Die Restaurierung des Kapitols von Havanna: Ein Meisterwerk internationaler Denkmalpflege

Die Restaurierung des Kapitols (Capitolio) in Havanna ist eines der ambitioniertesten und komplexesten Bauvorhaben der modernen kubanischen Geschichte. Nach jahrelangen Sanierungsarbeiten, die von internationalen Experten und lokalen Fachkräften gemeinsam durchgeführt wurden, steht das Wahrzeichen der kubanischen Hauptstadt wieder in vollem Glanz. Der Prozess der Wiederherstellung dieses monumentalen Bauwerks, das 1929 eingeweiht wurde und als Sitz der Panamerikanischen Konferenz diente, war mit enormen Herausforderungen verbunden. Er umfasste nicht nur die statische Sicherung und ästhetische Aufwertung, sondern auch die Überwindung historischer und politischer Hürden. Die Sanierung des Kapitols ist ein Paradebeispiel für die Bedeutung von Denkmalpflege, internationalem Know-how und der Rolle von Experten in der Baubranche.

Historischer Kontext und politische Bedeutung des Bauwerks

Das Kapitol von Havanna ist mehr als nur ein architektonisches Juwel; es ist ein Symbol mit tiefen historischen Wurzeln. Erbaut im Stil des Neoklassizismus, wurde es von kubanischen Architekten entworfen, darunter Evelio Govantes und Félix Cabarroca. Mit einer Höhe von 92 Metern von der Basis bis zur Laterne der Kuppel überragte es bei seiner Fertigstellung sogar das US-Kapitol in Washington um drei Meter. Diese Dimension unterstreicht den Anspruch Kubas in jener Zeit.

Die Sanierung des Gebäudes war jedoch nicht nur ein technisches Projekt, sondern auch ein politisches Statement. Das Capitolio hatte über Jahrzehnte hinweg den Makel getragen, ein Symbol der Abhängigkeit von den USA zu sein. Durch die Initiative des ehemaligen Präsidenten Raúl Castro, der das Gebäude zum Nationaldenkmal erklärte, und die Arbeit des verstorbenen Stadthistorikers Eusebio Leal, wurde der Weg für eine Wiederbelebung als Sitz des kubanischen Parlaments geebnet. Wie in den Quellen betont wird, sorgten diese beiden Persönlichkeiten dafür, dass das Capitolio „den Makel verlor, ein Symbol der Abhängigkeit von den USA zu sein“. Leal, der die Sanierung koordinierte, argumentierte stets, dass das Bauwerk ein zutiefst kubanisches Gebäude sei, inspiriert von internationalen Vorbildern wie dem Panthéon in Paris und dem Petersdom in Rom, aber in seiner Essenz kubanisch. Diese Neudeutung war ein wesentlicher Bestandteil des Projekts.

Die Komplexität der Restaurierung: Ein „herkulisches“ Unterfangen

Experten sind sich einig, dass die Restaurierung eines bestehenden Gebäudes oft anspruchsvoller und teurer ist als der Neubau. Beim Kapitol von Havanna wurde dies auf die Spitze getrieben. Die Quellen beschreiben das Unternehmen als so komplex, dass es die mythischen „Zwölf Arbeiten des Herkules“ in den Schatten stellt. Es galt, eine Vielzahl von Menschen aus dem In- und Ausland zu überzeugen, zu verwalten und zu vereinen.

Der Erfolg dieser Mission wird als Ergebnis des „herkulischen Willens“ und der „hartnäckigen Hingabe“ von Eusebio Leal gewertet. Die Restaurierung wurde schließlich mit dem Nationalen Restaurierungspreis 2021 ausgezeichnet, was die außergewöhnliche Qualität der Arbeit unterstreicht. Die Arbeiten begannen bereits in den frühen 80er Jahren unter der Leal von Leal, nahmen aber in den letzten Jahren vor der Wiedereröffnung Fahrt auf.

