Modellhafte Denkmal-sanierung in Helmstedt: Bürgerbeteiligung und handwerkliche Präzision am Beispiel der Kybitzstraße 23

Die Sanierung von Fachwerkbauten stellt eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Bauwesen dar. Sie verbindet die Notwendigkeit, historische Bausubstanz zu erhalten, mit den Anforderungen an ein modernes, energieeffizientes und nutzbares Wohnen. In diesem Kontext bietet die Stadt Helmstedt mit ihren Projekten, insbesondere dem Gebäude in der Kybitzstraße 23, ein lehrreiches Beispiel für innovative Sanierungsstrategien. Der vorliegende Artikel beleuchtet die technischen, finanziellen und organisatorischen Aspekte dieses Vorhabens, das als Pilotprojekt für eine bürgernahe Stadtsanierung dient.

Die Herausforderung: Ein historischer Fachwerkbau in der Altstadt

Das Gebäude Kybitzstraße 23 ist ein dreigeschossiger Fachwerkbau aus dem Jahr 1576. Wie bei vielen Baudenkmalen dieser Epoche war der Zustand des Hauses über Jahrzehnte hinweg stark vernachlässigt worden. Quellen berichten, dass das Gebäude über zehn Jahre leer stand und sogar einen Brand erlitt. Es handelte sich, wie Andrea Schmidt von der gemeinnützigen Elisabethstift GmbH ausführte, um kaum mehr als eine Ruine.

Trotz dieses desolaten Zustands wies das Haus charakteristische Merkmale auf, die eine Sanierung lohnenswert machten. Dazu gehören das markante Rundbogenportal im Erdgeschoss, das bei einem Umbau im 17. Jahrhundert zwar mit Mauerwerk versehen wurde, sowie Schnitzereien im Balkenwerk und ein Fächerfries, die auf den Ursprung im 16. Jahrhundert hinweisen. Die Erhaltung dieser originalen Substanz war das primäre Ziel der Sanierung.

Städtebauliche Einordnung und Denkmalschutz

Das Haus liegt im Stadtkern von Helmstedt, direkt am Markt, in einer Zeile mit anderen historischen Bauten. Die Fassade ist in einem einheitlich verblichenen Grau-Braun gehalten, was zum Gesamtbild der Altstadt beiträgt. Für Eigentümer und Bauherren bedeutet die Lage in einer denkmalgeschützten Zone besondere Auflagen, aber auch steuerliche Vorteile, auf die im Rahmen von Fachvorträgen in Helmstedt explizit hingewiesen wurde.

Organisatorische und Finanzielle Modelle: Das Helmstedter Modell

Ein entscheidender Faktor für das Gelingen der Sanierung war nicht nur die technische Umsetzung, sondern die spezifische Form der Projektfinanzierung und Organisation. Die Sanierungskosten betrugen mehr als 800.000 €. Um diese Summe aufzubringen und eine "Rentierlichkeit", also Wirtschaftlichkeit, zu gewährleisten, griff die Stadt Helmstedt auf ein Modell zurück, das auf Bürgerbeteiligung setzt.

Die Bauherrengesellschaft Kybitzstraße GmbH & CO. KG

Die treibende Kraft hinter dem Projekt war die Initiative eines Helmstedter Bürgers, der die Bauherrengesellschaft Kybitzstraße GmbH & CO. KG gründete. Diese Gesellschaft erwarb das Grundstück und leitete die Sanierung ein.

Das Prinzip dieser Gesellschaftsform ist die Verteilung des Investitionsrisikos auf mehrere Schultern. Die Haftung der Kommanditisten beschränkt sich auf die Höhe ihrer Einlage. Die Kommanditeinlagen lagen bei mindestens 5.000 €, ein Betrag, der sich als praktikabel erwies. Einige Bürger haben mehrere Anteile übernommen. Interessant ist, dass nicht nur Kapitalgeber, sondern auch beteiligte Handwerker und der Architekt einen Teil ihrer Entlohnung in Form von Kommanditanteilen erhielten. Diese Form der "Sachbeteiligung" stärkt die Identifikation mit dem Projekt.

