Großbaustelle Berlin: Ein Meilenstein für den Umbau und die Erweiterung des Naturkundemuseums

Das Museum für Naturkunde Berlin zählt mit seinen über 30 Millionen Sammlungsobjekten und einer internationalen Forschungsreputation zu den bedeutendsten Forschungsmuseen für Evolutions- und Biodiversitätsforschung weltweit. Dennoch befindet sich das unter Denkmalschutz stehende Gebäudeensemble in einem Sanierungsbedarf, der durch Kriegsschäden des Zweiten Weltkriegs und Jahrzehnte der Ressourcenknappheit entstanden ist. Ein ambitioniertes Vorhaben, das seit Jahren in Planung ist, soll diesem Zustand abhelfen: die umfassende Modernisierung, der Umbau und die Erweiterung des Museums an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte. Mit einer Investitionssumme von insgesamt 660 Millionen Euro, finanziert je zur Hälfte durch den Bund und das Land Berlin, startet nun eine der größten Sanierungsmaßnahmen in der deutschen Museumlandschaft.

Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe des Vorhabens, die architektonische Planung, die Herausforderungen der Denkmalpflege und die strategische Bedeutung dieses Projekts für die Bau- und Immobilienbranche.

Die Notwendigkeit einer umfassenden Sanierung

Das Museum für Naturkunde Berlin ist nicht nur ein Ort der Wissenschaft, sondern auch ein Baudenkmal von nationalem Rang. Das Gebäudeensemble, entworfen vom Baurat August Tiede, weist jedoch gravierende Mängel auf, die eine sofortige Sanierung unumgänglich machen. Laut der zur Verfügung gestellten Informationen ist der Sanierungsrückstand in vielen Teilen durch Platzmangel in den Sammlungsräumen, bauliche Sammlungsfehlanordnungen sowie veraltete haustechnische Anlagen gekennzeichnet.

Ein besonderes Problem stellt der Brandschutz dar, der als unzureichend eingestuft wird. Ebenso sind die konservatorischen Bedingungen für die wertvollen Sammlungen, die zum Teil seit Ende des Zweiten Weltkriegs in den Kellerräumlichkeiten unter schlechten klimatischen Bedingungen lagern, nicht mehr zeitgemäß. Die Schäden des Zweiten Weltkriegs, insbesondere am Ostflügel, sind zwar teilweise behoben worden – der Wiederaufbau dieses Flügels durch Diener & Diener Architekten im Jahr 2009 bildete bereits einen ersten Meilenstein –, aber die Gesamtsubstanz des Gebäudes erfordert eine tiefgreifende Erneuerung.

Ziel der Maßnahme ist es, das Museum zu einem offenen und integrierten Forschungsmuseum mit den Themen Biodiversität, Evolution, Wissenschaft und Gesellschaft weiterzuentwickeln. Dabei sollen vor allem auch die Sammlungen, die bislang der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieben, zugänglich gemacht werden.

Finanzielle Rahmenbedingungen und Investitionen

Die finanzielle Dimension des Projekts unterstreicht dessen Bedeutung. Insgesamt fließt eine Summe von 660 Millionen Euro in den „Campus für Natur und Gesellschaft“. Diese wird in verschiedene Bauphasen und Investitionsbereiche unterteilt. Ein wesentlicher Teil des Vorhabens ist der aktuell gestartete Bauabschnitt, dessen Kosten auf 188,5 Millionen Euro für die Bauten (KG 300 und 400) sowie weitere 13,9 Millionen Euro für die Freianlagen beziffert werden.

Die Finanzierung erfolgt über ein Zuwendungsverfahren, bei dem die Senatskanzlei Wissenschaft und Forschung als Zuwendungsgeber für das Land Berlin fungiert. Das Museum selbst ist eine rechtlich selbstständige Stiftung des Landes Berlin, die zusätzlich vom Bund und der Gemeinschaft der Länder finanziert wird. Diese Konstellation verdeutlicht die nationale und internationale Bedeutung der Einrichtung, die nicht nur bei Berlinern und Touristen beliebt ist – allein im Jahr 2019 kamen laut Angaben des Museums 737.254 Besucher –, sondern auch eine herausragende Stellung in der Wissenschaftslandschaft einnimmt.

