Sanierung der Burgruine Diersburg: Ein Modellprojekt für den Denkmalschutz in Baden-Württemberg

Die Erhaltung historischer Bausubstanz stellt Bauherren, Denkmalpfleger und Kommunen vor komplexe Herausforderungen. Die Sanierung der Burgruine Diersburg im Ortenaukreis Baden-Württemberg bietet hierfür ein hervorragendes Beispiel. Der Abschluss der umfassenden Restaurierungsmaßnahmen zeigt, wie durch die Kombination aus öffentlichen Mitteln, privatem Engagement und spezifischen Bautechniken der Verfall eines nationalen Kulturerbes gestoppt werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, historischen und finanziellen Aspekte dieses Denkmalpflegeprojekts und zieht Rückschlüsse für die moderne Bau- und Renovierungspraxis.

Historischer Hintergrund und Bedeutung der Anlage

Die Burgruine Diersburg, auch bekannt als Schloss Diersburg oder Tiersperg, ist eine Höhenburg auf einem hohen, felsigen Hügel etwa 1900 Meter südöstlich des Ortsteils Diersburg der Gemeinde Hohberg. Ihre Wurzeln reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück, wobei die Anfänge der Bebauung im Hochmittelalter liegen. Die Herren von Diersburg errichteten die Burg im 11. und 12. Jahrhundert. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1197 als „Stein zu Tiersperc“ des Walter von Tiersperc und 1259 als „Diersberg“ (Quelle 6).

Im 13. Jahrhundert erfolgte eine bedeutende Erweiterung der Anlage. Eine besondere architektonische Eigenheit ist, dass es sich um eine sogenannte Ganerbenburg handelte, eine mittelalterliche Mehrfamilienburg, die im 14. Jahrhundert von mehreren Adelsfamilien genutzt wurde. Anstelle eines typischen Bergfrieds verfügt die Ruine über zwei Palasgebäude, also zwei Wohngebäude, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Seit 1455 befindet sich die Burg ununterbrochen im Besitz der Freiherren Roeder von Diersburg, die bis heute die Eigentümer sind (Quelle 3).

Die Bausubstanz zeigt teilweise Buckelquader, ein gestaltendes Mauerwerksverband. Die Schildmauer hatte eine Stärke von drei Metern, die Ringmauer von zwei Metern, was auf eine starke Befestigung hindeutet. Trotz dieser massiven Konstruktion wurde die Burg im Dreißigjährigen Krieg und erneut 1668 durch französische Truppen erheblich zerstört. 1763 erfolgte ein weiterer Abbruch zur Steingewinnung. In den folgenden Jahrhunderten war sie dem Verfall preisgegeben, bis in den 1980er Jahren erste Restaurierungen stattfanden (1980 bis 1983). Die aktuellen Sanierungsarbeiten knüpfen an diese Geschichte der Zerstörung und des Wiederaufbaus an.

Die Notwendigkeit der Sanierung: Verfall und Schäden

Die Ruine Diersburg ist ein eindrucksvoll überliefertes Zeugnis der südwestdeutschen Burgenbaukunst des Hochmittelalters. Dennoch war die Anlage durch den Zahn der Zeit und fehlende Pflege in den letzten Jahrzehnten erheblichen Belastungen ausgesetzt. Stefani Freifrau Roeder von Diersburg berichtete, dass bereits im 19. und 20. Jahrhundert in kleineren Abschnitten saniert werden musste (Quelle 1). Die Hauptprobleme lagen in der Instabilität der Mauern und der Abnutzung der Fugungen, was zu Hohlräumen und Rissen führte, die die strukturelle Integrität gefährdeten.

Ein besonderes Problem, das in der Quelle genannt wird, ist der Bewuchs. Hans-Christoph Freiherr Roeder von Diersburg merkte an, dass der Bewuchs ein Ärgernis bleibt, der „ständig gestutzt werden muss“ (Quelle 1). Pflanzenbewuchs auf Mauerwerk kann durch das Eindringen von Wurzeln sowie die Speicherung von Feuchtigkeit zu erheblichen Schäden führen. Ohne regelmäßige Pflege droht die Anlage erneut zu verfallen.