Steuerliche Aspekte und Stadtsanierung

Ein Vortrag von Steuerberater Horst Schade im Rahmen der Veranstaltung "Bürger und Stifter" beleuchtete die steuerlichen Besonderheiten bei denkmalgeschützten Gebäuden. Für Eigentümer von Baudenkmalen gibt es spezielle Abschreibungsmöglichkeiten, die die hohe Investitionssumme steuerlich attraktiv machen. Zudem wurden Teile der Kosten durch Mittel der Stadtsanierung gedeckt. Diese öffentlichen Zuschüsse waren notwendig, um die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens sicherzustellen und Bürger zur Beteiligung zu motivieren.

Langfristige Perspektive: Mietertrag und Vorbildfunktion

Um die Investition abzusichern, wurde ein Mieter für den Zeitraum von mindestens fünf Jahren gewonnen. Das Modell sieht vor, dass die Kommanditisten von den Mieterträgen profitieren. Der Erfolg des Projekts Kybitzstraße 23 sollte als Vorbild dienen. Es ist geplant, dieses bürgerorientierte Modell auf weitere modernisierungsbedürftige Baudenkmale in Helmstedt zu übertragen. Die Bildung des Vereines "Forum Kybitzstraße/Schuhstraße", in dem sich zahlreiche Eigentümer zusammengeschlossen haben, zeigt, dass das Engagement Schule macht.

Technische Durchführung: Von der Statik bis zur Fassade

Die technische Sanierung eines Fachwerkhauses erfordert hohe handwerkliche Kompetenz. Das Beispiel Helmstedt zeigt, wie historische Strukturen mit modernen Anforderungen vereinbart werden. Auch wenn die Quellen für die Kybitzstraße 23 keine detaillierten technischen Auflistungen liefern, können Parallelen zu einem anderen Sanierungsprojekt in Helmstedt (Papenberg 14) gezogen werden, das den Deutschen Fachwerkpreis 2020 erhielt und dessen Maßnahmen detailliert dokumentiert sind.

Instandsetzung der Holzkonstruktion

Ein Kernstück jeder Fachwerksanierung ist die Instandsetzung des Holzes. Im Projekt Papenberg 14 wurde eine "fachgerechte Reparatur der Fachwerkkonstruktion" durchgeführt. Dies umfasst in der Regel: * Trockenlegung: Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden, die die Hauptursache für Fäulnis sind. * Austausch geschädigter Balken: Wenn Balken durch Wurmfraß oder Fäulnis geschädigt sind, müssen sie ausgewechselt oder, falls statisch zulässig, "gespundet" werden. * Verbindungstechniken: Die Verwendung von traditionellen Verbindungsmitteln wie Holznägeln oder der Einsatz von speziellen Verbindungsplatten im Verborgenen, um die Stabilität zu gewährleisten.

Im Kybitzstraße 23 Projekt blieben prägende Bauteile der Hülle, Geschossdecken sowie massive Querwände erhalten. Die innere Struktur hingegen wurde vollständig erneuert, um vier moderne Wohneinheiten zu schaffen.

Mauerwerk und Füllungen

Das Erdgeschoss des Hauses Kybitzstraße 23 wurde im 17. Jahrhundert komplett mit Mauerwerk versehen. Bei der Sanierung muss überprüft werden, ob dieses Mauerwerk noch standsicher ist und ob Salzausblühungen oder Risse vorliegen. Die Gefache (die Füllungen zwischen den Holzbalken) wurden in anderen Helmstedter Projekten (Papenberg 14) mit Kalkputz versehen. Kalkputz ist diffusionsoffen und trägt zur Regulierung des Feuchtigkeitshaushalts bei – ein essenzieller Faktor für die Langlebigkeit von Fachwerk.