Architektonischer Wettbewerb und Planung

Ein zentraler Schritt für die Realisierung des Vorhabens war der Architekturwettbewerb, der nach den Regeln der Preisbewertung für Planungsleistungen (RPW 2013) durchgeführt wurde. An diesem nicht offenen, einphasigen Realisierungswettbewerb nahmen 15 Teams teil. Es galt, insgesamt 20.300 Quadratmeter Fläche zu bearbeiten, was mehr als der Hälfte der künftigen Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern entspricht.

Im Fokus standen das Hauptgebäude von August Tiede (erbaut 1883–1889) sowie die Erweiterungen Nordflügel und Nordbau aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Wettbewerb wurde Anfang Juni entschieden. Der erste Preis und damit der Auftrag für die Planung ging an das Büro gmp – Architekten von Gerkan, Marg und Partner, in Zusammenarbeit mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten.

Der Gewinnerentwurf zeichnet sich durch eine konsequente Weiterentwicklung der vorhandenen Bausubstanz aus. Ein Kernstück der Planung ist die Überdachung der beiden Innenhöfe des Museums. Diese Maßnahme dient nicht nur dem Schutz, sondern erschließt neuen Raum: Die bisherigen Höfe werden zu neuen Innenräumen, was die Ausstellungsfläche signifikant erweitert. Diese Überdachung ermöglicht eine Neustrukturierung der Besucherinfrastruktur im Hauptgebäude.

Konkrete Maßnahmen und Nutzungsänderungen

Die architektonische Planung von gmp sieht konkrete Veränderungen im Besucherfluss und der Raumnutzung vor, die den Charakter des Museums grundlegend verändern werden:

  • Umgestaltung des Sauriersaals: Der aktuelle „Sauriersaal“, eine der größten Attraktionen des Hauses, soll zur sogenannten „Welcome Zone“ umfunktioniert werden. Hier sollen künftig Ticketing, Information und Wissenschaftsaustausch stattfinden. Dies entlastet andere Bereiche und schafft einen zentralen Eingangsbereich.
  • Erschließung der Innenhöfe: Durch die Überdachung entstehen neue Ausstellungsflächen in den ehemaligen Höfen. Diese sind über eine barrierefreie Anbindung im hinteren Bereich an den Nordflügel angebunden.
  • Transparenz und Wissenstransfer: Die Einblicke der Hofeinbauten sollen Offenheit und Transparenz vermitteln. Ziel ist es, eine Brücke des Wissenschaftstransfers zwischen Museum und Gesellschaft zu schlagen. Das Museum versteht sich als Institution der Leibniz-Gemeinschaft, die auf den drei Säulen Sammlung, Forschung und Wissenstransfer basiert. Die Architektur soll diese Säulen physisch erfahrbar machen.

Die Bauphasen und Logistik

Das Vorhaben ist in drei große Bauphasen gegliedert, die bis in das Jahr 2028 und darüber hinaus reichen. Diese sequenzielle Planung ist notwendig, da der Forschungs- und Ausstellungsbetrieb während der Sanierung weitgehend aufrechterhalten werden soll. Eine Herausforderung, die in der Bauausführung professionell gelöst werden muss.

  1. Erste Bauphase (Start jetzt, bis voraussichtlich 2028): Der Schwerpunkt liegt hier auf der Sanierung des Museums-Nordflügels und des Nordbaus. Geplant sind Investitionen in Höhe von geschätzten 299 Millionen Euro. In dieser Phase werden laut der „Berliner Zeitung“ insgesamt 18.100 Quadratmeter Nutzungsfläche erneuert und neu geschaffen.
  2. Zweite Bauphase: In dieser Phase wird der angrenzende Thaer-Bau der Humboldt-Universität (HU) mit einbezogen. Dies unterstreicht die enge Verzahnung des Museums mit der Universität und die Entwicklung zu einem Wissenschaftscampus.
  3. Dritte Bauphase: Hier geht es um den Bau eines neuen Magazin- und Sammlungsgebäudes. Dies ist essenziell, um die über 30 Millionen Objekte, die derzeit teilweise in schlecht klimatisierten Kellern lagern, fachgerecht und öffentlich zugänglich zu archivieren.

