Denkmalgerechte Sanierung historischer Stahl-Glas-Gewächshäuser: Eine Fallstudie zu Technik, Kosten und Erhalt

Die Sanierung von historischen Baudenkmalen stellt die Bauwirtschaft vor besondere Herausforderungen. Dies gilt insbesondere für technisch komplexe Konstruktionen wie Gewächshäuser aus dem 19. Jahrhundert, die sowohl architektonische als auch funktionale Anforderungen erfüllen müssen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche denkmalgerechte Instandsetzung ist die Wiedereröffnung der historischen Gewächshäuser im Botanischen Garten der Universität Greifswald. Nach acht Jahren Schließung und umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde das Ensemble im Jahr 2022 wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, finanziellen und organisatorischen Aspekte dieses Projekts, die als Leitfaden für ähnliche Vorhaben in der Bau- und Immobilienbranche dienen können.

Die historische und technische Signifikanz der Gewächshäuser

Die Gewächshäuser in Greifswald sind nicht nur botanische, sondern auch architektonische Kostbarkeiten. Die Anlage, die im Jahr 1886 errichtet wurde, besteht aus einer genieteten Stahlkonstruktion. Diese Bauweise ist charakteristisch für die Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts und stellt ein technisches Denkmal von nationaler Bedeutung dar. Die Quellen betonen, dass es sich um ein "Denkmal aus Stahl" handelt, dessen bauhistorischer Wert über die regionale Bedeutung hinausgeht.

Die Struktur der Gebäude ist komplex. Sie besteht aus einer Stahlkonstruktion, die durch gusseiserne Säulen ergänzt wird. Diese Materialkombination – Stahl und Gusseisen – war für die Errichtung von großen, lichtdurchlässigen Hallen damals fortschrittlich und erfordert bei der Sanierung spezifisches Handwerkswissen. Die Erhaltung dieser originalen Substanz war das primäre Ziel der Sanierung. Der Verzicht auf einen Neubau zugunsten der denkmalgerechten Instandsetzung unterstreicht den Wert, der der originalen Bausubstanz beigemessen wurde.

Auslöser der Sanierung: Korrosion und Sicherheitsmängel

Die Notwendigkeit der Sanierung ergab sich nicht aus einem reinen Wunsch nach Modernisierung, sondern aus akuten Gefahren für die Substanz und die Sicherheit. Laut den vorliegenden Informationen musste die Gewächshausanlage bereits fünf Jahre vor dem offiziellen Baubeginn der Sanierung aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.

Der Hauptgrund für die Schließung waren starke Korrosionsschäden. Metallkonstruktionen im Außenbereich, die permanent Feuchtigkeit und Witterung ausgesetzt sind, neigen zu Korrosion. Wenn diese Korrosion die Tragfähigkeit der Stahl- und Gusseisenelemente beeinträchtigt, stellen sie eine unmittelbare Gefahr für Besucher und Pflanzenbestand dar. Die Sanierung war daher zwingend erforderlich, um die strukturelle Integrität wiederherzustellen und die Sicherheit zu gewährleisten.

Projektsteuerung und Verantwortlichkeiten

Die Durchführung eines solch komplexen Sanierungsprojekts erfordert eine professionelle Projektsteuerung. Verantwortlich für das Bauprojekt war das Staatliche Bau- und Liegenschaftsamt (SBL) Greifswald. Diese Behörde ist für die Verwaltung und Instandhaltung von Liegenschaften des Landes Mecklenburg-Vorpommern zuständig.

Die Koordination umfasste die Zusammenarbeit mit: * Der Universität Greifswald als Nutzer der Gebäude. * Dem Dezernat Planung und Technik der Universität. * Beauftragten Planungsbüros. * Der Staatlichen Bau- und Liegenschaftsverwaltung (SBL-MV).

Die technische Übergabe des sanierten Objekts fand im Dezember 2021 statt. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Abnahmen abgeschlossen, und die Übergabeprotokolle wurden von den Verantwortlichen unterschrieben. Dieser Prozess zeigt die klare Trennung zwischen Bauausführung (SBL) und Nutzer (Universität), was in öffentlichen Bauprojekten Standard ist.

Herausforderungen bei der Pflanzenpflege während der Bauzeit

Ein spezifisches Problem bei der Sanierung von Botanischen Gärten ist der Erhalt des lebenden Pflanzenbestands. Die Gewächshäuser beherbergen eine wertvolle Sammlung tropischer und exotischer Pflanzen, darunter auch seltene alte Exemplare.

Die Sanierungsarbeiten erstreckten sich über acht Jahre. Während dieser Zeit mussten die meisten Pflanzen "umziehen". Von den meisten Pflanzen wurden Stecklinge gezogen, um sie außerhalb der Baustelle zu konservieren. Einige wenige, zu große Pflanzen verblieben jedoch im Haus, da sie nicht verpflanzbar waren. Dazu gehörten: * Eine zehn Meter große Bananenpflanze. * Ein Palmfarn, der 1931 mit einem Schiff aus Saigon (Vietnam) nach Deutschland kam.

Diese Pflanzen durften die Gärtnerinnen und Gärtner nur noch unter Beachtung strenger Sicherheitsauflagen betreten, um sie zu pflegen. Nach Abschluss der Arbeiten im Jahr 2022 wurden die überlebenden Pflanzen sowie die inzwischen vermehrten Stecklinge wieder eingepflanzt. Dieses Vorgehen illustriert die Komplexität von Sanierungen in funktional genutzten Denkmälern, bei denen nicht nur die Hülle, sondern auch die Innenausstattung (hier: lebende Organismen) erhalten werden muss.

