Multiresistente Keime im Bauwesen: Hygienische Aspekte und Sanierungsmaßnahmen bei MRGN-Bakterien

Einleitung

In der modernen Bau- und Immobilienbranche gewinnt das Thema Hygiene und Gesundheitsschutz zunehmend an Bedeutung. Dies betrifft nicht nur die Planung und den Bau von Gesundheitseinrichtungen, sondern auch die Sanierung und Renovierung von Wohnräumen, in denen besondere gesundheitliche Risiken bestehen. Ein zentrales Thema sind dabei multiresistente gramnegative Stäbchen (MRGN). Diese Bakterien, die oft den Darm besiedeln, stellen eine Herausforderung für die Hygieneplanung dar, insbesondere wenn es um die Sanierung von betroffenen Bereichen geht.

Basierend auf den Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) und wissenschaftlichen Untersuchungen beleuchtet dieser Artikel die Hintergründe von MRGN-Erregern, die Bedeutung von Kolonisation versus Infektion und die notwendigen hygienischen Maßnahmen, die auch für Handwerker und Sanierungsfirmen relevant sind. Der Fokus liegt dabei auf der Unterscheidung zwischen 3MRGN und 4MRGN und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Sanierung und Desinfektion.

Verständnis von MRGN und ESBL

Um die Notwendigkeit spezifischer Sanierungsmaßnahmen zu verstehen, ist zunächst eine Definition der Erregergruppen erforderlich. Die KRINKO-Empfehlung „Hygienemaßnahmen bei Infektionen oder Besiedlung mit multiresistenten gramnegativen Stäbchen“ nutzt eine Klassifizierung, die sich an der Anzahl der unwirksamen Antibiotikagruppen orientiert.

Die Klassifizierung nach Resistenzmechanismen

Die Abkürzung ESBL steht für „extended-spectrum ß-lactamase“, übersetzt „Betalaktamase mit erweitertem Spektrum“. Es handelt sich hierbei um ein Enzym, das ß-Lactam-Ringe spaltet und damit eine bedeutende Gruppe von Antibiotika, die ß-Lactam-Antibiotika, unwirksam macht. Solche Enzyme findet man häufig bei gramnegativen Stäbchenbakterien aus der Gruppe der Enterobakterien, wie beispielsweise E. coli, Klebsiella species oder Proteus species, die natürlicherweise im Darm leben.

Die Bakterien verfügen über ein spezielles Resistenzgen, das nicht auf dem bakteriellen chromosomalen Erbgut sitzt, sondern getrennt davon auf einem kleinen, mobilen genetischen Element, dem sogenannten Plasmid. Da solche Resistenzplasmide leicht zwischen verschiedenen Bakterien ausgetauscht werden können, kommt es zu einer schnellen Weiterverbreitung der Resistenz. Zusätzlich zur ESBL-Bildung können Bakterien weitere Antibiotikaresistenzgene erwerben.

Die neue Einteilung der KRINKO unterscheidet zwischen: * 3MRGN-Erregern: Diese sind resistent gegen drei der vier genannten Antibiotikagruppen (Penicilline mit erweitertem Wirkspektrum, Cephalosporine der 3./4. Generation, Fluorchinolone und Carbapeneme). * 4MRGN-Erregern: Diese sind resistent gegen alle vier Gruppen.

Die klassischen ESBL-Erreger werden in diesem Schema oft als „2MRGN“ verstanden, da sie meist nur gegen zwei Gruppen resistent sind. Die krankenhaushygienische Versorgung von Patienten mit ESBL-Bildnern ist auf die Einhaltung der Basishygiene reduziert. Für die Sanierung und das Hygienemanagement ist entscheidend, dass die hygienischen Maßnahmen, die aus dieser Neuklassifizierung abgeleitet werden, sowohl den speziellen Erreger (z. B. Acinetobacter baumannii oder Pseudomonas aeruginosa) als auch die Risikofaktoren des Patienten und das Umfeld berücksichtigen.

Kolonisation versus Infektion: Die Bedeutung für die Sanierung

Ein fundamentaler Unterschied, der für jede Sanierungsmaßnahme verstanden werden muss, ist der zwischen einer Besiedlung (Kolonisation) und einer tatsächlichen Infektion.

Die harmlose Besiedlung

Lediglich eine Besiedlung des Darms mit MRGN-Erregern verursacht keinerlei Symptome und ist für den Betroffenen im Allgemeinen ungefährlich. Es gibt Untersuchungen der Allgemeinbevölkerung, wonach bis zu 5% aller untersuchten Personen zeitweise mit ESBL-Erregern besiedelt sind, ohne dass es zu einer Erkrankung kommt. Für einen Gesunden stellt die Besiedlung mit MRGN-Erregern in aller Regel keine Gesundheitsgefährdung dar.

