Das Haus-in-Haus-Konzept: Denkmalschutz und moderne Tragwerksplanung bei der Sanierung des BMW-Parkhauses in München

Die Sanierung von historischen Gebäuden stellt die Bauindustrie vor besondere Herausforderungen, insbesondere wenn es sich um denkmalgeschützte Bauten handelt, die hohen strukturellen Schäden aufweisen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche komplexen Revitalisierung ist das historische Parkhaus der BMW Group in München. Dieses Projekt demonstriert eindrucksvoll, wie durch innovative Planung und ein spezielles „Haus-in-Haus-Konzept“ moderne Anforderungen an Stabilität, Brandschutz und Parkkapazität mit dem Erhalt architektonischen Kulturguts in Einklang gebracht werden können. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen und planerischen Maßnahmen dieser Generalsanierung, die als Leitfaden für ähnliche Vorhaben im Bereich der Bauwerkssanierung dienen kann.

Einordnung des Objekts und Ausgangslage

Das historische Parkhaus in München ist ein städtebaulich prägender Bestandteil des Ensembles der BMW Group-Werke. Es wurde zwischen 1969 und 1971 nach Plänen des Architekten Karl Schwanzer errichtet und bildet zusammen mit dem als „Vierzylinder“ bekannten Verwaltungsgebäude und dem BMW-Museum ein architektonisches Gesamtkunstwerk. Das siebengeschossige Bauwerk in Betonbauweise steht seit 1999 unter Denkmalschutz.

Im Laufe der Jahrzehnte kam es zu erheblichen Schäden, die eine Sanierung unumgänglich machten. Eine Analyse des Bauzustands ergab, dass die Tragkonstruktion so stark beschädigt war, dass eine bloße Instandsetzung nicht ausreichte. Quellen sprechen davon, dass das Gebäude nur noch „zurückgebaut“ werden konnte. Dieser Zustand erforderte eine radikale, aber denkmalgerechte Lösung, um die Sicherheit zu gewährleisten und die Nutzung als Parkhaus fortzuführen.

Herausforderungen bei der Sanierung

Die Planung und Durchführung der Sanierung oblagen einer Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus SAA Schweger Architekten und dem pbr Planungsbüro Rohling. Vor der Ausführung standen die Planer vor mehreren zentralen Herausforderungen, die sich aus der Denkmalschutzverordnung sowie aus technischen und funktionalen Anforderungen ergaben.

1. Denkmalschutz und Erhalt der Fassade

Die primäre Anforderung war der Erhalt des Erscheinungsbildes des historischen Baus. Die äußere Hülle, bestehend aus Betonfertigteilen, musste im Wesentlichen erhalten bleiben. Dies stellte eine große Herausforderung dar, da die Fassade mit der Tragkonstruktion verbunden war, die entfernt werden musste. Um die historischen Fassadenelemente zu sichern, wurden diese vor Ort großteils erhalten und gesichert. Ein vollständiger Abriss der Fassade kam nicht in Frage, da sie wesentlich für das architektonische Gesamtbild des Ensembles ist.

2. Strukturelle Schäden

Die ursprüngliche Tragkonstruktion aus Beton war derart geschwächt, dass sie die aktuellen Anforderungen nicht mehr erfüllen konnte. Eine Verstärkung oder Sanierung im herkömmlichen Sinne war nicht möglich. Die Lösung bestand darin, die alte Tragstruktur komplett zu entfernen und durch ein neues, hochmodernes Tragwerk zu ersetzen.

3. Brandschutzanforderungen

Ein entscheidender Faktor war die Gewährleistung der Sicherheit. Für ein offenes Parkhaus schreiben Brandschutzvorschriften eine natürliche Belüftung vor. Die ursprüngliche, geschlossene Bauweise erfüllte diese Anforderung nicht. Um eine ausreichende Luftzirkulation (Be- und Entlüftung) zu gewährleisten, musste ein Abstand zwischen der alten Fassade und dem neuen Gebäudeinneren geschaffen werden. Dieser Luftspalt dient der Sicherstellung der natürlichen Rauchabzüge im Brandfall.

