Die Sanierung und Erweiterung historischer Gebäude stellt die Bauindustrie vor komplexe Herausforderungen, insbesondere wenn es sich um denkmalgeschützte Schulgebäude handelt, die an moderne pädagogische Anforderungen angepasst werden müssen. Das Robert-Koch-Gymnasium in Berlin-Kreuzberg dient als herausragendes Beispiel für diese Transformation. Der Umbau, der von den Architekten SSP Rüthnick Architekten durchgeführt wurde, zeigt auf, wie durch Sanierung statt Neubau ökologische, ökonomische und gestalterische Ziele erreicht werden können. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Projekts, basierend auf Veröffentlichungen in Fachzeitschriften wie „Bausubstanz“ und „DETAIL Magazin“ sowie Informationen der Berliner Senatsverwaltung.
Der historische Kontext und die Ausgangslage
Das Robert-Koch-Gymnasium befindet sich in der Dieffenbachstraße in Berlin-Kreuzberg und ist Teil eines gründerzeitlichen Ensembles aus Backsteingotik, das im Jahr 1875/76 errichtet wurde (Quelle 4). Neben dem Gymnasium umfasst dieses Ensemble auch die heutige Lemgo-Grundschule und ein Standesamt. Die Gebäude sind denkmalgeschützt und repräsentativen Baustil ihrer Zeit.
Die Notwendigkeit für eine Sanierung ergab sich aus dem altersbedingten Zustand der Bausubstanz und dem Bedarf an mehr Platz für eine wachsende Schülerschaft. Ziel der Sanierungsmaßnahmen war es, die ursprüngliche architektonische Qualität des Gebäudes zurückzugewinnen und gleichzeitig die Funktionalität für den modernen Schulbetrieb zu sichern. Ein entscheidender Faktor war dabei die Beseitigung störender Einbauten aus den 1970er-Jahren, die den historischen Charakter des Hauses überlagert hatten (Quelle 4).
Das Projekt wurde im Rahmen des Förderprogramms „Lebendige Zentren und Quartiere“ (bis 2019: „Städtebaulicher Denkmalschutz“) unterstützt und zählte zu den ersten sichtbaren Maßnahmen im Fördergebiet Urbanstraße (Quelle 3). Dies unterstreicht die Bedeutung des Vorhabens für die städtebauliche Entwicklung des Quartiers.
Die Sanierungsphasen: Ein strukturierter Ansatz
Die Sanierung des Robert-Koch-Gymnasiums erfolgte nicht als ein einziger Großeinsatz, sondern wurde in mehrere klar definierte Bauabschnitte unterteilt. Dieser phasenweise Ansatz ermöglichte eine kontinuierliche Anpassung an die Bedürfnisse des laufenden Schulbetriebs und eine detaillierte Planung der technischen Maßnahmen.
Erster Bauabschnitt (2011): Fenster und Fachräume
Der erste Bauabschnitt konzentrierte sich auf das Hauptgebäude in der Dieffenbachstraße 60. Eine der wichtigsten Maßnahmen war hier der Austausch der alten Fenster im Jahr 2011. Fenster sind in historischen Gebäuden oft entscheidend für den Energiehaushalt und den Erhalt der Bausubstanz. Parallel dazu wurden die Außentüren überarbeitet und instandgesetzt.
Ein besonderer Schwerpunkt lag in der Erneuerung des Chemie-Fachraums. Im Zuge dieser Modernisierung wurde eine Asbestsanierung durchgeführt. Asbest war ein in früheren Baujahren häufig verwendetes Material, dessen Gefährdungspotenzial heute bekannt ist und dessen Entfernung hohe Sicherheitsstandards erfordert. Diese Maßnahme war essenziell für die Sicherheit der Nutzer und die Einhaltung moderner Arbeitsschutznormen (Quelle 3).
Zweiter Bauabschnitt (2014): Fassadensanierung
Im Jahr 2014 folgte die Sanierung der markanten roten Klinkerfassaden. Diese Fassaden prägen das Erscheinungsbild des Gebäudes und sind charakteristisch für die Backsteingotik. Die umfassende Sanierung galt sowohl der Straßenseite als auch der Hofseite. Ziel war es, die Schutzfunktion der Fassade wiederherzustellen und die ästhetische Qualität der historischen Klinkerarbeiten zu erhalten. Eine fachgerechte Fassadensanierung ist entscheidend, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern und die Lebensdauer des Mauerwerks zu verlängern.
Dritter Bauabschnitt (2014/2015): Das Gebäude in der Böckhstraße 10
Der dritte Bauabschnitt betraf das Gebäude in der Böckhstraße 10. Hier wurden umfangreiche strukturelle und technische Veränderungen vorgenommen:
- Neubau eines zentralen Treppenhauses: Ein zentraler Aspekt war der Einbau eines neuen Treppenhauses, das als zweiter Fluchtweg dient. Dies ist eine kritische Anforderung an die Brandschutzsicherheit in öffentlichen Gebäuden.