Da die MRGN-Bakterien meist den Darm besiedeln, kommt der allgemeinen Hygiene, also dem Händewaschen nach dem Toilettengang, besondere Bedeutung zu. In der Klinik ist dies die hygienische Händedesinfektion. Für private Haushalte bedeutet dies, dass eine Sanierung des Darms durch Antibiotika bei einer reinen Kolonisation nicht indiziert ist. Eine reine Kolonisation stellt keine Indikation für Antibiotika dar.

Die Diagnose einer Infektion

Eine Infektion, also eine Erkrankung, die durch den Erreger hervorgerufen wird, kann nur durch eine mikrobiologische Untersuchung des vermuteten Infektionsherds (z. B. Urin bei Harnweginfektion) erkannt werden. MRGN-Erreger können viele unterschiedliche Infektionen verursachen, am häufigsten Harnweginfektionen, da Darmbakterien hier leicht in die Harnröhre gelangen können.

Therapeutische Maßnahmen und Sanierung des Darms

Das Thema „Sanierung“ im Kontext von MRGN bezieht sich oft auf den Versuch, die Bakterien aus dem Darm zu entfernen. Hierzu liegen klare wissenschaftliche Erkenntnisse vor, die für die Planung von Sanierungsmaßnahmen relevant sind.

Antibiotikatherapie und ihre Grenzen

Zurzeit gibt es keine Untersuchung, die einen positiven Effekt einer Antibiotikatherapie auf die Besiedlung des Darms mit MRGN-Bakterien belegt. In Studien an ESBL-besiedelten Patienten konnten nach Beendigung der Behandlung kurze Zeit später wieder ESBL-Bildner aus dem Stuhl der betroffenen Patienten nachgewiesen werden. Es zeigte sich, dass nach 2–3 Monaten bei etwa 50% der betroffenen Patienten und nach einem Jahr bei 80% der Betroffenen der ESBL-Bildner nicht mehr nachweisbar war – unabhängig von einer Antibiotikatherapie. Untersuchungen zu 3MRGN bzw. 4MRGN-Erregern gibt es noch nicht, es ist aber zu vermuten, dass diese sich ähnlich verhalten.

Grundsätzlich sollte daher keine prophylaktische Sanierung des Darms mit Antibiotika durchgeführt werden. Die unnötige Behandlung erhöht den Selektionsdruck auf die Bakterien und kann zur Selektion von noch resistenteren Bakterien führen.

Die Rolle von Antiseptika

Eine Frage, die im Zusammenhang mit der Sanierung von Besiedlungen, insbesondere mit Acinetobacter baumannii (einem typischen 4MRGN-Erreger), oft gestellt wird, ist die Anwendung von Antiseptika, wie einer Ganzkörperwaschung.

Studien zur antiseptischen Ganzkörperwaschung bei Besiedelung mit gramnegativen Bakterien liegen derzeit kaum vor. Eine Studie zur antiseptischen Ganzkörperwaschung bei mit A. baumannii besiedelten Patienten zeigte, dass eine tägliche Ganzkörperwaschung mit Chlorhexidin in einer medizinischen Intensivstation die Raten der Hautbesiedelungen und Bakteriämien signifikant senken konnte. Allerdings sind die Ergebnisse dieser Studie aus Israel aufgrund der unterschiedlichen epidemiologischen Situation nicht eins zu eins auf die deutsche Situation übertragbar.

Hygienische Maßnahmen im Sanierungskontext

Für die Bau- und Sanierungsbranche sind die hygienischen Maßnahmen von besonderem Interesse, da Handwerker oft direkten Kontakt zu betroffenen Bereichen haben. Die KRINKO-Empfehlungen geben hier klare Vorgaben.

Unterschiedliche Anforderungen an die Hygiene

In Abhängigkeit der Ausprägung der Multiresistenz (3MRGN oder 4MRGN) werden unterschiedliche Anforderungen an die hygienische Versorgung gestellt:

  • Klassische ESBL-Bildner (2MRGN): Außer in bestimmten Risikobereichen der Pädiatrie werden keine besonderen über die Basishygiene hinaus notwendigen Hygienemaßnahmen gefordert.
  • 3MRGN-positive Patienten: In der normalen klinischen Versorgung außerhalb von Risikobereichen (Intensivstation, Neonatologie, Hämatologie-Onkologie) werden lediglich Basishygienemaßnahmen empfohlen.
  • 4MRGN-Erreger: Unabhängig vom Risikobereich wird grundsätzlich eine Isolierung des Patienten empfohlen.

