Die Sanierung von öffentlichen Infrastrukturen stellt Gemeinden vor große Herausforderungen, insbesondere wenn es sich um alternde Hallenbäder handelt, deren Instandhaltungskosten und energetische Standards oft nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen. In diesem Kontext entwickelt sich das schweizerische Bergdorf Laax zu einem Vorreiter. Statt einer reinen Sanierung des bestehenden Hallenbades «Aua Grava» plant die Gemeinde in Zusammenarbeit mit den Schweizer Jugendherbergen ein integriertes Projekt, das weit über die bloße Erneuerung einer Schwimmhalle hinausgeht. Der Bau des «WellnessHostel3000 & Aua Grava» stellt ein zukunftsweisendes Konzept dar, das Synergien zwischen öffentlicher Daseinsvorsorge, sozialtouristischem Angebot und privater Investition nutzt.
Dieser Artikel beleuchtet die Planung, Umsetzung und technischen Aspekte des Projekts, das als Vorbild für vergleichbare Vorhaben in der Schweiz dienen kann. Für Bauherren, Immobilienbesitzer und Planungsinteressierte bietet die Laaxer Lösung wertvolle Einblicke in innovative Finanzierungsmodelle, Architekturstrategien und die effiziente Nutzung von Bestandsgebäuden.
Die Ausgangslage: Notwendigkeit und Chance
Das Hallenbad «Aua Grava» in Laax ist ein 36 Jahre alter Komplex, dessen Sanierungsbedarf unumgänglich ist. Die bauliche Substanz und die Technik entsprechen nicht mehr den heutigen Standards, sodass eine grundlegende Erneuerung erforderlich wurde. Anstatt diese Kosten allein zu tragen und lediglich den Status quo wiederherzustellen, erkannte die Gemeindeverwaltung unter Leitung von Gemeindepräsident Franz Gschwend die Chance, die Sanierung mit einem neuen, zusätzlichen Nutzen zu verknüpfen.
Das Kernziel des Projekts ist die Sicherung des öffentlichen Schwimmbadbetriebs für die lokale Bevölkerung und Touristen. Gleichzeitig soll durch die Ergänzung einer Jugendherberge der Betrieb optimiert und wirtschaftlich nachhaltig gestaltet werden. Die Sanierung ist unumgänglich, doch durch die Kombination mit dem Wellnesshostel können Synergien genutzt werden, die die Wirtschaftlichkeit langfristig sichern. Das Konzept greift eine bewährte Idee auf: Das Vorbild ist das weltweit erste Hostel mit Wellnessangebot, das «WellnessHostel4000 & Aqua Allalin» in Saas-Fee. Laax knüpft an diesen Erfolg an und adaptiert das Modell für die eigenen Gegebenheiten.
Planung und Finanzierung: Ein Gemeindeprojekt mit privater Betriebsführung
Die Realisierung des Vorhabens erforderte eine solide finanzielle Basis und den Rückhalt der Bevölkerung. In einer Gemeindeversammlung stimmte die Bevölkerung von Laax dem Baukredit in Höhe von 16,25 Millionen Franken zu. Dieser Betrag setzt sich aus zwei Hauptblöcken zusammen: - Sanierung und Erweiterung des Hallenbads: 8,9 Millionen Franken. - Neubau der Jugendherberge: 7,3 Millionen Franken.
Zuvor hatte die Gemeindeversammlung bereits im Juni 2017 den Kredit für den Projektwettbewerb genehmigt. Im Februar 2018 folgte das Ja zum Planungskredit von 850'000 Franken. Diese Etappierung der Finanzierung zeigt die strukturierte Herangehensweise der Planung.
Eine entscheidende Rolle für den langfristigen Erfolg spielt das Betriebsmodell. Die Gemeinde Laax tritt als Bauherrin auf, delegiert aber den Betrieb von Hallenbad und Wellnesshostel an externe Experten. Die Schweizer Jugendherbergen (SJH) und die Schweizerische Stiftung für Sozialtourismus (SSST) übernehmen die operative Führung. Fredi Gmür, CEO der Schweizer Jugendherbergen, betonte den Mehrwert dieses Modells: Es trägt zur touristischen Wertschöpfung bei und bietet der lokalen Bevölkerung einen Zugang zu hochwertigen Einrichtungen.
Architektur und städtebauliche Einbindung
Die architektonische Umsetzung oblag den SSA Architekten aus Basel, die den offenen Wettbewerb für sich entscheiden konnten. Das Projekt umfasst die Sanierung des bestehenden Hallenbadkomplexes und den Neubau des Hostels, das direkt an die bestehende Infrastruktur angegliedert wird. Die Herausforderung lag in der peripheren Lage des Grundstücks am Hangfuß hinter dem Laaxersee. Der Entwurf nutzt diese Situation, um einen starken städtebaulichen Akzent zu setzen.