- Grundrissoptimierung: Die Raumaufteilung wurde neu gestaltet. Insbesondere wurde ein neuer Kunstbereich geschaffen, was auf die Anpassung der Räumlichkeiten an den pädagogischen Bedarf hindeutet.
- Schadstoffentsorgung: Ähnlich wie im ersten Bauabschnitt wurde auch hier die Entsorgung von Schadstoffen notwendig.
- Brandschutzmaßnahmen: Umfangreiche Maßnahmen zum Brandschutz wurden implementiert.
- Erneuerung der Technik: Die Elektrik und die Sanitäranlagen wurden vollständig erneuert, um den aktuellen technischen Standards zu entsprechen.
- Fassadenausbesserungen: Auch hier wurden Schäden an den Fassaden behoben (Quelle 3).
Die Sanierungsmaßnahmen des ersten bis dritten Bauabschnitts zogen sich bis Anfang 2023 hin. Verzögerungen ergaben sich durch die Notwendigkeit, Fachgutachter zu beauftragen und Vorlaufzeiten bei der Materialbestellung in Kauf zu nehmen (Quelle 3).
Die Erweiterung: Architektur im Kontrast
Neben der Sanierung des Bestands war die Erweiterung des Gebäudes ein zentraler Bestandteil des Projekts. Die Herausforderung lag in der begrenzten Grundstücksfläche und dem Wunsch, den Sportplatz so wenig wie möglich zu beanspruchen.
SSP Rüthnick Architekten entwickelten eine innovative Lösung: Der Erweiterungsbau wurde auf die bestehenden Säulen des historischen Gebäudes gesetzt. Diese Entscheidung war aus gestalterischer und konstruktiver Sicht komplex, ermöglichte aber die Schaffung notwendigen Raumes bei gleichzeitiger Respektierung des Bestands (Quelle 6).
Der Erweiterungsbau hebt sich bewusst vom historischen Ziegelbau ab. Während der Altbau der Backsteingotik entspricht, präsentiert sich der Anbau in einem modernen, reduzierten Design. Dieser Kontrast zwischen Alt und Neu ist ein gestalterisches Mittel, das die Lesbarkeit der historischen Substanz erhält und gleichzeitig die architektonische Qualität der Neuinterpretation betont (Quelle 5).
Nachhaltigkeit und Suffizienz als Leitprinzipien
Das Projekt Robert-Koch-Gymnasium wird in Fachkreisen als Musterbeispiel für Suffizienz und nachhaltiges Bauen diskutiert. Die Veröffentlichung in der Zeitschrift „Bausubstanz“ des Fraunhofer IRB Verlags unterstreicht diese Einordnung. „Bausubstanz“ ist eine renommierte Fachzeitschrift für nachhaltiges Bauen, Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (Quelle 1).
Der Ansatz, Gebäude zu erhalten und an neue Anforderungen anzupassen, ist ökonomisch wertvoll und ressourcenschonender als der Abriss und Neubau. Die Architekten nutzten das hauseigene Label „GreytoGreen®“, um diese Prinzipien zu operationalisieren. Durch das „Weiterbauen“ an Bestandsgebäuden können erhebliche Mengen an grauer Energie (die in Baustoffen gebundene Energie) eingespart werden. Zudem fördert der Erhalt historischer Bausubstanz die Identität eines Stadtviertels (Quelle 4, Quelle 5).
Die Zukunft des Standorts: Weitere Ausbaupläne
Obwohl die Sanierung der historischen Gebäude weitgehend abgeschlossen ist, befindet sich der Standort Robert-Koch-Gymnasium weiter in Entwicklung. Die Schule soll die Aufnahmekapazität erhöhen (von 4 Klassen pro Jahrgang) und sich voraussichtlich zu einer Schule mit Ganztagsbetrieb entwickeln. Dafür ist ein ausreichendes Mensaangebot notwendig, das aktuell fehlt.
Um diese Kapazitätssteigerung zu realisieren, plant die Verwaltung, weitere Schulräume in den oberen Geschossen eines Sporthallenneubaus in der Müllenhoffstr. 7 unterzubringen. Dieses Grundstück gehörte bisher zum Hort der Lemgo-Grundschule.
Die Planung für diesen Ausbau schreitet voran: 1. 2019: Eine Machbarkeitsstudie untersuchte den Gesamtstandort (Robert-Koch-Gymnasium, Lemgo-Grundschule, Grundstück Müllenhoffstr. 7). 2. 2020/2021: Erstellung eines Bedarfsprogramms, das als Grundlage für die weitere Planung und Finanzierung dient (Quelle 3).
Derzeitige Informationen geben jedoch noch keine Auskunft über konkrete Baufristen für die Sporthalle. Es ist jedoch ersichtlich, dass die Sanierung des Altbaus die Basis für die zukünftige Funktion als Ganztagsschule bildet.
