Die Sanierung des Bergkirchenviertels in Wiesbaden stellt einen der langwierigsten und komplexesten städtebaulichen Erneuerungsprozesse in der deutschen Nachkriegsgeschichte dar. Was als Modellvorhaben zur Erneuerung von Städten und Dörfern begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer Fallstudie über den Konflikt zwischen radikaler Stadterneuerung und dem Erhalt historischer Substanz sowie sozialer Gefüge. Dieser Artikel beleuchtet auf der Grundlage vorliegender Fachliteratur, Gutachten und Zeitungsberichte die verschiedenen Phasen, strategischen Entscheidungen und die Bilanz der Maßnahmen im 10 Hektar großen Sanierungsgebiet.
Für Bauherren, Immobilieninvestoren und Stadtplaner bietet die Analyse des Bergkirchenviertels wertvolle Erkennisse darüber, wie Sanierungsläufe über Jahrzehnte finanziert, organisiert und gesellschaftlich umgesetzt werden. Von den ersten Planungen in den 1960er Jahren bis zum finalen „Schliff“ in den 2010er Jahren durchlief das Viertel eine Transformation, die weit über die reine Bausubstanz hinausging.
Historischer Kontext und Planungsbeginn
Das Bergkirchenviertel, im Volksmund auch als „Katzeloch“ bekannt, unterschied sich seit jeher vom übrigen Wiesbaden. Es handelte sich traditionell um ein Quartier der Arbeiter, Handwerker, Kellner und Dienstboten, die in engen, kleinen Häusern lebten. Diese Struktur prägte den Charakter des Viertels, das im 19. Jahrhundert entstand.
Die Notwendigkeit einer Sanierung war bereits in den 1960er Jahren offensichtlich. Die Datenlage aus dem Jahr 1968 zeichnete ein deutliches Bild von Defiziten: Von den damals etwa 2200 Wohnungen im Viertel, in denen rund 3500 Menschen lebten, hatten 71 Prozent keine eigene Toilette und 84 Prozent keine Zentralheizung. Die Wohnverhältnisse waren beengt, die Mieten niedrig.
Eine erste, radikale Planung präsentierte der renommierte Städteplaner Ernst May im Jahr 1962. Seine Vision sah eine vollständige Flächensanierung vor. Die Nerostraße, eine der zentralen Verkehrsadern des Viertels, wäre dabei „ratzfatz weggeputzt“ worden. Diese Pläne sahen eine komplette Neuordnung der Bebauung vor, die die historische Struktur vollständig ausgelöscht hätte.
Doch stieß dieser Ansatz auf massiven Widerstand der Anwohner. Der Druck aus der Bevölkerung war so erheblich, dass die Stadtverordneten 1971 die ursprünglichen Pläne verwarfen. Stattdessen entschied man sich für eine „maßvolle Sanierung mit Rücksicht auf den Charakter des Viertels“. Diese Entscheidung markierte den Beginn einer Ära, die bis in die erste Dekade des 21. Jahrhunderts andauern sollte. Die Arbeiten begannen schließlich 1976.
Das Sanierungskonzept: Ein Modellvorhaben
Die Sanierung des Bezirks „Bergkirche“ wurde vom Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen als Modellvorhaben zur Erneuerung von Städten und Dörfern anerkannt. Dies unterstreicht die übergeordnete Bedeutung des Projekts. Im Vorfeld der eigentlichen Bebauungsplanung wurde ein umfassendes Gutachten (1970) erstellt, das als Vorstufe diente.
Das vorrangige Leitziel der Sanierungskonzeption war die Bedürfnisanlage der Wohnbevölkerung. Das Gutachten basierte auf Erhebungen über die Bau- und Nutzungsstruktur sowie die Einstellung der betroffenen Mieter, Eigentümer und Gewerbetreibenden. Es enthielt nicht nur Daten zu Struktur und Bedarf an Wohn- und Wohnfolgeeinrichtungen, sondern auch Analyse- und Prognosedaten für die Gewerbeplanung.