Das Bauwerk
Das neue Wellnesshostel «WellnessHostel3000» ist ein Massivbau in Beton, der mit vorgehängten Holzelementen verkleidet wird. Die Fassadengliederung orientiert sich an der Rohbaustruktur, was eine vertikale Differenzierung der Geschosse und Fensteröffnungen ermöglicht. Markant ist das «muralen Volumen», das dem Bau seine Präsenz verleiht.
Die Erschließung des Hostels erfolgt über eine mehrgeschossige Kaskadentreppe, die zum Empfangsbereich führt. Dieser liegt über der Straße auf Höhe des Hallenbaddaches und wird als Herzstück der Gesamtanlage beschrieben. Ein besonderes gestalterisches Merkmal ist die Transparenz in den unteren Geschossen. Die Allgemeinräume des Hostels sind als transparente Raumschicht rund um die Schwimmhalle angeordnet. Durch- und Ausblicke verschränken die unterschiedlichen Raumeinheiten, und die Schwimmhalle wird zusätzlich durch Oberlichter belichtet.
Die Gästezimmer sind in den oberen Geschossen als zweibündige Anlage über vier Geschosse kompakt organisiert. Diese vertikale Organisation der Zimmertrakte bildet die großräumige Präsenz des öffentlichen Baus und nutzt das Gelände effizient.
Technische und funktionalistische Aspekte der Sanierung
Die Sanierung des Hallenbades «Aua Grava» ist der Kern des Projekts. Es handelt sich nicht um einen reinen Erhalt, sondern um eine Komplettenerneuerung. Ziel ist es, ein modernes Schwimmbad mit einem attraktiven Wellness- und Fitnessbereich zu schaffen.
Das Bad
Das Hallenbad bleibt als öffentliche Einrichtung zugänglich. Für die Übernachtungsgäste des Hostels gibt es eine direkte Verbindung, externe Gäste können das Bad aber ebenfalls nutzen. Die Erneuerung umfasst die gesamte Technik und Bausubstanz. Ein besonderer Fokus liegt auf der Erweiterung um einen großen Wellnessbereich von ca. 880 m² sowie einem Fitnesscenter. Dieser Bereich ist für die Wirtschaftlichkeit entscheidend, da er höhere Nutzungsdauern und Einnahmemöglichkeiten bietet.
Die Ausstattung des Wellnessbereichs umfasst: - Eine finnische Sauna - Ein Dampfbad - Ein Heißbecken - Verschiedene Erlebnisduschen - Entspannungsräume - Ein Ruheraum mit Panoramaverglasung - Ein von Tageslicht durchfluteter Innenhof
Diese Ausstattung entspricht dem Qualitätsanspruch eines modernen Wellnesshotels, ist aber in Kombination mit einem öffentlichen Hallenbad und einer Jugendherberge angesiedelt.
Bauphysik und Akustik
Für die Planung und Qualitätssicherung wurde das Büro brauneroth ag beauftragt. Das Projekt basiert auf einem bauphysikalischen und bauakustischen Konzept. Dies umfasst unter anderem: - Gebäudesimulation - Sommerlicher Wärmeschutz - Lärm- und Schallschutz - Energienachweis
Besonders relevant für die Kombination aus öffentlichem Bad und Hostel ist der Schallschutz. Die Trennung der Nutzungen und die Akustikplanung sind entscheidend, um Konflikte zwischen der lauten Badatmosphäre und der Ruhe im Hostelbereich zu vermeiden. Zudem spielt der Energienachweis eine zentrale Rolle, da Sanierungen heutzutage strengen energetischen Vorgaben unterliegen.
Betriebskonzept und Synergien
Das Erfolgsmodell von Laax basiert auf der Kombination von Wohnen (Hostel) und Erleben (Bad/Wellness). Die Synergien ergeben sich auf mehreren Ebenen:
- Infrastruktur: Die gastronomischen Einrichtungen (Restaurant «Biblau», Lounge-Bar & Gelateria), die Parkplätze in der Tiefgarage und die Sanitäranlagen können gemeinsam genutzt werden. Dies reduziert den Investitionsbedarf im Vergleich zu zwei getrennten Neubauten erheblich.
- Personal: Die Verwaltung, die Reinigung und der Betriebsdienst können zentral organisiert werden.
- Nutzergruppen: Das Hostel zieht Zielgruppen an, die das Bad nutzen (Jugendgruppen, Familien, Individualreisende). Das Bad profitiert von der hohen Belegung durch die Übernachtungsgäste.
