Die Stadt Emden steht vor der komplexen Aufgabe, ihre Immobilieninfrastruktur, insbesondere im Bildungssektor, zu erhalten und zu modernisieren. Ein zentrales Beispiel für diese Herausforderung ist die Sanierung der Berufsbildenden Schulen II (BBS II). Die vorliegenden Informationen aus verschiedenen öffentlichen Quellen beleuchten eine Gemengelage aus akutem Sanierungsbedarf, immensen Neubaupreisen, begrenzten Haushaltsmitteln und strategischen Entscheidungen der städtischen Verwaltung. Dieser Artikel analysiert die Situation aus der Perspektive von Bauexperten, Gebäudemanagern und Entscheidungsträgern im Bereich der öffentlichen Bauverwaltung.
Die Ausgangslage: Ein Gebäude im Spannungsfeld von Alter und Wert
Die BBS II, 1984 eingeweiht, ist zwar eines der jüngeren Schulgebäude in Emden, weist jedoch bereits erhebliche Baumängel auf. Im Vergleich zu älteren Gebäuden wie der BBS I, bei der die dringlichsten Sanierungen in den vergangenen Jahren bereits durchgeführt wurden, steht die BBS II nun im Fokus der städtischen Investitionen.
Die Dringlichkeit der Sanierung wird durch den kontinuierlichen Verfall deutlich. Das Gebäudemanagement der Stadt Emden (GME) verfügt jährlich nur über eine Million Euro für die BBS II. Diese Summe reicht laut Expertenmeinung nicht aus, um den langsamen Verfall aufzuhalten. Die Notwendigkeit, in den Sommerferien 2024 allein knapp 600.000 Euro in das Gebäude zu investieren, unterstreicht den massiven Nachholbedarf. Insgesamt fließen in diesem Jahr eine Million Euro in diese Schule.
Strategische Entscheidung: Sanierung statt Neubau
Eine der wichtigsten strategischen Weichenstellungen für die BBS II ist die Entscheidung gegen einen Neubau und für die Sanierung. Diese Entscheidung wurde von der Stadtverwaltung im Betriebsausschuss Gebäudemanagement Emden getroffen und basiert auf mehreren kritischen Faktoren:
- Kostenexplosion bei Neubauten: Die SPD-Fraktion erfragte die Kosten für einen Neubau der BBS II. Die Antwort der Verwaltung war niederschmetternd: Ein gleich großes Bauwerk würde aktuell 129 Millionen Euro kosten. Zum Vergleich: Die ursprüngliche Errichtung kostete 1984 insgesamt 64 Millionen Mark. Diese Preissteigerung ist für die städtischen Finanzen kaum zu bewältigen.
- Abschreibung und Buchwert: Für das bestehende Gebäude sind noch 20 Millionen Euro abzuschreiben. Ein Abriss und Neubau würden diesen Buchwert sofort ausbuchen und zusätzliche hohe Kosten verursachen.
- Fehlendes Grundstück: Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Hindernis ist die Verfügbarkeit eines geeigneten Grundstücks für einen Neubau. Selbst wenn die Mittel vorhanden wären, scheitert ein Neubau oft an der Standortfrage.
Stadtbaurätin Irina Krantz fasste die wirtschaftliche Bewertung prägnant zusammen: „Wir würden Ihnen tendenziell eine Sanierung als die wirtschaftlichere Lösung vorschlagen wollen.“ Aus dieser Perspektive ist das Festhalten am Altbau einzig eine Reaktion auf die finanzielle Situation der Stadt Emden und die Marktlage.
Konkrete Sanierungsmaßnahmen und Modernisierung
Die Sanierung der BBS II erfolgt nicht als Großprojekt in einem Zug, sondern als Summe vieler Einzelmaßnahmen, die oft in den Schulferien terminiert werden, um den Schulbetrieb nicht zu gefährden.