Bewertung der architektonischen und technischen Qualität
Die Qualität des Projekts spiegelt sich nicht nur in der Funktionalität wider, sondern auch in der Anerkennung durch die Fachwelt. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Architecture Master Prize 2024. In einem Interview für das südkoreanische Magazin „Architecture & Culture“ betonten die Architekten, dass die Integration der Form, Größe und Säulen des bestehenden Gebäudes in die Gestaltung des Erweiterungsbaus ein zentraler Erfolgsfaktor war (Quelle 6).
Die Veröffentlichung in der Dezemberausgabe des Jahres 2024 des A&C Architecture Magazines zeigt die internale Resonanz des Projekts. Die Architekten gaben an, dass Nachhaltigkeit während des gesamten Entwurfsprozesses verkörpert wurde (Quelle 6).
Auch das „DETAIL Magazin“, eine führende Publikation für Architektur und Bauwesen, porträtierte das Projekt in der Ausgabe 3.2024 unter dem Titel „Weiterbauen macht Schule“. Dort wird hervorgehoben, dass Sanierung für Schulen oft deutlich ökologischer, kostengünstiger und gestalterisch überzeugender sein kann als Neubau (Quelle 5).
Zusammenfassung der Sanierungsstrategie
Um die Komplexität des Projekts zu veranschaulichen, lassen sich die durchgeführten Maßnahmen wie folgt zusammenfassen:
| Maßnahme | Zeitraum | Gebäude | Ziel / Fokus |
|---|---|---|---|
| Fenstertausch & Instandsetzung Türen | 2011 | Dieffenbachstr. 60 (Hauptgebäude) | Energieeffizienz, Erhalt der Substanz |
| Erneuerung Chemie-Fachraum | 2011 | Dieffenbachstr. 60 | Asbestsanierung, Sicherheit |
| Fassadensanierung (Klinker) | 2014 | Dieffenbachstr. 60 | Schutz, Ästhetik, Bestandserhalt |
| Neubau Treppenhaus (2. Fluchtweg) | 2014/2015 | Böckhstr. 10 | Brandschutz, Erschließung |
| Grundrissoptimierung / Kunstbereich | 2014/2015 | Böckhstr. 10 | Pädagogische Anforderungen |
| Erneuerung Elektrik & Sanitär | 2014/2015 | Böckhstr. 10 | Technische Modernisierung |
| Schadstoffentsorgung | 2014/2015 | Böckhstr. 10 | Gesundheitsschutz |
| Erweiterungsbau (Pavillon) | 2017–2021 | Rückwärtige Seite | Kapazitätserweiterung, Neugestaltung |
Diese Tabelle zeigt die Breite der Interventionen, die von einfachen Instandsetzungen bis hin zu komplexen konstruktiven Eingriffen reichen.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung des Robert-Koch-Gymnasiums in Berlin-Kreuzberg ist ein lehrreiches Beispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz im urbanen Kontext. Das Projekt beweist, dass der Erhalt und die behutsame Weiterentwicklung bestehender Gebäude eine valide Alternative zum Neubau darstellt. Durch die phasenweise Durchführung, die konsequente Aufarbeitung von Schadstoffen und die technische Modernisierung (Elektrik, Sanitär, Brandschutz) wurde die Lebensdauer des Gebäudes entscheidend verlängert.
Die architektonische Leistung von SSP Rüthnick Architekten liegt insbesondere in der Verbindung von Denkmalschutz und modernen Anforderungen. Der kontrastreiche Erweiterungsbau, der auf historischen Säulen aufruht, zeigt eine mutige Gestaltung, die den Standort aufwertet. Die Anerkennung durch Fachpublikationen wie „Bausubstanz“ und „DETAIL“ sowie internationale Auszeichnungen bestätigen die hohe Qualität des Vorhabens.
Für Bauherren, Investoren und Planer zeigt das Robert-Koch-Gymnasium, dass Investitionen in die Bestandsmodernisierung nicht nur ökologisch sinnvoll sind, sondern auch architektonisch und städtebaulich zu überzeugen wissen. Die Integration von Barrierefreiheit und die Schaffung von Ganztagsschulflächen sind zudem Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Das Projekt bleibt ein Vorreiter für eine Baukultur, die „Weiterbauen“ im wahrsten Sinne des Wortes macht.
Quellen
- Bausubstanz: Robert-Koch-Gymnasium
- LinkedIn: SSP Rüthnick Architekten - Bausubstanz Veröffentlichung
- Berlin.de: Robert-Koch-Gymnasium Sanierung der Schulgebäude
- SSP AG: Sanierung und Erweiterung des Robert-Koch-Gymnasiums Berlin
- SSP Rüthnick: Weiterbauen macht Schule
- LinkedIn: SSP AG - Architecture & Culture Magazin