Energetische Sanierung (Dämmung)

Moderne Anforderungen an den Energiesparenden Hausbau stellen Sanierer vor die Herausforderung, denkmalgeschützte Häuser zu dämmen, ohne das Erscheinungsbild zu verändern. Am Beispiel des Preisträgers Papenberg 14 lassen sich moderne Techniken ablesen: * Innendämmung: Straßenseitig wurde eine Innendämmung mit in Lehm gebetteten Holzweichfaserplatten eingesetzt. Lehm dient hier als Putzträger und Feuchtigkeitspuffer. * Dämmung hinter Putz: Hofseitig wurde die Dämmung unter dem Ziegelbehang (eine Art Verkleidung) angebracht. * Decken- und Bodendämmung: Die oberste Geschossdecke, Kellerdecken und Bodenflächen gegen Erdreich wurden gedämmt.

Diese Maßnahmen zielen darauf ab, den Energieverbrauch drastisch zu senken, ohne die Fassade optisch zu verändern.

Fenster und Türen

Originalgetreue Fenster sind entscheidend für den Denkmalwert. Im Projekt Papenberg 14 wurden die Kreuzstockfenster und die originale geschnitzte Haustür restauriert. Restaurierung bedeutet in diesem Kontext oft die aufwändige Ausarbeitung der Holzoberflächen, den Ersatz von morschen Teilen und die Nachbildung von Schnitzereien. Die Verwendung von Leinölfarben und Silikatfarben, wie im Preisträgerprojekt dokumentiert, ist für die Haltbarkeit und das historische Erscheinungsbild essenziell.

Vergleichbares Projekt: Papenberg 14 – Ein Musterbeispiel der Handwerkskunst

Um die Qualität der Sanierungen in Helmstedt zu veranschaulichen, lohnt ein detaillierter Blick auf das Gebäude Papenberg 14, das 2020 mit dem Sonderpreis des Deutschen Fachwerkpreises ausgezeichnet wurde. Hier wurden folgende Maßnahmen durchgeführt, die als Qualitätsstandard für Denkmal-schonende Sanierungen gelten können:

Maßnahme Beschreibung
Grundrissänderung Behutsame Anpassung zur Schaffung abgeschlossener Wohnungen, Wahrung der historischen Proportionen.
Installationen Kompletter Austausch der Elektro-, Wasser- und Heizungsleitungen.
Energieeffizienz Kombiniertes Dämmsystem (Innendämmung mit Holzweichfaser, Dämmung unter Ziegelbehang, Deckendämmung).
Fassade / Putz Verwendung von regionaltypischen Krempziegeln, Kalkputz in den Gefachen, Lehmputz-Innenausbau.
Farben Ausschließlich Leinölfarben und Silikatfarben für Langlebigkeit und Atmungsaktivität.
Böden Restaurierung bauzeitlicher Dielenfußböden.
Tischlerarbeiten Restaurierung von Türen, Toren, Fenstern inklusive Beschlägen und Schnitzereien.

Die Beteiligten an diesem Projekt waren renommierte Firmen, darunter Schulte-Heuthaus Architekten aus Berlin, die Zimmerei Axel Gronde aus Warberg (in der Nähe von Helmstedt) und lokale Betriebe wie Henties Bedachungen aus Helmstedt. Diese Zusammenarbeit von Architektur, Zimmerhandwerk und lokalem Gewerbe ist typisch für erfolgreiche Denkmal-sanierungen in der Region.

Die Rolle der Öffentlichkeit und der Politik

Die Sanierung von Fachwerk ist in Helmstedt kein isolierter Vorgang, sondern Teil einer übergeordneten Stadtentwicklungsstrategie. Wie im Programm der Veranstaltung "Bürger und Stifter" beschrieben, reichen Maßnahmen der Stadtsanierung zur Aufwertung der öffentlichen Räume allein nicht mehr aus. Es brauchen integrative Ansätze, die architektonische, städtebauliche, wirtschaftliche und soziale Aspekte verbinden.

