Die energetische Sanierung und Aufstockung von denkmalgeschützten Gebäuden stellt eine besondere Herausforderung im Bauwesen dar. Sie erfordert eine Kombination aus respektvoller Erhaltung historischer Bausubstanz und der Implementierung moderner Technologien, um zeitgemäße Anforderungen an Energieeffizienz, Statik und Nutzbarkeit zu erfüllen. Ein exemplarisches Projekt für diese komplexe Bauaufgabe ist die Sanierung der Herderschule in Darmstadt. Dieses Vorhaben, das zwischen 2017 und 2020 realisiert wurde, bietet wertvolle Einblicke in die Planung und Ausführung von Baumaßnahmen an historischen Schulgebäuden. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen und planerischen Aspekte dieses Projekts, die als Leitfaden für Eigentümer, Bauherren und Fachplaner dienen können.
Projektüberblick und Ausgangslage
Die Herderschule in Darmstadt ist eine Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprachheilförderung und einer Abteilung für hörgeschädigte Kinder (Quelle 5, 6). Als regionales Beratungs- und Förderzentrum kommt ihr eine hohe Bedeutung für die Bildungslandschaft Südhessens zu. Die Notwendigkeit der Sanierung ergab sich aus dem Zustand der bestehenden Gebäude. Schuldezernent Rafael Reißer erläuterte, dass die räumlichen Gegebenheiten von Altbau, Erweierungsbau und Vorschulklassengebäude ausgelastet waren. Das Raumangebot und der Zustand der Räume im Altbau wurden als unbefriedigend bewertet und boten keine Perspektive für die notwendige Entwicklung der Schule (Quelle 3).
Das Bauvorhaben umfasste daher mehr als nur eine Standardmodernisierung. Es zielte auf eine grundlegende Transformation des Gebäudekomplexes ab, um exzellente Lehr- und Lernbedingungen zu schaffen. Der Umzug der Schulgemeinde in eine Interimsunterkunft am Donnersbergring erfolgte in den Sommerferien 2017, was den Beginn der intensiven Bauphase markierte (Quelle 3).
Bauphysikalische und statische Herausforderungen
Die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes erfordert eine detaillierte Analyse der bestehenden Bausubstanz. Im Fall der Herderschule lag der Fokus auf der Aufstockung und energetischen Sanierung. Eine zentrale Herausforderung bei der Aufstockung von Altbauten ist die Tragwerksplanung. Die zusätzliche Last durch das neue Dachgeschoss muss in die bestehende Statik integriert werden.
Tragwerksplanung und Entlastung von Wänden
Eine Kernleistung der Planung war der Einbau eines Aufzugs und die Entlastung tragender Wände. Um den Einbau des Aufzugs zu ermöglichen und die statische Integrität zu wahren, wurden tragende Wände durch Stahlabfangungen entlastet. Diese Methode ist ein klassisches Verfahren im Bestandsbau, bei dem Lasten umgeleitet werden, um Öffnungen für neue Nutzungen zu schaffen. Die Tragwerksplanung erstreckte sich über alle Leistungsphasen (LPH) 1 bis 8, was eine umfassende Planungshoheit und Kontrolle über den gesamten Bauprozess impliziert (Quelle 1).
Bauphysik: Wärme- und Schallschutz
In einem Schulgebäude sind die Anforderungen an Wärme- und Schallschutz besonders hoch. Die Bauphysik spielte daher eine ebenso zentrale Rolle wie die Tragwerksplanung. Auch hier umfassten die Leistungen die gesamten LPH 1 bis 8. Die energetische Sanierung zielte darauf ab, den Energieverbrauch signifikant zu senken und den Komfort für die Nutzer zu erhöhen. Die Verbindung von Denkmalschutz und modernen Energiestandards erfordert intelligente Lösungen, beispielsweise bei der Dämmung, ohne die Fassade oder das Erscheinungsbild des Gebäudes zu beeinträchtigen.
Konstruktive Lösungen und Bauausführung
Die Bauausführung unterteilte sich in die Arbeiten am Bestandsgebäude und die Erweiterung. Das Bauvolumen betrug ca. 3.400 m² Bruttogrundfläche (BGF) und 13.000 m³ Bruttorauminhalt (BRI) (Quelle 1).
Erweiterung in Holzrahmenbauweise
Eine besondere architektonische und konstruktive Maßnahme war die Erweiterung des Dachgeschosses. Diese wurde in Holzrahmenbauweise realisiert. Die Entscheidung für die Holzrahmenbauweise bringt mehrere Vorteile mit sich: * Geringes Eigengewicht: Dies ist besonders wichtig bei der Aufstockung, da die zusätzliche Last auf dem bestehenden Bauwerk minimiert wird. * Schnelle Bauzeit: Die Vorfertigung der Holzelemente ermöglicht eine zügige Montage auf der Baustelle. * Ökologische Aspekte: Holz als nachwachsender Rohstoff verbessert die ökologische Bilanz des Gebäudes.
Die Holzrahmenbauweise ermöglichte es, das neue Dachgeschoss effizient und statisch unkompliziert aufzusetzen.
Innenraumgestaltung in Trockenbauweise
In den drei Bestandsgeschossen wurden Veränderungen an der Aufteilung der Klassenräume vorgenommen. Hierfür kam Trockenbauweise zum Einsatz. Trockenbau bietet eine hohe Flexibilität bei der Raumgestaltung. Wände und Decken können schnell und mit geringem Feuchtigkeitseintrag errichtet werden, was in einem Sanierungsprojekt, das parallel zur Nutzung stattfindet (oder nach einer Nutzungsunterbrechung schnell wieder bezugsfertig sein muss), von Vorteil ist. Die Änderungen in der Aufteilung dienten dazu, die pädagogischen Anforderungen moderner Schulkonzepte abzubilden.
