Dharavi Sanierung: Analyse eines Megaprojekts zwischen Stadterneuerung und sozialen Risiken

Die Sanierung von Dharavi, einem der größten Slums Asiens, stellt eines der ambitioniertesten und umstrittensten städtebaulichen Projekte Indiens dar. Gelegen im Herzen der Wirtschaftsmetropole Mumbai, steht dieses Mega-Projekt im Spannungsfeld zwischen urbaner Erneuerung, wirtschaftlichen Interessen und den sozialen Rechten seiner Bewohner. Für Immobilieninvestoren, Stadtplaner und Bauunternehmen bietet der Fall Dharavi tiefe Einblicke in die Komplexität von Slum-Sanierungsprogrammen in Schwellenländern, die Rolle privater Entwickler und die Herausforderungen bei der Integration informeller Siedlungen in die formelle Stadtstruktur.

Der geographische und wirtschaftliche Kontext

Dharavi liegt nur 5,5 Kilometer vom Bandra Kurla Complex (BKC) entfernt, dem Geschäftsviertel Mumbais, das als Hub für multinationale Unternehmen, Diamant- und Finanzmärkte dient. Diese zentrale Lage macht das Gebiet zu einem der wertvollsten Baulandreserven in Mumbai. Die Immobilienpreise in der Wirtschaftsmetropole zählen zu den höchsten der Welt, und der Boden von Dharavi ist ein enormes Vermögen wert. Was im 19. Jahrhundert eine sumpfige Abfallhalde am Nordrand der Stadt war, befindet sich heute mitten im Herzen der Metropole.

Die wirtschaftliche Bedeutung Dharavis geht jedoch über den reinen Grundstückswert hinaus. Der Slum fungiert als Drehscheibe für verschiedene kleine Branchen weltweit. Die Geographie erzählt eine Geschichte der Transformation, in der die informelle Siedlung durch ihre Lage zwischen dem Geschäftsviertel BKC und dem Flughafen strategische Relevanz erlangt hat. Diese Entwicklung hat zu dem Verdacht geführt, dass die Sanierung darauf abzielt, Dharavi zu einem Anhang des BKC zu machen und die Bewohner in andere Gebiete umzusiedeln.

Masterplan und rechtliche Struktur

Am 28. Mai 2023 gab das Büro des Ministerpräsidenten von Maharashtra, Devendra Fadnavis, bekannt, dass die Landesregierung den Masterplan von Dharavi akzeptiert habe. SVR Srinivas, Chief Executive Officer des Dharavi-Sanierungsprojekts, präsentierte den Plan vor hochrangigen Beamten. Laut der Erklärung des Ministerpräsidentenbüros soll Dharavi "in umweltfreundlicher und integrierter Weise saniert" werden, wobei der kommerzielle Umsatz als wichtigster Teil betrachtet wird und jeder gebürtige Einwohner ein Haus erhalten soll.

Der Masterplan stammt von Navbharat Mega Developers Private Limited (NMDPL), dem Unternehmen, das aus dem einstigen Dharavi-Sanierungsprojekt Private Limited (DRPPL) hervorging. Das DRPPL ist ein Special Purpose Vehicle (SPV) und ein Joint Venture zwischen der Slum Rehabilitation Authority (SRA) der Landesregierung und Adani Properties Private Limited (APPL). Die Eigentumsverhältnisse sind so strukturiert, dass Adani 80 Prozent und die SRA die verbleibenden 20 Prozent hält.

Der Masterplan erfordert laut den vorliegenden Daten 58.532 Wohn- und 13.468 Gewerbe- und Industrieeinheiten, um berechtigte Mieter innerhalb der bestehenden Grenzen von Dharavi unterzubringen. Diese Zahlen bilden die technische Grundlage für das Sanierungsvorhaben.

Umstrittene Vergabe und politische Einflussnahme

Die Vergabe der Sanierung an den Konzern von Gautam Adani im November 2022 durch die indische Regierung von Narendra Modi wurde als umstrittener Entscheid bezeichnet. Kritiker weisen darauf hin, dass Adani zwar über beste Verbindungen zum Premierminister verfügt, aber keine Erfahrung mit Stadterneuerung hat. Diese Einschätzung legt nahe, dass politische Nähe eine größere Rolle bei der Vergabe spielte als fachliche Qualifikation.