Fenster- und Fassadensanierung
Ein signifikanter Teil der Sanierung betrifft die Hülle des Gebäudes. In den Sommerferien werden Fenster der BBS II wieder schließ- und gangbar gemacht. Dies deutet auf gravierende technische Defekte hin, die die Funktionalität und Sicherheit beeinträchtigen. Zudem wird die Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude (BEG) genutzt, um in Teilbereichen verschiedener Schulstandorte die Fenster auszutauschen. Ziel ist die Steigerung der Energieeffizienz. Auch die Sanierung des Flachdachs im Bereich der Tischlerwerkstatt W 82 und an weiteren Stellen ist Teil der Instandhaltung, um Bauschäden und Leckagen zu verhindern.
Haustechnik und Lüftung
Ein kritischer Punkt für die Luftqualität und das Raumklima ist der Einbau einer neuen Lüftungsanlage im Westtrakt. Moderne Lüftungssysteme sind essenziell, um Schimmelbildung zu vermeiden und ein gesundes Lernklima zu gewährleisten, insbesondere wenn die Gebäudehülle gedämmt wird.
Bodenbeläge und Innenraumgestaltung
Die Innenräume werden umfassend saniert. Beispiele hierfür sind: * Treppenhäuser: In den Treppenhäusern Nord 2+3 wird ein neuer Bodenbelag verlegt (Kosten ca. 100.000 €). Im Westtrakt des Erdgeschosses werden die Sanitärräume komplett saniert, wobei moderne Unisextoiletten Einzug halten (Kosten ca. 120.000 €). * Estrich und Bodenbeläge: Im Küchentrakt erfolgt eine Estrichtrocknung und der Einbau eines neuen Bodenbelags (Kosten ca. 30.000 €). * Klassenräume: In Raum 374 wird ein neuer Bodenbelag verlegt und die Beleuchtung erneuert (Kosten ca. 7.500 €).
Brandschutz und Sicherheit
Brandschutz ist im öffentlichen Schulbetrieb von höchster Priorität. In anderen Schulen (Grund- und Oberschule Wybelsum) werden Brandschutztüren nachgerüstet. Für die BBS II ist der Austausch einer Aluminium-Fluchttür zur Herstellung des zweiten baulichen Rettungsweges im Förderschulbereich (in einem anderen Kontext erwähnt, aber als Maßnahme relevant) dokumentiert.
Digitalisierung und Infrastruktur
Modernisierung beschränkt sich nicht auf den Bauzustand. Die Einrichtung eines Serverraums für die Digitalisierung (in der Grundschule Petkum erwähnt, als allgemeiner Trend) und die Planung neuer Lautsprecher- und ELA-Anlagen (Elektronische Lautsprecheranlagen) in der BBS I und II zeigen, dass die technische Infrastruktur parallel zum Bauzustand modernisiert wird. Die Arbeiten an der ELA können ausschließlich in den Ferien durchgeführt werden, da hier Dauerbeschallung stattfindet.
Kostenübersicht und Finanzierung
Die Finanzierung der Sanierung ist ein ständiges Balanceakt. Die folgende Tabelle fasst die aus den Quellen extrahierten Kosten für einzelne Maßnahmen an der BBS II und verwandten Projekten zusammen:
| Maßnahme | Beschreibung | Kosten (ca.) |
|---|---|---|
| BBS II Gesamtinvestition (2024) | Summe der Maßnahmen in den Sommerferien | 600.000 € |
| Sanierung Treppenhäuser Nord | Neuer Bodenbelag | 100.000 € |
| Sanierung WC-Anlagen West | Komplette Sanierung (Lehrer/Schüler/Unisex) | 120.000 € |
| Neubau Windfang Turnhalle | Demontage alter Windfang, Neubau | 65.000 € |
| Estrich/Boden Küchentrakt | Estrichtrocknung und neuer Belag | 30.000 € |
| Abbruch Bauhalle | Schadstoffsanierung und Abbruch | 50.000 € |
| Klassenraum 374 | Bodenbelag und Beleuchtung | 7.500 € |
| Fahrradunterstand Haupteingang | Pflasterarbeiten und neue Bügel | 65.000 € |
| Basketballfeld | Pflaster- und Gestaltungsarbeiten | 100.000 € |
Zusätzliche Kosten fallen für die Erneuerung der Regenwasserleitungen an anderen Schulstandorten (Cirksenaschule: 160.000 €) an, was den Umfang der städtischen Bauverwaltung illustriert.
