Die Transformation von belasteten Industriebrachen zu zukunftsweisenden Gewerbe- und Technologiestandorten stellt eine der größten Herausforderungen für die Bauindustrie und Stadtentwicklung dar. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Revitalisierung ist das Projekt „incampus“ in Ingolstadt. Nach sieben Jahren Sanierung und Bauzeit wurde der Technologiepark im September 2023 offiziell eröffnet. Auf dem ehemaligen Raffineriegelände der Bayernoil arbeitet Audi nun gemeinsam mit Partnern an der Zukunft der Mobilität. Dieser Artikel beleuchtet die technischen und ökologischen Aspekte dieses Megaprojekts, das als eines der größten Bodensanierungsprojekte in Deutschland und die erste vollumfängliche Sanierung eines Raffineriegeländes in Bayern gilt.
Die Ausgangslage: Herausforderungen einer ehemaligen Raffinerie
Die Sanierung eines Areals, das über 40 Jahre lang zur Verarbeitung von Rohöl genutzt wurde, ist mit erheblichen Belastungen verbunden. Altöl und verschiedene Chemikalien haben Wasser und Erdreich kontaminiert. Die Bewertung der Schadstoffbelastung erforderte eine aufwendige Analyse. Laut den vorliegenden Informationen wurden über 50.000 Laboranalysen durchgeführt, um verschiedene Schadstoffparameter zu testen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren gravierend: Es fanden sich 900 Tonnen Schweröl, 200 Tonnen Leichtbenzin und 100 Kilogramm giftige Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFAS), die aus dem Löschschaum der einstigen Betriebsfeuerwehr stammten.
Die Bodensanierung stellt eine komplexe Aufgabe dar, da sowohl leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe als auch Schwermetalle und PFAS bekämpft werden mussten. Die geologische Beschaffenheit des Geländes, bestehend aus Sand und Kies, spielte dabei eine entscheidende Rolle für die Wahl der Sanierungsmethoden. Die Sanierung des Geländes gilt als eines der größten Bodensanierungsprojekte in Deutschland und die erste vollumfängliche Sanierung eines Raffineriegeländes in Bayern.
Sanierungstechnische Verfahren: Präzision im Detail
Für die Beseitigung der Schadstoffe wurden mehrere hochpräzise Verfahren kombiniert, um eine vollständige Dekontamination zu gewährleisten. Die Methoden richteten sich spezifisch gegen die im Boden gelösten Schadstoffe.
Air-Sparging und Bodenwäsche
Ein zentrales Verfahren gegen leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe, die Bestandteile der Benzinkraftstoffe darstellen, ist die Air-Sparging-Methode. Hierbei wird durch hunderte Leitungen Luft in den Boden geblasen. Diese nimmt die in Boden und Grundwasser gelösten Schadstoffe auf. Knapp unterhalb der Erdoberfläche wird die beladene Luft durch Drainagerohre abgesaugt und gereinigt.
Für die Eliminierung von PFC-Rückständen aus Löschschäumen und Mineralölkohlenwasserstoffen (Reste des Schweröls) wurde der belastete Boden großflächig ausgehoben. Dies geschah durch ein neuartiges Verfahren, bei dem hydraulische Rammen stählerne Waben in die Erde vibrieren. Insgesamt wurden 600.000 Kubikmeter Erde (nach anderen Angaben 600.000 Tonnen Material) ausgehoben und gewaschen, um sie von Schadstoffen zu befreien. In einer Bodenwaschanlage wurden die Schadstoffe mit Wasser vom Bodenkorn abgereinigt. Das Wasser läuft dabei im Kreislauf über eine Aufbereitungsanlage, die auch die entstehende Abluft reinigt. Eine Aufbereitungsanlage reinigt das Wasser zu mehr als 99,9 Prozent von den Schadstoffen.
