Denkmalsanierung in Dessau-Roßlau: Das Gebäudeensemble „An den Sieben Säulen“

Die Revitalisierung von historischer Bausubstanz stellt eine der zentralen Aufgaben im modernen Städtebau und im Immobiliensektor dar. Insbesondere in Städten mit reicher Industriegeschichte wie Dessau-Roßlau gewinnen Altbausanierungen an Bedeutung. Ein aktuelles, repräsentatives Beispiel für diese Entwicklung ist die umfangreiche Sanierung des Gebäudeensembles „An den Sieben Säulen“ im Dessauer Stadtteil Ziebigk. Dieses Projekt, initiiert und durchgeführt von der AOC Immobilien AG, steht exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen, die mit der Umwandlung gewerblicher und leerstehender Immobilien in modernes Wohnraumangebot verbunden sind. Der folgende Artikel beleuchtet den Verlauf, die technischen Aspekte und die historische Einordnung des Vorhabens, das in den vergangenen Jahren für erhebliche Aufmerksamkeit in der Region gesorgt hat.

Das Bauensemble und seine historische Bedeutung

Das Objekt befindet sich in der Puschkinallee 53 bis 57 und ist ein prägender Bestandteil des Kreisels „Sieben Säulen“. Die Gebäude entstanden in den 1930er Jahren und sind tief verwurzelt in der Industriegeschichte Dessaus. Laut den vorliegenden Informationen dienten die Wohnungen damals als Unterbringung für Angestellte der Junkerswerke. Diese Zuordnung unterstreicht die bauliche und soziale Verbindung zur einstigen Luftfahrtindustrie, die Dessau weltweit bekannt machte.

Ein besonderer Fokus der Sanierung liegt auf der Hausnummer 57. Dieses Gebäude steht unter Denkmalschutz und war über Jahrzehnte ein kultureller Ankerpunkt für die Bürger Ziebigks und der umliegenden Siedlung. Von 1941 bis 2009 beherbergte es die Buchhandlung von Elisabeth Neubert, die später von Regina Grosser weitergeführt wurde. Der Verlust dieser traditionsreichen Buchhandlung im Jahr 2009 markierte den Beginn einer Phase des Leerstands und der Unsicherheit bezüglich der Zukunft des Ensembles.

Planungen und Denkmalschutz

Die Zukunft des denkmalgeschützten Hauses war Gegenstand intensiver städtebaulicher Diskussionen. Im Jahr 2010 sprach sich der Stadtrat von Dessau-Roßlau ursprünglich für die Einrichtung eines Bauhaus-Besucherzentrums am Standort „Sieben Säulen“ aus. Diese Pläne sahen vor, die bestehende Bausubstanz abzureißen, um Platz für das neue Zentrum zu schaffen. Das zuständige Denkmalschutzamt lehnte einen Abriss jedoch im Jahr 2011 ab. Diese Entscheidung war entscheidend für den Erhalt der historischen Gebäude und legte den Grundstein für die spätere Sanierung und sinnvolle Nachnutzung.

Der Sanierungsprozess: Zwischen Baugenehmigung und technischen Herausforderungen

Das aktuelle Umbauprojekt wurde vor bald anderthalb Jahren (Stand der Berichterstattung) gestartet. Ziel des Investors AOC Immobilien ist eine komplette Sanierung und umfangreiche Umbaumaßnahmen, um in den Gebäuden 26 Wohnungen unterschiedlicher Größe sowie eine Gastronomie im Erdgeschoss zu schaffen. Doch der Weg zu diesem Ziel war steinig und von Verzögerungen geprägt.

Das Baugenehmigungsverfahren

Ein zentraler Faktor für den Zeitverzug war das komplexe Baugenehmigungsverfahren. Wie der Investor mitteilte, kam es zu Verzögerungen, da bei komplexen Altbausanierungen – insbesondere unter Denkmalschutz – ein zeitintensiver Abstimmungsbedarf besteht. Diese Abstimmungen umfassen in der Regel die Einhaltung von Vorgaben des Denkmalschutzes, Brandschutzbestimmungen sowie Anforderungen an die Statik und Energieeffizienz. Erst Ende September 2017, nach knapp zehn Monaten, wurde die Baugenehmigung erteilt. Diese Verzögerung hatte direkte Auswirkungen auf die Koordination der ausführenden Firmen, da deren Zeitpläne neu angepasst werden mussten.

