Einleitung
Die Belastung von Gebäuden mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) stellt eine signifikante Herausforderung in der Bau- und Immobilienbranche dar, insbesondere bei Bestandsgebäuden aus den 1960er und 1970er Jahren. Die Bereitstellung von Informationen zu Sanierungsstrategien, Abbruchverfahren und den damit verbundenen Risiken ist essenziell für Eigentümer, Planer und Nutzer. Die vorliegenden Informationen konzentrieren sich auf die Situation an der Ruhr-Universität Bochum (RUB), die als Fallbeispiel für komplexe Schadstoffbeseitigung dient. Die Datenlage zeigt auf, wie groß die Bandbreite der Belastung ist, welche Sanierungstechniken Anwendung finden und wann ein Abbruch unvermeidbar wird. Im Fokus stehen dabei sowohl die gesundheitlichen Aspekte einer chronischen Belastung als auch die technischen Hürden bei der Beseitigung tief in Baustoffen eindringender Schadstoffe.
PCB in der Bauindustrie: Ursprünge und Verwendung
Polychlorierte Biphenyle (PCB) wurden in der Vergangenheit häufig in Baustoffen eingesetzt und gehörten, laut den vorliegenden Daten, in den 1960er und 1970er Jahren zum bautechnischen Standard (Source 3). In diesem Zeitraum wurden Gebäude in der Regel mit PCB-haltigen Materialien erstellt. Auch heute noch sind viele Gebäude dieser Ära belastet. Die Verwendung fand insbesondere in Farbanstrichen, Dichtmassen und Teilen der Deckenkonstruktionen statt. Die Substanz drang dabei tief in die Oberflächen ein. Laut Expertenangaben können Schadstoffe aus Farbanstrichen bis zu acht Millimeter in die Oberflächen eingedrungen sein (Source 1). Diese tiefe Penetration erschwert eine einfache Entfernung erheblich und führt dazu, dass die Substanz oft nicht restlos beseitigt werden kann, ohne die Bausubstanz selbst zu gefährden.
Gesundheitsrisiken: Chronische Belastung und MAK-Werte
Das Gesundheitsrisiko durch PCB wird als ernst einzustufen bewertet. Während die akute Toxizität verhältnismäßig gering ist, gilt die chronische Belastung als durchaus gefährlich. Längere Exposition kann, nach jahrelanger Belastung, zu Krebserkrankungen führen (Source 4). Aufgrund dieser Gefährdung existieren klare Grenzwerte.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) definiert eine maximale Arbeitsplatzkonzentration (MAK) für eine Aufenthaltsdauer von acht Stunden pro Tag. Dieser Wert liegt bei 3000 ng/m³ (Source 4). Ein weiterer kritischer Wert ist der Sanierungsleitwert von 300 ng/m³, ab dem Sanierungsmaßnahmen eingeleitet werden (Source 4).
Für die Praxis bedeutet dies: * Räume mit Werten über 3000 ng/m³: Werden umgehend außer Betrieb genommen und dürfen erst nach Reinigung und Erfolgskontrollmessungen wieder genutzt werden (Source 3). * Räume zwischen 300 ng/m³ und 3000 ng/m³: Bedürfen einer Sanierung, wobei hier Vorabsanierungen stattfinden, bis eine Kernsanierung möglich ist (Source 4). * Technisch belüftete Räume: Weisen aufgrund des ständigen Luftaustauschs deutlich geringere Belastungen auf (Source 3).
Es wird betont, dass nur Neubauten oder kernsanierte Gebäude als unbedenklich gelten (Source 4). Räume, die längere Zeit nicht genutzt wurden, zeigen in der Regel eine höhere Luftbelastung, da sich die Schadstoffe ansammeln können (Source 3).
Erkennung und Analyse: Das PCB-Kataster
Zur Erfassung der Gefahrenlage wurden an der RUB orientierende Raumluftmessungen durchgeführt und ein PCB-Kataster erstellt (Source 3). Dieses System wird sukzessive ergänzt. Ein Problem bei der Bestandsaufnahme ist die "schlechte Quellenlage" für bestimmte Gebäudereihen (Source 1). Neue Quellen werden oft erst im Rahmen von Baumaßnahmen durch Materialproben entdeckt, was einen dringenden Handlungsbedarf für Universitätsleitung und Gebäudeeigentümer begründet (Source 3).
Zur Koordination der campusweiten Aktivitäten wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die mittlerweile "Schadstoffe an der RUB" heißt. Sie setzt sich aus Vertretern der Universitätsleitung, Personalräten, Betriebsmedizin und dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) zusammen (Source 3). Der BLB ist als Eigentümer der Gebäude für die Durchführung von Sanierungsmaßnahmen verantwortlich (Source 4).
Sanierungsstrategien: Sanierung vs. Abbruch
Die Entscheidung zwischen Sanierung und Abbruch hängt von der Durchdringungstiefe des Schadstoffs und der Bauweise ab. Eine vollständige Entfernung ohne Bauschäden ist oft nicht möglich. Wie es im Kontext der Gebäude IA und IB (I-Reihe) heißt, ist das PCB so tief in die Decken eingedrungen, dass eine restlose Entfernung die Tragfähigkeit des Gebäudes gefährden würde (Source 1). In solchen Fällen wird der Abriss als unvermeidbar angesehen.