Verfüllung und Entsorgung
Ein wesentlicher Aspekt der Nachhaltigkeit ist der geringe Materialtransport. Mehr als 90 Prozent des angelieferten Materials wird wieder in die Wabenlöcher verfüllt. Der Rest, also der kontaminierte Anteil, wird deponiert. Diese Wiederverwertung vor Ort minimiert den logistischen Aufwand und die CO2-Emissionen des Transportes.
Nachhaltiges Energiekonzept: Der Weg zum Nullenergiecampus
Ein Kernziel des incampus ist die Energieautarkie. Das energetische Konzept ist modular aufgebaut, um mittelfristig einen Nullenergiecampus zu erreichen. Aktuell beziehen die Gebäude noch Strom und Fernwärme von außen, doch die Infrastruktur ist auf eine Eigenversorgung ausgelegt.
Abwärmenutzung des Rechenzentrums
Ein innovativer Bestandteil des Energiekonzepts ist die Nutzung der Abwärme des campuseigenen Rechenzentrums. Das Rechenzentrum beherbergt 800 Server- und Datenschränke, die für die IT-Infrastruktur und die Datenspeicherung der 1.400 Entwickler notwendig sind. Beim Betrieb erhitzen sich die Server und müssen kontinuierlich gekühlt werden. Dabei entstehende Wärme wird in ein sogenanntes Low-Exergie-Netz eingespeist. Dabei handelt es sich um ein Niedrigtemperatur-Netz, das auf dem gesamten Campus – je nach Bedarf – Wärme oder Kälte bereitstellt. Dieses Prinzip wird im Volksmund oft als „Heizen mit dem Internet“ bezeichnet.
Weitere regenerative Maßnahmen
Neben der Abwärmenutzung setzen weitere Maßnahmen für eine energetische Effizienz: * Photovoltaikanlagen: Zur Erzeugung von Ökostrom. * Reversible Wärmepumpen: Für eine flexible Bereitstellung von Heiz- und Kälteenergie. * Umfassende Begrünungen: Zur Verbesserung des Mikroklimas und der Gebäudehülle.
Das Ziel ist eine Energiebilanz, bei der der Campus künftig genauso viel Energie erzeugt, wie er verbraucht.
Bauausführung und Infrastruktur
Der Technologiepark umfasst eine Fläche von 75 Hektar. Die Bebauung erfolgt in drei geplanten Bauabschnitten, wobei der erste Bauabschnitt nun fertiggestellt und offiziell eröffnet wurde.
Das Fahrzeugsicherheitszentrum und das Projekthaus
Das Herzstück des ersten Bauabschnitts ist das Fahrzeugsicherheitszentrum. Dieser Komplex verfügt über eine eigene Crash-Arena, Dummy-Labor, Prüfstände, Werkstätten und Büros. Hier wird die Sicherheit zukünftiger Fahrzeuge getestet und entwickelt.
Ebenfalls im ersten Bauabschnitt enthalten ist das Projekthaus. Dieser große Komplex besteht aus vier Gebäuden und bietet 42.000 Quadratmeter Büro- und Werkstattfläche. Ab Ende 2020 (laut Planung) bzw. nun realisiert, arbeiten hier 1.400 Entwickler von Partnerfirmen und Startups an nachhaltiger Mobilität. Es dient als „Ideenfabrik“ für innovative Technologieprojekte.
Projektmanagement und Bauausführung
Für die AUDI AG steuert das auf Bau und Immobilien spezialisierte Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE das Projekt. Die Leistungen umfassten unter anderem Green Building-Beratung, Qualitätssicherung im Rechenzentrum sowie bei der Realisierung der Prüfstände und Crash-Anlagen. Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Ingolstadt (vertreten durch ihr Beteiligungsunternehmen IFG AöR) und der AUDI AG erfolgt über ein Joint Venture, die IN-Campus GmbH. Diese Kooperation ermöglichte eine professionelle Steuerung des komplexen Sanierungsprozesses.