Internationale Zusammenarbeit und deutsches Know-how

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Sanierung war die Einbindung internationaler Spezialisten und Unternehmen, die spezifisches Know-how mitbrachten, das vor Ort nicht verfügbar war. Besonders hervorzuheben ist die Beteiligung deutscher Firmen, die durch ihre Präzision und Qualität überzeugten.

Eine deutsche Firma, die MD Projektmanagement GmbH aus Thüringen, wurde mit der Restaurierung der Fassade beauftragt. Ihr Einsatz wurde als großer Vertrauensbeweis des „Oficina del Historiador“ (Büro des Historikers) gewertet. Die Deutschen fielen durch ihren Fleiß, Termintreue und die Qualität ihrer Arbeiten auf, was dem Stadthistoriker Dr. Eusebio Leal Spengler imponierte. Michael Diegmann, ein Experte des Unternehmens, betonte, dass das Kapitol hinsichtlich Konstruktion und Bauweise ein einzigartiges Meisterwerk sei, das eine fachmännische Restaurierung verdiene.

Deutsche Spezialisten waren zudem maßgeblich an der Vergoldung der Kuppel beteiligt. Nachdem die Struktur des großen Gewölbes verstärkt und die beschädigten Kupferplatten ersetzt wurden, war die endgültige Vergoldung eine Kunst für sich. Hier kamen Spezialisten aus Russland zum Einsatz, die, wie Eusebio Leal erklärte, „wie nur wenige andere die Kunst der Vergoldung von Metallen kennen, wie sie in russischen Kirchen und Kathedralen zu sehen ist“. Diese internationale Kooperation verdeutlicht den hohen Standard, der angestrebt wurde.

Technische Herausforderungen und handwerkliche Lösungen

Die Sanierung des Kapitols stellte die beteiligten Handwerker und Ingenieure vor immense technische Herausforderungen. Neben der statischen Sicherung und der Vergoldung der Kuppel mussten die Natursteinflächen der Fassade aufwändig saniert werden.

Für die Restaurierung der Natursteine setzte die Firma Romstedt Kirchheim einen speziell entwickelten Mörtel ein. Dieser Mörtel besitzt eine Acrylharzdispersion als Bindemittel und wurde eigens für die Bedingungen in Havanna mit vier Farbabstufungen konzipiert. Ziel war es, die ursprüngliche Optik zu erhalten und gleichzeitig die Bausubstanz langfristig zu schützen. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Funktionalität der Fassade: Durch die sorgfältige Ausführung bleibt die Fassade auch bei tropischem Starkregen weitgehend trocken, was Feuchteschäden verhindert.

Die handwerkliche Leistung wurde auf internationaler Ebene gewürdigt. Auf der Messe „denkmal“ im November 2016 in Leipzig erhielt die Firma Romstedt Kirchheim den Bernhard-Remmers-Preis in der Kategorie „International“. Die Jury hob den Kontrast zwischen den noch nicht restaurierten und den bereits abgeschlossenen Bereichen hervor, was die Herausforderungen und die Qualität der geleisteten Arbeit verdeutlichte.

Die Rolle von Frauen in der kubanischen Denkmalpflege

Während Eusebio Leal als die treibende Kraft und das öffentliche Gesicht der Sanierung galt, steht dahinter ein Team, das von Frauen dominiert wurde. Ein Buch mit dem Titel „Frauen erneuern Havanna“ macht darauf aufmerksam, dass die Altstadtsanierung auf Kuba in weiblicher Hand lag.

Marisol Marrero Oliva, eine Bauingenieurin, koordinierte das repräsentative Projekt im Namen des wichtigsten Architekturbüros für Sanierungsaufträge in Havanna, „Restaura“. Dieses Büro beschäftigt rund 220 Mitarbeiter, von denen über 60 Prozent Frauen sind. Diese Struktur ist bemerkenswert und unterstreicht die Bedeutung von Fachfrauen in einem traditionell von Männern dominierten Sektor. Sie waren es, die die operativen Aufgaben mit Bravour lösten und die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wie den Deutschen organisierten.