Es gibt jedoch auch erfolgreich sanierte Komplexe. Der IC-Komplex wurde zwischen 2011 und 2013 saniert. Dabei erfolgte eine Entkernung der Gebäude und die Entfernung von Schadstoffen wie Asbest, PCB und KMF (Mineralische Fasern). Im Zuge dessen wurden Fassadenplatten und Balkone durch neue Bauteile ersetzt (Source 2). Die Sanierung des IC-Komplexes zeigt, dass bei entsprechender Planung und Durchführung eine Revitalisierung möglich ist.
Anders verlief die Planung für den NA-Komplex. Dieser wurde 2012 zunächst als Kernsanierung ohne Komplettabbruch geplant. Eine Risikoabwägung im Jahr 2018, basierend auf Planungserkenntnissen und Erfahrungen aus der I-Reihe, führte jedoch zur Aufgabe der Kernsanierung zugunsten eines Ersatzneubaus (Source 5). Die Entscheidung wurde im Einvernehmen mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW), dem BLB NRW und der RUB getroffen. Dies unterstreicht, dass die Belastungssituation oder die bauliche Beschaffenheit manchmal einen Neubau wirtschaftlicher und sicherer erscheinen lassen als eine aufwändige Sanierung.
Technische Durchführung von Sanierungs- und Abbruchmaßnahmen
Sind Sanierung oder Abbruch beschlossen, sind umfangreiche Vorkehrungen zum Schutz von Mensch und Umwelt notwendig. Das Ziel ist die Minimierung der Schadstofffreisetzung während der Arbeiten.
Schutzmaßnahmen und Arbeitsverfahren
Bei der Sanierung der I-Reihe (IA und IB) wurden spezifische Verfahren angewendet: * Abschottung: Sanierungsbereiche werden vollständig abgeschottet. * Unterdruck- und Absaugfilteranlagen: Diese verhindern, dass Schadstoffe in unbelastete Bereiche oder die Umgebungsluft gelangen. * Schleusen: Sie dienen dem kontrollierten Ein- und Ausgang für Personal und Material. * Direkte Entfernung: PCB-haltige Farbanstriche wurden abgebeizt und Dichtmassen beseitigt (Source 1).
Verzögerungen durch zusätzliche Schadstoffe
Besonders bei Abbruchprojekten müssen mit unvorhergesehenen Funden gerechnet werden. Das Abbruchprojekt für den NA-Komplex begann mit Vorarbeiten im November 2021. Die Hauptleistungen starteten im Januar 2022. Der Zeitplan verzögerte sich jedoch erheblich. Gründe dafür waren zusätzliche Schadstofffunde und Mehrmengen beim Fundamentabbruch (Source 5). Erst im März 2024 konnte die komplette Rückbauarbeiten und die Erstellung der Baugrube abgeschlossen werden. Dies verdeutlicht das Risiko von Termin- und Kostenversionen in Schadstoff-Sanierungsprojekten.
Vergleich der Belastungsgrade: Die Gebäude der RUB
Nicht alle Gebäude sind gleich stark belastet. Die Datenlage an der RUB zeigt eine Hierarchie der Belastung: * Höchste Belastung: NA (Source 1). * Niedrigste Belastung: MA (Source 1). * IA und IB: Werten nicht unbedingt die höchste Belastung auf, weisen aber aufgrund der "schlechten Quellenlage" und der tiefen Penetration in die Deckenkonstruktion besondere Probleme auf (Source 1).
Aktuell weisen weitere Gebäude auf dem Campus Räume mit Werten über dem Sanierungsleitwert von 300 ng/m³ auf. Dazu gehören die N-Reihe (NB - ND), die G-Reihe (GA, GB), die MA, die Universitätsbibliothek, das Universitätsforum, die NI/NT sowie Gebäude des Botanischen Gartens (Source 3).
Zeitplanung und Projektmanagement
Die Koordination von Sanierung und Abbruch erfordert präzise Zeitpläne. Bei der Sanierung der I-Reihe wurde ein straffer Zeitplan umgesetzt: * September/Oktober: Einrichtung der Baustelle und Sicherung durch vom BLB beauftragte Firmen. * Vorsprung: Die PCB-Entfernung erhält einen Vorsprung von drei Monaten vor dem Abriss bereits sanierter Bereiche. * Parallelbetrieb: Sanierung und Abriss bewegen sich zeitversetzt jeweils sechs Monate von Nord nach Süd durch die Gebäude IA und IB. * Abschluss: Ziel war der Abschluss im August 2015 (Source 1).
Für den NA-Neubau erfolgte die Übergabe der Baustelle an den Generalunternehmer im April 2024 (Source 5). Die Projektneuausrichtung hin zum Ersatzneubau erforderte 2019 umfangreiche Abstimmungen mit den beteiligten Behörden und dem Generalplaner.
Fazit
Die Sanierung von PCB-belasteten Gebäuden ist ein komplexes Unterfangen, das tiefes Fachwissen und sorgfältige Planung erfordert. Die Erfahrungen an der Ruhr-Universität Bochum zeigen, dass eine einfache Übermalung oder oberflächliche Sanierung oft nicht ausreicht, da die Schadstoffe tief in die Bausubstanz eindringen. Die Entscheidung zwischen einer Kernsanierung und einem kompletten Abbruch muss auf einer detaillierten Risikoanalyse basieren. Während bei einigen Gebäuden eine Sanierung möglich ist (IC-Komplex), führt bei anderen (NA-Komplex, I-Reihe) die Tiefe der Belastung und die Gefährdung der Tragfähigkeit zum unvermeidbaren Abbruch. Für Eigentümer und Planer bleibt die Überwachung der Luftwerte und die Einhaltung der MAK-Grenzwerte oberstes Gebot, um die Gesundheit der Nutzer zu schützen.