Ökologische und städtebauliche Aspekte
Das Projekt verfolgt einen doppelten ökologischen Ansatz: die Revitalisierung einer belasteten Fläche und den Schutz unbebauter Naturräume. Da Audi keine zusätzlichen Flächen versiegeln wollte, wurde bewusst auf einer Industriebrache angesetzt. Dies ist ein Bekenntnis zum Standort Ingolstadt und ein Beitrag zur Begrenzung des Flächenfraßes.
Darüber hinaus wird auf den Flächen im Norden und Osten des Areals, die an die Donau-Auen grenzen, auf 15 Hektar die Natur wieder ausbreiten gelassen. Dies schafft neuen Lebensraum für Tier- und Pflanzenwelt und integriert den Campus in die umgebende Landschaft.
Zusammenfassung der technischen Daten und Maßnahmen
Um die Komplexität des Projekts zu veranschaulichen, folgt eine Übersicht der wichtigsten technischen Parameter und Sanierungsmaßnahmen basierend auf den vorliegenden Quellen:
| Bereich | Maßnahme / Technologie | Details / Umfang |
|---|---|---|
| Bodenbelastung | Air-Sparging | Beseitigung leichtflüchtiger Kohlenwasserstoffe durch Einblasen und Absaugen von Luft. |
| Hydraulische Rammen | Vibrieren stählerne Waben in die Erde zur präzisen Aushebung von 600.000 m³ Material (Sand/Kies). | |
| Bodenwaschanlage | Reinigung des Materials im Kreislauf, Wiederverfüllung von >90% des Materials vor Ort. | |
| Schadstoffe | Beseitigung von 900t Schweröl, 200t Leichtbenzin, 100kg PFAS. | |
| Energiekonzept | Low-Exergie-Netz | Niedrigtemperatur-Netz zur Verteilung von Wärme/Kälte im Campus. |
| Abwärmenutzung | Nutzung der Server-Wärme aus dem Rechenzentrum (800 Server/Datenschränke) für das Heiznetz. | |
| Erneuerbare Energien | Photovoltaik, reversible Wärmepumpen, extensive Begrünung. | |
| Infrastruktur | Fahrzeugsicherheitszentrum | Crash-Arena, Dummy-Labor, Prüfstände, Werkstätten, Büros. |
| Projekthaus | 42.000 m² Büro- und Werkstattfläche für 1.400 Entwickler. | |
| Rechenzentrum | IT-Grundversorgung für den Campus. | |
| Flächennutzung | Gesamtfläche | 75 Hektar (inkl. 15 Hektar Renaturierungsfläche an Donau-Auen). |
| Bauabschnitte | 3 geplante Abschnitte (Abschnitt 1 fertiggestellt). |
Fazit
Das incampus in Ingolstadt steht exemplar für die erfolgreiche Sanierung von hochbelasteten Industriebrachen im großtechnischen Maßstab. Die Kombination aus präzisen Sanierungstechniken wie Air-Sparging und hydraulischen Rammen, einer konsequenten Kreislaufwirtschaft bei der Bodenbehandlung und einem innovativen Energiekonzept, das die Abwärme der digitalen Infrastruktur nutzt, macht das Projekt zu einem Leuchtturm für nachhaltige Stadtentwicklung.
Für Bauherren, Planer und Immobilieninvestoren bietet der incampus wichtige Erkenntnisse: Erstens lohnt sich die Sanierung von Brachflächen ökologisch und ökonomisch, wenn moderne Technologien eingesetzt werden. Zweitens zeigt die Integration von IT-Infrastruktur und Energieversorgung, wie Synergien in modernen Gewerbeimmobilien effizient genutzt werden können. Das Projekt beweist, dass industrielle Vergangenheit und technologische Zukunft nicht im Widerspruch stehen müssen, sondern sich vielmehr sinnvoll ergänzen können.