Die Infrastruktur in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere die Verbindungen zur Urlaubsinsel Usedom, steht im Fokus intensiver Bau- und Sanierungsmaßnahmen. Im Zentrum dieser Entwicklungen steht die Peenebrücke in Wolgast. Als eine der wichtigsten Verkehrsadern der Region verbindet sie den Festlandkreis Vorpommern-Greifswald mit der Insel Usedom. Die Brücke ist nicht nur für den Urlaubsverkehr von entscheidender Bedeutung, sondern auch ein historisches und technisches Bauwerk, das regelmäßig instand gehalten und modernisiert werden muss. Neben laufenden Sanierungsarbeiten an der bestehenden Klappbrücke plant der Bund den Bau einer völlig neuen, hochwertigen Hängebrücke im Zuge einer Umgehung, um die Verkehrsproblematik in Wolgast langfristig zu lösen.
Dieser Artikel beleuchtet die jüngsten Sanierungsarbeiten, die technischen Herausforderungen der bestehenden Brücke sowie die ambitionierten Pläne für den Neubau, der die Verkehrsführung in der Region grundlegend verändern soll.
Die Sanierung der bestehenden Peenebrücke: Erhaltung einer vitalen Verkehrsader
Die Peenebrücke in Wolgast, eine 256 Meter lange Klappbrücke aus dem Jahr 1996, ist eine kritische Komponente der Bundesstraße B 111. Aufgrund ihrer hohen verkehrlichen Bedeutung und ihres Alters sind regelmäßige Prüfungen und Instandsetzungen unerlässlich, um die Standsicherheit, Dauerhaftigkeit und Verkehrssicherheit zu gewährleisten.
Die Notwendigkeit von Instandsetzungsarbeiten
Bei Bauwerksprüfungen in den Jahren 2016 und 2019 wurden Schäden an den Über- und Unterbauten festgestellt, die eine umfassende Instandsetzung des Gesamtbauwerks erforderten. Diese Mängel beeinträchtigten die Standsicherheit und machten Sanierungsmaßnahmen zwingend notwendig. Um die hohe Verkehrsbedeutung der Brücke zu berücksichtigen, wurde ein Konzept erarbeitet, das den Bauablauf optimiert und gleichzeitig den Verkehrsfluss bestmöglich sicherstellt. Ziel war es, insbesondere in der Ferienreisezeit, Verkehrsraumeinschränkungen zu vermeiden.
Durchführung der Sanierung in Bauabschnitten
Die Sanierung erfolgte in drei geplanten Bauabschnitten, um die Auswirkungen auf den Verkehr so gering wie möglich zu halten.
- Erster Bauabschnitt (2018): Im Jahr 2018 wurden die Unterbauten der Brücke erneuert. Dies war ein grundlegender Schritt zur Sicherung der Standsicherheit.
- Zweiter Bauabschnitt (2022 und 2023): In diesem Zeitraum wurden defekte Fahrbahnübergänge, das Brückengeländer und der abgenutzte Fahrbahnbelag saniert. Besonderes Augenmerk lag hier auf der Verkehrssicherheit und der Dauerhaftigkeit der Oberflächen.
- Dritter Bauabschnitt: Die Quellen nennen einen dritten Bauabschnitt, gehen aber nicht detailliert auf dessen Inhalt ein.
Technische Herausforderungen: Die Hydraulik der Klappbrücke
Da es sich bei der Peenebrücke um eine Klappbrücke handelt, ist der Erhalt der Mechanik ein wesentlicher Bestandteil der Instandhaltung. Die Brücke muss regelmäßig für den Schiffsverkehr geöffnet werden. Im Jahr 2024 fanden dringende Wartungsarbeiten an der Hydraulikanlage statt.
Im Zuge dieser Maßnahme, die schneller als geplant abgeschlossen werden konnte, wurden rund 7.000 Liter Hydrauliköl getauscht sowie Teile der Hydraulik erneuert. Der Grund für den Austausch war das altersbedingt unzuverlässig gewordene Öl. Diese Arbeiten waren notwendig, um die Funktionsfähigkeit des Klappmechanismus zu gewährleisten. Die Kosten für diese konkrete Sanierungsmaßnahme beliefen sich auf rund 211.000 Euro.