Projektsteuerung und Bauausführung

Für die komplexe Organisation eines solchen Megaprojekts ist professionelles Projektmanagement unerlässlich. Seit 2019 ist die Firma Kaiser Baucontrol mit Leistungen der Projektsteuerung für das Museum für Naturkunde beauftragt. Die Firma begleitet die Planung und Umsetzung, um die Termine und Budgets einzuhalten. Die Zuständigkeit für die Bauausführung liegt bei der Bauverwaltung, die eng mit der Museumsleitung und den Architekten zusammenarbeitet.

Die Herausforderungen bei der Sanierung von denkmalgeschützten Bauten sind bekannt: Erhalt der historischen Fassaden, Anpassung an moderne Brandschutznormen, Integration moderner Haustechnik in historische Substanz und gleichzeitig die Schaffung zeitgemäßer Arbeits- und Ausstellungsumgebungen. Der Entwurf von gmp verspricht, diese Anforderungen durch eine klare, zeitgemäße Architektursprache zu lösen, die sich in das historische Ensemble einfügt, ohne es zu kopieren.

Bedeutung für die Bau- und Immobilienbranche

Das Projekt Naturkundemuseum Berlin ist ein Leuchtturmprojekt für die deutsche Bauwirtschaft. Es demonstriert, wie großangelegte Sanierungen von Industrie- und Kulturbauten unter Beibehaltung der Nutzung durchgeführt werden können. Die Summe von 660 Millionen Euro zeigt das Volumen, das im Bereich der öffentlichen Bauinvestitionen (KG 300 und 400) bewegt wird.

Für Bauunternehmen, Architekten und Ingenieure bietet das Projekt wertvolle Erkenntnisse in folgenden Bereichen:

  • Denkmalgerechte Sanierung: Umgang mit historischer Bausubstanz (Baurat Tiede) und Erweiterungsbauten des frühen 20. Jahrhunderts.
  • Barrierefreiheit: Umsetzung von Inklusion in einem historisch gewachsenen Gebäudekomplex.
  • Museumstechnik: Planung von Klima-, Licht- und Sicherheitstechnik für empfindliche Sammlungsgüter.
  • Öffentliche Auftragsvergabe: Ablauf und Struktur von Wettbewerben nach RPW 2013.

Fazit

Der Umbau des Naturkundemuseums Berlin ist weit mehr als eine rein technische Sanierung. Es ist ein zukunftsweisendes Projekt, das die Verbindung von Geschichte, Wissenschaft und moderner Architektur verkörpert. Mit dem Entscheid des Architekturwettbewerbs und dem Start der ersten Bauphase ist nun ein entscheidender Meilenstein erreicht. Die Investition von 660 Millionen Euro durch Bund und Land Berlin bildet die Basis, um eines der bedeutendsten Forschungsmuseen der Welt in einen modernen, offenen und barrierefreien Campus zu transformieren.

Die Maßnahmen zur Überdachung der Innenhöfe und zur Umgestaltung des Sauriersaals zeigen auf, wie bestehende Strukturen genutzt werden, um neue Qualität zu schaffen. Für die Bauwirtschaft bleibt abzuwarten, wie die weiteren Bauphasen, insbesondere die Einbindung des Thaer-Baus und der Neubau des Magazins, umgesetzt werden. Fest steht jedoch: Das Haus der Natur in Berlin schreibt Geschichte – nicht nur inhaltlich, sondern auch baulich.

Quellen

  1. Entwicklungsstadt.de
  2. Museum für Naturkunde Berlin
  3. Kaiser Baucontrol
  4. Baunetz.de
  5. Berliner Zeitung
  6. gmp Architekten
  7. Baumeister.de

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