Die Umgestaltung des Bahnhofs Wattenscheid und seines direkten Umfelds stellt eines der bedeutendsten städtebaulichen Entwicklungsprojekte der Stadt Bochum dar. Das Vorhaben zielt darauf ab, den historischen Knotenpunkt in ein modernes, multifunktionales Quartier zu verwandeln, das als zentraler Motor für die Entwicklung des gesamten Stadtteils dient. Die Planungen umfassen nicht nur die Sanierung der bestehenden Bahnhofsinfrastruktur, sondern auch den Neubau von Gebäuden, die Anpassung der Verkehrswege und die Schaffung neuer öffentlicher Räume. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Projekts, basierend auf den offiziellen Planungsunterlagen und Veröffentlichungen der Stadt Bochum und beteiligter Institutionen.
Das Planungsverfahren und die beteiligten Akteure
Die Grundlage für die Umgestaltung des Bahnhofs Wattenscheid bildet ein strukturiertes Planungsverfahren, das die Einbindung der Öffentlichkeit und die Zusammenarbeit verschiedener Gremien gewährleistet. Im Januar hat der Bochumer Ausschuss für Planung und Grundstücke eine entscheidende Weiche gestellt. In seiner Sitzung am 31. Januar entschied sich das Gremium für die Entwürfe des Architekturbüros Pesch Partner. Diese Entscheidung folgte den Empfehlungen eines Begleitgremiums, das zuvor die eingereichten Pläne bewertet hatte.
Das Begleitgremium ist ein wichtiger Bestandteil des partizipativen Planungsprozesses. Es setzt sich aus einer vielfältigen Gruppe von Mitgliedern zusammen, die unterschiedliche Interessen und Perspektiven vertreten. Fünf Bürgerinnen und Bürger repräsentieren die Bürgerschaft in diesem Gremium, darunter auch ein Vertreter der Bürgerinitiative. Hinzu kommen Vertreterinnen und Vertreter der Politik, der Stadtverwaltung, der Bochumer Wirtschaftsentwicklung, des Bochumer Gestaltungsbeirats sowie verschiedener Ausschüsse. Diese Zusammensetzung soll sicherstellen, dass die Planungen sowohl den fachlichen Anforderungen als auch den Wünschen der Anwohner und Nutzer gerecht werden.
Nach der Entscheidung des Ausschusses für Planung und Grundstücke wurden die Pläne bis Mitte Februar finalisiert. Auf dieser Grundlage wird nun der Bebauungsplan für den Bahnhof in Wattenscheid aufgestellt. Dieser rechtliche Rahmen ist notwendig, um die geplanten Bauvorhaben, wie den Abriss des alten und den Neubau eines neuen Bahnhofsgebäudes, rechtssicher umzusetzen. Die Stadt Bochum hat zudem die NRW.URBAN als Treuhänder und Projektsteuerer beauftragt, die für die Betreuung des städtebaulichen Entwurfes zuständig ist.
Konzeption: Neubau statt Sanierung und Schaffung eines neuen Quartiers
Ein zentrales Element der Planung ist der strategische Wechsel von einer Sanierung zu einem Neubau. Das Empfehlungsgremium hat sich klar dafür ausgesprochen, das alte Bahnhofsgebäude abzureißen und an seiner Stelle ein neues, modernes Gebäude zu errichten. Dieser Schritt ist notwendig, um die hohen Anforderungen an ein zeitgemäßes Mobilitäts- und Wohnquartier erfüllen zu können.
Das neue Bahnhofsquartier wird als ein hochwertiges Umfeld für Wohnen, Arbeiten und Freizeit konzipiert. Die Gesamtfläche des Projekts umfasst etwa 30 Hektar Wohn- und Gewerbeflächen. Das Quartier soll sich aus vier eigenständigen Gebieten zusammensammen: Wilhelm-Leithe-Weg Nord und Süd sowie den Flächen Fritz-Reuter-Straße Nord und Süd, wobei letztere den Kernbereich des Bahnhofs und sein unmittelbares Umfeld – kurz „Bahnhof+“ – bilden. Die Stadt Bochum plant, diese Gebiete individuell zu entwickeln, je nach ihren spezifischen Potenzialen. Ziel ist es, eine neue Adresse für Wohnen, Arbeiten und Einkaufen zu schaffen, ohne mit der Wattenscheider Innenstadt als etabliertem Zentrum zu konkurrieren, sondern diese zu ergänzen.