Das Haus-in-Haus-Konzept als zentrale Lösung

Um alle genannten Anforderungen zu erfüllen, entschieden sich die Planer für ein sogenanntes „Haus-in-Haus-Konzept“. Dieses Vorgehen ist ein Paradebeispiel für die Revitalisierung von Denkmälern, bei denen die Substanz des Originalbaus als Schale genutzt wird, während im Inneren ein vollständig neues Bauwerk entsteht.

Funktionsweise des Konzepts

Bei diesem Ansatz bleibt die denkmalgeschützte Südfassade sowie Teile der Ost- und Westfassade vollständig erhalten. Sie fungiert nun als äußere Hülle (Schale). Der eigentliche Parkhausneubau wurde als separates Bauwerk im Inneren dieser Hülle errichtet. Dieses neue Bauwerk ist als Stahlverbundtragwerk ausgeführt.

Durch den Einbau einer Fuge zwischen der historischen Fassade und dem neuen Stahltragwerk wird der geforderte Brandschutzabstand realisiert. Diese Fuge stellt die notwendige Belüftungsfläche her und trennt die Brandlasten des neuen Gebäudes von der historischen Bausubstanz. Gleichzeitig ermöglicht diese Trennung, dass sich das neue Tragwerk unabhängig vom alten Fassadenbestand verhalten kann (z. B. bei Setzungen oder Temperaturdehnungen).

Das neue Tragwerk

Das neue Tragwerk ist als Stahlverbundtragwerk konzipiert. Dieses Material ist besonders stabil und ermöglicht große Spannweiten bei gleichzeitig geringer Bautiefe, was für die effiziente Anordnung von Parkplätzen entscheidend ist. Das neue Gebäude wurde auf einer Höhe von sieben Geschossen neu errichtet. Es kommt die sogenannte Splitlevel-Bauweise zur Anwendung. Dabei werden Halbebenen auf jeder Etage verwendet, was eine effizientere Stellplatzanordnung und Verkehrsführung ermöglicht und die Steigung der Rampen reduziert.

Technische Maßnahmen und Bauphysik

Die Umsetzung des Projekts erforderte präzise technische Maßnahmen, die im Folgenden detailliert beschrieben werden.

Sicherung der Bestandsfassade

Vor dem Einbau des neuen Tragwerks war eine aufwändige Sicherung der alten Fassade notwendig. Da die Fassade nicht mehr mit der Tragkonstruktion verbunden war, musste sie temporär abgestützt werden. Berichte erwähnen, dass eine temporäre Stahlkonstruktion aufgebaut wurde, um die Fassade während der Abriss- und Neubauphase zu stabilisieren. Nach Abschluss der Neubaumaßnahmen wurde diese temporäre Sicherung entfernt.

Anpassung der Kapazität

Ein Ziel der Sanierung war die Erhöhung der Parkkapazität. Während der Bestandsbau etwa 1.480 Stellplätze bot, ermöglichte das neue Konzept eine Steigerung auf insgesamt 1.600 Stellplätze. Dieser Zuwachs wurde durch die optimierte Splitlevel-Bauweise und die effizientere Nutzung der Grundfläche unter der denkmalgeschützten Fassade erreicht.

Wiederverwendung von Materialien

Um die Nachhaltigkeit zu fördern und den Denkmalcharakter zu wahren, wurden Teile der alten Brüstungselemente demontiert und nach der Sanierung an der Süd- und Westfassade wiederverwendet. Dies unterstreicht den ressourcenschonenden Ansatz des Vorhabens.

Der Abschluss der Fassade

Eine besondere gestalterische und technische Herausforderung war die Dachfläche. Der Neubau ragt über die denkmalgeschützte Außenwand hinaus. Diese Überkragung wurde durch eine geschwungene Lochblechkonstruktion gelöst, die sich vom Bestand absetzt und die Weiterentwicklung der Architektur sichtbar macht, ohne den Denkmalcharakter zu verletzen.