Die Sanierung war daher nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern zur Gewährleistung der Sicherheit für die Öffentlichkeit und den Erhalt des Bauwerks für künftige Generationen unerlässlich. Die Ruine erfreut sich großer Beliebtheit, wie die Eigentümer berichten – selbst während der Corona-Pandemie war sie sehr gut besucht. Ein strukturell gefährdetes Bauwerk wäre für den öffentlichen Zugang eine Gefahr gewesen.

Technische Aspekte der Sanierung

Die durchgeführten Sanierungsarbeiten bieten Einblicke in die Handwerkskunst der Denkmalpflege. Laut Denkmalstiftung Baden-Württemberg wurden folgende Maßnahmen durchgeführt: Die alten Mauern wurden stabilisiert, Hohlstellen ausgebessert und Verfugungen erneuert. Ziel war es, die Ruine abzusichern und zu restaurieren, um den weiteren Verfall aufzuhalten (Quelle 3).

Spezifisches Baumaterial: Drasskalk

Ein zentraler technischer Aspekt der Sanierung war die Wahl des Verfugungsmaterials. Stefani Freifrau Roeder von Diersburg berichtete, dass bei der Neuverfugung im Rahmen der Erhaltungsmaßnahmen Drasskalk zum Einsatz kam (Quelle 1).

Eigenschaften von Drasskalk: Drasskalk ist ein spezieller Kalkmörtel, der aufgrund seiner wasserabweisenden Eigenschaften und Elastizität für die Stabilisierung von historischem Mauerwerk prädestiniert ist. Im Denkmalschutz ist es entscheidend, Materialien zu verwenden, die kompatibel zum Originalmauerwerk sind. Harter, zementhaltiger Mörtel kann durch seine Starrheit zu Spannungsrisissen im weicheren historischen Stein führen und Feuchtigkeit im Mauerwerk einkapseln. Drasskalk hingegen ist diffusionsoffen (er lässt das Mauerwerk „atmen“) und wasserabweisend. Dies verhindert, dass Wasser in das Mauerwerk eindringt und bei Frost das Material sprengt. Die Angabe, dass dieser Mörtel „für viele Jahre Stabilität geben soll“, unterstreicht die Langzeittauglichkeit des verwendeten Materials.

Logistische Herausforderungen

Neben den reinen Bautechniken spielten auch logistische Faktoren eine Rolle. Das Einrichten der Baustelle war aufgrund der begrenzten Zugangsmöglichkeiten nicht ganz einfach (Quelle 1). Höhenburgen sind oft nur über schmale Wege oder steile Anstiege erreichbar, was den Transport von Material und Maschinen erschwert und die Kosten sowie den Aufwand erhöht.

Finanzierung und Trägerschaft

Die Finanzierung von Denkmalpflegeprojekten ist oft komplex und erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Träger. Die Sanierung der Burgruine Diersburg wurde maßgeblich durch Bundesmittel ermöglicht. Laut mehreren Quellen belief sich der Bundeszuschuss auf rund 125.000 Euro (Quelle 1, Quelle 2). Der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Weiß hatte sich in Berlin für diesen Zuschuss eingesetzt und würdigte den Erhalt des nationalen Kulturerbes in der Ortenau.

Zusätzlich zu den Bundesmitteln hat die Denkmalstiftung Baden-Württemberg einen Zuschuss gegeben. Ein guter Teil davon stammt aus dem Hermann-Preiser-Fonds. Dieser Fonds wurde von einem Privatmann in Erinnerung an seinen Vater speziell zur Förderung von unter Schutz stehenden Burgen und Ruinen im Regierungsbezirk Freiburg eingerichtet (Quelle 3). Diese Mischfinanzierung aus staatlichen Zuschüssen und privaten Stiftungen ist typisch für große Denkmalprojekte.

Die Eigentümerfamilie Roeder von Diersburg trägt als Privatbesitzer die Verantwortung für das Bauwerk. Die enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde Hohberg (Bürgermeister Klaus Jehle) und politischen Vertretern zeigt das Engagement vor Ort, diesen Kulturbesitz zu erhalten.

