Einführung
Die Sanierung und Erweiterung des Rathauses in Calw stellt ein herausragendes Beispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz, moderner Verwaltungsarchitektur und städtebaulicher Aufwertung dar. Das Projekt, das über mehrere Jahre hinweg realisiert wurde, zielte darauf ab, ein akut einsturzgefährdetes, denkmalgeschütztes Gebäudeensemble zu sichern, zu modernisieren und nutzbar zu machen. Im Zentrum der Maßnahme stand die Revitalisierung der historischen Markthalle als neues, transparentes Bürgerzentrum. Die Finanzierung erfolgte maßgeblich durch Fördermittel des Landes Baden-Württemberg und des Bundes im Rahmen der Städtebauförderung. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, wirtschaftlichen und städtebaulichen Aspekte dieses umfangreichen Sanierungsvorhabens, basierend auf den vorliegenden Projektdaten und Veröffentlichungen.
Historischer Kontext und Ausgangslage
Das Rathaus Calw bildet den Mittelpunkt eines wertvollen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudeensembles. Laut historischen Aufzeichnungen ist das Gebäude seit dem Jahr 1454 als Rathaus und Kaufhaus belegt. Nach einer Zerstörung im Jahr 1634 wurde es 1673 mit dem Stadtwappen und dem Wappen des Herzogs von Württemberg wiederaufgebaut. Eine weitere signifikante Umgestaltung erfolgte in den Jahren 1726 bis 1730, bei der das Gebäude seine heutige Form erhielt. Die Arkaden des Gebäudes dienten historisch als Verkaufsstände für Metzger und Bäcker. 1929 erhielt die Fassade eine Neugestaltung mit symbolischen Darstellungen des Gemeinwesens.
Die Notwendigkeit der Sanierung ergab sich aus einer akuten Einsturzgefahr. Im Juli 2007 musste das Rathaus aus Sicherheitsgründen evakuiert werden. Dieser Vorfall unterstrich die Dringlichkeit der Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen. Das Gebäudeensemble besteht teilweise aus Fachwerk und umfasst mehrere Einzelgebäude, die miteinander verbunden werden mussten.
Projektziele und Konzeption
Das übergeordnete Ziel der Sanierung war die Entwicklung des Areals zu einem modernen, transparenten und barrierefreien Dienstleistungszentrum, das die kommunale Identität stärkt. Ein zentraler Bestandteil des Konzepts war die Wiederbelebung der ehemaligen Markthalle. Diese sollte als zentrales „Herz“ der Stadt Calw zurückgewonnen und für die Bürger vielfältig bespielbar gemacht werden. Gleichzeitig dient der Raum als belebte Anlaufstelle für das Bürgerbüro.
Technisch gesehen bestand die Herausforderung darin, die wuchtigen Massivwände aus rötlichem Sandstein und die imposante Holzkonstruktion mit den mächtigen Stützen auf Sandsteinsockeln zu erhalten. Durch den Rückbau nicht denkmalgeschützter Umbauten aus vergangenen Jahrzehnten wurde das ursprüngliche Ambiente der Markthalle wiederhergestellt. Des Weiteren zielte das Projekt auf eine barrierefreie Erschließung und die Verbindung der fünf ursprünglich separierten Einzelgebäude ab. Die historische Gebäudestruktur musste zudem an eine zeitgemäße Büro-Nutzung angepasst werden, was eine erhebliche Umstrukturierung der Innenräume erforderte.
Technische Durchführung und Bauablauf
Die Bauausführung umfasste eine Kernsanierung des historischen Rathaus-Komplexes mit umfangreichen Sicherungsmaßnahmen und statischen Ertüchtigungen des bestehenden Tragwerks. Die Bauzeit erstreckte sich von Mai 2014 bis Juli 2019. Ein Architekturbüro, das für die Projektsteuerung nach dem Leistungsbild AHO (Projektstufen 1-5) verantwortlich war, koordinierte die Durchführung des Architektenwettbewerbs und die weiteren Planungsphasen (LPH 1-8).
Ein spezifischer Aspekt der Bauausführung war die Errichtung einer außenliegenden, überdachten Treppe, die im Zuge der Sanierung entstand. Diese Maßnahme diente wahrscheinlich der Verbesserung der Erschließung und der Schaffung zusätzlicher Notausgänge unter Beibehaltung der historischen Fassadenstruktur.
Wirtschaftliche Aspekte und Kostenentwicklung
Die Finanzierung des Projekts war komplex und unterlag im Laufe der Planung erheblichen Veränderungen. Ursprünglich wurden die Sanierungskosten mit 12 Millionen Euro veranschlagt. Im Verlauf der Projektplanung stiegen die Kosten jedoch signifikant an.
Laut einem Beschluss des Calwer Gemeinderats im Jahr 2013 waren die Kosten auf gut 16 Millionen Euro angestiegen. Der Gemeinderat drängte damals auf einen raschen Baubeschluss, um mit den Ausschreibungen beginnen zu können. Es wurde erwartet, dass Zuschüsse in Höhe von rund der Hälfte der Gesamtsumme die Finanzlast der Stadt mindern würden.