Die Gestaltung des Bereichs „Bahnhof+“
Der Bereich „Bahnhof+“ umfasst das Empfangsgebäude und den Vorplatz des Wattenscheider Bahnhofs. Hier sind umfangreiche Neugestaltungen geplant, die über die reine Infrastruktur hinausgehen. Der Fokus liegt auf der Schaffung von qualitativ hochwertigen öffentlichen Räumen, die zur Verweilen und Begegnung einladen.
Erholungsräume und Mikroklima
Ein wesentlicher Aspekt der Gestaltung ist die Integration von Natur und Grünflächen. Es sind neue Grün- und Freiflächen an Bahnhof und Vorplatz geplant. Diese sollen natürliche Erholungsräume mit Sitzinseln schaffen. Ein explizites Ziel ist die Förderung der Klimaresilienz und eines guten Mikroklimas. Durch diese Maßnahmen soll der Bahnhof nicht nur funktionale Dreh- und Angelpunkt des Verkehrs, sondern auch ein Aufenthaltsort mit hoher Aufenthaltsqualität werden.
Belebung durch Gastronomie und Gewerbe
Zur Belebung des öffentlichen Raums ist die Ansiedlung von Gastronomie und Angeboten des Reisebedarfs im geplanten Gebäuderiegel vorgesehen. Diese dienen dazu, den Bahnhof auch außerhalb der Hauptverkehrszeiten lebendig zu machen und Dienstleistungen für Reisende und Anwohner anzubieten. Darüber hinaus ist im Bereich des Vorplatzes ein Teil der Fläche als Dienstleistungsstandort ausgewiesen. Zudem ist geplant, ein Eckgebäude für Büros und Gewerbe zu errichten, das Wattenscheid eine neue Landmarke geben soll.
Das neue Mobilitätskonzept: Der Mobility Hub und die Personenunterführung
Die Verkehrsfunktion des Bahnhofs wird im Zuge des Umbaus grundlegend modernisiert und optimiert. Das Ziel ist es, die multimodale Mobilität zu fördern und den Umweltverbund zu stärken. Dazu werden neue Mobilitätsangebote geschaffen, die unter dem Begriff „Mobility Hub“ oder „Mobilitätsterminal“ zusammengefasst sind.
Mobilitätsterminal
Der Mobility Hub bündelt verschiedene Angebote an einem zentralen Punkt. Er umfasst: * Eine Bike-Sharing-Station mit angeschlossener Radwerkstatt. * Einen Taxistand. * Stellplätze für Kiss+Ride (Kurzzeit-Parken zum Ein- oder Aussteigen) und Park+Ride (Parken und Umsteigen in den öffentlichen Nahverkehr). * E-Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge. * Parkplätze und Leihangebote.
Diese Zentralisierung soll die Nutzung unterschiedlicher, umweltfreundlicher Verkehrsalternativen erleichtern und den Übergang zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln (multimodale Mobilität) flüssiger gestalten.
Barrierefreier Zugang durch eine neue Personenunterführung
Ein entscheidender Schritt für die Verbesserung der Erreichbarkeit und Barrierefreiheit ist der Neubau einer Personenunterführung. Am 10. April fand der offizielle Spatenstich für diesen Tunnel statt. Die Kosten belaufen sich auf rund sechs Millionen Euro, wobei der Verkehrsverband Rhein-Ruhr (VRR) rund 4,4 Millionen Euro aus Landesmitteln fördert.
Der neue Tunnel soll eine direkte, barrierefreie Anbindung zwischen den südlich des Bahndamms gelegenen Entwicklungsflächen (Wilhelm-Leithe-Weg Nord und Süd) und dem Bahnhof sowie dem neu entstehenden Quartier schaffen. Er ermöglicht es Reisenden und Passanten, leichter zu den Gleisen und von dort aus zu ihren Zielen in Wattenscheid zu gelangen. Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke betonte, dass der Tunnel einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung des neuen Quartiers mit dem Bahnhof und dem restlichen Stadtteil leistet.