Zeitplan, Kosten und die Wiedereröffnung

Die Arbeiten am Kapitol begannen 2008 und zogen sich über mehrere Jahre hin. Acht Jahre nach Beginn der Restaurationsarbeiten öffnete das Kapitol im März 2018 wieder für die Öffentlichkeit. Seitdem können Besucher in Gruppen von bis zu 15 Personen Führungen durch die Hallen buchen, die vom Büro des Stadthistorikers organisiert werden.

Die Sanierung sollte ursprünglich bis Ende 2019 abgeschlossen sein. In diesem Zeitraum fand auch die feierliche Einweihung zum 500. Jahrestag der Gründung von Havanna im November 2019 statt. Zu diesem Anlass wurde das Standbild der Republik, eine 15 Meter hohe vergoldete Frauenfigur im Inneren, nach fast einjährigen Reparaturen neu vergoldet eingeweiht.

Offiziell wurde der neue Parlamentssitz bereits im November 2016 eingeweiht, jedoch tagte das kubanische Parlament (Nationalversammlung) zunächst weiterhin im Palacio de la Convenciones. Raúl Castro äußerte sich dazu, dass man nicht bis zur Eröffnung des Südflügels warten wolle, um den Umzug des Parlaments durchzuführen. Dies zeigt, dass auch nach der Haupteröffnung noch Arbeiten an Teilen des Gebäudes anstanden.

Das Projekt ist ein millionenschweres Vorhaben, dessen exakte Kosten in den vorliegenden Quellen nicht detailliert aufgeschlüsselt werden, dessen Aufwand jedoch anhand der internationalen Beteiligung und der langen Dauer abzuschätzen ist.

Fazit

Die Restaurierung des Kapitols von Havanna ist ein beeindruckendes Beispiel für moderne Denkmalpflege, die Tradition mit modernen Techniken verbindet. Das Gelingen des Projekts ist einer Kombination aus politischem Willen, der Vision von Eusebio Leal und der Expertise internationaler sowie lokaler Fachkräfte zu verdanken.

Wichtige Erkenntnisse für die Bau- und Renovierungsbranche sind: * Bedeutung von Spezialwissen: Die Nutzung spezifischer Produkte und Techniken, wie des speziell entwickelten Mörtels oder der Vergoldungstechniken durch russische Experten, war essenziell. * Internationale Kooperation: Deutsche Unternehmen leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Qualitätssicherung, insbesondere im Bereich der Fassadensanierung. * Rolle der Denkmalbehörden: Die Koordination durch das „Oficina del Historiador“ und die Einbindung von Experten wie Marisol Marrero Oliva sicherten die fachliche Leitung. * Nachhaltigkeit: Durch die sorgfältige Sanierung wird die Lebensdauer des historischen Bauwerks erheblich verlängert, Feuchteschäden werden minimiert.

Das Kapitol steht nun wieder als Symbol für den kubanischen Stolz und die Fähigkeit, historische Bauten zu erhalten, und ist ein Anziehungspunkt für Touristen und Locals gleichermaßen. Die imposante Kuppel, befreit von den Plastikbahnen, strahlt wieder in neuem Glanz und markiert den Abschluss eines der bedeutendsten Restaurierungsprojekte der Karibik.

Quellen

  1. NZZ: Altstadtsanierung in Havanna
  2. Kubakunde: Havannas Kapitol zeigt wieder seine goldene Kuppel
  3. Cubaheute: Havannas Kapitol ist wieder für Besucher geöffnet
  4. ND-Aktuell: Frauen erneuern Havanna
  5. Bauhandwerk: Restaurierung des Kapitols in Havanna
  6. Cuba Travel: Das Kapitol von Havanna

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