Die Transparenz des Vergabeprozesses wird in Frage gestellt. Ein unbestätigter Bericht legt nahe, dass die Entscheidung ohne umfassende öffentliche Ausschreibung oder nachvollziehbare Auswahlkriterien getroffen wurde. Für Bauunternehmen und Investoren ist dies ein kritischer Punkt, da die rechtliche Absicherung solcher Großprojekte von der Einhaltung korrekter Vergabeverfahren abhängt.

Soziale und wirtschaftliche Auswirkungen

Wohnsituation und Bevölkerungsstruktur

Die soziale Komplexität Dharavis ist enorm. Rajendra Korde, Präsident der Dharavi-Sanierung Samiti, stellt scharfe Fragen zur Erfassung der Bewohner: "In Dharavi gibt es eine Lakh-Erdgeschosse, die zur Rehabilitation berechtigt sind. Mehr zu diesem Zeitpunkt gibt es 1,5 bis 2 Lakh-Mieter im ersten oder zweiten Stock. 1,5 Lakh bis 2 Lakh-Bewohner, deren Brot und Butter von industriellen Aktivitäten in Dharavi abhängt?"

Diese Zahlen verdeutlichen das Problem der Erfassung berechtigter Bewohner. Eine Lakh entspricht 100.000, sodass es sich um Hunderttausende von Menschen handelt, die potenziell von der Sanierung betroffen sind. Korde wirft die entscheidende Frage auf, ob die Umfrage unter den Mietern abgeschlossen wurde und wie der Masterplan genehmigt werden konnte, ohne dass eine vollständige Erfassung stattfand.

Die Wohnbedingungen sind beengt. Eine Familie teilt sich oft zwei Räume auf circa 19 Quadratmetern. Die älteren Geschwister schlafen auf dem Boden in der Küche, die Eltern mit einem Kind im Wohnzimmer. Die Wege zu diesen Wohnungen führen durch Gassen, die kaum einen Meter breit sind, mit offenen Abwasserkanälen, in denen Ratten tummeln.

Wirtschaftliche Aktivitäten und Existenzsicherung

Dharavi ist nicht nur Wohnraum, sondern auch Wirtschaftsstandort. Die Bewohner haben über Jahrzehnte eigene Strukturen für Wasserverteilung, Müllabfuhr und Gemeinschaftseinrichtungen entwickelt, da der Staat kaum in Infrastruktur investierte. Die kulturelle Vielfalt ist ein direktes Ergebnis der Binnenmigration aus ganz Indien. Menschen unterschiedlichster Religionen, Sprachen und Kasten leben dort, oft in engen Gemeinschaften, aber mit starkem sozialen Zusammenhalt.

Für viele Bewohner ist Dharavi ein Zuhause seit Generationen. Die Familie Jogu lebt seit vier Generationen dort. Sie betonen, dass sie zwar einen höheren Lebensstandard wollen, aber die Immobilienaufkäufer keine Garantie geben, dass sie nach der Sanierung zurückkehren können. Die wirtschaftliche Existenz hängt von den industriellen Aktivitäten im Slum ab, die durch die Sanierung gefährdet sein könnten.

Abfallmanagement und städtische Dienstleistungen

Ein oft übersehener Aspekt ist die Rolle Dharavis im Abfallmanagement der Stadt. Obwohl der Slum als arm und dreckig gilt, spielt er eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Abfall. Die informellen Strukturen der Bewohner haben über Jahrzehnte Systeme entwickelt, die zumindest teilweise funktionieren. Ohne diese Strukturen würde Mumbai im Müll versinken, wie die Quellen nahelegen. Dies unterstreicht die systemische Abhängigkeit der formellen Stadt von informellen Siedlungen.

Kritik und Widerstand

Politische Opposition

Die Sanierung hat politischen Widerstand mobilisiert. Varsha Gaikwad, Mitglied des Parlaments und Mumbai-Chef des Kongresses, nennt den Masterplan "eine Beute von Mumbais wertvollem Land". Ihre Berechnung ist drastisch: Nach dem Masterplan sollen nur 70.000 Einheiten rehabilitiert werden, was weniger als 50 Prozent der Gesamtmieter von Dharavi entspricht. Sie kündigte an, dass ihre Partei die Proteste gegen die Sanierung intensivieren werde.

Gaikwad behauptet weiter, dass die Bewohner gewaltsam aus Dharavi verdrängt werden und Adani im Gegenzug 14 crore Quadratfuß baubare Fläche erhalten soll. Dies entspricht fast sechsmal mehr als Dharavis Gesamtfläche. Diese Berechnungen sind jedoch nicht unabhängig verifiziert und sollten als politische Aussagen gewertet werden.