Verkehrsführung und ÖPNV
Die Verkehrswege im direkten Umfeld des Bahnhofs werden neu geordnet. Ein zentraler Wunsch der Bürger war es, die Bushaltestellen unmittelbar am Bahnhofsvorplatz zu platzieren, um kürzere Wege zwischen Bussen und Zügen zu gewährleisten. Die gute Verkehrsanbindung des Gebiets, das bereits jetzt über Direktverbindungen zum Düsseldorfer Flughafen, Bochumer und Dortmunder Hauptbahnhof verfügt, soll zudem durch leistungsfähige Schnellverbindungen im ÖPNV und gut ausgebaute Radwegeverbindungen weiter optimiert werden.
Bürgerbeteiligung und Integration von Wünschen
Die Planungen für das Bahnhofsquartier zeichnen sich durch eine hohe Transparenz und eine aktive Einbindung der Bürgerschaft aus. Die Stadt Bochum hat verschiedene Formate etabliert, um Interessierte zu informieren und ihre Ideen aufzunehmen.
Bereits im Mai wurde das Beteiligungsformat „Marktplatz der Ideen“ durchgeführt, bei dem Bürger ihre Wünsche zur Neugestaltung einbringen konnten. Im Anschluss an die Vorlage der aktuellen städtebaulichen Entwürfe gab es eine Zwischenpräsentation im „Charivari“ im Wattenscheider Bahnhof, eine Ausstellung im Rathaus Wattenscheid sowie eine Online-Umfrage. Die Projektleiterin Loredana Puls vom Amt für Stadtplanung und Wohnen der Stadt Bochum betonte, dass die Wünsche der Bürger, wie nach mehr Grün oder Gastronomie, bereits in die aktuellen Entwürfe eingeflossen sind. Die Bürgerbeteiligung wird als kontinuierlicher Prozess verstanden, dessen Impulse für das Projekt sehr hilfreich sind.
Zusammenfassung und Ausblick
Das Projekt zur Umgestaltung des Bahnhofs Wattenscheid ist ein umfassender städtebaulicher Eingriff, der weit über eine einfache Modernisierung der Bahninfrastruktur hinausgeht. Durch den Neubau des Bahnhofsgebäudes, die Schaffung eines neuen Quartiers mit Wohn-, Gewerbe- und Freizeitflächen, die Optimierung der Verkehrsführung und den Bau einer barrierefreien Personenunterführung entsteht ein neuer, dynamischer Standort. Die integrierte Planung von Mobilität, öffentlichem Raum und Gewerbeansiedlung soll die Lebensqualität im Stadtteil Wattenscheid nachhaltig steigern und eine positive Entwicklung für den gesamten Bochumer Norden anstoßen. Die fortlaufende Bürgerbeteiligung gewährleistet zudem, dass die Entwicklung den Bedürfnissen der zukünftigen Nutzer entspricht.
Fazit
Die Umgestaltung des Bahnhofs Wattenscheid ist ein Paradebeispiel für eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung, die Verkehr, Wohnen und Wirtschaft miteinander verknüpft. Der Beschluss des Ausschusses für Planung und Grundstücke für die Entwürfe des Architekturbüros Pesch Partner markiert einen entscheidenden Meilenstein. Das Projekt unterscheidet sich grundlegend von einer reinen Sanierung, indem es einen Neubau vorsieht und damit die Chance nutzt, eine neue, lebendige Quartiersmitte zu schaffen.
Die zentralen Elemente des Vorhabens sind: * Der Abriss des alten Gebäudes und der Neubau eines modernen Bahnhofsgebäudes. * Die Schaffung eines „Mobility Hubs“, der multimodale Mobilität bündelt. * Der Bau einer barrierefreien Personenunterführung zur verbesserten Erschließung. * Die Gestaltung von hochwertigen öffentlichen Räumen mit Grünflächen zur Förderung des Mikroklimas. * Die Ansiedlung von Gastronomie und Gewerbe zur Belebung des Standorts.
Durch die konsequente Einbindung der Bürgerschaft in den Planungsprozess wird sichergestellt, dass die Ergebnisse auf den Bedürfnissen der Anwohner und Nutzer basieren. Das Projekt verspricht nicht nur eine Aufwertung des Bahnhofs, sondern eine positive Impulsgebung für die gesamte Entwicklung des Stadtteils Wattenscheid.