Technische Hindernisse: Das Dachgeschoss und Holzschutz

Neben bürokratischen Hürden traten auch technische Herausforderungen auf, die den Fortschritt bremsten. Der Ausbau der Dachgeschosse erwies sich als schwieriger als geplant. Hier musste ein Gutachten eingeholt werden, da ein sanierungsbedingter Mehraufwand festgestellt wurde. Das Gutachten betraf vermutlich den Holzschutz im Dachstuhl. Ein solches Gutachten ist unerlässlich, um die Bausicherheit zu gewährleisten und Schädlingsbefall oder Fäulnis auszuschließen, bevor mit dem Ausbau fortgefahren wird.

Eine detaillierte Betrachtung der Baustelle im Januar (vermutlich 2020) zeigt die unmittelbaren Maßnahmen: Vor dem eingerüsteten Gebäudekomplex Puschkinallee 53 bis 55 lagen Holzlatten und Balken, die für das neue Dach vorgesehen waren. Architekt Stefan Frohnsdorf, dessen Büro Seelbach+Frohnsdorf seit Herbst 2019 die Baubetreuung übernommen hat, erklärte, dass das Holzschutzgutachten nur eine bestimmte Lösung zuließ. Konkret bedeutete dies, dass das alte Dach nicht saniert, sondern vollständig erneuert werden musste. Diese Maßnahme war notwendig, um die strukturelle Integrität des Gebäudes langfristig zu sichern.

Konzeption und Nutzungsstruktur

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten soll das Ensemble wieder mit Leben gefüllt werden. Das Konzept des Investors und des Architekturbüros sieht eine Mischung aus Wohnraum und Gewerbe vor, was in modernen Stadtentwicklungskonzepten als „Stadterneuerung“ bekannt ist.

Wohnraum und Ausstattung

Insgesamt entstehen 24 Wohnungen (nach anderen Angaben 26, was auf laufende Anpassungen hindeutet). Die Größenordnungen variieren, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen: * Die meisten Wohnungen in den Gebäuden Puschkinallee 53 bis 55 werden eine Größe zwischen 65 und 96 Quadratmetern aufweisen. * Besonders attraktiv sind die neuen Dachgeschosswohnungen, die zwischen 100 und 150 Quadratmetern groß geplant sind.

Ein architektonisches Highlight ist die Puschkinallee 53 bis 55, die an der Rückseite Balkone erhalten wird. Diese Maßnahme verbessert die Wohnqualität erheblich und nutzt die Fassadenstruktur für private Freisitze.

Gewerbliche Nutzung und Lagefaktor

Im Erdgeschoss des Ensembles ist eine Gastronomie vorgesehen. Diese Mischnutzung ist für die Belebung des Standortes essenziell. Die Architekten und der Investor sind zuversichtlich, dass sich trotz Leerstand der vergangenen Jahre schnell Mieter finden werden. Sie verweisen auf die herausragende Lage: Das Areal liegt an der Schnittstelle zwischen dem UNESCO-Welterbe Bauhaus und dem Dessauer Gartenreich. Die Nähe zum Georgenpark, zu den Meisterhäusern und zur Bauhausstätte sowie die fußläufige Erreichbarkeit von Apotheke und Bäcker in der Gropiusallee machen den Standort extrem wertvoll.

Einordnung in den städtebaulichen Kontext

Die Sanierung „An den Sieben Säulen“ ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer größeren Bewegung in Dessau-Roßlau. Die Stadt versucht, ihre historischen Wohnviertel zu revitalisieren und den Verfall aufzuhalten. Die vergangenen Jahrzehnte waren geprägt von Verwahrlosung und sinkender Einwohnerzahl in einigen Randlagen. Projekte wie die Internationale Bauausstellung (IBA) 2010 haben den Grundstein für eine Neubewertung gelegt. Auch wenn die IBA abgeschlossen ist, zeigt das Häuserbuch der Stadt Dessau, dass die Bitterfelder Straße und angrenzende Gebiete erhebliches Potential zur Weiterentwicklung bieten. Die Sanierung der Sieben Säulen ist ein konkreter Schritt, dieses Potential zu nutzen.

Die Rolle der Architekten und Bauunternehmen

Seit Herbst 2019 ist das Dessauer Architekturbüro Seelbach+Frohnsdorf für die Baubetreuung verantwortlich. Die Nähe des Büros zur Baustelle ermöglicht eine schnelle Reaktionszeit bei auftretenden Problemen. Stefan Frohnsdorf äußerte sich zuversichtlich über den Fortgang der Arbeiten: „Jetzt wird es zeitnah weitergehen.“ Trotz der anfänglichen Verzögerungen durch das Baugenehmigungsverfahren und die Gutachten wurde das Projekt nicht aufgegeben, sondern neu koordiniert. Dies zeigt die Entschlossenheit aller Beteiligten, das markante Ensemble endlich wieder zu beleben.

