Einleitung
Der vollständige Einbruch der Bundesautobahn 20 im Oktober 2017 bei Tribsees im Landkreis Vorpommern-Rügen stellte eine der spektakulärsten Baustellen der letzten Jahre in Deutschland dar. Was als Setzung begann, eskalierte innerhalb weniger Wochen zu einem über 90 Meter langen und mehrere Meter tiefen Loch, das weltweite mediale Aufmerksamkeit erregte. Die Sanierung dieses Schadens war nicht nur eine technische und logistische Mammutaufgabe, sondern auch ein finanzieller Kraftakt, der letztlich rund 180 Millionen Euro verschlang.
Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe des Desasters, die komplexen ingenieurstechnischen Lösungen zur Neugestaltung des Dammes und die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um ein Wiederholen des Schadens auszuschließen. Zudem wird ein Ausblick auf die verbleibenden Arbeiten und die Bedeutung der Verkehrssicherheit gegeben.
Die Ursachen des Einbruchs: Eine Analyse
Der vollständige Kollaps der Fahrbahn war kein plötzliches Ereignis, sondern das Resultat eines schleichenden Prozesses. Im Herbst 2017 sackte die Fahrbahn zunächst auf einer Länge von ca. 40 Metern und einer Breite von 10 Metern ab. Die ursprüngliche Tiefe des Einbruchs betrug im Durchschnitt 2,50 Meter. Besorgniserregend war jedoch, dass sich der Schaden schnell ausweitete und auch auf der letzten noch befahrbaren Spur Setzungen auftraten, was zur vollständigen Sperrung am 27. Oktober 2017 führte.
Die Ursachenforschung ergab ein komplexes Bild. Ein Gutachten der Technischen Universität Berlin kam zu dem Schluss, dass neben der spezifischen Bautechnik des Abschnitts vor allem zwei Faktoren verantwortlich waren: eine hohe Verkehrsbeanspruchung sowie ein signifikantes Absinken des Grundwasserspiegels in dem moorigen Untergrund. Die Belastung durch den Verkehr und die veränderten hydrologischen Bedingungen führten letztlich zum Versagen der Tragfähigkeit.
Tragweite des Schadens und erste Einschätzungen
Umfangreiche Baugrundgutachten bestätigten, dass der Damm über seine gesamte Länge von knapp 800 Metern nicht mehr dauerhaft tragfähig war. Dies führte zu der Entscheidung, nicht nur den eingebrochenen Abschnitt, sondern den gesamten Damm in diesem Bereich vollständig abzutragen und durch ein neues, stabiles Bauwerk zu ersetzen. Es handelte sich also nicht um eine bloße Reparatur, sondern um einen kompletten Neubau einer sensiblen Infrastrukturstruktur auf moorigem Untergrund.
Die Sanierungsmaßnahmen: Ingenieurstechnische Lösungen
Die Sanierung der A20 bei Tribsees war eine der größten und kompliziertesten Baumaßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern. Die Autobahn GmbH des Bundes plante und realisierte den Umbau in mehreren Phasen, um die Stabilität auf Jahrzehnte zu gewährleisten.
Der Dammabriss und Neubau
Der alte Damm wurde vollständig abgetragen. An seiner Stelle entstanden drei neue Teilbauwerke, die speziell auf die Anforderungen des moorigen Untergrundes ausgelegt sind:
- Bodenplatte (Westen): Direkt an die bestehende Fahrbahn westlich des Schadensbereichs anschließend wurde eine 216 Meter lange Bodenplatte erstellt. Dieses Bauwerk bietet eine hohe Flächenlastverteilung.
- Talbrücke (Mitte): Der Kern der Sanierung ist eine 537 Meter lange Brücke. Sie überspannt das sensible Moor und verlagert die Last über die weichen Schichten auf tragfähigerem Boden.
- Dritte Brücke (Osten): Östlich der bestehenden Trebeltalbrücke entstand eine weitere Brücke von 75 Metern Länge. Auch hier wurde das CSV-Verfahren (Circumferential Slotted Wall) zur Gründung eingesetzt, ein Verfahren, bei dem eine Schlitzwand zirkulär um den Baugrund gezogen wird, um diesen zu stabilisieren.
Interessanterweise wurde dieser östliche Abschnitt „prophylaktisch“ mit erneuert, obwohl dort noch keine Schäden aufgetreten waren. Diese Vorsorge erwies sich als weitsichtig.