Kostenentwicklung und Finanzierung

Die Finanzierung von Denkmalsanierungen ist oft sensibel, da Kosten oft höher ausfallen als bei Neubauten. Für die Greifswalder Gewächshäuser wurden folgende Kostendaten genannt:

Planungskosten: * Geplant waren ursprünglich 3,9 Millionen Euro.

Tatsächliche Kosten: * Laut Angaben von Manuela Bog (Universität Greifswald) beliefen sich die Gesamtkosten auf 4,3 Millionen Euro. * Laut Angaben des SBL Greifswald (Staatliches Bau- und Liegenschaftsamt) lagen die Gesamtbaukosten (inklusive Förderung und Spenden) bei 4,4 Millionen Euro.

Finanzierungsquellen: Die Mittel stammten aus einem Mix aus öffentlichen und privaten Quellen: * Bund (Bundesmittel) * Land (Landesmittel Mecklenburg-Vorpommern) * Eine Stiftung * Spenden

Interessant ist der Hinweis, dass die Universität ursprünglich aus Geldmangel die Errichtung eines "günstigeren neuen Zweckbaus" erwogen hatte. Erst durch öffentlichen Druck und die Mobilisierung von Spenden wurde die Sanierung des historischen Ensembles ermöglicht. Dies unterstreicht die Bedeutung von Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit für den Erhalt von Denkmälern.

Die Bedeutung der Sanierung für die Bauwirtschaft

Die Sanierung der Greifswalder Gewächshäuser dient als Paradebeispiel für die Denkmalpflege im Bestand. Für Bauunternehmen, Architekten und Ingenieure bietet dieses Projekt wichtige Erkenntnisse:

1. Umgang mit historischen Stahlkonstruktionen

Die Sanierung einer genieteten Stahlkonstruktion aus dem 19. Jahrhundert erfordert Spezialwissen. Rostschutz und strukturelle Verstärkungen müssen so durchgeführt werden, dass die historische Optik erhalten bleibt. Die Wiederherstellung der "alter Schönheit" (Originalton) war ein explizites Ziel.

2. Schutz von Baudenkmalen vs. Neubau

Die Entscheidung gegen einen Neubau (einen "günstigeren Zweckbau") ist ein wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit. Das Erhalten eines bestehenden Gebäudes hat oft einen geringeren CO2-Fußabdruck als ein Neubau, auch wenn die Sanierungskosten zunächst höher erscheinen mögen. Der Denkmalwert ("Wert der Bautradition") wurde hier höher bewertet als reine Kosteneffizienz.

3. Koordination von Nutzerinteressen und Bauzeit

Die achtjährige Dauer der Schließung zeigt, dass Sanierungen von Denkmälern langwierig sind. Für Eigentümer solcher Objekte bedeutet dies, dass lange Nutzungsunterbrechungen eingeplant werden müssen. Die Zusammenarbeit zwischen Bauverwaltung (SBL) und Nutzer (Universität) war entscheidend, um während der Bauphase die Substanz (Pflanzen) zu sichern.

Zusammenfassung der technischen Daten

Um die Fakten übersichtlich darzustellen, fasst die folgende Tabelle die wichtigsten Parameter des Projekts zusammen:

Parameter Detail
Standort Botanischer Garten, Universität Greifswald
Baujahr 1886
Bauart Genietete Stahlkonstruktion mit gusseisernen Säulen
Denkmalstatus National bedeutend
Sanierungsdauer Ca. 2,5 Jahre (Baubeginn bis Übergabe), Gesamtprojektzeitraum ca. 8 Jahre (inkl. Schließung)
Gesamtkosten 4,3 Mio. € / 4,4 Mio. €
Finanzierung Bund, Land, Stiftungen, Spenden
Verantwortliche Baubehörde Staatliches Bau- und Liegenschaftsamt (SBL) Greifswald
Besondere Herausforderung Erhalt von großen, nicht verpflanzbaren tropischen Pflanzen während der Bauzeit

Fazit

Die Sanierung der historischen Gewächshäuser in Greifswald ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz, technischer Innovation und botanischer Bewahrung. Das Projekt zeigt, dass auch bei widrigen Umständen – wie starken Korrosionsschäden und budgetären Engpässen – durch professionelle Steuerung durch Behörden wie das SBL und die Unterstützung der Öffentlichkeit ein Erhalt von Baudenkmalen nationaler Bedeutung möglich ist.

Für die Bau- und Immobilienbranche bleibt die Erkenntnis, dass die Sanierung historischer Stahl- und Glaskonstruktionen zwar technisch anspruchsvoll und finanziell hochwertig ist, aber langfristig den kulturellen und architektonischen Wert einer Region bewahrt. Die Wiedereröffnung im Jahr 2022 unterstreicht, dass Investitionen in die Substanz alter Bauten nachhaltig wirken und historische Identität für zukünftige Generationen sichern.

Quellen

  1. Nordkurier: Sanierte Gewächshäuser in Greifswald öffnen wieder
  2. n-tv: Denkmal aus Stahl - Sanierte Gewächshäuser öffnen wieder
  3. SBL MV: Historische Gewächshäuser im Botanischen Garten wiedereröffnet
  4. Ostsee-Zeitung: Historische Gewächshäuser in Greifswald öffnen nach jahrelanger Sanierung
  5. SBL MV: Historische Gewächshäuser in Greifswald übergeben

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