Herausforderungen im Baumanagement
Die Sanierung der BBS II steht exemplarisch für die Herausforderungen des öffentlichen Gebäudemanagements:
1. Der „Teufelskreis“ der Instandhaltung
Da die jährlichen Mittel (1 Mio. Euro) nicht ausreichen, um den Verfall aufzuholen, bleibt die Schule in einem Zustand der Dauer-Sanierung. Dringende Arbeiten werden oft nur „flickwerkartig“ oder aufgeschoben. Die Sanierung in den Ferien ist zwar effizient, erfordert aber eine extrem dichte Terminplanung.
2. Schadstoffe und Altlasten
Der Abbruch der alten Bauhalle (Kosten 50.000 €) beinhaltet eine Schadstoffsanierung. Dies ist ein Hinweis darauf, dass auch Gebäude aus den 80er Jahren Altlasten (z.B. Asbest, PCB) enthalten können, die bei Sanierungen fachgerecht entsorgt werden müssen – ein Kostenfaktor, der oft unterschätzt wird.
3. Die Balance zwischen Funktionalität und Ästhetik
Maßnahmen wie die Umfunktionierung des Elterncafés in der Larrelter Grundschule zu einem Klassenraum oder die Gestaltung eines Basketballfelds zeigen, dass Raumnutzung und Schulsozialarbeit eng mit Baumaßnahmen verknüpft sind. Die Finanzierung solcher „Zusatzleistungen“ (wie die Basketballkörbe werden von den EWE Baskets Oldenburg gesponsert) hängt oft von Sponsoren ab, da das Budget der Stadt knapp ist.
Ausblick: Die Rolle der Energieeffizienzförderung (BEG)
Ein wichtiger Hebel für die Finanzierung ist die Nutzung von Bundesmitteln. Die Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude (BEG) wird genutzt, um Fenster auszutauschen. Die Förderquote wird in den Quellen mit 15% für Einzelmaßnahmen im Altbau genannt. Dies zeigt, dass die Stadt Emden proaktiv auf Förderprogramme zurückgreift, um die hohen Eigenmittel zu entlasten. Ohne diese Zuschüsse wäre eine Sanierung im notwendigen Umfang kaum möglich.
Fazit
Die Sanierung der BBS II in Emden ist ein Paradebeispiel für den Umgang mit alternder öffentlicher Bausubstanz unter extremen finanziellen Restriktionen. Die Entscheidung der Stadtverwaltung, einen Neubau (kostenpflichtig: 129 Mio. Euro) abzulehnen und sich auf eine inkrementelle Sanierung zu konzentrieren, ist wirtschaftlich rational, birgt aber das Risiko, dass die Schule dauerhaft nur einen Zustand der „Betriebsbereitschaft“ statt optimaler Modernisierung erreicht.
Für Bauexperten und Gebäudemanager lässt sich ableiten, dass die Priorisierung von Maßnahmen (Fenster, Dach, Haustechnik) und die enge Terminplanung in den Ferien die einzigen gangbaren Wege sind, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Die Integration von Fördergeldern (BEG) und Sponsoring (Basketballfeld) ist ebenso essenziell wie die Transparenz über die immensen Kosten, die allein die Instandhaltung eines solchen Objekts verursacht. Die Situation unterstreicht die Notwendigkeit langfristiger Instandhaltungskonzepte, um solche Kostenspitzen zu vermeiden.