erhalt und den weiteren Ausbau des Radwegenetzes ist laut Angaben des Landesbetriebs der Fachkräftemangel. Insbesondere auf Bauingenieure und Bautechniker ist man angewiesen. Die Planung und Durchführung von Baumaßnahmen erfordert spezialisiertes Personal, dessen Verfügbarkeit am Markt derzeit nicht in ausreichendem Maße gegeben ist.
Grundstückserwerb und Eigentümer
Ebenso sei der Betrieb auf das Verständnis von Landeigentümern angewiesen. Der Neu- oder Ausbau des Netzes im Regelfall einen Erwerb von Anliegerflächen voraus. Dieser Prozess kann zeitaufwendig sein und erfordert die Zustimmung der Grundeigentümer, was oft eine komplexe rechtliche und administrative Herausforderung darstellt.
Planungssicherheit und Fördermittel
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Landesverband Schleswig-Holstein fordert, dass die Mittel für den Radverkehr für die nächsten Jahre verlässlich gesichert sein müssen. Die Kernaussage des ADFC lautet: „Kein Baulastträger beginne eine Planung, wenn nicht sichergestellt sei, dass auch für den Bau noch Fördermittel zur Verfügung stehen werden.“ Dies unterstreicht die Notwendigkeit langfristiger Finanzierungszyklen, um Planungs- und Bauprozesse effizient zu gestalten.
Mobilitätswende und Verkehrssicherheit
Die Sanierung und der Ausbau der Radwege sind integraler Bestandteil der Mobilitätswende in Schleswig-Holstein. Die Landesregierung betont, dass es nicht hilfreich ist, Straßen-, Rad- und Schienenverkehr gegeneinander auszuspielen. Vielmehr werden alle Möglichkeiten benötigt. Neben Fahrrädern und E-Bikes benötigen auch Schulbusse, Krankenwagen, der Pflegedienst oder die Feuerwehr sichere Verkehrswege. Ein gut ausgebautes und instand gehaltenes Radwegenetz trägt somit auch zur Sicherheit und Effizienz anderer Verkehrsträger bei, da es Wegekreuzungen und -konflikte reduziert.
Fazit
Die Infrastruktur der Radwege in Schleswig-Holstein befindet sich in einem Zustand, der dringenden Handlungsbedarf signalisiert. Mit 15 Prozent sanierungsbedürftiger Strecken und einem extrem dichten Netz ist die Instandhaltung eine kontinuierliche und ressourcenintensive Aufgabe. Die Landesregierung reagiert mit umfangreichen Investitionen in Höhe von 88 Millionen Euro für das Jahr 2024, wovon ein signifikanter Teil in den Bereich Radverkehr fließt.
Die konkreten Maßnahmen umfassen die Sanierung von über 22 Kilometern reiner Radwege im Südosten und 14 Kilometern in den Kreisen Ostholstein und Herzogtum Lauenburg. Wichtige Projekte wie der Ausbau entlang der B75 oder die Erneuerung des L-142-Radwegs zeigen die regionale Präsenz der Bestrebungen.
Gleichzeitig stehen die Verantwortlichen vor strukturellen Hürden. Der Fachkräftemangel bei Bauingenieuren und der Bedarf an Einverständnis von Grundstückseigentümern verzögern Projekte. Zudem ist die Forderung nach verlässlichen Mitteln für die kommenden Jahre essenziell, um Planungssicherheit zu schaffen. Die Sanierung des Radwegenetzes ist somit nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern auch eine Aufgabe der Personalressourcen und der Koordination mit den Anliegern. Für Bauherren und Kommunen bleibt abzuwarten, wie sich diese Maßnahmen auf die lokale Verkehrssicherheit und die Wertentwicklung von Immobilien in gut angebundenen Lagen auswirken.
Quellen
- Schleswig-Holstein - Bauprogramme Kreise 2024
- NDR - 88 Millionen für Straßen und Radwege im Südosten von SH
- Abendblatt - 15 Prozent der Radwege im Norden sind sanierungsbedürftig
- Zeit News - 15 Prozent der Radwege im Norden sind sanierungsbedürftig
- Allgemeine Bauzeitung - Radwege im Norden: 15 Prozent sind sanierungsbedürftig