Die Schweizer Jugendherbergen bringen ihr Know-how im Bereich des Hostelbetriebs ein. Die Kombination von «Wellness» und «Hostel» spricht eine neue Zielgruppe an, die Wert auf Wohlbefinden legt, aber preisbewusst reist.
Technische Daten und Fakten im Überblick
Um die Dimensionen des Projekts zu veranschaulichen, hier eine Zusammenstellung der wichtigsten, den Quellen entnommenen Daten:
| Merkmal | Beschreibung / Wert |
|---|---|
| Projektname | WellnessHostel3000 & Aua Grava |
| Standort | Laax, 1020 m.ü.M. (am Laaxersee) |
| Gesamtinvestition | 16,25 Mio. CHF |
| - Sanierung Bad | 8,9 Mio. CHF |
| - Neubau Hostel | 7,3 Mio. CHF |
| Planungskredit | 850'000 CHF (genehmigt) |
| Architektur | SSA Architekten AG, Basel |
| Bauherrschaft | Gemeinde Laax |
| Betrieb | Schweizer Jugendherbergen (SJH) / SSST |
| Kapazität Hostel | ca. 150 Betten |
| Wellnessbereich | ca. 880 m² |
| Eröffnung | November 2020 (geplant laut Quellenlage) |
| Öffentlichkeit | Hallenbad bleibt öffentlich zugänglich |
Bedeutung für Bauherren und Planer
Das Projekt in Laax bietet lehrreiche Einsichten für Bauherren und Planer, die sich mit der Sanierung von Immobilien oder der Entwicklung von Mischnutzungen befassen.
1. Wirtschaftlichkeit durch Mix-Use
Die Sanierung eines alten Hallenbades wäre allein oft unwirtschaftlich. Durch die Aufstockung um eine wohnwirtschaftliche Nutzfläche (Hostel) wird ein Projekt erst tragfähig. Dieses Prinzip der Mischnutzung ist auch für private Bauvorhaben interessant: Altbausanierung mit Aufstockung oder Anbau von Wohnungen kann die Finanzierung sichern.
2. Modellhafte Sanierung
Die Sanierung des Hallenbades «Aua Grava» ist ein Beispiel für den Umgang mit Baudenkmälern der 80er Jahre. Der Denkmalschutz spielt hier zwar eine untergeordnete Rolle, aber die Erhaltung der Funktion bei gleichzeitiger Modernisierung ist ein typisches Szenario. Die intensive Auseinandersetzung mit Bauphysik und Akustik zeigt, dass solche Sanierungen komplex sind und Expertise erfordern.
3. Partnerschaftliche Modelle
Die Kooperation zwischen einer öffentlichen Gemeinde und einem privatwirtschaftlichen Betreiber (Jugendherbergen) ist ein Schlüssel zum Erfolg. Für Immobilienbesitzer kann dies bedeuten, Nutzungsrechte zu verkaufen oder langfristige Mietverträge mit spezialisierten Betreibern einzugehen, um Investitionen zu sichern.
4. Nachhaltigkeit und Energie
Obwohl die Quellen nur allgemein von einem «Energienachweis» sprechen, impliziert die Sanierung eines alten Bades aus den 80ern zwingend eine energetische Aufwertung. Moderne Gebäudehülle, effiziente Heizungstechnik und Wärmerückgewinnung sind Standard. Das Konzept des «WellnessHostel3000» zielt auf eine langfristige, wirtschaftliche Nachhaltigkeit durch Synergien.
Fazit
Das Projekt «WellnessHostel3000 & Aua Grava» in Laax ist mehr als nur die Sanierung eines Hallenbades. Es ist ein Musterbeispiel für modernes, vorausschauendes Planen im ländlichen Raum. Durch die Verknüpfung von öffentlicher Infrastruktur (Schwimmbad) mit einem touristischen Angebot (Hostel/Wellness) wird ein wirtschaftlich tragfähiges Modell geschaffen, das sowohl der Gemeinde als auch den Gästen zugutekommt.
Die Finanzierung durch die Gemeinde und der Betrieb durch Experten sichern die Qualität und Perspektive. Für Bauinteressierte zeigt Laax, wie man durch kluge Ergänzungen – wie den Bau eines neuen Trakts an einen Bestandsbau – Wert schafft. Die architektonische Gestaltung integriert die Anlage städtebaulich sinnvoll und schafft durch Transparenz und Licht eine attraktive Atmosphäre.
Letztlich beweist Laax, dass Sanierung nicht nur Kostenfaktor sein muss, sondern eine Chance zur Aufwertung und Neuausrichtung darstellen kann. Das Konzept des integrierten Wellnesshostels ist ein Erfolgsmodell, das sicherlich Vorbildfunktion für andere Schweizer Gemeinden mit ähnlichen Sanierungsbedarfen übernehmen wird.