Die neue Querung des Moors
Für die Querung des Moors im Bereich des Hauptunfalls wurde eine konventionelle Gründung ähnlich der bereits existierenden Trebeltalbrücke gewählt. Diese Bauweise hat sich bewährt und ist laut den Planungen nicht von den Setzungen betroffen, die zum früheren Kollaps führten. Durch den Neubau entstand die längste Talbrücke Mecklenburg-Vorpommerns mit einer Gesamtlänge von fast 1500 Metern.
Zeitplan, Kosten und Verkehrsführung
Die Sanierung zog sich über mehrere Jahre hin, wobei die Kosten stetig stiegen. Laut Angaben der Autobahn GmbH des Bundes beliefen sich die Gesamtkosten auf rund 180 Millionen Euro. Allein für das Jahr 2023 waren 30 Millionen Euro veranschlagt. Der Zeitplan war ambitioniert: Die Arbeiten sollten bis Ende 2023 abgeschlossen sein. Ein Pressesprecher der Autobahn GmbH bezeichnete die Umsetzung als „unglaublich schnell“ für eine solch komplexe Maßnahme.
Verkehrseinschränkungen und Vollsperrungen
Während der Bauarbeiten kam es immer wieder zu Vollsperrungen, da große Maschinen eingesetzt werden mussten. Ein Beispiel für eine solche Sperrung war am Mittwoch, als beide Fahrtrichtungen von 7 Uhr bis 18 Uhr komplett gesperrt wurden. Der Grund war der Abbau und der Wiederaufbau eines Turmdrehkrans östlich der Trebeltalbrücke. Die einzelnen Turmelemente mussten verladen und transportiert werden. Gleichzeitig fanden Fahrbahnmarkierungs- und Reinigungsarbeiten statt, um die Verkehrssicherheit in der dunkleren Jahreszeit zu gewährleisten.
Während dieser Sperrungen wurde der Verkehr über die Landesstraßen 19 und 23 zwischen den Anschlussstellen Tribsees und Bad Sülze umgeleitet, was zu erheblichen Behinderungen im regionalen Straßenverkehr führte.
Die Sommersaison 2023
Ein wichtiges Ziel war die Rückkehr zur normalen Verkehrsführung während der Sommerferien 2023. Laut Autobahngesellschaft wurde die eingeschränkte Verkehrsführung über die gesamten Sommerferien aufgehoben. Je Fahrtrichtung standen wieder zwei Fahrbahnen zur Verfügung, was eine erhebliche Entlastung für die Urlauber und Pendler bedeutete.
Restarbeiten und Naturschutz
Auch nach der Wiedereröffnung der Hauptspuren waren noch Arbeiten geplant. Für September 2023 wurden Maßnahmen für Leit- und Sperrwände angekündigt, die zum Schutz von Vögeln errichtet werden mussten. Diese Arbeiten sollten bis Ende 2023 abgeschlossen sein.
Fazit
Die Sanierung der A20 bei Tribsees war ein Paradebeispiel für die Herausforderungen modernen Tief- und Ingenieurbaus. Der vollständige Einbruch in einem moorigen Untergrund unter hoher Verkehrslast erforderte eine Neukonzeption der Gründung. Durch den Ersatz des Dammes durch eine Kombination aus Bodenplatte und langen Brückenbauwerken wurde eine dauerhafte Stabilität geschaffen. Die Kosten von 180 Millionen Euro unterstreichen die Dimension der Baumaßnahme. Trotz der langen Sperrungszeiten und Verkehrsumleitungen konnte das Projekt bis Ende 2023 weitgehend abgeschlossen werden, wobei ein Wiederholen des Schadens von 2017 nun ausgeschlossen sein sollte.
Quellen
- Nordkurier: Erneute Vollsperrung der A20 an der Tribsees-Baustelle
- Autobahn.de: Sanierung der A20 bei Tribsees - Dammabtragung
- Ostseewelle: A20-Baustelle bei Tribsees im Plan-Abschluss Ende 2023
- Ostsee-Zeitung: A-20-Baustelle bei Tribsees - freie Fahrt während der Sommerferien
- Stolpersteine Lüneburg: Tribsees - erneute Komplettsperrung der A20 am Donnerstag
- taz: Eingebrochene Küstenautobahn - Auf ein Neues im Moor