Architektonische Gestaltung: Das neue Dach
Das neue Dach wurde mit einer Kupferdeckung versehen. Architektonisch wurde darauf geachtet, den "würdevollen Abschluss des Baukörpers wieder herzustellen, ohne das Vergangene zu zitieren" (Quelle 6). An den Längsseiten wurde die Dachfläche raumhoch aufgefaltet. Diese Gestaltung führt zu schaufensterartig verglasten Öffnungen, die den Räumen einen weiten Blick auf die Umgebung bieten und gleichzeitig für Tageslicht sorgen. Die Verwendung von Kupfer ist nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch langlebig und wartungsarm, was langfristige Kostenvorteile bietet.
Außenanlagen und Sicherheit
Die Sanierung beschränkte sich nicht nur auf das Gebäude, sondern bezog auch die Außenanlagen ein. Hier zeigt sich ein Beispiel dafür, wie technische Anforderungen und soziale Aspekte miteinander verbunden werden können.
Ein spezifisches Problem betraf die denkmalgeschützte Mauer des Schulhofs. Diese entsprach nicht der vorgeschriebenen Sicherheitshöhe, sodass der Schulhof nach Abschluss der Innensanierung weiterhin mit einem Bauzaun hätte abgesperrt werden müssen. Die Lösung bestand im Aufbau von Hochbeeten. Diese Hochbeete sichern den Schulhof ab und leisten gleichzeitig einen ökologischen Beitrag durch die Bepflanzung mit Obststräuchern, Blühpflanzen und Kräutern (Quelle 2). Diese Maßnahme verbindet sicherheitstechnische Anforderungen (Absturzsicherung) mit Umweltbildung und ästhetischer Aufwertung des Schulhofs.
Zusammenfassung der Bauabschnitte
Das Projekt kann in folgende Phasen unterteilt werden, die für vergleichbare Sanierungsprojekte relevant sind:
| Phase | Maßnahme | Technische Besonderheiten |
|---|---|---|
| Planung (LPH 1-8) | Tragwerksplanung, Bauphysik | Umfassende Planung von Statik, Wärme- und Schallschutz für denkmalgeschützten Bestand und Neubau. |
| Umsiedlung | Interimsunterricht | Nutzung einer Ausweichnutzung (Donnersbergring) während der Hauptbauphase (Sommerferien 2017). |
| Bestandssanierung | Aufzugseinbau, Wanddurchbrüche | Einsatz von Stahlabfangungen zur Entlastung tragender Wände. |
| Aufstockung | Neubau Dachgeschoss | Realisierung in Holzrahmenbauweise zur Gewichtsreduzierung und ökologischen Optimierung. |
| Innenausbau | Raumneugestaltung | Trockenbauweise für flexible Raumteilungen in den drei Bestandsgeschossen. |
| Dachgestaltung | Neueindeckung | Kupferdach mit raumhohen Verglasungen zur Belichtung und Gestaltung. |
| Außenanlagen | Hofsicherung | Integration von Hochbeeten zur Erfüllung von Sicherheitsstandards und ökologischer Aufwertung. |
Bedeutung für die Bauwirtschaft
Das Projekt der Herderschule Darmstadt illustriert die Bedeutung interdisziplinärer Planung. Ingenieure, Architekten und Bauherren müssen eng zusammenarbeiten, um denkmalgeschützte Substanz zu erhalten und gleichzeitig moderne Anforderungen an Energieeffizienz und Barrierefreiheit zu erfüllen.
Für Bauherren und Eigentümer von denkmalgeschützten Immobilien zeigt das Projekt folgende Lernpunkte: 1. Frühzeitige Einbindung der Tragwerksplanung: Besonders bei Aufstockungen und Einbauten (wie Aufzügen) ist die statische Überprüfung des Bestands essenziell. 2. Flexibilität in der Bauweise: Der Einsatz von Holzrahmenbau für den Dachausbau und Trockenbau für Innenwände kann Zeit und Kosten sparen. 3. Ganzheitliche Betrachtung: Auch Details wie die Hofumfriedung müssen im Gesamtkonzept betrachtet werden, um Lösungen zu finden, die mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen. 4. Energieeffizienz: Die energetische Sanierung ist ein zentraler Hebel zur Wertsteigerung und Senkung der Betriebskosten, auch wenn sie bei Denkmalen komplex ist.
Fazit
Die Sanierung der Herderschule in Darmstadt ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz, moderner Architektur und technischer Innovation. Zwischen 2017 und 2020 wurde ein historisches Schulgebäude durch Aufstockung und energetische Sanierung zu einem zeitgemäßen Lernort transformiert. Die Verwendung von Holzrahmenbauweise für den Dachausbau, die statische Entlastung durch Stahlabfangungen und die Integration eines Aufzugs zeigen modernste Bautechniken im Einklang mit der historischen Bausubstanz. Zudem demonstriert die Gestaltung der Außenanlagen mit Hochbeeten, wie bauliche Sicherheitsanforderungen kreativ und ökologisch umgesetzt werden können. Das Projekt bietet wertvolle Impulse für alle, die sich mit der Sanierung von Bestandsimmobilien beschäftigen.