Einleitung
Das Wohnquartier am Candidplatz in München-Untergiesing befindet sich an einem zentralen, jedoch herausfordernden Standort direkt am Mittleren Ring. Eine aus den 1950er Jahren stammende Wohnanlage prägt das Areal, die über Jahrzehnte nicht mehr den aktuellen Anforderungen an zeitgemäßes Wohnen angepasst wurde. Der aktuelle Eigentümer, ein Investmentfonds der KGAL, verfolgt ein ambitioniertes Vorhaben: Die Sanierung des Bestands, die energetische und soziale Aufwertung sowie eine beträchtliche Nachverdichtung durch Neubauten. Ziel ist es, die Wohn- und Aufenthaltsqualität deutlich zu steigern und dringend benötigten Wohnraum zu schaffen.
Das Projekt ist jedoch komplex und wird von verschiedenen Aspekten begleitet: von architektonischen Entwürfen renommierter Büros über spezifische Förderauflagen der Stadt München bis hin zu Verzögerungen in der Umsetzung, die sogar zu einem Baugebot durch die Stadtverwaltung führten. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten des Vorhabens, basierend auf den verfügbaren Informationen.
Die Historie und die Ausgangssituation
Die Wohnanlage am Candidplatz wurde im Jahr 1952 errichtet. Seitdem fanden keine grundlegenden Modernisierungen mehr statt, was zu einem erheblichen Sanierungsstau führte. Die Anlage umfasst sowohl Wohn- als auch Büro- und Praxisflächen.
Bis zum Jahr 2010 war die Anlage Eigentum der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBW. In diesem Jahr verkaufte der Freistaat Bayern die gesamte Anlage an die Firma Rock Capital. Es folgten weitere Verkäufe, bis der Immobilienfonds der KGAL zum aktuellen Eigentümer wurde. KGAL erwarb 355 Wohneinheiten mit insgesamt rund 24.000 Quadratmeter Mietfläche. Das Gesamtgrundstück umfasst 9.883 Quadratmeter.
Die Ausgangssituation ist durch eine großflächige Baugrube geprägt. Ein Wohnblock an der Candidstraße wurde bereits abgerissen, was zur Entmietung der dortigen Mieter führte. Drei weitere Blöcke wurden bereits saniert, wobei die Mieten in diesen sanierten Einheiten deutlich erhöht wurden. Ein Sanierungsstau und eine unattraktive Bausubstanz, die durch eine grün-gelbe Lärmschutzwand geprägt war, charakterisieren den Ist-Zustand vor Beginn der umfassenden Maßnahmen.
Architektonische Planung und Neubauvorhaben
Das Projekt unterteilt sich in zwei Bauabschnitte. Der erste Abschnitt liegt entlang der Candidstraße, der zweite entlang der Krumpterstraße, Hans-Mielich-Straße und Agilolfingerstraße.
Die Sanierung des Bestands
Ein wesentlicher Teil des Projekts ist die Instandsetzung der bestehenden Bausubstanz. Von den ursprünglich neun Gebäuden, die einst als Ärzte- und Bürozentrum erbaut wurden, sollen sechs Gebäude saniert werden. Diese Sanierung umfasst die Kernsanierung von 151 Bestandswohnungen. Ziel ist es, die Wohnanlage den modernen Anforderungen anzupassen und die Wohnqualität zu verbessern.
Der Neubau und die Aufstockung
Zur Nachverdichtung und Qualitätssteigerung sind umfangreiche Neubaumaßnahmen geplant: * Aufstockungen: Im nördlichen Bereich des Quartiers, der als Kammbebauung ausgeführt ist, sind ein- bis zweigeschossige Aufstockungen des Bestandes vorgesehen. Durch diese Maßnahme wird zusätzlicher Wohnraum geschaffen, ohne die Grundfläche zu erweitern. * Abriss und Neubau im Süden: Die Randbebauung an der Candidstraße und die östliche Eckbebauung (Hans-Mielich-Straße 38 und 40) werden abgerissen und durch höheres Neubauprogramm ersetzt. * Schließen von Lücken: Bestehende Lücken in der Bebauung sollen geschlossen werden, um eine geschlossene Quartiersstruktur zu erreichen.