Während der Arbeiten war eine einseitige Verkehrsführung notwendig, und die nächtlichen Vollsperrungen waren Teil der Bauphase. Die Arbeiten des Straßenbauamts Neustrelitz sorgten dafür, dass die Brücke nach Abschluss der Maßnahmen wieder vollständig und ohne Einschränkungen genutzt werden konnte. Zu Testzwecken wurde die Brücke im Anschluss mehrfach geklappt, um die einwandfreie Funktion der sanierten Anlage zu überprüfen.
Der geplante Neubau: Eine neue Verkehrsführung für Wolgast
Parallel zu den laufenden Erhaltungsarbeiten an der bestehenden Brücke plant der Bund den Bau einer völlig neuen Brücke im Zuge einer Umgehung der Stadt Wolgast. Diese Maßnahme ist aufgrund der extremen Verkehrsbelastung notwendig, die insbesondere in den Sommermonaten durch den Urlaubsverkehr auf die Insel Usedom entsteht.
Hintergrund und Zielsetzung der Ortsumgehung
Die Bundesstraße B 111 ist von Norden und von der A 20 die einzige Zufahrt zur zweitgrößten Insel Deutschlands. Dies führt dazu, dass Wolgast im Sommer unter starkem Durchgangsverkehr leidet. Die geplante 6,8 Kilometer lange Ortsumgehung soll die Bevölkerung von dieser Belastung entlasten. Der Verkehr soll künftig südöstlich um die Stadt Wolgast herumgeführt werden.
Ein entscheidender Vorteil des Neubaus ist der Verzicht auf einen Öffnungsmechanismus. Die bestehende Klappbrücke muss regelmäßig geöffnet werden, was zu Wartezeiten und Staus führt. Die neue Brücke wird als feste Überquerung ausgeführt, wodurch der Schiffsverkehr die Brücke unterqueren kann, ohne dass die Straße gesperrt werden muss.
Technische Spezifikationen der neuen Hängebrücke
Das geplante Bauwerk ist technisch ambitioniert und wird die größte Brücke ihrer Art in Europa sein, so das Landesamt für Straßenbau und Verkehr MV. Es handelt sich um eine sogenannte Zügelgurtbrücke (eine spezielle Form der Hängebrücke). Die technischen Daten sind beeindruckend:
- Typ: Zügelgurtbrücke (Hängebrücke)
- Gesamtlänge: 1,4 Kilometer
- Lichte Höhe über dem Peenestrom: 42 Meter
- Höhe der Pylone: 70 Meter
- Besonderheit: Kein Öffnungsmechanismus
Die große lichte Höhe von 42 Metern ist entscheidend für die Schifffahrt. Sie stellt sicher, dass auch größere Schiffe die Peene passieren können, ohne dass die Brücke geöffnet werden muss. Dies soll die Staus auf dem Festland und auf Usedom deutlich reduzieren.
Finanzierung und Kostenentwicklung
Die Finanzierung des Projekts war lange Zeit ungewiss, da die Kosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Während im Jahr 2021 noch von knapp 140 Millionen Euro die Rede war, belaufen sich die Gesamtkosten für die Ortsumgehung inzwischen auf rund 500 Millionen Euro.
Der Bund hat nun zugesagt, einen erheblichen Teil der Kosten zu übernehmen. Das Schweriner Wirtschaftsministerium teilte mit, dass 421 Millionen Euro für den Brückenneubau vom Bund bereitgestellt werden. Diese Zusage beendete die zuvor bestehenden Sorgen über die Finanzierbarkeit des Projekts. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) haben die Freigabe der Mittel angekündigt und damit die Weichen für die Realisierung gestellt.
Vergabe und Zeitplan
Nach der Finanzierungszusage folgte die Vergabe des Auftrags. Das Vergabeverfahren für den Neubau wurde von einer Bietergemeinschaft um das Schweizer Unternehmen Implenia Civil Engineering gewonnen.
