Der Speyerer Dom, als größtes erhaltene romanisches Gotteshaus der Welt und UNESCO-Weltkulturerbe, steht vor einem der bedeutendsten Instandhaltungsprojekte der letzten Jahrzehnte. Nachdem die beiden Osttürme im Februar vollständig eingerüstet wurden, beginnt eine mehrjährige, aufwendige Sanierung, die bis zum Jahr 2030 abgeschlossen sein soll. Die Maßnahmen umfassen nicht nur die Fassadenreinigung und den Austausch beschädigter Natursteine, sondern auch die Verbesserung der Entwässerung, die Sanierung von Zwischendecken und die Optimierung der Klimasteuerung in sensiblen Bereichen wie der Afrakapelle. Ziel des umfassenden Erhaltungsprojekts ist die Sicherung der Bausubstanz für zukünftige Generationen unter Berücksichtigung der Herausforderungen durch den Klimawandel.
Die Sanierung der Osttürme: Ein vierstufiger Plan
Die Instandsetzung der beiden Osttürme, die unter Heinrich IV. am Ende des 11. Jahrhunderts vollendet wurden und zu den ersten Beispielen sogenannter Chorflankentürme zählen, bildet den Kern der aktuellen Baumaßnahmen. Die Arbeiten sind in vier Bauabschnitte unterteilt, um den Denkmalschutz und den touristischen Betrieb des Doms so weit wie möglich aufrechtzuerhalten.
Der erste Bauabschnitt konzentriert sich auf den oberen Teilbereich des Südostturmes. Dombaumeisterin Hedwig Drabik erläuterte in einem Pressegespräch, dass dieser Turm im Vergleich zum Nordostturm die größeren Schäden aufweist. Die Fassadeninstandsetzung des oberen Bereichs soll bis Ende des Jahres abgeschlossen werden. In diesem Zuge werden derzeit 77 beschädigte Steine ausgetauscht. Hierbei handelt es sich um Naturwerksteinarbeiten, die eine hohe handwerkliche Präzision erfordern. Das benötigte Material stammt aus zwei verschiedenen Regionen: Das rote Material wird aus dem Elsaß bezogen, während das gelbe Material derzeit in einem Steinbruch bei Bad Dürkheim geschnitten wird. Diese regionale Materialbeschaffung unterstreicht den Wert, der auf Authentizität und historische Entsprechung gelegt wird.
Neben den Steinmetzarbeiten umfasst der erste Abschnitt auch Verputzarbeiten an den Giebelflächen. Hier ergeben sich jedoch potenzielle Verzögerungen aufgrund der Witterung. Eine Verarbeitung des Putzes ist bei Temperaturen über 30 Grad Celsius nur schwierig durchführbar. Sollte eine Hitzewelle im Sommer die Arbeiten behindern, ist eine Anpassung des Zeitplans oder des Bauablaufs vorgesehen.
Die Finanzierung dieses ersten Bauabschnitts beläuft sich auf 1,5 Millionen Euro. Diese Summe deckt die Sanierung der Natursteinoberflächen der Fassade und der Turmgiebel ab.
Logistik und Gerüstbau: Expertise für Baudenkmäler
Die Logistik auf der Baustelle eines Denkmals dieser Größenordnung ist komplex. Um die Arbeiten effizient durchführen zu können, sind die Osttürme vollständig eingerüstet. Eine besondere Herausforderung stellt die Anlieferung von Material und der Transport von Arbeitskräften dar. Eine 18 Meter lange Brücke, bestehend aus 4,5 Tonnen schweren Stahlträgern, spannt sich zwischen den beiden Türmen. Diese Verbindung ist notwendig, um den Übergang vom Nordostturm, der als Logistikbasis dient, zum Südostturm zu ermöglichen. Weitere Stahlträger ragen aus den Fenstern des Südostturms, um schwere Gerüstteile zu tragen, die von einem Spezialkran in rund 70 Meter Höhe gehoben wurden.
Für die Errichtung des Gerüsts wurde ein Unternehmen beauftragt, das auf die Restaurierung von Baudenkmälern spezialisiert ist. Die Expertise der Firma ist bereits durch Arbeiten am Schloss Neuschwanstein belegt. Die Baustelleneinrichtung erfolgt über die Ostseite des Doms und den Nordostturm. Diese Entscheidung wurde getroffen, um den Hauptzugang zur Sakristei nicht zu blockieren.
Ein strategischer Vorteil der gewählten Logistik ist der Synergieeffekt am Nordostturm. Da dieser Turm für die Anlieferung mit eingerüstet wird, können hier auch Fassadenbereiche genauer in Augenschein genommen werden, die bei einer vorangegangenen Schadenskartierung im Jahr 2021 mit einem Hubsteiger nicht erreicht werden konnten. So wird die Untersuchung der Bausubstanz optimiert.