Diese wissenschaftliche Fundierung war entscheidend. Sie ermöglichte es, die Sanierung nicht nur als Baumaßnahme, sondern als stadtteilplanerische Aufgabe zu verstehen, die soziale, wirtschaftliche und bauliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigte.
Die Durchführung: Investitionen und Beteiligte
Die praktische Umsetzung der Sanierung begann 1973 und zog sich über drei Jahrzehnte hin. In dieser Zeit wurden etwa 180 Gebäude saniert. Die finanzielle Dimension war gewaltig: Es wurden mehr als 50 Millionen Euro investiert.
Die Finanzierung erfolgte über ein klassisches Drittelmodell, wie es für Städtebauförderprogramme typisch ist: * Ein Drittel der Kosten trugen die Eigentümer. * Ein Drittel wurde durch das Land Hessen bereitgestellt. * Ein Drittel stammte aus dem Städtebauförderprogramm des Bundes und der Stadt Wiesbaden.
Dieses Finanzierungsvolumen illustriert das Engagement aller Ebenen. Besonders hervorzuheben ist die Rolle der Eigentümer, die trotz der hohen Eigenbeteiligung an den Sanierungsmaßnahmen mitwirkten. Gleichzeitig war die Stadt Wiesbaden durch ihre Dezernate involviert. So wurden beispielsweise für die Sanierung der Römerberg und Lehrstraße Kosten von rund 1,1 Millionen Euro veranschlagt, wobei die Stadt Wiesbaden wiederum ein Drittel übernahm.
Bilanz der Erfolgskontrolle: Städtebauliche und soziale Wirkungen
Nach Abschluss der wesentlichen Bauarbeiten wurde eine umfassende Erfolgskontrolle durchgeführt, die die Wirkungen der Sanierungsmaßnahmen in verschiedenen Untersuchungsbereichen bewertete. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild.
Städtebauliche Entwicklung und Wohnumfeld
Die Sanierung konnte die baulichen Mängel weitgehend beseitigen. Die Modernisierung der Bausubstanz, die energetische Aufwertung und die Verbesserung des Wohnumfelds waren zentrale Erfolge. Dennoch wiesen Stadtforscher auf einen weiterhin bestehenden oder neu aufgetretenen Modernisierungs- und Investitionsbedarf hin. Dies betraf insbesondere Fassaden, Dächer, Energieeinsparungen und Heizungsanlagen. Selbst nach Jahrzehnten der Sanierung ist der Investitionszyklus im Wohnungsbau nie abgeschlossen.
Wohnverhältnisse und Eigentumsstruktur
Die Veränderung der Wohnverhältnisse war massiv. Ein entscheidender Punkt war die Entwicklung der Eigentumsquote. Im Jahr 1968 lag der Anteil von Wohnungseigentümern bereits bei nur 6,7 Prozent. Im Verlauf des Sanierungsprozesses verringerte sich dieser Wert sogar weiter auf lediglich 2,6 Prozent Ende 2015. Dies ist ein außergewöhnlich niedriger Wert, verglichen mit dem Stadtdurchschnitt von Wiesbaden (24,1 Prozent). Das Viertel ist damit überproportional stark von Mietern geprägt (97 Prozent der Wohnungen).
Die Sanierung führte auch zu einer signifikanten Veränderung im geförderten Wohnraum. Während der Anteil öffentlich geförderter Wohnungen 1968 bei nur 1,5 Prozent lag, stieg er durch die Sanierungsmaßnahmen massiv an. Zwischen 1998 und 2003 lag der Anteil bei 66 Prozent. Das bedeutete, dass zwei Drittel der Wohnungen Mietpreis- und Belegungsbindungen unterlagen, was den sozialen Ausgleich sicherte.
Durch das Auslaufen von Bindungsfristen reduzierte sich dieser Anteil bis 2012/13 auf 57 Prozent. Die Prognose lautet: Mit weiterem Auslaufen der Bindungen ist mit Mietpreissteigerungen zu rechnen, sowie möglichen Verkäufen und Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen.