Rechtliche und soziale Initiativen

Der Anwalt Sagar Deore, der gegen den Umzug für die Bewohner von Dharavi kämpft, sieht im Masterplan einen Versuch, Mumbai City auf Kosten von Dharavis zu verlängern. Er weist darauf hin, dass die Landesregierung im Rahmen der Rehabilitation zusätzlich 1.200 Morgen Land an NMDPL gibt. Diese 1.200 Hektar erstrecken sich von Malad im Westen Mumbais nach Mulund im Osten, um sich im Hafen zu entschärfen.

Deore plant eine anhaltende Kampagne vom 1. Juni bis 31. Juli mit mehreren Protesten in der ganzen Stadt, um die Menschen auf den "Beuteplan" der Landesregierung aufmerksam zu machen. Auch in der ersten Augustwoche ist eine massive Kundgebung gegen das Projekt geplant.

Bewohnerproteste

Die Bewohner selbst organisieren Widerstand. Rapper im Slum, wie Rahul Khanna und seine Freunde, sehen in der Sanierung eine Bedrohung. Khanna sagt: "In Dharavi gibt es alles: Bildung, Arbeit, Freunde, unser Tonstudio. Dharavi ist zentral gelegen und durch die Bahn bestens angebunden. Vor allem aber ist es mein Viertel, hier bin ich geboren, hier ist meine Familie. Warum sollte ich wegziehen wollen?"

Die Rapper sind überzeugt, dass der Milliardär Adani nur das Land zu Geld machen will. Sameer Shaikh, ein anderer Rapper, formuliert es so: "Unser Viertel sollte saniert werden, keine Frage. Aber dies muss zum Nutzen der Bewohner geschehen und nicht den Interessen der Regierung und von reichen Unternehmern wie Adani dienen."

Ökonomische und politische Dimensionen

Bodenwert und Entwicklungspotenzial

Die wirtschaftliche Dimension des Projekts ist enorm. Das Land des Slums ist Gold wert. Die Immobilienpreise in Mumbai sind extrem hoch, und Dharavi bietet eine Fläche, die für die Entwicklung von Gewerbe und Wohnen extrem attraktiv ist. Die Nähe zum BKC, einem glitzernden Geschäftsviertel, und zum Flughafen erhöht den Wert weiter.

Die Geographie erzählt eine andere Geschichte: Dharavi befindet sich nur 5,5 Kilometer vom BKC entfernt. Die Bewohner vermuten, dass sie anderswo in Mumbai umgesiedelt werden, um Dharavi zum BKC zu einem Anhang zu machen. Diese Befürchtung wird durch die Tatsache gestärkt, dass die geplanten 58.532 Wohn- und 13.468 Gewerbeeinheiten in einem Gebiet untergebracht werden sollen, das bereits jetzt stark überfüllt ist.

Politische Auswirkungen

Die Wahlen für die Brihanmumbai Municipal Corporation (BMC) finden später in diesem Jahr statt. Asiens reichste bürgerschaftliche Körperschaft hat in der staatlichen Politik eine große Bedeutung. Die Sanierung von Dharavi wird daher auch als politischer Faktor in diesen Wahlen gesehen. Der stellvertretende Ministerpräsident Eknath Shinde, der die Stadtentwicklung und Wohnungsbau direkt übernimmt, konnte für eine Stellungnahme zu den geplanten Protesten nicht erreicht werden.

Technische und planerische Aspekte

Erfassung und Berechtigung

Ein zentrales Problem ist die unklare Erfassung der Bewohner. Die Frage, ob die Umfrage unter den Mietern abgeschlossen wurde, ist entscheidend für die Legitimität des Masterplans. Wenn die Umfrage noch nicht abgeschlossen ist, wie kann der Masterplan dann genehmigt werden? Dies wirft Fragen nach der Verfahrensordnung auf.

Die Definition von "berechtigten Mietern" ist unklar. Rajendra Korde unterscheidet zwischen Erdgeschossen und oberen Stockwerken. Die Bewohner der oberen Stockwerke, die oft Untermieter sind, haben möglicherweise keinen Anspruch auf eine neue Wohnung. Dies könnte zu einer massiven Verdrängung führen.

Flächennutzung und Dichte

Die geplanten Zahlen sind beeindruckend: 58.532 Wohn- und 13.468 Gewerbe- und Industrieeinheiten. Doch die Kritik besagt, dass nur 70.000 Einheiten rehabilitiert werden, weniger als die Hälfte der Gesamtmieter. Die Diskrepanz zwischen den Zahlen des Masterplans und den Schätzungen der Kritiker zeigt die Unsicherheit in der Datenlage.

