Revitalisierung von Leerstand: Die Bauhütte Perlesreut als Vorbild für Innenentwicklung und Baukultur

Die Revitalisierung von denkmalgeschützten Altbausubstanzen in ländlichen Regionen stellt eine der zentralen Herausforderungen der modernen Stadt- und Dorfentwicklung dar. Leerstände in Ortskernen führen häufig zu einem Verfall historischer Bausubstanz und mindern die Lebensqualität sowie die Wirtschaftskraft einer Gemeinde. Ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Sanierung und Aktivierung eines solchen Leerstands stellt die „Bauhütte“ in Perlesreut dar. Dieses Projekt, initiiert im Rahmen der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) Ilzer Land, dient nicht nur als neues Begegnungszentrum, sondern vor allem als Anschauungsobjekt und Informationsstelle für zukünftige Sanierungsmaßnahmen. Der folgende Artikel beleuchtet die Hintergründe, die Planung, die technische Umsetzung und die multifunktionale Nutzung des Gebäudes und zeigt auf, wie durch gezielte öffentliche Investitionen private Mittel akquiert und die Bereitschaft zur Sanierung in der Bevölkerung gesteigert werden konnte.

Die Ausgangslage: Denkmalgeschützter Leerstand in Perlesreut

Das ehemals leerstehende und denkmalgeschützte „Weiß-Haus“ am Marktplatz 11 in Perlesreut stand jahrelang leer und verfiel zunehmend. Es handelte sich um ein historisches Anwesen, dessen Zustand eine zunehmende Belastung für das Ortsbild darstellte. Die Sanierung dieses Gebäudes war Teil einer übergeordneten Strategie zur Aufwertung der Ortszentren im Ilzer Land.

Gemäß den vorliegenden Informationen war die Auswahl des Gebäudes kein Zufall, sondern das Ergebnis eines strukturierten Auswahlverfahrens. Eine unabhängige Kommission, bestehend aus Vertretern der Regierung von Niederbayern, dem Amt für ländliche Entwicklung und einer Architektengruppierung, prüfte potenzielle Objekte. Die entscheidenden Kriterien für die Förderung im Rahmen der Städtebauförderung waren zum einen der Denkmalschutzcharakter des Gebäudes und zum anderen die zentrumsnahe Lage. Ziel war es, ein Objekt zu finden, das als Vorbild für weitere Maßnahmen in der Region dienen kann.

Perlesreut, das in diesem Kontext als „Hauptstadt“ der ILE Ilzer Land gilt, konnte sich letztlich gegen andere Kommunen durchsetzen, da das Bauwerk am Marktplatz 11 die notwendigen Voraussetzungen erfüllte. Der Entscheidungsprozess oblag letztlich der Vorstandschaft der ILE, die sich aus den Bürgermeistern der beteiligten Gemeinden zusammensetzt.

Das Konzept der Bauhütte: Mehr als nur ein Gebäude

Der Begriff „Bauhütte“ wird in diesem Kontext weit über die reine Bausubstanz hinaus definiert. Es handelt sich vielmehr um eine Institution, die als zentraler Motor für die Innenentwicklung der Region fungiert. Die Bauhütte Ilzer Land versteht sich als:

  • Sitz der Geschäftsstelle: Hier wird die Koordination der integrierten Innenentwicklung für das gesamte Ilzer Land abgewickelt.
  • Netzwerk-Plattform: Sie dient als zentrale Anlaufstelle für alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der Dorfentwicklung und Baukultur.
  • Informations- und Begegnungszentrum: Bürger finden hier Unterstützung und Beratung zu Fragen der Sanierung und Wiederbelebung von Leerständen.
  • Demonstrationsobjekt: Die sanierten Räumlichkeiten zeigen praktisch, wie Denkmalschutz mit modernen Nutzungsansprüchen vereinbart werden kann.

Das übergeordnete Ziel der Maßnahme ist die Sensibilisierung der Bewohner für das Thema Innenentwicklung. Durch das sichtbare Gelingen des Projekts soll die Hemmschwelle für private Sanierungen gesenkt und die Bereitschaft zur Investition in die eigene Ortsmitte erhöht werden.

Finanzierung und Wirtschaftlichkeit: Ein Modell für öffentlich-private Partnerschaften

Ein zentraler Aspekt der Bauhütte Perlesreut ist das Finanzierungsmodell. Es verdeutlicht, wie durch gezielte öffentliche Investitionen (Anschubfinanzierung) private Mittel mobilisiert werden können.

Die Gesamtinvestition belief sich auf ca. 3,2 Millionen Euro, die vom Markt Perlesreut aufgebracht wurden. Hinzu kam ein Privatinvestor, der rund 800.000 Euro in das Projekt investierte. Dieses Modell der öffentlich-privaten Partnerschaft (Public Private Partnership) ist beispielgebend für die Region.

Die Anschubfinanzierung erfolgte mit Mitteln der Städtebauförderung. Diese öffentlichen Gelder dienten als Katalysator, um das Projekt ins Rollen zu bringen und private Investoren zu gewinnen. Die Regierung von Niederbayern und das Amt für Ländliche Entwicklung arbeiteten hierbei auf Augenhöhe mit den lokalen Akteuren. Auch regionale Banken wurden als Partner in das Projekt eingebunden, um Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten für Sanierungswillige zu vermitteln.

Technische Umsetzung und Architektur

Die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes wurde vom Architekturbüro Schmöller aus Passau unter der Leitung von Andreas Schmöller durchgeführt. Die Fertigstellung erfolgte im März 2015 nach einer zweijährigen Bauzeit.

Das Gebäude hat eine Nutzfläche von 570 m². Die Planung sah eine vielfältige Nutzung des Komplexes vor, die denkmalgerecht in die historische Bausubstanz integriert wurde. Ein besonderer Fokus lag auf der Barrierefreiheit und der modernen technischen Ausstattung.