Das Engagement der Eigentümer

Die Gründung des Vereines "Forum Kybitzstraße/Schuhstraße" ist ein Indiz für den Erfolg dieser Strategie. Eigentümer haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam Lösungen für die Sanierung ihres Baublockes zu finden. Dies verringert die Kosten durch Kooperation und erhöht die Durchsetzungskraft bei der Stadt. Der Vorsitzende dieser Initiative, Andreas Schattanik, nahm an der Podiumsdiskussion teil, um die Erfahrungen zu teilen.

Die Rolle der Stadtverwaltung

Die Stadt Helmstedt, vertreten durch Stadtbaurat Thorsten Kubiak, fördert diese Modelle aktiv. Der Vergleich mit der Quartiersentwicklung in Einbeck durch Baudezernent Gerald Strohmeier zeigt, dass Niedersachsen weit voraus ist, wenn es darum geht, Bürgernähe und Denkmalschutz zu verbinden. Die Stadt fungiert hier nicht nur als Genehmigungsbehörde, sondern als Katalysator und Finanzierungsvermittler.

Fazit: Nachhaltige Sanierung durch Kompetenz und Gemeinschaft

Die Sanierung des Fachwerkhauses Kybitzstraße 23 in Helmstedt steht exemplarisch für eine zukunftsweisende Baukultur. Sie beweist, dass der Erhalt historischer Bausubstanz mit modernen Wohnanforderungen vereinbar ist, wenn innovative Finanzierungsmodelle und handwerkliche Exzellenz zusammenfinden.

Zentrale Erkenntnisse für Bauherren und Investoren:

  1. Bürgerbeteiligung als Schlüssel: Modellhafte Gesellschaftsformen (GmbH & Co. KG) ermöglichen es Privatpersonen, sich mit überschaubarem Einsatz (ab 5.000 €) an hochwertigen Denkmalprojekten zu beteiligen und von Mieteinnahmen zu profitieren.
  2. Staatliche Förderung: Die Kombination aus steuerlichen Abschreibungen (§ 7i EStG) und Zuschüssen aus Stadtsanierungsmitteln ist essenziell, um die Wirtschaftlichkeit hochwertiger Sanierungen zu sichern.
  3. Technische Präzision: Eine Kombination aus traditionellen Materialien (Kalkputz, Lehm, Holz) und modernen Dämmtechniken (Holzweichfaserplatten) ist der Standard für eine denkmalgerechte und energieeffiziente Sanierung.
  4. Qualität des Handwerks: Der Einsatz spezialisierter Handwerksbetriebe, insbesondere von Zimmerleuten und Restauratoren, ist unverzichtbar. Die Auszeichnung des Projekts Papenberg 14 mit dem Deutschen Fachwerkpreis unterstreicht das hohe Niveau der in Helmstedt ansässigen und tätigen Betriebe.

Für Eigentümer von Baudenkmalen in der Region Helmstedt und ganz Niedersachsen bietet das "Helmstedter Modell" eine Blaupause, wie man Immobilien nicht nur erhält, sondern zu einer wertstabilen und sozial genutzten Perle im Stadtbild entwickelt. Der Erfolg liegt im Miteinander von Bürgern, Politik und Handwerk.

Quellen

  1. Stadt Helmstedt - Presseartikel zur Fachwerktriennale 09
  2. Max Müller Velpke - Sanierung eines denkmalgeschützten Fachwerkgebäudes
  3. Fachwerktriennale - Helmstedt Teilnehmerstadt
  4. Schulte-Heuthaus Architekten - Denkmalgerechte Sanierung Helmstedt
  5. Braunschweiger Zeitung - Sanierung Kybitzstraße 23

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