Soziale Strukturen und Bevölkerungsentwicklung
Die sozialen Auswirkungen der Sanierung waren tiefgreifend. Der Prozess der Sanierung und die damit verbundene Umquartierung führten zu einer Abwanderung vieler ursprünglicher Bewohner. Viele kehrten nicht mehr ins Viertel zurück. Dies hatte direkte Konsequenzen für die Bürgergemeinschaft: Ein ehemals aktiver Verein, der sich stark in die Sanierung eingemischt hatte und zeitweise 160 Mitglieder zählte, löste sich auf. Zuletzt hatte er nur noch knapp über 40 Mitglieder, von denen nur die Hälfte aus dem Viertel kam.
Die demografische Struktur veränderte sich ebenfalls. Rund 40 Prozent der insgesamt knapp 3800 Bewohner des Bergkirchenviertels haben heute einen Migrationshintergrund. Dies spiegelt eine typische Entwicklung in aufgewerteten Innenstadtlagen wider, bei der sich die soziale Zusammensetzung durch veränderte Mietstrukturen und Zuzug verschiebt.
Die Abschlussphase: Der „letzte Schliff“
In den 2010er Jahren näherte sich das Sanierungsprogramm seinem Ende an. Die Stadt konzentrierte sich auf die Fertigstellung der verbliebenen Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere auf die Straßen Römerberg und Lehrstraße. Mit deren Fertigstellung wäre nach mehr als 30 Jahren das Städtebauförderungsprogramm „Sanierung An der Bergkirche“ offiziell abgeschlossen.
Dieser „letzte Schliff“ symbolisierte den Übergang von einer aktiven, staatlich geförderten Sanierungsphase hin zur normalen Unterhaltung und Instandhaltung der Bausubstanz. Die Planungsdezernate arbeiteten dabei eng mit den Finanzierungsprogrammen des Landes und des Bundes zusammen, um die notwendigen Mittel für die Endphase zu sichern.
Fazit
Die Sanierung des Bergkirchenviertels in Wiesbaden ist ein Paradebeispiel für die Komplexität städtebaulicher Erneuerung über lange Zeiträume. Der Prozess zeigte, dass radikale Neuplanungen (wie die von Ernst May) an den realen Gegebenheiten und dem Widerstand der Anwohner scheitern können, während ein behutsamerer Ansatz den Charakter eines Viertels bewahren kann, aber auch neue soziale Herausforderungen mit sich bringt.
Die Investitionssumme von über 50 Millionen Euro und die Beteiligung von Bund, Land und Stadt sowie der Eigentümer haben die Bausubstanz grundlegend modernisiert. Die Wohnbedingungen wurden verbessert, das Wohnumfeld aufgewertet. Gleichzeitig führte der Sanierungsprozess zu einer Verschiebung der sozialen Struktur und einer extrem niedrigen Eigentumsquote, was die Vulnerabilität des Viertels gegenüber Mietsteigerungen erhöht, sobald die Förderbindungen auslaufen.
Für die Bau- und Immobilienbranche bleibt die Erkenntnis, dass Sanierung immer auch ein gesellschaftlicher Prozess ist. Die langfristige Finanzierung, die Kontrolle der Modernisierungsrückstände und die Begleitung der Mieterentwicklung sind ebenso wichtig wie die physische Erneuerung von Fassaden und Dächern. Das Bergkirchenviertel steht heute als ein revitalisiertes, aber in seiner sozialen Zusammensetzung verändertes Quartier da, dessen Sanierungslauf mit dem „letzten Schliff“ an den Straßen Römerberg und Lehrstraße seinen formalen Abschluss fand.
Quellen
- Sanierung im Bergkirchenviertel. Zwischenbilanz und Perspektiven für die Abschlußphase
- Stadtlexikon Wiesbaden: Bergkirchenviertel
- Gutachten zur Vorbereitung der Sanierung des Bezirks "Bergkirche"
- Letzter Schliff fürs Katzeloch
- Verbesserungen der Wohnverhältnisse im Sanierungsgebiet an der Bergkirche