Die geplante zusätzliche Fläche von 1.200 Morgen (ca. 485 Hektar) für die Rehabilitation außerhalb von Dharavi ist ein weiterer planerischer Aspekt. Diese Fläche erstrecke sich von Malad nach Mulund. Die Verteilung dieser Fläche und ihre Eignung für eine Umsiedlung sind nicht detailliert dokumentiert.

Risiken und Unsicherheiten

Soziale Risiken

Die größten Risiken sind sozialer Natur. Die Bewohner fürchten die Vertreibung und den Verlust ihrer sozialen Netze. Die Familie Jogu drückt ihre Sorge aus: "Keine Garantie, dass wir zurückkehren können." Diese Aussage zeigt das Misstrauen gegenüber den Sanierungsplänen.

Die soziale Struktur Dharavis ist komplex. Die kulturelle Vielfalt und der soziale Zusammenhalt sind das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung. Eine Sanierung, die diese Strukturen zerstört, könnte zu einer Atomisierung der Gemeinschaft führen.

Ökonomische Risiken

Für Investoren und Bauunternehmen birgt das Projekt erhebliche Risiken. Die politische Instabilität, die rechtlichen Herausforderungen und der soziale Widerstand können zu Verzögerungen und Kostensteigerungen führen. Die Tatsache, dass Adani keine Erfahrung mit Stadterneuerung hat, erhöht das Risiko von Planungsfehlern.

Die wirtschaftliche Zukunft Dharavis ist ungewiss. Wenn die industriellen Aktivitäten zerstört werden, verlieren die Bewohner ihre Einkommensquelle. Die Stadt Mumbai verliert einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. Die Sanierung könnte also zu einer ökonomischen Destabilisierung führen.

Fazit

Die Sanierung von Dharavi ist ein komplexes Projekt mit weitreichenden Implikationen für Städtebau, Sozialpolitik und Wirtschaft. Die technischen Daten zeigen eine massive Planung: 58.532 Wohn- und 13.468 Gewerbeeinheiten auf einem Areal, das durch zusätzliche Flächen von 1.200 Morgen ergänzt wird. Die Eigentumsstruktur mit Adani als Hauptinvestor (80%) und der Slum Rehabilitation Authority als Partner (20%) prägt die Ausrichtung des Projekts.

Die Kritik an dem Vorhaben ist vielfältig und ernst zu nehmen. Politische Vertreter wie Varsha Gaikwad und Aktivisten wie Sagar Deore werfen der Regierung vor, die Sanierung als Vorwand für eine Landenteignung zu nutzen. Die Bewohner fürchten die Vertreibung und den Verlust ihrer Existenzgrundlage. Die Zahlen zur Anzahl der berechtigten Bewohner sind widersprüchlich und unvollständig.

Für Bauunternehmen, Investoren und Stadtplaner bietet der Fall Dharavi wichtige Lektionen:

  1. Bedeutung vollständiger Daten: Ohne vollständige und verifizierte Erfassung der Bewohner sind Sanierungspläne kaum legitimierbar.
  2. Soziale Akzeptanz: Technische Perfektion ersetzt nicht die Notwendigkeit, die betroffene Bevölkerung einzubeziehen und ihre Interessen zu wahren.
  3. Politische Risiken: Die Nähe zu politischen Entscheidungsträgern kann zwar den Zugang zu Projekten erleichtern, aber auch die Legitimität gefährden.
  4. Wirtschaftliche Abhängigkeiten: Informelle Siedlungen sind oft in die formelle Wirtschaft integriert. Eine Sanierung muss diese Verflechtungen berücksichtigen.

Die Quellenlage ist unvollständig und teilweise widersprüchlich. Die Zahlen zur Bevölkerung, zu den Flächen und zu den berechtigten Mietern variieren stark. Die Motivation der Regierung und des Investors ist aus den vorliegenden Informationen nicht vollständig nachvollziehbar. Was klar ist: Dharavi steht am Scheideweg zwischen einer potenziellen städtebaulichen Aufwertung und einer sozialen Katastrophe. Die Entscheidungen, die in den kommenden Monaten getroffen werden, werden nicht nur über das Schicksal von Hunderttausenden Menschen entscheiden, sondern auch ein Signal für die Zukunft von Slum-Sanierungen in Megastädten weltweit setzen.

Quellen

  1. germanic.news
  2. nzz.ch
  3. jennifer-alka.photography
  4. tagesschau.de

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