Klimawandelanpassung und Verbesserung der Entwässerung
Die Sanierung beschränkt sich nicht nur auf die Türme, sondern greift auch die Herausforderungen des modernen Klimawandels auf. Experte Doetsch merkte an, dass im Zuge der Sanierung der Regenschutz und die Wasserabläufe verbessert werden müssen. Dies ist eine Reaktion auf zunehmende Starkregenereignisse, die die Bausubstanz gefährden können.
Ein weiterer zentraler Punkt im langfristigen Instandhaltungsplan ist die Entwässerung des gesamten Doms. Seit 2020 werden Teilbereiche sukzessive untersucht und bearbeitet. Bereits umgesetzte Maßnahmen finden sich an der Afrakapelle und dem Vierungsturm. In Kürze soll ein Gerüst am südlichen Seitenschiff aufgestellt werden, um die Flächen der Fallleitungen zu überarbeiten; im Anschluss folgt die nördliche Seite. Die Notwendigkeit dieser Arbeiten wird dadurch unterstrichen, dass die Schäden durch die mangelnde Entwässerung bereits visibel sind.
Innenbereich: Sanierung der Afrakapelle und der Zwischendecken
Auch der Innenbereich des Doms ist von umfangreichen Sanierungsarbeiten betroffen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Afrakapelle. Hier wurde in der Vergangenheit eine Nachtspeicherheizung betrieben, die nach heutigen Maßstäben nicht mehr wirtschaftlich ist. Ziel des Projekts ist der Einbau einer geeigneten Lüftungs- und Heizungsanlage. Diese soll den Raum temperieren und gleichzeitig die Steuerung der Lüftung übernehmen, um schwierige klimatische Bedingungen in den Griff zu bekommen. In der Vergangenheit hatte Schimmelbildung bereits zu Schäden an der damaligen Orgel geführt, was die Dringlichkeit der Maßnahme verdeutlicht.
Ebenfalls dringend sanierungsbedürftig sind mehrere Zwischendecken in den Türmen, die in den 1930er Jahren eingebaut wurden und stark beschädigt sind. Vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten wurden aufwendige Untersuchungen der Bausubstanz durchgeführt, darunter Ultraschall- und Schwingungsmessungen, um den Zustand der Substanz exakt zu erfassen.
Weitere Baumaßnahmen und Besucherlenkung
Neben den turmspezifischen Arbeiten plant die Stadt Speyer auch Maßnahmen im direkten Umfeld des Doms. Die Tiefbauabteilung der Stadt kündigte Pflasterarbeiten am Domplatz an, die für den Zeitraum von April bis Juni 2025 geplant sind. Die Arbeiten erstrecken sich über etwa 30 Meter Länge entlang des Historischen Museums der Pfalz. Ziel ist es, starke Absackungen zu regulieren, indem das Pflaster aufgenommen, gesäubert und wiederverlegt wird. Um die Verkehrsbeeinträchtigung so gering wie möglich zu halten, ist eine halbseitige Sperrung geplant, die in beide Richtungen jederzeit umfahren werden kann. Die Gehwege bleiben von der Maßnahme unberührt.
Im Inneren des Doms wird zudem die Gestaltung der Besucherlenkung verändert und umfangreiche Reinigungsarbeiten durchgeführt. Diese Maßnahmen dienen der Optimierung des Besuchermanagements und der allgemeinen Instandhaltung der Innenräume.
Finanzierung und Zeitplan
Das Gesamtprojekt ist ambitioniert und erfordert erhebliche finanzielle Mittel. Die Sanierung der Osttürme soll bis zur 1.000-Jahr-Feier des Doms im Jahr 2030 abgeschlossen sein. Die Finanzierung erfolgt durch ein breites Spektrum an Geldgebern. Das Land Rheinland-Pfalz beteiligt sich mit 40 Prozent an dem substanzerhaltenden Projekt. Das Domkapitel ist jedoch auf weitere Unterstützung angewiesen.
Die Europäische Stiftung Kaiserdom zu Speyer hat bereits 20.000 Euro zugesagt und zusätzlich 8.000 Euro durch die Aktion „Die Pfalz wandert für den Dom“ erwirtschaftet. Weitere Einnahmen sollen durch ein Fotoprojekt mit dem Fotografen Horst Hamann generiert werden. Auch der jährliche Dombauverein leistet finanzielle Beiträge. Diese vielfältige Finanzierungstruktur zeigt die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Bauwerks.
Fazit
Die Sanierung des Speyerer Doms ist ein komplexes und langfristig angelegtes Projekt, das den Denkmalschutz mit den Herausforderungen des Klimawandels und moderner Nutzung verbindet. Durch die strukturierte Umsetzung in vier Bauabschnitte an den Osttürmen, die Verbesserung der Entwässerungssysteme und die Sanierung sensibler Innenbereiche wie der Afrakapelle wird die langfristige Erhaltung des UNESCO-Weltkulturerbes sichergestellt. Die Expertise der beteiligten Handwerker und Planer sowie die breite finanzielle Unterstützung durch Stiftungen, den Staat und private Spender bilden die Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung dieser bedeutenden Denkmalpflege.