Bedeutung für die Denkmalpflege und die Region

Die Auszeichnung der Ruine Diersburg als „Denkmal der Monate August und September“ durch die Denkmalstiftung Baden-Württemberg unterstreicht die überregionale Bedeutung der Anlage (Quelle 3, Quelle 5). Die Stiftung argumentiert, dass die Reste der Burg ein eindrucksvoll überliefertes Zeugnis der südwestdeutschen Burgenbaukunst des Hochmittelalters darstellen.

Für die Region Ortenau ist die sanierte Ruine ein wichtiger kultureller und touristischer Ankerpunkt. Die Burg dient als sichtbares Zeugnis der Geschichte der Herren von Diersburg und der Adelsfamilie Roeder von Diersburg, die seit über 500 Jahren mit dem Bauwerk verbunden ist. Ein Informationsprojekt ist bereits geplant: „Zukünftig soll auch eine Tafel das Burginnere zieren, welche den Besuchern die Geschichte des Bauwerks näher bringen soll“ (Quelle 1). Dies zeigt, dass der Denkmalschutz nicht nur die physische Substanz, sondern auch die Vermittlung der Geschichte zum Ziel hat.

Vergleich mit der Vergangenheit: Sanierungsgeschichte

Es ist interessant zu bemerken, dass die aktuelle Sanierung nicht die erste in der Geschichte der Burg ist. Wie eingangs erwähnt, wurden bereits im 19. und 20. Jahrhundert kleinere Abschnitte saniert. Zudem fand von 1980 bis 1983 eine größere Restaurierung statt (Quelle 6). Diese historische Perspektive zeigt, dass Burgen keine statischen Monumente sind, sondern einer ständigen Pflege bedürfen. Der Zyklus von Verfall, Sanierung und erneutem Verfall ist ein Dauerthema in der Denkmalpflege. Die aktuellen Arbeiten setzen die Tradition der Erhaltung fort, wobei die Methoden und Materialien (wie Drasskalk) den modernen Standards der Denkmaltechnik entsprechen.

Fazit

Die Sanierung der Burgruine Diersburg ist ein gelungenes Beispiel für moderne Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Durch die Kombination aus öffentlicher Förderung (Bund und Denkmalstiftung), privater Stiftung (Hermann-Preiser-Fonds) und dem Engagement der Eigentümerfamilie Roeder von Diersburg konnte ein nationales Kulturerbe gesichert werden.

Technisch überzeugt das Projekt durch den fachgerechten Einsatz von Drasskalk zur Verfugung, was die Langlebigkeit und Atmungsaktivität des Mauerwerks gewährleistet. Logistisch stellte die abgelegene Lage der Höhenburg eine Herausforderung dar, die jedoch bewältigt wurde. Die Maßnahmen haben den Verfall aufgehalten und die Ruine für die Öffentlichkeit gesichert.

Für Bauherren und Denkmalpfleger zeigt das Projekt die Wichtigkeit von: 1. Passenden Materialien: Der Einsatz von weichen, diffusionsoffenen Mörteln (Kalk) anstelle von Zement bei historischem Mauerwerk. 2. Stetiger Pflege: Die Notwendigkeit, Bewuchs zu entfernen und Fugen zu erneuern, um langfristige Schäden zu vermeiden. 3. Vernetzung: Die Nutzung von Fördermöglichkeiten und Stiftungen zur Finanzierung notwendiger Maßnahmen.

Die Burgruine Diersburg steht nun wieder stabilisiert da und ist ein lebendiger Beweis dafür, dass Bauen im Bestand – auch bei archäologisch wertvollen Objekten – mit den richtigen Methoden erfolgreich sein kann.

Quellen

  1. Stadtanzeiger-Ortenau
  2. Schwarzwälder Bote
  3. Denkmalstiftung Baden-Württemberg
  4. Stadtanzeiger-Ortenau (Tag/Diersburg)
  5. Badische Zeitung
  6. Wikiwand (Ruine Diersburg)

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