Zeitlicher Ablauf und Prognosen

Die ursprünglichen Planungen sahen eine Fertigstellung im zweiten Quartal 2019 vor. Aufgrund der beschriebenen Verzögerungen musste dieser Zeitplan jedoch nach unten korrigiert werden. Die Sanierung dauerte insgesamt rund ein Jahr länger als geplant. Der Investor gab jedoch an, dass nach der neuerlichen baulichen Koordination das Projekt nunmehr fortgesetzt wird. Die Aussage „Rund ein Jahr wird es noch dauern“ (Stand der früheren Meldung) lässt darauf schließen, dass man sich dem Ende der Bauphase nähert, auch wenn ein exaktes Abschlussdatum in den Quellen nicht eindeutig festgehalten ist, sondern nur grob prognostiziert wurde.

Bauhistorische Einordnung der Umgebung

Um die Bedeutung der Sanierung zu verstehen, lohnt ein Blick in die „Häuserbücher der Stadt Dessau“. Diese Publikationen (z.B. Band II/2 und II/3), verfasst von Günter Ziegler und Kathleen Neubert, beschreiben detailliert die Entwicklung der Dessauer Stadtviertel. Sie beleuchten die Geschichte von Hauseigentümern, Mietern und gewerblichen Nutzungen. Das Bahnhofsviertel und die angrenzenden Straßen wie die Elisabethstraße, die einst als „Klein-Manchester“ bekannt war und von Industrie und Gewerbe geprägt war, zeigen das Auf und Ab der Stadtentwicklung.

Die Gebäude in der Puschkinallee sind Relikte einer Zeit, in der Dessau durch die Luftfahrtindustrie und den Maschinenbau geprägt war. Die Nutzung als Angestelltenwohnungen für die Junkerswerke unterstreicht diese Verbindung. Heute gilt es, diese Bauten an moderne Wohnansprüche anzupassen, ohne ihren historischen Charakter zu zerstören. Die Entscheidung gegen den Abriss und für die Sanierung ist somit auch ein Denkmal der Stadtgeschichte.

Fazit

Die Sanierung des Gebäudeensembles „An den Sieben Säulen“ in Dessau-Roßlau ist ein Musterbeispiel für die Revitalisierung von Denkmalsubstanz unter schwierigen Bedingungen. Das Projekt, getragen von der AOC Immobilien und begleitet vom Architekturbüro Seelbach+Frohnsdorf, zeigt, dass der Erhalt historischer Gebäude mit modernen Wohnstandards vereinbar ist.

Die Herausforderungen waren vielfältig: Ein langwieriges Baugenehmigungsverfahren, die Anforderungen des Denkmalschutzes und technische Unwägbarkeiten beim Dachausbau, die ein spezielles Holzschutzgutachten erforderten, führten zu erheblichen Verzögerungen. Dennoch konnte das Projekt fortgesetzt werden und steht nun kurz vor dem Abschluss.

Mit der Schaffung von 24 bis 26 Wohnungen verschiedener Größenklassen, Balkonen und einer Gastronomie im Erdgeschoss wird das Ensemble eine neue Funktion im Stadtgefüge erhalten. Die Lage im Ziebigk, direkt an der Schnittstelle zum Weltkulturerbe, macht das Areal zu einem begehrten Standort. Die Sanierung trägt dazu bei, die Baulücken im Stadtbild zu schließen und die historische Struktur Dessaus zu erhalten. Für Bauherren und Investoren in vergleichbaren Projekten unter Denkmalschutz verdeutlicht das Vorhaben, wie wichtig realistische Zeitplanungen und die frühzeitige Einholung von Gutachten sind, um Kostenexplosionen und Verzögerungen zu minimieren.

Quellen

  1. MZ Dessau-Roßlau: Altbau im neuen Antlitz
  2. MZ Dessau-Roßlau: Zuerst ist das Dach dran
  3. Jonitzer Verlag: Häuserbuch der Stadt Dessau II/2
  4. Lehmanns: Häuserbuch der Stadt Dessau II/8
  5. Eurobuch: Häuserbuch der Stadt Dessau II/3

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