Vergleich der Bauweisen: Alt vs. Neu

Um die technische Weiterentwicklung zu verdeutlichen, hilft ein Vergleich der ehemaligen und der neuen Bauweise:

Merkmal Ursprünglicher Zustand (1971) Sanierter Zustand (Neubau in Schale)
Tragwerk Betonbauweise (massiv) Stahlverbundtragwerk (leichter, stabiler)
Fassade Tragend und witterungsbeständig Nichttragend, reine Schale (Denkmalschutz)
Belüftung Geschlossen (natürliche Belüftung kaum gegeben) Offen mit Fuge (natürliche Belüftung gewährleistet)
Bauweise Ebenen Splitlevel (Halbebenen für optimierte Stellplatznutzung)
Kapazität Ca. 1.480 Stellplätze 1.600 Stellplätze

Allgemeine Aspekte der Parkhaussanierung

Das BMW-Parkhaus-Projekt zeigt eine Extremform der Sanierung. Im Allgemeinen umfasst eine Parkhaussanierung jedoch ein breites Spektrum an Maßnahmen, die auch für private oder kleinere Gewerbe-Parkhäuser relevant sind. Laut den vorliegenden Informationen können folgende Bereiche einer Standardparkhaussanierung (ohne Denkmalschutz-Kontext) umfasst sein:

  • Strukturelle Reparaturen: Überprüfung und Instandsetzung von Rissen im Beton, Korrosionsschutz von Stahlkonstruktionen und Verstärkung der Tragfähigkeit.
  • Oberflächenrenovierung: Erneuerung von Bodenbelägen, Aufbringen neuer Markierungen und Leitsystemen zur besseren Orientierung.
  • Beleuchtung und Sicherheit: Einbau energieeffizienter LED-Systeme, Überwachungskameras, Alarmsysteme und Notrufsäulen zur Erhöhung der Nutzersicherheit.
  • Barrierefreiheit: Anpassung von Rampen, Aufzügen und Parkplätzen für Menschen mit Behinderung gemäß den geltenden Bauvorschriften.
  • Entwässerung: Modernisierung der Gefälleflächen und Ableitssysteme, um Schäden durch stehendes Wasser zu vermeiden.
  • Nachhaltigkeit: Integration von Photovoltaik-Anlagen oder Ladesäulen für Elektrofahrzeuge.

Im Fall des BMW-Parkhauses waren diese Maßnahmen (wie z. B. neue Bodenbeläge, Beleuchtung und Sicherheitssysteme) ebenfalls Teil der Generalsanierung, wurden jedoch in das neu errichtete Stahltragwerk integriert.

Fazit

Die Sanierung des BMW-Parkhauses in München stellt einen Meilenstein in der modernen Denkmalpflege und im Hochbau dar. Die Entscheidung für das „Haus-in-Haus-Konzept“ war der Schlüssel zum Erfolg. Es ermöglichte den vollständigen Ersatz einer schadhaften Tragkonstruktion durch ein hochleistungsfähiges Stahlverbundtragwerk, ohne die historische Fassade – ein wesentlichen Teil des Ensembles der BMW-Werke – zu opfern.

Die Maßnahmen, geleitet von SAA Schweger Architekten und dem pbr Planungsbüro Rohling, zeigen eine hohe technische Kompetenz. Besonders die Lösung der brandschutztechnischen Anforderungen durch den Einbau einer Belüftungsfuge und die Umsetzung der Splitlevel-Bauweise zur Steigerung der Parkkapazität auf 1.600 Plätze sind hervorzuheben. Für Bauherren und Planer ist dieses Projekt ein lehrreiches Beispiel dafür, wie Innovation und Respekt vor historischer Bausubstanz nicht im Widerspruch stehen müssen. Die Sicherung der alten Fassade durch temporäre Stahlkonstruktionen und die spätere Integration moderner Technik in die historische Hülle setzen Maßstäbe für zukünftige Sanierungsprojekte im Bestand.

Quellen

  1. Industriebau Online
  2. Arcguide
  3. Bundesbaublatt
  4. Baumeister
  5. Schweger Architects
  6. DBZ
  7. Schaedla Beton

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