Ein besonderes architektonisches Highlight ist der geplante „Candid-Tor“-Turm. Nach den Plänen des niederländischen Architekturbüros MVRDV aus Rotterdam soll ein 64 Meter hoher Stapel-Turm entstehen. Dieser Turm besteht aus getürmten, versetzt angeordneten Blöcken und soll als neuer Blickfang und lokaler Identifikationspunkt dienen. Der Entwurf integriert Teile der bestehenden Achtzigerjahre-Architektur. Während die drei Gebäude, die sich direkt zum Candidplatz orientieren, abgerissen werden, bleibt der Rest der bestehenden Bausubstanz als Träger der neuen Funktionen erhalten.
Flächennutzung und Funktionen
Das Projekt „Wohnen am Candidplatz“ ist als gemischte Nutzung konzipiert. Die Geschossfläche beträgt insgesamt 17.200 m². Die Verteilung sieht wie folgt aus: * Wohnen: Der überwiegende Teil der Mietflächen (rund 24.000 m²) entfällt auf Wohnen. Insgesamt sind 355 Wohneinheiten geplant, davon 204 Neubauwohnungen und 151 kernsanierte Bestandswohnungen. * Gewerbe: Circa 1.400 m² sind für gewerbliche Nutzung vorgesehen. Hierzu gehören unter anderem ein Vollsortimenter (Supermarkt), eine Kita (Kinderkrippe), vier Künstler-Ateliers sowie Gastronomie und ein Fitnessstudio. * Infrastruktur: Die Integration einer Kinderkrippe ist explizit als Ziel genannt.
Immissionsschutz und städtebauliche Wirkung
Ein zentrales Argument für die geplante Höherentwicklung der Bebauung ist der Immissionsschutz. Das Quartier liegt direkt am stark befahrenen Mittleren Ring von München. Die bestehende, niedrige Bebauung bietet kaum Schutz vor Lärm und Abgasen.
Durch eine höhere Bebauung – teilweise bis zu acht Geschosse mit akzentuierten Aufstockungen auf neun Geschosse und einen zweigeschossigen Turm – soll eine Barriere gegen die Immissionen des Mittleren Rings geschaffen werden. Ziel ist es, für das Quartier selbst und das nördlich angrenzende Viertel einen spürbar verbesserten Schutz zu gewährleisten. Architektonisch soll statt der bisherigen Lärmschutzwand künftig qualitativ hochwertige Architektur den Raum prägen. Durch eine verschränkte Grundrissstruktur und bandartige Vorsprünge entstehen zudem abwechslungsreiche Fassaden und Blickbeziehungen zur Isar und in den ruhigen Innenhof.
Soziale Aspekte und Förderung
Das Projekt wird unter dem Aspekt der sozialen Verträglichkeit diskutiert. Die Stadt München hat einen 40-Prozent-Beschluss gefasst, der eine verbindliche Quote an gefördertem Wohnraum vorschreibt.
Im Zuge der Bauleitplanung genehmigte das Planungsreferat eine Befreiung vom gültigen Bebauungsplan, um die Anzahl der Wohnungen auf 355 zu erhöhen. Im Gegenzug verpflichtete sich der Investor, 69 Mietwohnungen in der „Einkommensorientierten Förderung“ (EOF) zu bauen. Diese Wohnungen sind für einkommensschwächere Haushalte vorgesehen.
Laut der Quelle [3] ist die soziale Struktur des Areals über Jahrzehnte gewachsen. Eine vollständige Neugestaltung unter sozialgerechten Aspekten wird als schwierig erachtet, da dies eine vollständige Entmietung erfordern würde. Der Investor KGAL betont in seinen Aussagen die Nachhaltigkeit des Projekts und die Verbindung von Bestandssanierung und energieeffizientem Neubau. Es ist jedoch festzuhalten, dass die geförderten Wohnungen laut Kritikern bislang nicht gebaut wurden.
Mobilitätskonzept
Die Lage des Quartiers gilt als hervorragend. Die U-Bahn-Station Candidplatz (Linie U1) befindet sich nur rund 100 Meter entfernt und bietet eine direkte Verbindung zum Herzstück Münchens. Um diese Anbindung zu optimieren und den Autofahrten entgegenzuwirken, ist ein modernes Mobilitätskonzept geplant: * Fahrradinfrastruktur: 750 geplante Fahrrad-Stellplätze. * Car-Sharing: Ein Angebot mit vier Elektro-PKWs. * Bike-Sharing: Ein Angebot mit E-Bikes.