Umgang mit Gegenständen und Oberflächen

MRGN-Erreger werden wie alle anderen bakteriellen Erreger im Krankenhaus besonders über direkten Patientenkontakt oder über verunreinigte (kontaminierte) Gegenstände aus der unmittelbaren Patientenumgebung verbreitet. Dies ist ein entscheidender Punkt für Sanierungsarbeiten. Wenn sich Handwerker in Räumen aufhalten, in denen sich ein 4MRGN-Patient aufgehalten hat, müssen Kontaminationsquellen eliminiert werden.

Eine konkrete Frage aus der Praxis lautet oft: „Darf ich einen Kuli, der im Zimmer eines MRGN-Patienten verwendet wurde, noch außerhalb dieses Zimmers verwenden?“ Die Antwort lautet: Ja. Da die MRGN-Bakterien meist den Darm besiedeln und die Übertragung primär über direkten Kontakt oder kontaminierte Oberflächen erfolgt, ist das Risiko durch einen Gegenstand, der nicht mit Körperflüssigkeiten in Kontakt kam, gering. Dennoch ist bei Sanierungsarbeiten Vorsicht geboten.

Schutzkleidung und Desinfektion

Das Tragen von Schutzkitteln ist nur bei Gefahr der Kontamination mit MRGN-Bakterien erforderlich. Bei der Versorgung stationärer Patienten können weitere Maßnahmen (bis hin zur Einzelzimmerisolierung) abhängig von der Risikobeurteilung notwendig sein.

Angehörige brauchen trotz engen Kontaktes weder bei 3MRGN- noch bei 4MRGN-Erregern einen Schutzkittel zu tragen, wenn sie einen Patienten besuchen. Beim Verlassen des Zimmers ist jedoch eine Händedesinfektion erforderlich. Für Handwerker gilt Ähnliches: Die strikte Einhaltung der Basishygienemaßnahmen verhindert die Verbreitung von MRGN-Bakterien. Eine Händedesinfektion nach Kontakt mit potenziell kontaminierten Oberflächen ist essenziell.

Prävention und Screening

Im Bauwesen ist Prävention oft günstiger als eine aufwändige Sanierung. Im medizinischen Kontext, der Vorbilder für Hygienekonzepte liefert, empfiehlt die KRINKO ein Screening (Untersuchung) unter bestimmten Umständen:

  • Screening von Nachbarpatienten: Bei 4MRGN-Patienten wird das Screening von Nachbarpatienten empfohlen.
  • Eingangsscreening: Ein zusätzliches Eingangsscreening von Patienten aus Risikogebieten wird empfohlen.

Ein allgemeines Screening auf MRGN-Bakterien ist jedoch nicht erforderlich. Dies ist auch für die Immobilienwirtschaft relevant: Eine flächendeckende Untersuchung von Wohnungen oder Häusern auf MRGN-Bakterien ist medizinisch nicht notwendig und wird nicht empfohlen. Es sei denn, es besteht ein konkreter Verdacht auf eine Verbindung zu einer Infektion.

Fazit

Das Thema MRGN-Erreger ist für die Bau- und Sanierungsbranche vor allem unter dem Aspekt der Hygieneplanung und des Arbeitsschutzes relevant. Die vorliegenden Daten zeigen deutlich:

  1. Kolonisation ist harmlos: Eine Besiedlung des Darms mit MRGN-Erregern ist für gesunde Personen in der Regel ungefährlich und erfordert keine Sanierung des Darms durch Antibiotika. Antibiotika sind in diesem Fall wirkungslos und erhöhen sogar das Risiko für resistentere Keime.
  2. Klassifizierung bestimmt Maßnahmen: Die Unterscheidung zwischen 3MRGN und 4MRGN ist entscheidend. Während bei 3MRGN oft Basishygiene ausreicht, erfordern 4MRGN-Erreger strengere Maßnahmen wie die Isolierung des Patienten.
  3. Übertragungsweg: Die Verbreitung erfolgt primär über direkten Kontakt und kontaminierte Oberflächen. Für Sanierungsfirmen bedeutet dies, dass Oberflächenreinigung und Desinfektion (insbesondere Händedesinfektion) die wichtigsten Maßnahmen sind.
  4. Keine übereilten Sanierungen: Eine prophylaktische „Sanierung“ von Räumen ohne konkreten Anlass oder ohne Nachweis einer Kontamination ist auf Basis der aktuellen Datenlage nicht indiziert. Die Einhaltung der Basishygiene ist das effektivste Mittel.

Für Eigentümer, Mieter und Handwerker bleibt die Devise: Informiert bleiben, Hygienestandards einhalten und bei konkreten gesundheitlichen Risiken professionelle microbiologische Diagnostik nutzen, anstatt unspezifische Sanierungsmaßnahmen durchzuführen.

Quellen

  1. LGL Bayern - FAQ zu MRGN

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