Übertragung auf die Sanierungspraxis

Für Bauherren und Sanierungsinteressierte bietet das Projekt konkrete Anhaltspunkte für eigene Vorhaben:

  1. Denkmalschutz und Moderne: Die Sanierung zeigt, dass historische Räume (z. B. Gewölbekeller) modern genutzt werden können, ohne ihren Charakter zu verlieren.
  2. Fassadenprogramme: Im Zuge der Dorfentwicklung wurden in der Region Fassadenprogramme aufgesetzt. In Hutthurm beispielsweise können bis zu 10.000 Euro pro Gebäude gefördert werden. Dies unterstreicht die regionale Förderpraxis, die auch für Perlesreut relevant ist.
  3. Energieeffizienz: Auch wenn im Quelltext keine expliziten Daten zur Energieeffizienz vorliegen, impliziert die Sanierung eines denkmalgeschützten Altbaus den Einsatz moderner Dämm- und Heiztechniken unter Beibehaltung der Fassadenoptik.

Nutzungskonzept: Multifunktionalität als Schlüssel zum Erfolg

Die Bauhütte ist nicht nur Bürostandort, sondern ein lebendiges Zentrum mit verschiedenen Nutzungsprofilen. Diese Vielfalt sichert die Wirtschaftlichkeit und die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Fachberatung und Koordination

Im Gebäude sind Projektkoordinatoren für Innenentwicklung ansässig. Diese bieten ein umfangreiches Beratungsangebot für private Sanierungswillige an. Sie vermitteln technisches Wissen und Kontakte zu Fördermöglichkeiten. Ziel ist es, die Komplexität von Sanierungsprojekten für den Bürger zu reduzieren und die Bereitschaft zur Sanierung zu steigern.

Begegnungszentrum und Kultur

Ein Teil des Gebäudes dient als generationenübergreifender Treffpunkt („Marktplatz“). Hier finden Bürger, Vereine und Besucher Raum für Austausch und Begegnung.

Seminar- und Tagungsstätte

Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist die Vermietung von Räumen für Veranstaltungen. Die Bauhütte bietet modern ausgestattete, lichtdurchflutete und barrierefreie Räume an, die stunden- oder tageweise gemietet werden können.

Ausstattungsmerkmale (technische Spezifikationen): * Großer Seminarraum: Platz für ca. 125 Personen (z. B. für Firmenevents, Tagungen). * Flexibilität: Möglichkeit der Raumteilung für kleinere Workshops oder Fachvorträge. * Technik: * Monitorleinwand (300 x 225 cm). * Elektrischer Deckenlift inkl. Beamer (max. Auflösung WXGA 1920 x 1200, Farbhelligkeit 4.800 Lumen). * Hochwertige Lautsprecheranlage von BOSE. * Veranstaltungskeller: Ein historischer Gewölbekeller wurde zu einem Veranstaltungsraum für Ausstellungen, Lesungen oder kleinere Feierlichkeiten umgebaut. Dieser wird in Kooperation mit der örtlichen Gastronomie genutzt, um diese ebenfalls zu stärken.

Seniorengerechtes Wohnen

Im Rückgebäude des Komplexes wurden sechs barrierefreie Wohneinheiten durch den Privatinvestor realisiert. Dies adressiert den demografischen Wandel und integriert Wohnen in das Konzept der Innenentwicklung.

Wirkung und Transferpotenzial für die Region

Die Bauhütte Ilzer Land hat eine Vorbildfunktion für weitere Maßnahmen in der Region eingenommen. Die Maßnahmen zur Aufwertung der Ortszentren wurden bereits in Perlesreut, Schönberg und Hutthurm umgesetzt.

Der Erfolg des Projekts zeigt sich nicht nur in der physischen Sanierung, sondern auch in der Schaffung eines funktionierenden Netzwerks. Die interkommunale Koordination sorgt dafür, dass Ressourcen gebündelt und Synergien genutzt werden. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Regierung von Niederbayern, dem Amt für Ländliche Entwicklung, regionalen Banken und Architekten ist ein entscheidender Faktor für die Nachhaltigkeit der Entwicklung.

Für Bauherren und Eigentümer alter Gebäude in der Region bedeutet dies: Es existiert eine strukturierte Unterstützung. Das Wissen über Förderprogramme (wie Fassadenprogramme) und die technische Umsetzung von Sanierungen ist nun zentral gebündelt und leicht zugänglich.

Fazit

Die Sanierung und Revitalisierung des „Weiß-Hauses“ in Perlesreut zur „Bauhütte“ ist ein Paradebeispiel für gelungene Innenentwicklung im ländlichen Raum. Das Projekt vereint Denkmalschutz, moderne Nutzung, Wirtschaftlichkeit und soziale Integration. Durch die Kombination aus öffentlicher Förderung und privater Investition wurde ein Modell geschaffen, das zeigt, wie Leerstände aktiviert und zu regionalen Zentren entwickelt werden können.

Für Eigentümer von denkmalgeschützten Gebäuden bietet das Projekt wertvolle Erkenntnisse: Fachliche Beratung, klare Förderstrukturen und ein multifunktionales Nutzungskonzept sind die Schlüssel zum Erfolg. Die Bauhütte steht als funktionierende Plattform, die nicht nur Informationsquelle, sondern auch Inspirationsquelle für die eigene Sanierung ist.

Quellen

  1. Bauhütte Ilzer Land
  2. Städtebaufoerderung.info - Ilzer Land
  3. Hogn - Interview mit Manfred Eibl
  4. Perlesreut - Bauhütte
  5. Bayerische Architektenkammer - Bauhütte Perlesreut

Ähnliche Beiträge