Diese Maßnahmen sollen die hohe Dichte an Wohn- und Gewerbeeinheiten verkehrstechnisch entlasten.
Aktueller Stand und Verzögerungen: Das Baugebot
Trotz der weitreichenden Pläne und der Genehmigung von Förderungen gab es erhebliche Verzögerungen in der Umsetzung. Während drei Blöcke bereits saniert und abgerissen wurden, ruhten die Arbeiten auf dem restlichen Areal über einen längeren Zeitraum. Nach Informationen der Quelle [3] ist seit mehr als zwei Jahren auf der Baustelle nichts mehr passiert.
Dieser Zustand führte zu einem Eingreifen der Stadtverwaltung. Der Stadtrat beauftragte das Referat für Stadtplanung und Bauordnung, ein Verfahren gemäß §176 BauGB (Baugebot) einzuleiten. Ein Baugebot verpflichtet den Eigentümer, innerhalb einer gesetzten Frist mit der Bebauung zu beginnen oder zu einer bestimmten Fertigstellung zu gelangen. Die Stadt München fordert hiermit den Investor auf, die zugesagten geförderten Wohnungen und die Weiterentwicklung des Quartiers endlich voranzutreiben.
Zusammenfassung der Projektdaten
Um die Komplexität des Vorhabens übersichtlich darzustellen, folgt eine Zusammenfassung der relevanten Daten, die sich aus den Quellen extrahieren lassen:
| Merkmal | Daten / Beschreibung |
|---|---|
| Standort | Candidplatz, München-Untergiesing (Mittlerer Ring) |
| Eigentümer / Investor | Candid Immobilien Projekt GmbH & Co. KG (KGAL Fonds "Wohnen Core 3") |
| Baujahr Bestand | 1952 |
| Gesamtgrundstück | 9.883 m² |
| Gesamte Mietfläche | ca. 24.000 m² |
| Wohneinheiten Gesamt | 355 |
| - Bestandswohnungen (saniert) | 151 |
| - Neubauwohnungen | 204 |
| - Davon gefördert (EOF) | 69 Einheiten |
| - Davon frei finanziert | 135 Einheiten |
| Gewerbefläche | ca. 1.400 m² (u.a. Vollsortimenter, Kita, Ateliers, Gastronomie) |
| Geplante Geschossfläche | 17.200 m² |
| Höhe Neubau (Turm) | 64 Meter ("Candid-Tor" / Stapel-Turm) |
| Architektur | MVRDV Rotterdam (Neubau), Keller Damm Kollegen |
| Mobilität | 750 Fahrradstellplätze, Car-Sharing (4 E-Autos), Bike-Sharing |
| Rechtlicher Status | Baugebot nach §176 BauGB angeordnet (Stand: Quelle [3]) |
Fazit
Das Sanierungs- und Neubauprojekt am Candidplatz in München stellt ein signifikantes städtebauliches Vorhaben dar, das das Potenzial hat, einen vernachlässigten Stadtraum deutlich aufzuwerten. Durch die Kombination aus der Sanierung von 151 Bestandswohnungen und dem Bau von 204 neuen Wohnungen sowie gewerblichen Flächen wird eine Verdichtung erreicht, die in einer Metropole wie München notwendig ist.
Besonders hervorzuheben ist der architektonische Ansatz des Büros MVRDV, mit dem 64 Meter hohen „Candid-Tor“ ein neues Wahrzeichen zu schaffen, das gleichzeitig dem Immissionsschutz dient. Die Integration von sozialen Komponenten (69 geförderte Wohnungen) und modernen Mobilitätskonzepten zeigt ein zeitgemäßes Planungsverständnis.
Allerdings zeigt die Projektgeschichte auch die Schwierigkeiten bei der Umsetzung solcher Großprojekte. Die Tatsache, dass die Stadt München ein Baugebot erlassen musste, um den Investor zur Eile zu mahnen, unterstreicht die Notwendigkeit von klaren Fristen und Kontrollmechanismen bei der Bebauung von Baulücken. Für die betroffenen Anwohner und die Stadt bleibt zu hoffen, dass die Pläne nun zügig realisiert werden und der Candidplatz seinen Status als „unwirtlicher Ort“ verliert.