Die finalen Baukosten beliefen sich laut den Projektdaten auf 19,6 Millionen Euro. Ein anderes Quellenmaterial nennt einen Betrag von 19,2 Millionen Euro brutto. Diese Differenz könnte auf unterschiedliche Betrachtungsweisen (Netto vs. Brutto) oder nachträgliche Anpassungen zurückzuführen sein. Die Steigerung der Kosten von ursprünglich geplanten 12 Mio. Euro auf schließlich ca. 19 Mio. Euro ist ein signifikanter Anstieg, der in der Projektpraxis vorkommt, insbesondere bei komplexen Denkmalsanierungen, bei denen während der Bauausführung oft zusätzliche Schäden oder Anforderungen auftreten, die in der ursprünglichen Kostenschätzung noch nicht erfasst waren.
Förderung und Städtebauliche Einbettung
Ein entscheidender Faktor für die Realisierung des Vorhabens war die staatliche Förderung. Die Sanierung des Rathauses war Teil einer umfassenderen städtebaulichen Erneuerungsmaßnahme „Kernstadt“ in Calw. Diese Maßnahme wurde erfolgreich abgeschlossen.
Das Land Baden-Württemberg und der Bund haben das Vorhaben mit insgesamt rund 11,3 Millionen Euro Finanzhilfen gefördert. Davon entfielen rund 6,3 Millionen Euro auf den Bund. Die Förderung erfolgte durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg. Die Ministerin, Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, betonte anlässlich des Abschlusses der Sanierung, dass Calw ein gutes Beispiel dafür sei, wie vor allem die Bürger von der Städtebauförderung profitieren. Durch die Sanierung des markanten, ortsbildprägenden Rathauses wurde der Stadtkern stark aufgewertet, und die Wohn- und Lebensqualität wurde erheblich verbessert.
Die Städtebauförderung bringt laut der Aussage der Ministerin viele Vorteile für die Stadtentwicklung: Quartiere werden aufgewertet, Brachflächen neu genutzt, und es entsteht dringend benötigter Wohnraum. Ein interessanter volkswirtschaftlicher Aspekt ist die Hebelwirkung der Förderung: Jeder Fördereuro löst laut Angaben des Wirtschaftsministeriums bis zu acht weitere Euro an Folgeinvestitionen aus, wovon besonders das heimische Handwerk profitiert.
Architektonische und städtebauliche Wirkung
Das sanierte Rathaus veränderte das Stadtbild von Calw nachhaltig. Das Gebäudeensemble, das aus Fachwerk und historischen Massivbauten besteht, präsentiert sich nun in einem Zustand, der sowohl den denkmalpflegerischen Ansprüchen genügt als auch die Anforderungen einer modernen Verwaltung erfüllt.
Die Wiederherstellung der historischen Markthalle als zentraler Raum schafft einen neuen Begegnungsort für die Bürger. Die Arkaden, die historisch die Verkaufsstände beherbergten, und die massive Sandsteinarchitektur verleihen dem Gebäude seinen unverwechselbaren Charakter. Durch den Verzicht auf denkmalgeschützte, aber störende Umbauten aus früheren Zeiten konnte dieser Charakter wiederhergestellt werden.
Die Integration benachbarter Gebäude in die Verwaltungsstruktur trug zur Konzentration der Verwaltung an einem Ort bei. Diese Zentralisierung verbessert die Effizienz der Verwaltung und die Servicequalität für die Bürger. Die barrierefreie Erschließung stellt sicher, dass das Rathaus für alle Bürger zugänglich ist, was ein wesentliches Ziel moderner öffentlicher Gebäude ist.
Fazit
Die Sanierung des Rathauses Calw ist ein Paradebeispiel für die erfolgreiche Umsetzung eines komplexen Denkmalsanierungsprojekts unter Einsatz von Städtebaufördermitteln. Die Maßnahme hat nicht nur ein akut einsturzgefährdetes Gebäude gesichert, sondern auch einen zentralen Beitrag zur Aufwertung der Kernstadt und zur Verbesserung der Lebensqualität der Bürger geleistet.
Trotz erheblicher Kostensteigerungen von ursprünglich 12 Millionen Euro auf schließlich rund 19,6 Millionen Euro konnte das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden. Die staatliche Förderung in Höhe von 11,3 Millionen Euro war hierfür unerlässlich. Das Projekt zeigt, wie historische Bausubstanz unter Einhaltung denkmalpflegerischer Standards modernisiert und für zeitgemäße Nutzungen adaptiert werden kann. Die Wiederbelebung der historischen Markthalle als neues „Herz“ der Stadt Calw unterstreicht die Bedeutung von Architektur als Catalyst für städtische Identität und sozialen Zusammenhalt. Für Bauherren und Planer ähnlicher Projekte bleibt die Lehre, dass bei der Sanierung von Denkmalen stets mit unvorhergesehenen Kostensteigerungen zu rechnen ist, eine solide Finanzplanung und frühzeitige Einbindung von Fördermitteln jedoch die Realisierung sichern können.
Quellen
- Architekten ASW - Sanierung Rathaus Calw
- Beteiligungsportal Baden-Württemberg - Städtebauliche Erneuerung Calw
- WM Baden-Württemberg - Pressemitteilung Sanierung Calw
- Schwarzwälder Bote - Sanierungskosten Rathaus Calw
- Klotz und Dressel - Umbau Rathaus Calw
- Schwarzwaldnatur Blog - Das sanierte Rathaus in Calw
- KTP Architekten - Sanierung Rathaus Calw