Der Zeitplan für die Fertigstellung hat sich im Laufe der Planung mehrfach verschoben: * Ursprünglich wurde eine Fertigstellung für das Jahr 2026 genannt. * Später wurde ein Zeitpunkt für 2028 erwartet. * Nach aktuellen Planungen soll die Ortsumgehung Ende 2028 fertiggestellt sein.
Aktuell befindet sich das Projekt in der Phase der Abstimmung des Bauzeitenplans. Die Fachleute des beauftragten Unternehmens und die Straßenbau- und Verkehrsverwaltung des Landes MV stimmen die konkreten Arbeitsschritte und Bauzeiten für das komplexe Brückenbauwerk ab.
Zusammenfassung der Baumaßnahmen und Ausblick
Die Peenebrücke in Wolgast steht exemplarisch für die Herausforderungen des modernen Infrastrukturmanagements. Einerseits muss die bestehende Bausubstanz durch regelmäßige Sanierungen, wie den Austausch von Hydraulikkomponenten und die Erneuerung von Fahrbahnbelägen, erhalten werden. Diese Arbeiten sind mit erheblichen Kosten verbunden (z. B. 211.000 Euro für die Hydraulikwartung) und erfordern eine sorgfältige Planung, um den Verkehr nicht übermäßig zu beeinträchtigen.
Andererseits zeigt die Verkehrssituation in Wolgast, dass Erhaltungsmaßnahmen allein nicht ausreichen. Der massive Urlaubsverkehr auf die Insel Usedom erfordert eine strategische Verlagerung der Verkehrswege. Der geplante Neubau einer 1,4 Kilometer langen Zügelgurtbrücke ist eine Antwort auf diese Herausforderung. Mit einer Höhe von 42 Metern und ohne Öffnungsmechanismus verspricht das Projekt eine nachhaltige Entlastung für die Stadt Wolgast und eine deutliche Verbesserung der Verkehrsqualität auf der B 111.
Die Bereitstellung von 421 Millionen Euro durch den Bund unterstreicht die regionale Bedeutung des Projekts. Während die bestehende Klappbrücke aus dem Jahr 1996 noch einige Jahre ihre Dienste als vitaler Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur leisten wird, rückt der Bau der größten Brücke ihrer Art in Europa näher. Für Anwohner, Pendler und Urlauber bedeutet dies langfristig weniger Staus und eine modernere, leistungsfähigere Verbindung zum Festland.
Fazit
Die Peenebrücke Wolgast ist ein Paradebeispiel für den Kreislauf von Bau, Instandhaltung und Ersatzneubau in der Infrastruktur. Die jüngsten Sanierungsarbeiten an der Hydraulik und den Fahrbahnen haben gezeigt, dass der Erhalt alter Brücken ein sensibles und technisch anspruchsvolles Unterfangen ist, das hohe finanzielle Mittel und Expertise erfordert. Gleichzeitig verdeutlichen die Verkehrsprobleme in Wolgast die Grenzen alter Konzepte. Der geplante Neubau einer modernen Hängebrücke markiert einen entscheidenden Schritt zur Verbesserung der Verkehrssituation in der Region. Mit der nun gesicherten Finanzierung durch den Bund und einem klaren Zeitplan bis 2028 ist das Projekt ein zentrales Bauwerk für die Zukunft der Mobilität in Mecklenburg-Vorpommern.
Quellen
- NDR: Sanierungsarbeiten an Peenebrücke beendet
- Straßen MV: Instandsetzung Peenebrücke Wolgast
- Tagesschau: Wartungsarbeiten auf Peenebrücke vor Abschluss
- n-tv: Peenebruecke kommt – Bund gibt Finanzmittel frei
- NDR: Brücke über Peenestrom – Bund gibt Geld für Neubau in Wolgast frei
- Allgemeine Bauzeitung: Bund gibt Mittel für Peenebrücke frei, Auftrag vergeben